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An jedem verdammten Tag

Die Bedeutung, die ein Mensch für dich hat, zeigst du diesem Menschen am besten auch – so oft wie nur möglich, und ganz real, in der echten Wirklichkeit.

Nicht mit einem „ich hätte“. Nicht mit leeren Worten, sondern mit vollen Taten.
Mit Sorge und Zuwendung, mit Bereitschaft zu Entgegenkommen, und auch zu Einsicht und Besserung.

Nicht wie beim Unterschied zwischen Einkaufszettel und Kassenbon: Theoretisch, ja, da bedeutet er mir so viel, dieser Mensch.
Aber mein Verhalten fällt dann doch ganz anders aus.

Während du die Aufmerksamkeit, die Zeit, die Geduld und die Priorität nimmst, die dieser Mensch dir gibt, hast du nämlich sonst nichts, womit du diese Kostbarkeiten zurückgeben würdest. Du spürst diese Bedeutung vielleicht, irgendwo in dir, aber dieser Mensch, der dir doch so viel bedeutet – der spürt davon nicht das Geringste.
Aus leeren Worten entsteht Leere im Herzen. Des anderen.

Und das Ende vom Lied?
Klingt womöglich wie „Always on my mind“, das vielleicht gschissenste „Liebeslied“ aller Zeiten:

Vielleicht hab ich dich nicht so gut behandelt, wie ich sollte.
Vielleicht hab ich dich nicht festgehalten in all den einsamen Stunden.
Vielleicht hab ich dir nie gesagt, wie glücklich ich bin, dass du mein bist.
Für die kleinen Dinge, die ich hätte tun und sagen sollen, hab ich mir einfach nie die Zeit genommen.
Aber ich hatte dich eh immer im Hinterkopf.

Wer hat davon irgendwas?

Wenn ich dir das Gefühl gegeben habe, du kämst an zweiter Stelle, dann tuts mir leid, ich war so blind.
Aber ich hatte dich immer im Hinterkopf.

Soll ein leichter Schlag auf ebendiesen nicht das Denkvermögen steigern?

Saaaag mir, dass deine süße Liebe nicht gestorben ist…

Doch, das ist sie, die süße Liebe!
Verreckt am Warten und Hoffen, am Bitten und Zurückgewiesenwerden.
Gemeuchelt von Ignoranz und Kälte, von arroganter Geringschätzung und distanziertem Stolz.
Gedemütigt von verletzenden Argumenten bei der Rechtfertigung verletzenden Verhaltens.
Erstickt von ausgebliebenen Entschuldigungen und strafendem Schweigen.

Daran zugrunde gegangen, dass es immer irgendwas gab, das gerade wichtiger war als sie.

Liebe ist ein Geschenk, das irgendwann versiegt, wenn man es nur geizig für sich behält.

Und obwohl es schon immer so war, dass das Leben nicht endlos ist, gilt noch mehr in dieser Zeit:
Es könnte an jedem verdammten Tag vorbei sein. Schon morgen.
Mit dir.
Oder mit dem bedeutungsvollen Menschen.

Und was tust du dann? Einen Song schreiben?

Die Bedeutung, die ein Mensch für dich hat, zeigst du diesem Menschen am besten auch – so oft wie nur möglich, und ganz real, in der echten Wirklichkeit.
An jedem verdammten Tag.

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Corona – neun .. Eure Erzählung ist Bullshit

Infolge technischer Zores und persönlicher Unsicherheit landeten die folgenden Absätze aus den letzten Wochen nur in meiner persönlichen Schublade.
Daher, hier nun, bittesehr: lang und breit, und ein bisserl grantig.

Es fuckt mich an, dass viele Leute so sorglos sind wie Anfang März. Dass sich kaum mehr jemand mehr drum schert, was aus den anderen wird.
Warum ist Abstandhalten nun wieder nur Sache derer, die Abstand wollen? Abstand wär doch auch für normale Zeiten kein Fehler. Dabei könnte man lernen, dass die eigene Planroute nicht das einzige auf der Welt ist, was zählt.

Von dem vielen Bullshit, den Fake-News und dem Verschwörungsgeschwurbel, das da draußen unterwegs ist, ganz zu schweigen. Corona-Demos, meine Fresse. Na genau: „Demonstrier ma gengan Virus, des bringt sicher was.“ Ein paar glauben sich auch in einer von langer Hand geplanten Diktatur wiedergefunden zu haben – wundern sich aber nicht, dass sie das laut sagen können und gleichzeitig immer noch am Leben und frei sein. So selbstverständlich ist ihnen die Demokratie und ihre Redefreiheit.

Andere sind einfach nicht mehr willens, sich irgendeiner „unsichtbaren“ Gefahr zu beugen, weil: es is jo nix passiert. Wir haben Sonnencreme benutzt, viele haben dann tatsächlich keinen Sonnenbrand gekriegt – und von denen ist sich gefühlt die Hälfte jetzt sicher, dass die Sonne so gefährlich gar nicht sein kann, weil wir ja keinen Sonnenbrand gekriegt haben; und dass daher die Sonnencreme gar nicht nötig war.
(Dank für diese schöne Metapher gebührt René Wilke, dem Oberbürgermeister von Frankfurt/Oder. Hier die Rede, aus der sie stammt, zum Nachhören.)
Man nennt das Vorsorge- oder Präventionsparadox: Die Maßnahmen scheinen im Nachhinein ihre eigene Unnötigkeit zu beweisen, weil sie gewirkt haben.

Es ist genug passiert, tausende Menschen sind gestorben – was brauchen wir noch zur Befriedigung unserer Geilheit auf Katastrophe und Eskalation? Videos auf Youtube in großer Zahl, die in ihrer medialen Allgegenwart am Nabel des Geschehens das alles auch beweisen? Mindestens drei Tote in unserem engsten Umfeld, von denen jeder einzelne durch die Straßen getragen wird? Was??

Verdanken tun wir diese Spaltung und die Alternativrouten beim Denken auch der Angstmache des Hl. Sebastian Ende März. Und dem Kontrast zum jetzt bemerkenswert ungerührten Umgang mit den „Lockerungen“. Das ist wie bei „Peter und der Wolf“: „Das gar Schröckliche, vor dem er so gewarnt hat – dass wir bald jeder jemanden kennen werden, der an Corona gestorben ist – das ist gar nicht eingetreten! Er muss gelogen haben. [Das hat mir Angst gemacht, und jetzt bin ich sauer und will nicht mehr brav sein.] Und ein bisserl enttäuscht bin ich auch von der ausgebliebenen Katastrophe. “ Und dann?

Es fuckt mich schon an, wenn Politiker kaum über das Ende ihrer aktuellen Legislaturperiode hinausdenken wollen. Das verhindert jede zukunftswirksame, weitsichtige Politik. Wenn aber einer nichtmal eine Woche oder zwei vorausdenken will, was seine Strategie in weiterer Folge anrichtet, sondern nur eine Art der Verkündung kennt, nur eine Art zu erreichen, was er will, nämlich Manipulation – da setzts bei mir aus. Können rechte Populisten einfach nix anderes, oder was ist da?

Manipulation heißt, man zieht gar nicht erst in Betracht, dass man mit Offenheit auch etwas erreichen könnte. Mit Transparenz und Information, die deutlich sichtbar aus einer umfassenden Informiertheit entspringt, deren Quellen auch genannt werden. Einzuräumen, dass man verschiedene Dinge einfach noch nicht sicher weiß; aber wir wissen A, B und C und müssen daher davon ausgehen, dass wir diese Maßnahmen unbedingt brauchen.
Es kamen ständig Bilder aus Italien, da musste man keine zusätzlichen Schreckensszenarien malen.

Aber all das beinhaltet freilich eine gewisse Komplexität – und alles, was der Verkünder nicht in drei Punkten darstellen kann, ist im Glaube der Vereinfacher dem Volk nicht vermittelbar.
Wir werden also für deppert gehalten, für unvernünftige, denkunfähige Emotionsbündel aus Fleisch, die man am besten bei der Angst packt – und zwar nur dort.

Apropos Bullshit: Mich fuckt an, dass die neoliberale Erzählung von den (superen) Starken und den (verachtenswerten) Schwachen sich schon dermaßen in allerlei Hirne eingebrannt hat. Diese Erzählung hält dem Kontakt zu den eigenen Gefühlen ein Verbotsschild hin, weil sie ein toxisch-männliches Ideal transportiert und am Leben erhält, das da lautet: „Bloß keine Gefühle spüren. Jeder Kontakt mit ihnen macht schwach. Aber wir müssen stark bleiben!“

Die Erzählung besteht weiterhin darauf, dass „emotional“ nichts Gutes bedeuten würde und stets beinhalten würde, dass das Denken dann abgeschaltet wäre. Als wären eigene Gefühle etwas, dem man Widerstand leisten müsste. Dem ist nicht so, im Gegenteil – wer keinen Kontakt zu seinen Gefühlen hat, ist ein leichteres Opfer seiner Gefühle. Weil er sie nicht kennt und nicht wiedererkennt, obwohl sie zu ihm gehören.
Und daher auch gar nicht merkt, wenn er dort gepackt wird.

Mich fuckt auch an, dass die Medien aufgrund der reinen Dringlichkeit und der offenbar fehlenden Vernetzung alles dermaßen unhinterfragt transportiert haben. Da hab ich schon vor drei Wochen dagegen angeschrieben, dass da gerade Angst und spaltende Feindbilder ins Volk eingearbeitet werden, die uns eventuell noch auf den Kopf fallen werden. (Und fühlte mich damit so allein auf weiter Flur. Die eine oder andere Redaktion hat eventuell eine Rechtsabteilung. Ich nicht.)

Aber ich sags gern nochmal: Wenn man Menschen beigebracht hat, die anderen als ~GeFäHrDeR~ wahrzunehmen, wie will man sie danach noch dazu bringen, genau diese anderen zu schützen? Die Geschichte geht einfach vorn und hinten nicht auf.

Mit der Angstmache hat man nicht nur dem Volk ein Dummheitszeugnis ausgestellt: „Sie verstehens ja sonst nicht und tun dann nicht, was wir ihnen sagen“. Sondern mit Sicherheit auch viele Leute den Geschichtenerzähler:inneN in die Arme getrieben, die eine andere, freundlichere, aber erfundene Wirklichkeit verkünden.
„Na Hauptsache, jetzt sind sie wieder unbekümmert, die Schäfchen – irgendwer wird die Aufgabe schon übernommen haben.“? Und wenn die nächste Welle kommt, was tun wir dann? Wieder „Der Wolf ist da!“ schreien? „Diesmal aber echt!“?

Nun gehen wir langsam zu Lockerungen über, und was passiert als erstes? Es wird kein Abstand mehr gehalten. Ausgerechnet die eine Maßnahme, die anscheinend wirklich den meisten Sinn gegen die Ausbreitung von Covid-19 hätte. Is aber wuascht! Warum? „Die anderen sind sowieso nur ~GeFäHrDeR~! Was kann ich dafür, dass die alle krank sein könnten – vermutlich sind sie halt schwach. Und dass sie sich angesteckt haben, auch selber schuld. ICH bin SICHER nicht krank, weil ICH STARK! Uga! Uga!“

Die Maske tragen diese Leute im Supermarkt wohl nur, weil sie ohne nicht reindürfen. Aber meinen Abstand muss ich mir selber schaffen, und zwar ich allein. Das ist mit viel Defensive und Wartezeiten verbunden. Wer schneller ist oder einfach seine Route eisern geht, der gewinnt (= der Stärkere! Und vermutlich noch stolz drauf), und der ist vorher im Gang, an der Reihe, am Regal, an der Kassa. Von Rücksicht oder Verteilung der Last keine Spur mehr.

Wer wird dennoch am meisten Abstand halten? Das Menschlein aus der Risikogruppe. „Solls eben in Kauf nehmen, dass es später drankommt, schließlich gehts ja um SEINE Gesundheit“? Ja, ist schon klar. Ist dann halt scheiße.

Die Erzählung von Stark und Schwach hat auch dafür gesorgt, dass es – nach dem initialen, aber kurzen Alle-im-selben-Boot-Überschwang im März – vielen jetzt legitim erscheint, zur Diskussion überzugehen, welches Leben lebenswert sein könnte und welches vorzeitig beendbar scheint. Den Schwachen loszuwerden. Und ihn bis dahin zu zwingen, den Anteil der Verantwortung, den sie selbst nach kurzer Zeit schon nicht mehr tragen wollen, gleich mitzuübernehmen. Denn nichts anderes ist ein „Wenn er Abstand haben will, dann soll er eben welchen halten. Mir is wuascht.“ Irgendwas stimmt da nicht an der Verteilung, oder?

Dabei liegt auf der Hand: Rücksicht ist keine Einbahnstraße. Fairness ist etwas, das Gesunden genauso zusteht wie Kranken, Alten genauso wie Jungen.

Der Teil der erwähnten Erzählung vom „Einzahlen in das System“ und von den „Leistungsträgern“ (und, unausgesprochen, den anderen, den Owezahrern, den Kranken und Schwachen, den ~Unwilligen~) ist ein neoliberales Horrormärchen, das das Denken auf Schwarz und Weiß zusammenstaucht. Es soll eine Gerechtigkeit vortäuschen, in der jeder vorgeblich das kriegt, was er „verdient“.

Und es soll das dummstolze Herabschauen auf die langsameren Leistungshamster einfacher machen, ein Feelgood generieren, während uns die Erzähler unterm Arsch den Sozialstaat wegtragen. Ein Märchen, das uns Fairness (und womöglich gar Solidarität selbst?) als einen Tauschhandel verkaufen wollte, bei dem nur leistungsstarke „Einzahler“ mitspielen und profitieren dürfen und alle anderen auf der Strecke bleiben – und das auch noch zurecht.

(Hier einer meiner früheren Artikel über die Auswüchse des Leistungsgedankens.)

Das ist kompletter Unsinn, gerade wenns um Solidarität geht. Solidarität ist, wenn die Stärkeren für die Schwächeren sorgen, und alle das ihnen Mögliche geben, damit alle gut leben können. Es ist Egoismus, wenn die Stärkeren auf die draufsteigen, die eh schon am Boden liegen, weil sie so schneller nach oben kommen – diese begehrte Richtung im dazuerfundenen gesellschaftlichen Raum, die Leistungsbeweis und Erfolg verheißen soll.
Aber nicht gleich als Covid-Engerl auf ein Wolkerl, so weit nach oben dann auch wieder nicht, gell?

Die vielen Menschen, die vom toxischen Starksein Depressionen oder Burn-Out kriegen – deren Flug „nach oben“ ist freilich vorbei. Der Stempel „schwach“ wird ihnen aufgedrückt, sie werden von der Gesellschaft aussortiert und unsichtbar gemacht. Es fällt unter den Tisch, dass diese vermeintliche „Schwäche“ mitunter von genau diesem Starksein-Müssen erzeugt wird. Wobei Gefühle weggedrückt und schwachen Momenten oder Phasen keinerlei Platz mehr im Leben eingeräumt werden. Weil das positive Selbstbild mit einer munteren Leistungsfähigkeit steht und fällt. Es fällt auch unter den Tisch, dass unterdrückte Energien sich immer ihren Weg bahnen, auf die eine oder andere Weise.

Das neoliberale Stark-Schwach-Märchen geht in dieser teils paradoxen Situation einfach nicht mehr so richtig auf. Und alle purzeln jetzt wild durcheinander und kennen sich nicht aus. Vielleicht weil offenbar wird, wie sehr die Erzählung einfach nicht mehr zur Wirklichkeit passen will, oder zu extrem unethischen Folgerungen führt. Die Erzählung sortiert Menschen direkt aus, die wir kennen – das war vor Corona nicht ganz so klar sichtbar. Menschen, die doch gerade noch einen Job hatten. Die doch gerade noch eine Firma hatten. Denens doch gerade noch so gut ging. Da muss man schon viel geistige Energie aufwenden, um das wieder auszublenden und die Schwachen weiterhin für verzichtbar zu halten. Wenns plötzlich nicht nur irgendwelche ScHwÄcHlinGe betrifft, sondern Menschen, die man persönlich kennt.

Es sind nicht alle zu gleichen Leistungen befähigt, mit gleicher Gesundheit beschenkt, mit gleichen Bildungschancen geboren – und das ist auch keine reine Frage des Willens und des Schmiedens von eigenem Glück. Eher schwer entrinnbare Ausgangssituationen in Stark und Schwach einzuteilen, statt sie als gegebene Ungerechtigkeit zu benennen und dagegen anzugehen, ist typisch für diese durch und durch zynische Erzählung.
Wer aus seiner finanziell sicheren und körperlich gesunden oder privatärztlich betreuten Position immer noch glaubt, dass doch jede:r alles erreichen kann, wenn sie:er nur will; dass er gesund bleiben kann, wenn er nur will – dass wir „stärker sind als das Virus“, wie man in den USA verkündet hat, damit die Leute die Wirtschaft nicht am Virus verrecken lassen – der hat echt ein paar schimmlige Flecken auf seiner Landkarte der Privilegien.

Kompromisse sind immer leichter umsetzbar für die, die mehr haben, als für die, die von ihrem wenigen noch was abgeben sollen. Das weiß jeder in seinem Bauchgefühl. Mich fuckt an, dass der traditionelle Hass der Konservativen auf die Sozialdemokratie jeden noch so kleinen Seitenhieb nutzt, der sich bietet. Mit der Verkündung, ab 1. Mai dürfe wieder gearbeitet werden, als hätte es die Arbeiterbewegung nie gegeben. Mit den neuen Verordnungen erst spätabends vor dem Feiertag rausrücken, damit am 1. Mai ja nicht gefeiert werden kann, wenn schon nicht gearbeitet wird.

Diese Gehässigkeit entspringt einem Elitedenken, das diejenigen zum Feind erklärt hat, die seinerzeit für ihre Hackn auch was vom Kuchen abhaben wollten – und dafür, dass sie das wollten und weiterhin wollen, hassen sie sie auch heute noch. Ein ererbter, gefühlter Anspruch auf Geburtsrechte, Hierarchien und „gottgegebene“ Verhältnisse, die legitimieren sollen, dass es wohl „von Natur aus“ wertvollere und weniger wertvolle Menschen geben würde. Welche, denen nix gehört, und welche, denen alles gehört – sogar die, die nix haben. Aus Ressourcen, die ursprünglich niemandem gehörten, bis jemand sie qua I-Bims-der-Herzog beansprucht hat, und sie von gnadenlos ausgebeuteten Arbeitskräften nutzbar und profitabel machen ließ – und dann vererbte. Das ist die Attitüde, die bemäntelt in der Erzählung steckt, es wäre für jeden alles erreichbar.

Der Hass lebt aber weiter, aus einem wohl unerkannten Gefühl heraus, dass einem was von diesem Anspruch weggenommen werden soll. Er bildet offenbar die stärkere „Tradition“ als jede christliche Freigiebigkeit, Nächstenliebe oder Bereitschaft, das Vorhandene zu teilen. Natürlich auch nicht mit jenen, die tatsächlich „etwas erreichen wollen“. Auf die wird vorzugsweise „runter“getreten, damit sie einem nix streitig machen. Klassenkampf at its best.

Mir ist zu viel Scheinheiligkeit und Gier und Ignoranz für fremde Wirklichkeiten auf der Welt, in einem Maß, das ich kaum mehr aushalten kann, und zu wenig Lebenlassen, zu wenig Echtheit und Fairness (und vieles mehr).

Und dann sitzen da Leute in einer Regierung, die ernsthaft die Abschaffung der Schaumweinsteuer für ein geeignetes Instrument halten, um der Gastronomie den Arsch zu retten. Da herrscht eine Volksfremdheit und eine freche Selbstverständlichkeit an elitären Lebenswirklichkeiten, die ich unpackbar zynisch finde. Das muss man sich mal trauen bei 550k Arbeitslosen Mitte Mai, die sich in diesem Moment überlegen, was sie dieses Monat noch an Lebensmitteln kaufen können und wie sie sich auch noch darauf konzentrieren sollen, Abstand einzuhalten. „Rettet die Gastro! Gehet hin und saufet Sekt!“

Die Risikogruppe wartet Mitte Mai immer noch auf das angebliche Schreiben für ihr Recht auf Home-Office oder Dienstfreistellung, das sie danach freilich noch vom Arzt begründen lassen müsste, während sie seit 1. Mai (oder so) wieder arbeiten geht. So kümmert man sich um die „Schwachen“, na danke.

Derweil präsentiert uns der Kanzler seine Jupiter-Attitüde im Kleinwalsertal und macht dort den potentiellen Superspreader in der „neuen Normalität“. Und erklärt uns hinterher ganz errötet, die aNdErEn hätten Abstand halten müssen. Was für ein Vorbild!
Je heftiger dort rumgewedelt wird, umso mehr gibts für gewöhnlich da, wovon abgelenkt werden soll.

Indessen wird ein Wirtschaftspaket von 38 Milliarden (Euro, net Lire) irgendwo entschnürt, von dem man nur von einem Bruchteil erfährt oder errechnen kann, was damit konkret passiert und wer darüber entscheidet.

Zu den Kriterien des Härtefallfonds will ich mich nicht auch noch ausgiebig auslassen, nur soviel scheint klar: Verzichtbar sind für die Großkonzern-Politik die kleinen Unternehmen, noch dazu die, die im Vorjahr einen Verlust hatten (aber schon bitte nur diese eine Einkunftsquelle) – tragen eh nix bei, können weg. Eine „Reinigungskraft“ würde die Krise auf die Wirtschaft ausüben, hat uns der Notenbank-Chef Holzmann erklärt. Allerdings sagte er auch: „Die Aufgabe der Regierungen besteht ja genau darin, das [Pleiten und Jobverluste] zu verhindern, indem sie Liquidität und Einkommensersatz sicherstellen.“ Aber freilich nur bei denen, die „sowieso überlebt hätten“. Na gut, dass das nur ein bisserl paradox ist.

Wer nicht schon am Hungertuch nagt, kriegt irgendwelche € 59,20. Die anderen ein paar Peanuts mehr. Und damit sollen dann Insolvenzen vermieden werden?
Dabei wird uns in den Nachrichten die Anzahl der bereits bearbeiteten Anträge bekanntgegeben – der ganze Beamtenstolz: wieviele hab ich abgearbeitet? – statt (zusätzlich) die Summe der bislang ausgezahlten Gelder, zum Selber-Dividieren. Hallo Transparenz?

Das Kurzarbeits-Budget ist separat von diesen Milliarden, iirc. Die paar Millionen Familienhilfe sowieso. Maximal 6k€ gibts pro Nase aus dem Härtefallfonds. Bei von mir aus 400.000 EPU und Gesellschaftern von KGs uä (von denen kaum jede:r einzelne die Kriterien erfüllt haben dürfte) ergibt das zweieinhalb Milliarden, aber sollens fünf Milliarden sein, bin da nicht kleinlich.

Und wo ist der Rest? Wo konkret kann wer konkret den beantragen, und wie? Mit drahtloser Liebe zu jemandem, der wen kennt? Wer kriegt die „restlichen“ 32 Milliarden? Hallo Transparenz? Ist ja nicht so, als hätten die Herren mit den Masken hinter den Plexischeiben das Geld aus ihren privaten (haha) Taschen in dieses Paket eingezahlt.

Andere Schwäche-Story: Wenn die Grünen in der Koalition plötzlich bei Themen umfallen, die sie vorher, vor der Koalition oder auch nur vor ein paar Tagen, noch vehement vertraten (Vermögensteuer, oder auch das Recht für Schwule, Blut zu spenden), dann sind die Grünen offenbar „jetzt auch nicht mehr wählbar“.

Niemand erzählt uns, wie es konkret dazu gekommen ist, und es fragt auch niemand danach. Es wird einfach angenommen, analog zur neoliberalen Erzählung, sie hätten eh gekonnt, wenn sie es nur genug gewollt hätten – aber sie wollten sich einfach nicht durchsetzen. Zu schwach halt. Niemand erzählt uns, wie es kommt, dass eine Partei nach der anderen in einer sogenannten „Partnerschaft“ verheizt und entseelt wird und immer so „schmutzig“ dasteht, dass man ihr danach per beliebigem Narrativ ihre Wähler abkaufen kann. Und freilich als der Stärkere aus der Story hervorgeht.
Da werden Dinge hinter verschlossenen Türen ausgeschnapst, die mit ein bisschen Fantasie alles beinhalten könnten, und keiner weiß es.
Um unser Geld. Hallo, Transparenz?

Detto bei den Maßnahmen zur Pandemie – in anderen Ländern stehen Experten und Expertinnen vor den Mikrofonen. Oder eine Naturwissenschaftlerin in einem hohen staatlichen Amt. Bei uns wird von oben herab regiert, als wären wir noch im Kaiserreich, und uns hinterher reingedrückt, wie super der Saubermann das alles gecheckt hat, während hinter dem Vorhang reihenweise die Betriebe verrecken.

Man kann mit den Maßnahmen grundsätzlich (weitgehend) einverstanden sein und trotzdem die Art der Verkündung und die verschlossenen Türen scheiße finden.
Und die der öffentlichen Wahrnehmung verkaufte Idealverteilung von staatlichen Hilfen in Zweifel ziehen.
Nehmt das, ihr Freunde und -innen der zwei Schubladen! Wenn’s nach mir ginge, gäbs in einer Demokratie überhaupt keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Angesichts der unverhohlenen Lobby-Bedienung und der Korruptionsvorwürfe, die wie Schwammerln aus dem Sumpf schießen, bekommt es einen geradezu absurden Touch, wenn die Regierung sich bemüht, an unsere Daten heranzukommen, uns zu überwachen und zu erfahren, was wir tun, wo wir sind, mit wem wir reden. Nach dem Motto „Wer nichts zu verbergen hat…“ Es müsste umgekehrt sein – die Regierung gehört überwacht. Oder hat sie etwa was zu verbergen?

Aber vielleicht sind ja der Vernünftigen wirklich zu wenige in diesem Land. Derer, die Zusammenhänge und Maßnahmen besser annehmen, wenn man sie ihnen begründet und die Grundlagen dieser Maßnahmen offenlegt, und auch die Daten und Zahlen für vernünftige Studien. Vielleicht sind die eine Minderheit, okay.
Vielleicht ist es dann auch wirklich so, dass man alle anderen nur mit Emotionen regieren kann. (So wie man sie ja auch zum Kreuzerlmachen bringt.)

Dazu muss man allerdings erstmal alle in einen Topf werfen – Aufschrift: „Deppen“. Die Vernünftigen könnten das schonmal übelnehmen. Sich also weiterhin drauf zu verlassen, dass die vereinzelten Vernünftigen sowieso weiterhin vernünftig agieren werden, weil sie ja vernünftig sind, ist danach schonmal gewagt, wenn die jetzt übelgelaunt sind.

Wer nach dieser Logik aber ausgerechnet die verbleibenden mutmaßlich unvernünftigen Menschen gezielt in einen Zustand der Angst versetzt, um ihr Verhalten kurzfristig zu beeinflussen, der muss schon echt wo angrennt sein – oder aber über Wissen darüber verfügen, wie diese Angst-Menschen in weiterer Folge auf bestimmte Situationen reagieren werden, und wie sie wieder einzubremsen wären. Und zwar, bevor er diese Mittel einsetzt, deren spätere Konsequenzen er anderenfalls gar nicht abschätzen kann.
Ist ein bisschen wie mit genmanipuliertem Saatgut, nur schiacher und mit mehr Schreierei.

Klar wenden die derart Manipulierten sich dann lieber jemandem zu, der die unbearbeiteten Gefühle beruhigt, wenn seine Geschichte lautet, das mit diesem Virus wär alles total übertrieben. Und das brauchen gerade die Menschen, die ihre Angst und Verunsicherung NICHT spüren! Ebensowenig wie ihr Gefühl von Kontrollverlust. Auch ersponnene, falsche Sicherheit ist (bei mangelndem oder fehlendem Nachspüren) eine Art Sicherheit.
Selbst eine große Verschwörung zur Unterjochung des Volkes (oder wozu auch immer) gibt Kontrolle zurück, auch wenns ein ähnlich bedrohliches Szenario zu sein scheint – es ist eines, gegen das man kämpfen kann! Auf die Straße gehen! Empört sein! Was tun. Versus nix tun und dabei auch noch mit seinen Gefühlen konfrontiert sein.

Wer Kontakt zu den eigenen Gefühlen hat, die Angst und die Verunsicherung in sich spürt, findet das Gefühl zwar auch nicht grad toll, stellt aber zumindest fest: Oh, ich spür da was. Ich fühl mich unsicher und hab Angst. Das ist vermutlich okay so und auch der Situation angemessen. Was will mir das sagen? Was kann ich damit am besten machen? Ich werd mich erstmal umfassend informieren und danach nach bestem Wissen mich und meine Lieben schützen. Vielleicht fallen mir auch ein paar Self-Care-Maßnahmen ein, die mein inneres Gefühl etwas stabilisieren.
(Dazu vielleicht beim nächsten Mal mehr.)

Sofern man natürlich überhaupt zulässt zu spüren und auch zu akzeptieren, was man spürt; dass man Angst hat. Klar ist das nicht angenehm. Aber hat man sich mal angewöhnt, Angst und „schlechte“ Gefühle jedesmal wegzuschieben – weil Angst einfach „nicht geht“ für „starke“ Menschen – dann ist man gezwungen, das Ungespürte auszuagieren. Und das ist auch nicht angenehm, besonders wenn man es nichtmal merkt. Nicht angenehm für das Umfeld, und nicht für einen selbst.

Dann sucht man andere Wege: Hektische Betriebsamkeit. Arbeitswut. Jede Minute der „geschenkten Zeit“ anderweitig sinnvoll nutzen, sofern man denn geschenkte Zeit hat. Wohnung umbauen. Aussortieren. Shoppen. Damit man ja nicht zum Nachdenken kommt, das sich womöglich in ein Nachspüren verwandeln könnte. Aggressiv werden.
Oder eben jemandem glauben, der eine sicherheitsträchtigere Erzählung anbietet. Und damit alles aufs Spiel setzen, was wir mit Disziplin und Solidarität bisher erreicht haben.

Will sagen: Die Angstmache war komplett kontraproduktiv. Angst und Verunsicherung kommen schon von ganz alleine, wir sind nämlich Menschen und keine PK-Maschinen. Da musste der Kanzler wirklich nicht auch noch zusätzlich eins draufsetzen, damit alle möglichst schnell zu ihrem gschissensten Daseinsgefühl finden… in dem die stumpfsinnige Erzählung von Stark und Schwach samt ihrer toxischen Gefühlsabwehr plötzlich keinerlei Trost, Strategie oder Perspektive mehr bietet.

Klug und vorausschauend wäre: Sicherheit vermitteln, Bewusstsein schaffen durch Transparenz und Aufklärung – zur vernünftigen Einschätzung der Gefahr. Der Demokratie auch unter Zeitdruck zumindest ein wenig Raum lassen für Diskurs und Mitsprache und Nachfragen. Für große Fragen der Verteilungsgerechtigkeit. Der Gesetzgebung. Vielleicht auch ein bisserl an die Seelen der Menschen denken.
Und dann Maßnahmen so setzen und lockern, dass viele Menschen sie auch beim nächsten Mal noch mittragen, weil sie sich nicht schon beim letzten Mal verarscht gefühlt haben von Intransparenz, Zynismus bei der Almosenverteilung, Selbstverliebtheit und Jupiter-Gehabe vor den Rindviechern des Volkes.

Die neoliberale Erzählung hat viele Facetten, die uns als Menschen schaden:
Stark oder schwach.
Wir oder die anderen.
Oben oder unten.
Leistungsfähig und lebenswert oder unwillig und unnütz.
Einzelkämpfer oder Luschen.
Männer oder Frauen.
Sauber oder schmutzig.

Sie schwächt die Menschen und nützt nur denen, die längst schon genug haben. Alle anderen werden gegen sich selber ausgespielt. Dazu angetrieben, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich anzustrengen für ein Möhrchen, das immer knapp vor ihrer Nase baumeln wird, während der Rest sich die Milliarden aufteilt. Die Schere, die die Gesellschaft jetzt schon massiv beeinträchtigt, wird davon immer größer. Und wenn’s hart auf hart kommt, sind die „Kleinen“ und „Schwachen“ verzichtbar, das sehen wir jetzt sehr deutlich. „Leistung muss sich wieder lohnen“ heißt eigentlich: „Nichtleistung darf sich nicht mehr lohnen“ und soll den Hass auf die schüren, die vermeintlich auf der faulen Haut liegen, aber tatsächlich vielleicht einfach nicht mehr stark sein können oder das nie konnten.

Das muss aufhören. Wir müssen wach werden und unsere Vielfalt wieder schätzen, unsere angeblichen „Schwächen“ anerkennen und akzeptieren lernen, solange noch etwas davon übrig ist. Den Wert jedes Menschen anerkennen, ganz unabhängig von dem, was er leisten kann. Unsere Kaufkraft und Stimmkraft dorthin zurückbringen, wo sie diese Vielfalt stützen, und nicht ein paar wenige Konzerne und Großkopferte damit weiterfüttern, bis wir uns selbst in ihrem Sinne abgeschafft haben.

Und das, bevor alles privatisiert ist und Sozialstaat und Solidarität mit einer letzten uneleganten Drehung im Abfluss verschwinden.

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Corona – acht .. Alles Trotteln, außer ich

Es ist alles sehr ungewiss heute, und was heute gewiss erscheint, wird morgen schon wieder ungewiss sein.
Fix ist nur eines: Wir sind alle Trottel. Du auch!

Egal was wir tun oder meinen – es wird sich jetzt garantiert jemand finden, der das deppert findet:

Unausgeglichen, weil du zuhause bleiben musst? Trottel! Einsam? Trottel. Überfordert von der Arbeit? Trottel. Angst vor einer Infektion? Trottel. Bist gegen Lockerungen? Trottel. Für Aufhebung der Einschränkungen? Trottel. Für schrittweises Vorgehen? Trottel. Scherst dich nicht um die Maßnahmen? Trottel.
Allein mit Maske im Auto gesehen worden? Trottel. Ohne Maske im Supermarkt? Trottel. Willst deine Kinder nicht mehr daheim betreuen? Trottel. Sie nicht wieder in die Schule schicken? Trottel.

Du findest, Risikogruppen gehören abgeschottet? Oder eher durchseucht? Trottel.
Findest, die Luft sei jetzt sauberer? Den einen Artikel gelesen, aber den anderen nicht? Findest, Wissenschafter wären unglaubwürdig, weil sie ihre Meinung ändern? Oder sollen das, weil Wissenschaft, evidenzbasiert und so? Trottel, Trottel, Trottel.
Alle Artikel gelesen? Nichts gelesen und stattdessen abgeschottet? Bist dem Verschwörungsgeschwurbel aufgesessen? Trottel.
Hast dich empört? Dich nicht genug empört? Willst zum Masseur? Zu deiner Freundin? Zu deinem Papa im Pflegeheim? Jemanden, der sich kümmert? Einfach deine Ruhe? Trottel.
Hast gelesen, dass Nikotin gegen Corona hilft? Trottel. Bist Raucher? Trottel. Nichtraucher? …

Aus dem direkten Gegensatz gesehen ist alles sehr extrem. Jemand, dessen Vater morgen von der Beatmung genommen wird, schiebt Hass auf die, die endlich wieder (völlig unnötig natürlich) ausgehen wollen. Jemand, der endlich wieder zu seiner Familie will, schiebt Hass auf die, die sich (völlig unnötig natürlich) weiterhin nicht anstecken wollen.

Schließlich wird das eine verleugnet, das andere nicht anerkannt.
Und wo endet das? Was für eine „Menschheit“ wollen wir sein, wenn wir keinen Mittelweg finden in unseren neuronalen Netzen, die wir so hochtrabend „Denkapparate“ nennen?

Solange das alles nicht in Anzeigen oder Gewalt oder Willkür mündet, ist es vielleicht auch völlig in Ordnung, was weiß ich. Aber ist es notwendig? Ist es die ständige Spalterei, die uns von oben vorgetanzt wird, wirklich wert, nachgeahmt zu werden? Muss man jeden Halbsatz in jeder Pressekonferenz durch Zustimmung, Ablehnung oder Nachahmung adeln?

Es wird voraussichtlich noch etwas länger zwischen Einschränkungen und Lockerungen herumgeeiert werden. Weil man sehen muss, was passiert. Weil der Messias auch keine Antworten hat außer „die Wirtschaft soll nicht weiter leiden“.

Wie wollen wir dem begegnen? Mit einem halben Herzkaschperl angesichts jeder Situation oder Meinung, die von unserer eigenen abweicht? Als wie fix wollen wir unsere eigene Meinung betrachten? Wie viel Information haben wir objektiv beurteilt, verinnerlicht, und können wir weiterhin aufnehmen, sodass wir behaupten könnten, unsere „Meinung“ wäre mehr als ein erfühlter Glaube aus den zu Gemüte geführten Informationen, aus unserer eigenen Situation heraus?

Deine Situation ist nicht die einzige auf der Welt, und die der anderen ist eben anders. Man kann nur sicher sein, dass jede andere Haltung einer anderen Situation entspringt. Und selbst wenns nur Dummheit ist – sogar das ist vermutlich, gewissermaßen, eine belastende Situation.
Aber fragt ihr euch auch mal, wenn ihr ständig auf einen Trottel herunterlächeln müsst, um euch erhaben zu fühlen, was mit eurem Selbstwert los ist?

Manche wehren sich gegen das eine, manche gegen das andere, je nach Vergangenheit, Prägungen, Erlebnissen.
Manche sind allergisch gegen Bevormundung, andere gegen Eigenverantwortung. Manche wollen unbedingt raus, andere wollen nicht, wenn Rausgehende sich benehmen, als wäre die Pandemie für sie beendet. (Trotteln?)
Manche sind immunsupprimiert, haben aber gegenüber einem Körper, dessen voll intaktes Immunsystem den Virus noch nicht kennt, vielleicht gar keinen initialen Nachteil. Gehören aber zur Risikogruppe. (Trotteln?)
Manche haben Vorerkrankungen, andere wissen nicht, dass sie welche haben, und kennen ihr Risiko gar nicht. (Trotteln?)
Manche nehmen die Maske im Auto nicht ab, weil sie nur 200m zum nächsten Zwischenstopp fahren und sie nicht unnötig berühren wollen – auch euch zuliebe. (Trotteln?)

Muss man wirklich jemanden anstecken, nur weil man selber der „Meinung“ ist, das wär (für einen selbst) „eh gscheiter“? Aus seiner kleinen, beschränkten Situation heraus kann man beurteilen, was das für andere bedeutet oder bedeuten könnte? Die man gar nicht kennt?
Muss man jemanden dran hindern, genau das zu tun?
Muss man jemanden daran hindern, zu glauben, nur weil man nicht alles glauben kann, könnte man gar nichts mehr glauben?

Wofür spricht das alles? Für so viele Verbote wie möglich? So viel Kontrolle wie möglich? So viele Strafen wie möglich?
Oder für so viel Mitdenken, Mitfühlen und weiterhin Rücksichtnehmen wie möglich, einfach weil man nicht der einzige Mensch auf der Welt ist – und das auch nicht werden möchte?

Der Druck, sich (schnell!) zu positionieren und (irgend)eine Meinung zu haben, ist seit Social Media generell gewachsen, hat sich mit Corona aber offenbar nochmal vervielfacht. Ich neige dazu, mich diesem Druck widersetzen zu wollen. Wir sind keine Experten, und wir werden auch keine mehr. Wir können nur unserer Verantwortung zur umfassenden Selbstinformation so weit wie nur möglich nachkommen und uns so rücksichtsvoll wie möglich benehmen. Manchmal auch gegen die Empfehlungen oder Meinungen anderer, aber wenn’s geht, nicht aus reinem Trotz. Es ist nicht der Zeitpunkt für fatalistische Standpunkte, solche sollten mit einer sehr eingehenden und langjährigen Meinungsbildung einhergehen – wodurch sie sich von selbst erübrigen (würden).

Leute wollen wissen, wann sie ihre Freunde wieder besuchen dürfen. Ihr dürft! Das Betreten privater Räumlichkeiten kann man euch nicht verbieten. Und das Betreten öffentlicher Orte, das dazu nötig ist, ist auch ohne triftigen Grund erlaubt. Außerdem ist liebevoller Kontakt zu anderen Menschen durchaus zur Deckung eines „notwendigen Grundbedürfnisses des täglichen Lebens“ angetan, wenn man mich fragt. Und es besteht Gefahr für Leib und Leben, wenn man heftig einsam ist.
Abwägen muss man selbst.

Grenzen setzen und Grenzen akzeptieren musste man auch früher schon. Gut wäre gerade jetzt, diese Themen offen und aktiv anzusprechen und Modalitäten auszuhandeln – Berühren oder Umarmen oder nicht, Maske oder nicht, draußen oder drinnen – das musste man früher nicht (so sehr – wer kein Bussi-Bussi wollte oder Gezerre an einer Hand, die wehtut, musste auch früher schon bei einfachen Begegnungen Grenzen setzen).

Wer dazu in der Lage ist, sich zu sammeln, zu erklären und zuzuhören, statt den anderen seine Haltung von „is doch alles total übertrieben“ bis „meine Angst über alles“ zu oktroyieren, ist wohl deutlich besser dran. Auch wenn es darum geht, Menschen in Risikogruppen zu schützen, ist es mitunter wesentlich, diese Menschen auch mal zu fragen und nicht einfach über ihren Kopf hinweg das eine oder andere für sie zu entscheiden.
Tatsache ist weiterhin, dass der gewinnt, der Nein sagt. Für dieses Patt gibts keine nichttoxische Lösung.

Es gibt die eine Wahrheit nicht. Die gabs noch nie. Die Gratwanderung ist, Gefühle zu respektieren (aka „Meinungen“, siehe oben) – und sie trotzdem von Bullshit zu trennen, auf den man nicht eingehen will. Vernunft bewahren. Die eigene Emotion vor Angstmache schützen und sich selbst vor Verletzungen.
Den Mittelweg finden zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der anderen. Das war schon immer der schmale Grat, es zeigt sich jetzt nur deutlicher und vor allem öffentlicher, wie notwendig diese Fähigkeit ist. Und womöglich wird sich auch zeigen, wo wir landen, wenn wir das nicht beherrschen (lernen).

Es zeigt sich auch deutlicher und öffentlicher, dass der Tod ein Thema ist, um das wir zu lange herumgeschlichen sind, ohne uns darüber zu verständigen, wie wir dazu stehen oder damit umgehen wollen. Was er mit uns macht, wenn wir ihm geistig zu nahe kommen. Ob wir mal darüber ~rEdEn~ sollten? Ui!
Und jeder wird seine eigene Antwort auf die Frage finden müssen, was (und wann und wie lange und wie abwechselnd) wichtiger ist, Geld und eine funktionierende Wirtschaft… und Liebe, Respekt, Toleranz, Familie, Solidarität, Menschenleben. Trivial ist diese Frage nicht.

Es wäre wohl ein Fehler, allgemeingültig festzustellen, dass sich in der Krise der „wahre Charakter“ zeigen würde. Das ist genauso nur bedingt wahr wie, dass er das unter Alkoholeinfluss täte. Man kann daraus natürlich seine Schlüsse ziehen. (Trottel!) Aber ein bisher reflektierter Mensch wird später wieder reflektieren, selbst wenn er jetzt unter größerem Druck Unsinn redet und tut. Das sollte man nicht überbewerten und deshalb nicht jetzt langjährige Freunde aussortieren, weil sie grad (aus der eigenen Perspektive betrachtet) spinnen.

Wer bisher nicht reflektiert hat, wird jetzt wahrscheinlich nicht damit anfangen. Die Hoffnung, dass eine so lebensgefährliche Situation augenöffnend ändern wird, was schon in der Vergangenheit problematisch war, ist also leider eher gering.
Und damit habe ich einen Schlusssatz überschrieben, der weitaus weniger damenhaft war.

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Corona – sieben .. Bildausschnitt, politisch

Versuch einer Beleuchtung, was mich seit einiger Zeit magerlt an der szenischen, inländischen Corona-Politik.

Ich sehe, höre und lese, wie sich da und dort punktueller Unmut regt über Puzzleteilchen 1, 2 oder 3. Verbinden wir ein paar Teilchen, shall we?

🧩 Reaktion des Herrn BK auf Kritik an Verfassungskonformität:
-> ~juristische Spitzfindigkeiten~~nicht überinterpretieren~

🧩 Das Bild vom ~GeFäHrDeR~:
-> Innenminister lässt ausrichten, alle, die sich nicht an Verordnungen halten, wären ~GeFäHrDeR~ und werden angezeigt und bestraft.

🧩 Oh, unterm Tisch ist noch ein angestaubtes Puzzlesteinchen gelandet:
-> Ischgl

🧩
Da wird uns das Bild vom ~GeFäHrDeR~ kredenzt, der quasi schon in den Startlöchern steht, um den schutzlosen Mitmenschis seine todbringenden Viren ins Gesicht zu husten. Die Aufmerksamkeit des Volkes wird auf Parkbankerlsitzer und Maskenverweigerer gelenkt, um es weiter in Gute und Böse zu zertrennen. Auf dass es sich fortan selbst weiter zertrenne, geblendet von der schillernden Rüstung seines Erretters.
(Und aus der Konnotation des ~GeFäHrDeRs~ iZm politisch motivierten Taten riechen wir hier nur ein Häuchlein, subtil zwischen den Zeilen wehend: subversiv.)

Die Drohung schwingt da schon mit gegen die, die sich kriminellerweise nicht an Verordnungen halten:
„… und wirst an den Pranger gestellt.“ Denn wir wissen so gut wie sie: Die Regierung ist nicht Jupiter, und eifrige Vollzugsgehilfen aus dem Volk sehen sich nie als Rindvieh. So lautet die Botschaft also: „Geheth hin und denunzireth alle, die sich unseren Verordnungen nicht beugen, sodass ihr zertrennend beschäftigt seith und nicht zu viele solidarische Gefühle entwickelth.“

Ein paar Tage später wird uns obendrein lapidar mitgeteilt, die Exekutive werde „Infizierte aufspüren“, diese „Glutnester, die gezielt gelöscht werden müssen“, und „die Infektionskette wie eine Flex durchtrennen“. (Oida?!)

Entlarvendes Wording im Grunde. Denn genau so spaltend werden hier der menschlichen Emotion die gewalttätigen Drohbilder der Reihe nach angesetzt. Jetzt aber schnell daheim verstecken, du ungehorsamer, infizierter Volkskörper!

🧩🧩
Kritik in puncto Verfassungsfragen soll also gar nicht erst (weiter) aufkommen. ~Spitzfindigkeiten~.

🧩 🧩🧩
Rücken wir das dritte Puzzleteil wieder zurück ins Bild, auf dem eine ganz bestimmte Politik erstmal den hundertfachen Export des Virus aus Ischgl in alle Welt ermöglicht haben dürfte, bevor diese Gefährdung ein Ende fand. Darf man sich dann fragen, wer hier wen ~GeFäHrDeR~ schimpft? Da müsste ein infizierter, noch nicht plangemäß niedergeflexter Parkbankerlsitzer und Maskenverweigerer aber sehr lange husten, um so ein Level zu erreichen.

🧩🧩🧩 Die Verkoppelung ergibt die Message:
„Ist doch jetzt nebensächlich, was in Ischgl passiert ist; ist doch jetzt spitzfindig, ob unsere Verordnungsregierung verfassungskonform ist. Aaaber! Wenn du dich nicht dran hältst, bist du ein ~GeFäHrDeR~ und wirst bestraft!“

Geht da eigentlich nur mir das G’impfte auf?
(pun intended)

Statt im vorhinein Menschen öffentlich zu brandmarken – und damit andere indirekt zu selbigem Vorgehen aufzufordern – sollte man erstmal mit der gebührenden Ernsthaftigkeit sicherstellen, dass die Einschränkungen überhaupt die Grundrechte angemessen achten. Sodass vor allem eines zu keinem Zeitpunkt gefährdet erscheint: unser Rechtsstaat.
Alles andere ist widersinnig und chronologieverdreht: Rechtliche Fragen zur jüngsten Gesetzgebung herunterspielen, und gleichzeitig auf die anderen zeigen und ihnen drohen, wenn sie sich nicht daran halten.

„Alles richtig gemacht“?
„Schuld ist der Gesundheitsminister“? Ausgerechnet derjenige, der offenbar als einziger die Kritik als Aufforderung verstand und umsetzte? Ein Biss in das grüne Wadl, den eine später demonstrierte Einigkeit nicht mehr recht zusammenzuflicken vermag.
Wer hier die Bevölkerung „in Unsicherheit“ ließ und „ein Maximum an Verwirrung“ gestiftet hat, war der Herr BK, der Verfassungskonformität für eine „juristische Spitzfindigkeit“ hält und uns das auch lächelnd im Fernsehen mitteilt.

Hier ist also der Bildausschnitt, der mich magerlt:
Eine vorgebliche Flucht nach vorne, die tatsächlich ein Angriff ist. Mit Angstmache und Drohung kombiniert. Während man Kritik wegwischt und die Verantwortung dafür von Untertan auf Untertan verschieben lässt. Und sich im selben Atemzug unermüdlich auf die eigene majestätisch perfekte Schulter klopft.

Es reicht aber nicht aus, im Wochenrhythmus vor dem immerselben Kulissen-Hintergrund dem Volke Sicherheit (nur wenn) und Fortschritte (nur wenn) vorzugaukeln, und ansonsten eine Angst zu erzeugen, die gleichzeitig als Nährboden für den Mythos vom Erretter dienen soll. Oder einfach in vielen Worten gar nichts zu sagen.
(Von Transparenz bei Entscheidungsgrundlagen fang ich gar nicht an, obwohl es den Bildausschnitt freilich noch erweitern würde.)

Da wird optischer Aufheller und FleckWeg eingesetzt, wo es nicht nur um Optik gehen darf. Wiewohl das einigen emotional auszureichen scheint, weil sie dieser Inszenierung glauben – und damit genau so funktionieren wie beabsichtigt. Und siehe da, 48% von 806 Befragten denken da: „Er sagt, er machts gut – nau, dann wird er’s schon gut machen. Er machts eh gut!“
Ihr 48% von 806, sorry, das ist kein „Denken“ – das ist „Aufnehmen“.

Die Sicherheit, die ein Volk tatsächlich braucht, ist nicht nur die vor dem Virus, sondern auch die Sicherung seiner Grundrechte. Sodass diese während der Krise so weit wie nur möglich und nach der Krise verlässlich, vollständig und unangetastet zur Verfügung stehen. Und die Sicherheit, dass diesbezügliche Bedenken ernst genommen werden. Das ist keine Kleinigkeit, die man mit einem selbstgefälligen Lächeln und einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch wischt – nicht, wenn man derjenige ist, der einen Eid auf die Verfassung geschworen hat.

Verfassungskonformität und ‚richtiges‘ Vorgehen in der Krise – beides ist für Ottilie Volkskörper ähnlich schwer zu ermitteln und nachzuprüfen. Eine Differenzierung zwischen Empfehlung und Verordnung hätte geholfen. Andere Anhaltspunkte gibt es jedoch auch: Einen verantwortungsvollen Menschen und Politiker erkennt man vor allem daran, dass er die verdammte Verantwortung übernimmt. Jemand, der sie immer nur herumschiebt, sodass er selber sauber dasteht – der steht nicht sauber da. Würde man das selbst in seinem Erwachsenenleben so machen und sich immer nur abputzen, müsste man sich irgendwann den Konsequenzen stellen. Warum sollte man dann jemanden wählen, der so drauf ist? So jemandem gibt man keine Verantwortung mehr.

Oder darf man künftig erwarten, dass er sich verantwortlich fühlen wird für das, was er entschieden hat? Wird die Erzählung nicht eher lauten, dieses würde nicht in seinem Bereich liegen, oder jenes wäre vernachlässigbar? Weil es doch (sehet!) einen großen gemeinsamen Feind zu besiegen gilt! Ob der nun gerade ~Todesvirus~ heißt oder ~Flüchtlingswelle~.
Oder es wird heißen, es wäre vernachlässigbar, weils ja nur für kurze Zeit ist. ¹ Deren Dauer derzeit wohlgemerkt nicht absehbar ist. Auch wenn jetzt, ra-ru-rick, das Land langsam „hochgefahren“ werden soll – just saying: Die Covid-19-Gesetze haben derzeit Geltung bis 31. Dezember 2020.

Unsere Verfassung wurde in Krisenzeiten für Krisenzeiten geschrieben. Da muss dem aktuell Faktischen gar keine außerordentlich normative Kraft gegeben werden – die Verfassung ist das Faktische. Und sie war früher da als die neuen Tatsachen.

Lasst euch da bloß nichts anderes einreden! Und das ist diesmal nicht ironisch gemeint.

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¹
Kurze Infos zum KwEG hier.
Für ausführlich Interessierte verbirgt sich ein ganzer Tagungsband zum KwEG („‚Normsetzung im Notstand“) mit Geschichte und Hintergründen hinter diesem Link.

Artikel

Corona – sechs .. Bash the bash

Was mir unheimlich gegen den Strich geht – und nicht erst seit heute – ist dieses allgegenwärtige Bashing von allem, was andere machen und du selbst nicht. Was andere haben und du selbst nicht. Was andere leben und du selbst nicht.

(Und ja, mir ist die Ironie des Bashing-Bashens durchaus bewusst, aber das hier muss jetzt endlich mal raus.)

Haus oder Wohnung?
Die während der Ausgangsbeschränkungen in Wohnungen festsaßen, waren es denen neidig, die Haus und Garten besitzen, weil „die können wenigstens raus“. Die mit Haus und Garten konnten nicht nachvollziehen, warum die in der Stadt „unbedingt raus müssen“, oder warum sie um die Schließung der Bundesgärten so ein Theater machen, weil zuhausebleiben für sie ja auch nicht so schlimm ist.

Vieles bleibt in der Phantasie- und Gedankenlosigkeit leider unsichtbar:

* Dass manche in ihrer Wohnung vielleicht ohne Grünblick wohnen oder nordseitig und den ganzen Tag nicht einen einzigen Sonnenstrahl abbekommen. Dass sie keinen Balkon haben, geschweige denn einen privaten Garten oder Feldwege zum Spazierengehen. Dass sie auf öffentlichen Raum und öffentliches Grün angewiesen sind und auch auf die Ruhe dort, weil in vielen Wohnhäusern die Nachbarn ständiger akustischer Teil des eigenen Lebens sind. Dass sie nicht deshalb in der Stadt wohnen, weil sie Grün nicht mögen würden, sondern weil es aus zig Gründen eben die passende Entscheidung war.

* Dass die mit dem Haus oft ein Leben lang sparen und jeden verdienten Euro in die Anschaffung und Erhaltung dieses Hauses und Gartens gesteckt haben, und auch jede freie Minute ins Selbermachen von Dingen, dass manche ein Haus haben, aber keinen Garten – das kann sich wiederum die Wohnungsfraktion in der Stadt nicht vorstellen. Für sie ist das alles eh nur ererbt und in den Schoß gefallen und erhält sich selbst – obwohl sie genau wissen, dass Wohnen niemals gratis ist, sobald man seine Kindheit mal hinter sich hat. Und wenn was nicht in Ordnung ist, sagt man es doch einfach dem Vermieter oder ruft Wiener Wohnen an, und fertig.

Ein Haus ist niemals fertig und bedarf einer Menge Instandhaltung, ständig. Es ist nicht nur viel mehr Fläche sauberzuhalten. Da ist die Dachrinne zu reparieren, sonst wird die Fassade nass und das Wasser spritzt zum Nachbarn rüber. Die Dachschindeln haben Schlupfwinkel, und Siebenschläfer rupfen dann Löcher in die Glaswolle, machen es sich dort bequem und kacken den ganzen Dachboden voll. Der Schnee muss weggeschaufelt werden. Der Sockel ist brüchig und Wasser dringt ins Gemäuer ein, Instabilität und Schimmel drohen. Im Keller sind Mäuse, in der Garage ein Heizkörper undicht. Ein Fenster hat sich ausgehängt. Eine Außenjalousie klemmt. Der Kanalabfluss muss von Blättern befreit werden, bevor es regnet, weil sonst die Garage unter Wasser steht. Ein Wespennest ist direkt vorm Fenster. Der Fußboden am Gang löst sich langsam auf.

Und während man das alles noch nicht erledigt hat, wuchert im ach-so-beneidenswerten Garten alles wie wild, wenn man da nicht sehr viel Arbeit reinsteckt und den Abfall, der dabei in großen Mengen entsteht, regelmäßig entsorgen fährt. Und der Frühling wartet nicht, bis man für das alles mal Zeit hat. Wenn man Gemüse im Garten will oder gar braucht, muss man Gemüse ziehen, Gemüse umpflanzen, Schädlinge bekämpfen, unerwünschte Triebe entfernen, Gemüse an Stangen binden.
Für das alles braucht man Material. Man hat viel im Haus, aber nicht alles, auch aus Kosten- und Platzgründen.

* Manche wohnen gar in einer Wohnung am Land! Die haben auch keinen eigenen Garten und keinen Balkon, zahlen aber genausoviel Miete wie in der Stadt. Dafür haben sie eben einen Spazierweg vor dem Haus, aber keinen Billa. Sie sind auf ein Auto angewiesen und stecken auch da viel Geld rein, um mobil und damit arbeits- und lebensfähig zu bleiben.

Stadt oder Land?
Pendler sind in der Stadt nicht willkommen, allein der ganze Verkehr, sollen doch am Land bleiben (wo es weniger Arbeitsplätze gibt), weil sie hätten ja nicht da hinziehen müssen (wo sie vielleicht schon aufgewachsen sind).

Die stadtflüchtigen Wochenendspazierer sind am Land nicht willkommen, weil da könnt ja jeder kommen und einfach das Grün genießen (das wir für uns gepachtet haben), weil sie hätten ja nicht da hinziehen müssen (wo sie vielleicht schon aufgewachsen sind).

Am Land zu wohnen und wohnen zu bleiben erfordert viel Verzicht und viel Aufwand, den man in der Stadt nicht hat.
In der Stadt zu wohnen erfordert viel Verzicht auf Ruhe und Raum und Grün, den man am Land nicht in Kauf nehmen muss.
Ja, wir könnten alle unsere Situation „halt einfach ändern“, aber sie hat eben auch ihre Gründe. Oder hat deine Situation vielleicht keine?

Kinder oder keine Kinder?
Die, die keine Kinder haben, bashen die, die jetzt mit ihren Kindern 24/7 zurande kommen müssen, seit die Schulen geschlossen sind – weil warum haben sie dann überhaupt Kinder, wenn sie keine Zeit mit ihnen verbringen wollen?
Die, die Kinder haben, bashen die ohne Kinder, weil die ja keine Ahnung haben, was Stress überhaupt bedeutet, und sie ja alle Zukunft der Welt wuppen, während die anderen sich ein schönes Leben machen.

Dass andere vielleicht auch gern Kinder gehabt hätten, aber keine bekommen konnten oder verloren haben; dass sich kein*e geeignete*r Partner*in gefunden hat; dass Krankheit ihnen eine Zukunft mit Kindern verwehrt hat – geschenkt.
Dass nicht alle ihr Wunschkind bekommen haben – sowohl in puncto Anzahl als auch Persönlichkeit, dass Alleinerziehende keine*n Partner*in haben und alles allein schultern müssen – geschenkt.

Selbstständig oder Angestellt?
Dasselbe mit der Arbeitssituation.
Die von daheim arbeiten können, haben keine Vorstellung davon, dass es Arbeiten gibt, die man vor Ort erledigen muss.
Die angestellt sind, haben keine Vorstellung von Unternehmerrisiko oder fehlender Arbeitslosenversicherung. Von der Zeit und der Mühe und der Verantwortung, die Unternehmer in ihre Firma stecken, auch um die Arbeitsplätze genau der Angestellten zu erhalten, die genau diesen Unternehmern jeden Euro neiden, der aus staatlicher wirtschaftlicher Hilfe kommt.
Die Unternehmer haben keine Ahnung mehr, wie es ist, in einer Hierarchie nicht ganz oben zu stehen und sich ausgebeutet zu fühlen, ohne was mitzureden zu haben – obwohl das für viele überhaupt erst der Grund war, sich selbstständig zu machen.

Einfache Hackler glauben, die Unternehmer hättens alle so gut, wären reich und würden vom Finanzamt alles zurückkriegen, was sie ausgeben – weil sie ja „alles absetzen“ könnten. Das ist Unsinn. Aber man weiß es eben nicht besser und erzählt einander lieber weiterhin unwahre Geschichten, die in die vorhandene Kerbe schlagen und die Kluft so ständig vertiefen.
„Die anderen habens besser als ich.“

* Dass Unternehmer mitunter Material brauchen, um ihre Aufträge fertigzustellen und überhaupt eine Rechnung legen zu dürfen, mit deren hoffentlicher Bezahlung sie die nächste Kühlschrankfüllung finanzieren, kommt in anderen Lebenssituationen einfach nicht vor, also ist es jenseits aller Vorstellbarkeit.

*Dass man privat vielleicht seit Wochen in einer Baustelle sitzt, seit die Geschäfte schließen mussten, und nichtmal fließendes Wasser hat, oder es durch ein Fenster reinzieht, das nicht mehr fertig eingeschäumt werden konnte, dass ganze Räume nicht benutzbar sind, dass eine halb-umgebaute Küche ohne Herd nicht gerade für Behaglichkeit sorgt während einer Ausgangssperre. Jenseits aller Vorstellbarkeit.

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Und das alles nur, weil man selber eh so bequem zu Hause sitzt und derzeit ja nichts tun muss, wenn man nicht will? Wo man dabei doch so viel Zeit zum ~Nachdenken~ hat?

Gesehen werden
Armutsbetroffene werden nicht gesehen. Wogegen sie zu kämpfen haben, wie schwer es ist, der Armutsfalle wieder zu entkommen, weil man vieles verliert, was für andere ganz selbstverständlich ist. Die Unwissenheit über den Verlust dieser Annehmlichkeiten machts, dass Nichtbetroffene sich nicht vorstellen können, dass gedachte Hilfestellungen aus der eigenen Situation wie Überziehungsrahmen (etc. etc.) einfach nicht dafür sorgen können, dass man „wieder auf die Beine kommen“ müsste, weil sie nicht mehr da sind! Könnt ihr euch nicht vorstellen.

Verführerische selektive Wahrnehmung
Aber andere Realitäten werden genausowenig gesehen.
Es wird niemand mehr wirklich gesehen.
Die Nachteile und Schwierigkeiten jeder*s einzelnen werden unter den Teppich gekehrt. Es wird selektiv gesehen, welche Annehmlichkeiten sie oder er hat – und seien sie erfunden, s.o. – und dann wird auf sie eingedroschen – aus Neid auf etwas, das in dieser Form oft gar nicht existiert oder nicht ausschließlich. Und wenn’s eine Armutsbetroffene ist, dann unterstellt man ihr einfach, sie hätte doch ein feines Leben in der sozialen Hängematte und ohne Arbeit. Die Hausbewohner hätten ein feines Leben mit Haus und Garten, was reines Vergnügen bedeutet. Die Wohnungsmenschen hätten ein feines Leben in der üppigen Infrastruktur.

Das beginnt ja schon da, wo die Lebensrealität einer Frau einem Mann nie richtig zugänglich wird, außer er verkleidet sich als eine und lebt ein paar Wochen so. Weil er nie dabei ist, wenn eine Frau allein der übrigen Welt begegnet. Weil seine pure Anwesenheit diese Begegnung verändert. Kann alles nicht sein, weil nicht existiert, was er nicht wahrnimmt? Aber wir sind ja so aufgeklärt!

Man muss anderen auch glauben, was sie erleben.
Oder es sich einfach vorstellen können. Dann muss man auch nicht alles selbst erlebt haben, um Verständnis aufzubringen. Sofern man das eigene hochdramatische Mimimi mal kurz beiseite lässt.

Gerade auf Social Media steht eben nicht die gesamte Lebenssituation in jedem Posting, sondern nur ein Ausschnitt aus dem jeweiligen Denken, das daraus entspringt und darauf gründet! Man darf also dennoch davon ausgehen, dass es diese Lebenssituation gibt, und dass man sie nicht allumfassend kennt, manchmal sogar einfach gar nicht. Es gibt also keinerlei Beurteilungsgrundlage.

Was man einzig beurteilen kann, ist ob jemand seine fehlende Beurteilungsgrundlage wahrnimmt oder nicht.

Und heute früh sehe ich, jetzt wollt ihr die Leute für deppert hinstellen – sie gar „besachwaltern lassen“ (srsly?) – die sich heute am ersten Tag der Öffnung bei den Baumärkten anstellen.
Ihr dürft ruhig auch mal davon ausgehen, dass man sich das eher nicht geben wird, wenn man nicht muss.

Was dieses Bashing wirklich aussagt ist:
„Ich hab nicht die geringste Ahnung von der Realität anderer Menschen, und sie interessiert mich auch nicht.“ Wie viele von den Schlechtmachern und FürDeppertErklärern wohl die eigenen Annehmlichkeiten schlicht nicht zu schätzen wissen und/oder unter den Tisch fallen lassen, damit sie nicht so ignorant wirken, wie sie eventuell sind?

Bequemer ist: Schuld am eigenen Nichthaben und Nichtsein sind natürlich die anderen, die haben und sind. Man kann einfach irgendwas ~glauben~, was sich grad anbietet. Und wenn diese anderen dann Dinge tun, die man selbst nicht täte, oder wenns ihnen womöglich dreckig geht – dann aber, auf sie mit Häme! „Das habt ihr jetzt von eurem Anderssein, ihr Deppen. Wärt ihr doch so gscheit wie ich, dann hättet ihr euch das erspart.“
Wenn sie schon offen zeigen oder sagen, dass es ihnen dreckig geht, und sie sich damit auch verletzbar machen? Wirklich?

Othering
Es gibt dafür einen Begriff – man nennt es Othering. Das „Andersmachen“ von allem Menschlichen, was von der eigenen Wirklichkeit abweicht. Das erklärte Endziel von Othering ist übrigens, feindliche Lager zu schaffen, die „Einen“ (die Guten natürlich!) über „die Anderen“ zu erhöhen, was ein wenig künstlichen Selbstwert stiften soll – und letztlich alle Empathie zu töten. Denn wer anders ist, kann nicht dazugehören und muss daher ausgeschlossen und letztlich auch ausgerottet werden.
Und das geht nur ohne Empathie und mit deutlicher Erhöhung der Einen gegen die Anderen.
Und das wollt ihr wirklich mitspielen? Es beginnt im Kleinen und wird dort etabliert, jeden Tag.

Phantasielosigkeit und Gedankenlosigkeit, Ungerührtheit, Ignoranz, Unkenntnis – und Unkenntnis über diese Unkenntnis. Keine gute Kombination. Aufwachen!

Vielfalt!
Wenn alle so wären wie du, nur damit du sie besser verstehen kannst, dann würden alle DEINEN Job wollen, und du würdest keinen mehr kriegen. Alle würden DEINE Wohnung wollen und die Miete wäre doppelt so hoch. Alle würden das kaufen wollen, was DU kaufen willst, und es wäre teurer oder nicht mehr erhältlich. Alles andere, was die Welt jetzt noch bunt und lebendig macht, würde im Desinteresse eingehen und verschwinden.

Wenn keiner mehr am Land leben würde, müssten alle in die Stadt ziehen. Es wäre voller, lauter, die Mieten wären noch höher, die Öffis wären überlastet, der Verkehr unerträglich. Verbindungen nach draußen gäbe es nicht mehr – wozu Infrastruktur, wenn da keiner mehr wohnt?

Wären alle Angestellte und Arbeiter, gäbs niemanden mehr, der das Risiko eines Unternehmertums auf sich nähme, und damit keine Arbeitsplätze mehr, für niemanden. Wären alle Unternehmer, könnte niemand die Sicherheit eines Arbeitsplatzes samt der zugehörigen festen Zeiten und arbeitsrechtlichen Absicherungen genießen. Nun, das Verständnis würde eventuell steigen. Die Konkurrenz aber auch!

Augen auf
Lasst euch doch nicht vom täglichen Othering der populistischen Extremisten und den wiederkäuenden Medien diese hirnrissige Schwarzweißsicht der Welt aufdrängen und einimpfen, in der alles schwarz sein muss, was nicht weiß ist – wo ihr doch genau und besser wisst, wie bunt die Welt ist!
Lasst euch doch nicht ständig gegeneinander aufbringen! Wofür denn? Mit welchem Ziel? Eine Einheitlichkeit, die niemandem was bringen würde und für niemanden wünschenswert ist? Alles, was an euch selbst bunt und anders ist, würde dem zum Opfer fallen.

Es gibt auch noch andere Denkweisen, freundlich changierendes Buntstufen-Gewaber.
Verständnis entsteht, wenn man sich für die Lebensrealitäten anderer interessiert, ohne sie vorzuverurteilen, nur weil man auf das erste „Hä?“ reinfällt, das die fremdenängstliche Ecke des Urwaldgehirns ausspuckt.
Idealerweise beruht das Interesse auf Gegenseitigkeit. Jemand muss damit anfangen. Du kannst kein Verständnis erwarten, wenn du selbst keines aufbringst. Wir sind nicht im Kindergarten.

Wenn du also nächstens Aversionen verspüren solltest gegenüber irgendjemandem mit einer anderen Lebensrealität als du – versuch es als Zeichen dafür zu sehen, dass du zu wenig darüber wissen könntest. Statt dafür, dass die anderen fix deppert sein müssen, weil du es nicht nachvollziehen kannst.

Du willst was Besonderes sein? Dann lass die anderen auch besonders und anders sein, und akzeptier sie, so wie du akzeptiert werden willst. Es gibt immer eine zweite Seite – oder meistens sogar noch mehr.
Innehalten. Nachfragen. Informieren. Interesse!
Solange du diese Seiten nicht entdeckt hast – weitersuchen. Dann erst schimpfen oder schadenfroh jubilieren.
Falls es dann noch angebracht scheint.

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Corona – fünf .. Was wird bleiben?

Was lernen wir aus der Corona-Krise? Was hat sich geändert, was wird davon bleiben? Diese Fragen drängen sich auf, wenn man sich so umschaut.

Es sind weite Felder, und bei aller Länge dieses Artikels erhebe ich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit der Licht- und Schattenseiten. Gern könnt ihr drunterschreiben und ergänzen! Schreibt auf, was ihr gelernt habt und nicht vergessen wollt, hier bei mir oder zumindest für euch selbst!
Denn die Dinge verändern sich schnell, hin und auch wieder zurück. Wie ein Gummiringerl schnalzt alles womöglich bald wieder in seine gewohnte Position, und im Nu ist alles so wie vorher (und man selbst genauso doof).

Das Bittere zuerst
Was wird bleiben? Meine Vorhersage lautet: nicht viel. Dazu sind die Etablierten im System zu etabliert und die kurzfristig Relevanten zu schnell wieder unsichtbar.

Erstmal ist es so: Ein guter Teil der hiesigen Wirtschaft hatte jetzt ein ganzes Monat lang keinen Umsatz. Es wird also von euch erwartet werden, dass ihr hinterher drölfmal so schnell konsumiert wie sonst, um den Rückschlag aus dem ersten Quartal im zweiten wieder aufzuholen. Und das wird eine sehr dringliche Dynamik ergeben.

Mehr als nur „bemerkenswert“
Dennoch ist es außergewöhnlich, was sich in den letzten Wochen alles getan hat:

* Corona hat in kurzer Zeit geschafft, wozu eine Gesellschaft oft Jahre oder noch öfter Jahrzehnte braucht. Umso mehr, wenn diese Gesellschaft große stur-konservative und daher träge Anteile hat, die sich schon aus Prinzip jeder Veränderung widersetzen.
* Corona hat manches gnadenlos offengelegt, was bisher unbemerkt* vor sich ging – und das just, während gerade so viele Menschen Zeit zum Hinschauen haben.
* Da ist „unbemerkt“ nicht ganz das richtige Wort; wer möchte, kann einen Vorschlag für ein Adverb einbringen, das eine gute Mischung ist aus „verstohlen“ und „von großem äußeren Desinteresse betroffen“.

Die Irrelevanz hat sich abschnittsweise verschoben – weg von denen, die bisher von der Gesellschaft gerne übersehen wurden, hin zu manchen, die sich bislang für wichtig hielten. Da werden Menschen plötzlich nicht mehr in Flieger gesetzt, weil sie das „über Zoom ja wohl genausogut können“. Da werden Menschen plötzlich gesehen, die bisher zur Einrichtung zu gehören schienen.

Doch klar – nur vorübergehend. Und ich fürchte leider, das wird für beide Aspekte gelten – für „geschafft“ und für „offengelegt“.

Überall alles anders
Trotzdem – haben wir jemals in der jüngeren Geschichte innerhalb weniger Wochen einen so rasanten Wandel erlebt?
⦿ Veränderung beim Verhalten: zwischenmenschlich, innerfamiliär, nachbarschaftlich.
⦿ Beim CO2-Fußabdruck; wirtschaftlich und medizinisch – neue Ideen werden geboren und rasant umgesetzt, Workarounds gefunden, helfende Hände hochgeschätzt.
⦿ In der Bildung, politisch, in der Bürokratie.
⦿ Persönlich: Bei der Lebenssituation – die für viele jäh eine andere geworden ist. Beim Abstand zu anderen (wie schon in einem der früheren Artikel unter „Coronabewusstsein“ erwähnt – bleibt uns das?)
⦿ Beim Medieninteresse, bei Körperbewusstsein, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Wertschätzung.
⦿ Nicht zuletzt: Wertewandel. Ein Wandel im Denken. Viele haben Zeit zum Nachdenken. Sich und die Welt zu hinterfragen. Und hinzuschauen.

Alles das war kein Umschwung, sondern ein Ruck, auch kraft der blitzartigen Gesetzgebung.
Und über jedes einzelne Stichwort ließen sich lange Absätze schreiben.

Wir wussten ja gar nicht mehr, wie wunderbar eine Welt ohne Fluglärm ist. Wie blau der Himmel und wie klar die Luft sein kann. Plötzlich geht das, was vorher für Kondensstreifen gesorgt hat, auch online. Bürokratie wird abgebaut. Medikamente bestellen kann man endlich telefonisch, oder sich krankschreiben lassen – was besonders am ersten Tag oft eine zu große Hürde dargestellt hat, weil „ob ich jetzt zum Arzt check und dort zwei Stunden sitze oder gleich krank in die Firma fahr, is auch schon wurscht“. Und nein, es ist nicht ok, krank in die Firma fahren zu müssen.

Plötzlich kann man vieles auch online erledigen, wofür man vorher zumindest die Zugangsdaten in persönlicher Vorsprache beantragen musste, oder auch die Leistung selbst. Die Schule ist online, Lehrer*innen und Direktor*innen finden neue Methoden. Einige Handels- oder Gastro-Betriebe steigen auf Zustellung um, und plötzlich ist nur noch ein Fahrzeug unterwegs statt n Fahrzeuge für n Kunden an diesem Tag.
Alles das mussten Menschen in sehr kurzer Zeit anpacken, schultern und in Bewegung bringen.

Doch vieles davon geht auch nur, weil alle Welt jetzt gleichzeitig zurückstecken muss. Es fällt nicht so extrem auf, dass man kurzfristig nicht 100% konkurrenzfähig ist, wenn viele andere es gerade auch nicht sind. Als Dauermaßnahmen für ein einzelnes Land gehen sich etwa Fahrt- oder Flugbeschränkungen (oder, oder, oder…) eben einfach nicht aus, weil: „Die anderen machens ja auch weiterhin, wir können sonst nicht mithalten“. Der Markt regelt das.

Vieles wird sichtbar
Wie egal die Gesundheit des einzelnen ist, solange es um den Gesamtumsatz einer Wintersaison geht. Wie gerne manche Politik glaubt, alles richtig gemacht zu haben, wenn sie nur ihre Klientel erwartungsgemäß bedient hat. Wie furchtbar sich Privatisierungen und Sparkurse auswirken, und dass sich das überraschenderweise doch noch innerhalb der Lebensspanne der verantwortlichen Politiker*innen zeigen kann.

Es fällt stärker auf, wie viele Frauen Systemerhalterinnen sind. Allein im Gesundheitswesen sind zwei Drittel Frauen.

sichtbar. Gewaltschutz
Da wird so ein Staat jetzt besonders gut achtgeben auf diesen Teil der Bevölkerung – oder nicht?
Nicht für jede Frau ist Daheimbleiben eine gemütliche Abwechslung, wenn sie dort einem gewalttätigen Mann ausgesetzt ist und dieser Situation jetzt noch schwerer entkommen kann.
Doch während die Regierung der Wirtschaft millardenschwere Pakete mit dem Samtbändchen schnürt, wird das Frauenbudget mit Peanuts abgespeist. Im Lichte der offensichtlich so systemrelevanten Frauen ist das schon auffällig zynisch. Werden schon die Wirtschaftsmilliarden irgendwie dafür sorgen, dass er bald wieder was anderes zu tun hat als seine Frau zu verdreschen? Hoffentlich?

Das Budget für Fraueninitiativen wurde 2019 zusammengekürzt, mit der Begründung, es werde Geld in den Gewaltschutz umgeschichtet; man hat also den Frauenorganisationen die Mittel gekürzt, um beim Gewaltschutz die jährliche Inflation zu decken, statt beiden das Budget endlich mal ordentlich zu erhöhen. Es braucht mehr Geld für Gewaltschutz und Prävention, und das nicht erst seit gestern.

Die Regierung hat im Vorjahr beim Ersinnen ihrer „Maßnahmen“ für das „Gewaltschutzpaket“ die Expertinnen aus Gewaltschutzorganisationen außen vor gelassen, und so arbeitet man an Sinnhaftem vorbei, für den schönen Schein, ohne Expertinnen, und knausert weiter mit dem Geld. PR-Gags zum Weltfrauentag reichen aber nicht aus!

Aber klar, wenn dann etwa die Frauenhelpline aus finanziellen Gründen bald nicht mehr ganztägig erreichbar sein kann, weil ein paar tausend Euro fehlen, wird das bestimmt letztlich auch die Anzahl an Frauen sinken lassen, die Hilfe und Schutz vor Gewalt suchen. Auf dem Papier. Und wenn sie dann ermordet wurden, werdens noch weniger. Sehet, die Kurve!
Wenn ihr was tun wollt – beim Frauenvolksbegehren kann man Mitglied werden. Die Frauenhäuser freuen sich über Spenden, die Frauenhelpline ebenso.

sichtbar. Expertise
Was weniger auffällt – aber auch wenig erstaunlich ist, wo man doch schon in Frauenfragen Frauen nicht fragt – ist auch, wie sehr in dieser Krise fast ausschließlich auf Männer gehört wird, wenn es um Expertentum geht – Virologen, Forscher, Ärzte, Politiker – ohne *innen.
(Und bei letzteren, abgesehen von der roten Opposition, scheinen einige *innen nur Pappfiguren mit vorgegebenem Text zu sein. Man hört eventuell auf Frau Rendi-Wagner, aber man gibt es nicht zu.)

Schon seltsam, wie in einer Krise nur Männern die nötige Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird, um Sicherheit zu vermitteln, während innerlich alle nach ihrer Mami rufen.
Und vielleicht ist genau das unser Problem in dieser männerhörigen Gesellschaft. Wir suchen nicht an allen zur Verfügung stehenden Stellen. Outcome dann, wie zu erwarten: 50 von 100.

sichtbar. Zurück?holen, aber flott! Rausholen, warum?
Man merkt auch, wie viele Ausländer*innen uns fehlen, wenn sie „raus“ sind. Dabei war das Wort „Pflegenotstand“ schon vor Corona ein (deutscher) Begriff. Und jetzt? Schickt man ein Flugzeug, um die Pflegerinnen aus dem östlich benachbarten Ausland zurückzuholen. Ja, genau die Pflegerinnen, denen man in der Regierung Kurz I ab vorigem Jahr die Familienbeihilfe „indexiert“ hat, also auf ausländisches Maß zusammengekürzt. Frauen, die eh nur neun Hunderter im Monat verdienen, und die dafür sehr viel von dem verpassen, was daheim bei ihrer Familie täglich passiert, weil sie „im Radl“ tage-/wochenlang im Ausland sind. Oder glaubt vielleicht jemand, dass die 24h-Pflege so heißt, weil sie nach 24h abgelöst würde?

Diese Aktion mit dem „Zurück(!)holen der Pflegekräfte“ empfinde ich als gesellschaftliche und politische Peinlichkeit erster Güte. (Und stelle mir unwillkürlich vor, wie viele von diesen Frauen wohl zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug saßen.) Man möchte meinen, dass von der Regierung zugleich erwogen würde, die Kürzungen bei der Familienbeihilfe wieder rückgängig zu machen – jetzt, wo die Relevanz dieser Arbeitskräfte auf so blamable Weise deutlich geworden ist. Wird es aber nicht. Wozu auch, wenn man sie eh in ein Flugzeug packen kann? Als wären es geflohene Leibeigene.
Als hätten wir noch nicht genug Schaden angerichtet, siehe Ischgl. Verwunderlich, dass uns diese unfassbare Arroganz nicht auf den Kopf fällt, aber wer weiß, wie lange noch.
(Und ich schäme mich dafür, dass es dann im Ausland heißt „Die Österreicher haben…“.)

Vor diesem menschlich kontrastarmen Hintergrund fällt dann auch stärker auf, wie leicht man ein Flugzeug schicken könnte, um Geflüchtete aus einem überfüllten Lager in Griechenland zu retten, wenn man wollte. Aus Moria. Und wie willkürlich es ist, es nicht zu tun. Wie leichtfertig da von einem – ererbten, nichtmal selbst erwirkten – Oben herab andere Menschen in Wertigkeiten eingeteilt werden, die sich je nach Situation drehen lassen, wie es gerade opportun ist – und das nur aus einem Grund: weil man dafür reich genug ist.
Gleichzeitig gibt es eine Menge Asylwerber, die bereits hier sind, die befähigt wären, die aber nicht arbeiten dürfen – in der Pflege, am Feld, you name it. Es ist absurd.

An all diesen Stellen wäre der Perspektivwechsel gefragt, der Wandel im Denken und im Handeln! Und was tut sich da? Nix.
„Die Österreicher“ bleiben so arrogant wie eh und je. (Man stelle sich nur das Geschrei vor, wenn „de Auslända“ uns nicht nur die Arbeitsplätze wegnehmen, sondern auch noch eine – wieder gleich hohe – Familienbeihilfe und die Intensivbetten!)

Oder dieser Mangel an Erntehelfern jetzt. Es kursiert ein Meme mit dem Titel „Scheiße, die Ausländer geben uns unsere Arbeitsplätze zurück!“ Zihihi. Auch da sollen jetzt welche eingeflogen werden, hört man.
Für Jobs, die für so wenig Geld doch hierzulande oder in DE oder einem anderen reichen EU-Land kaum wer machen will. (Nicht unbedingt, weil die Leute zu faul wären. Sondern weil das Leben mit unseren Standards weit mehr kostet als das, was man dort verdient.) Wer ’stellt‘ sich für 8€ oä Stundenlohn hin (in gebückter Haltung) und erntet Erdbeeren oder Spargel? Und das, ähem, in einem Risikogebiet?

Würde man dort mehr verdienen, wäre auch die Ware für den Endverbraucher teurer. (Auch nicht unbedingt, weil das so fix sein müsste. Sondern wohl auch, weil von den Gewinnen, die zwischen Erzeuger und Endverbraucher entstehen sollen, niemand dazwischen was abgeben wird.) Damit steigen wiederum die Lebenshaltungskosten, zack, Endlosschleife.

Wir hecheln unseren eigenen Preisen und Standards hinterher. Es ist ein System, das auf Gewinne angewiesen ist, und zwar auf höhere als im vorigen Jahr. Eine Rolltreppe, die von denen angetrieben wird, die darauf laufen.

sichtbar. Der Welten Lohn
Mir kam auch zu Ohren, dass bei so manchem Supermarkt-Konzern ein Corona-Bonus für die Mitarbeiter locker gemacht wird. Und das mitunter in Form von… wait for it… Warengutscheinen! So bei 250€ sind wir da pro Nase. Pfu, da könnts euch jetzt aber was drauf einbilden.
(Ja, mir ist klar, dass die Zuwendung an Mitarbeiter zu diesem Zeitpunkt nur als Gutschein steuerfrei möglich war. Der Antrag der SPÖ auf steuerfreie Prämien am (iirc) 21.3. wurde abgelehnt und musste hernach erstmal türkis angemalt werden, bevor diese Befreiungen beschlossen wurden – auf „Gesetzesinitiativen des Finanzministeriums“. So läuft das eben. Erstmal rechnen. Lohnsteuer heikel weil viel!

Popelich, sag ich da! Was für ein Geiz. Da haben die allein beim Klopapier mehr Gewinn gemacht in den letzten vier Wochen. Dieser Warengutschein, so witzelten wir letztens zu zweit ein bisserl bös, das ist, als würde man Baumwollpflücker*innen für ihre wochenlange Mühe in einem verseuchten Gebiet einen Meter Stoff schenken. Statt sie ordentlich zu entlohnen, und das immer.

Aber sicher, schlimmer geht immer, manche kriegen für ihren Einsatz nichtmal einen feuchten Händedruck. Wie wirds im Gesundheitswesen ausschauen – in den Spitälern, bei den Ärztinnen, Krankenpflegerinnen, Reinigungs- und Transportkräften, Studentinnen, Helferinnen? (Männer sind mitgemeint ;)

„Aber ich bin systemrelevant!“ – „Jo, waaß i eh, und jetzt gusch und hackl weiter!“ Ich will ja nicht subversiv sein, aber der Zeitpunkt für einen Streik der sogenannten Systemrelevanten – der chronisch unterbezahlten Erlediger*innen von Oaschhackn aller Art – der wäre JETZT.
Und das sind alle, die sich für das seit Jahren und in den letzten Wochen Geleistete zu gering entlohnt fühlen; die schon davor – für den geringen Verdienst nämlich – die undankbarsten Arbeitszeiten hatten, und das mitunter (zB im Einzelhandel) obendrein unter zumindest druckintensiven arbeitsrechtlichen Verhältnissen.

Weil, hinterher so ein „Wir waren jetzt voll brav, weils nötig war, aber jetzt fordern wir…“? Das interessiert dann keinen mehr. Wenn der Hut nicht mehr brennt, sind die Feuerlöscher im Abverkauf.

Manchen kommt’s vielleicht sogar folgerichtig vor, dass jetzt diejenigen herhalten müssen, die gesellschaftlich sowieso schlechter gestellt sind. Ich mach’s kurz: Willkürliche gesellschaftliche Schlechterstellung ist per se nicht fair. Sie begründet niedrigere Entlohnung. Während diese wiederum als Nachweis für die Schlechterstellung selbst herangezogen wird. Man nennt das einen Zirkelschluss.

Weitere weite Felder
Neben diesem weiten Feld gibt es natürlich noch andere Felder der Veränderung und Erkenntnis. Etliche Leute werden in den letzten Wochen bemerkt haben, dass gewisse Tätigkeiten gar nicht so einfach sind, wie sie sich das gern vorgestellt haben. Daheimsein und auf die Kinder schauen. In der Schule sein und lernen. In der Schule sein und Kinder unterrichten. Täglich kochen und den Haushalt schupfen. Für Angehörige einkaufen, kochen, Dinge checken. Angehörige pflegen.

Oder von zu Hause aus arbeiten – doch nicht nur Party und Ausschlafen, man muss sich organisieren und motivieren; sich konzentrieren können, auch wenn andere frei haben; einen Teil seines Wohnbereiches opfern; man kommt nicht so leicht „aus der Arbeit“ wie bei echtem Heimgehen, und so müssen private Abende viel häufiger einem spontanen Weiterarbeiten weichen.

Wird aus alledem eine „neue Wertschätzung“ übrigbleiben? Mehr Verständnis?
Die Mehrheit wird wohl das Gespür dafür wieder verlieren, sobald es aus der unmittelbaren Gegenwart des Uff-ich-muss-plötzlich-selber verschwunden ist. Weil’s hinterher von außen immer noch genauso einfach aussieht wie vorher, wenn man dann wieder nur minutenweise zuschaut. Manchen wird diese Zeit aber bestimmt auch eine Lehre sein, die sie nie mehr vergessen werden, und sie werden wertschätzender mit denen umgehen, die bisher so unbemerkt so viel unter einen Hut gebracht haben, ohne jemanden zu vernachlässigen.

Doch letztlich muss Wertschätzung auch finanziell sein, damit innerhalb dieses Systems jemand dauerhaft und zuverlässig was davon hat. Manche könnten etwa für 24h-Pflege ihrer Angehörigen sicher auch mehr bezahlen, wenn sie wollten. Aber das werden sie nicht. Sie werden weiterhin so viel wie möglich für sich behalten wollen von dem, was sie dann in ihrem viel wichtigeren Job wieder leisten und verdienen werden, bei dem sie jetzt grad daheim vorm Laptop nasebohren. (Ich weiß, das ist sehr bös und plakativ, alle Zwischenversionen sind natürlich auch denkbar. Leute, die sowieso mehr zahlen. Ab jetzt mehr zahlen. Mehr Trinkgeld geben. Jetzt wegen Kurzarbeit weniger verdienen. Gekündigt wurden. Immer noch wichtig sind. Sich einen anderen Job suchen werden, weil sie gerne was Sinnvolleres täten als bisher.)

Schwarzweißgemalt wird ja viel in Zeiten von mangelnder Vielfalt wie unserer (wie heißt das, Awiglwogl, das Wort, geringe… Ambiguitätstoleranz?) Musste mich auf Twitter rechtfertigen, weil ich als Einzelerscheinung die Theorie untergrub, es gäbe jetzt nur noch Leute, die entweder gar nichts mehr zu tun haben oder aber unendlich viel. Diese Untergrabung wurde dann der Tatsache zugeschrieben, dass ich dann ja wohl keine Kinder zu betreuen hätte. (?)
Hab druntergeschrieben, nö, nur einen Hund. Hatte an vielen Tagen seit Krisenbeginn auch weit mehr Arbeit als Schlaf, aber dazwischen auch ein bisschen Zeit freigeräumt für Sonne oder Freunde. Und ja, für den Hund.

Von denen, die jetzt viel mehr Freizeit haben, sind die Menschen mit introvertierten Anteilen (vielleicht erstmals?) etwas besser dran. Ihnen wird auch nicht fad, wenn die Live-Bespaßungsindustrie wegbricht. Sie haben nicht das Bedürfnis, es müsse „was los sein“, damit sie sich spüren. Innen ist immer was los.
Wer hingegen bisher meinte, „wohin gehe ich aus und wen treffe ich da“ generiere oder definiere Persönlichkeit oder Lebensinhalt, der oder die findet sich womöglich jetzt in kargeren inneren Verhältnissen wieder.

Unter der Schließung von Bundesgärten in so mancher Großstadt leiden sie aber sicher gleichermaßen. Die Natur ist vielen Menschen Trost und Energiequelle, und das wissen wir sicher nicht erst seit ein paar Wochen.

Andere werden in ihrem ganz kleinen, privaten Rahmen erkannt haben, worauf sie wirklich zählen können, when the shit hits the fan. Dass gewisse Leute selbst in so einer Krise nicht für sie da sind. Andere dafür umso mehr. Dass sie ihren Partner nicht dauerhaft aushalten, oder ihre Kinder. Was Sicherheit bedeutet, körperliche, emotionale, soziale, berufliche, gesundheitliche. Was wirklich wichtig ist, und in welcher Reihenfolge.

Dass man manches nicht nachholen kann. Dass es unvorsichtig ist, keinen Kontakt zu jemandem zu haben, den man mag, weil man selbst oder auch diese*r Jemand schon morgen tot sein könnte.
Was eigentlich immer gilt und gelten sollte, umso mehr jetzt, ist dieses Vielleicht: Vielleicht sind es die letzten Wochen unseres Lebens – womit wollen wir sie verbringen?

Feststellen kann man auch, was eine Solidargemeinschaft im Kleinen, im Großen und im ganz Großen wirklich wert ist. Oder wie unerreichbar plötzlich alles ist, wenn Grenzen geschlossen werden, deren Offenstehen lange selbstverständlich war – für unsere Köpfe, die ja alles selbstverständlich finden wollen, was gerade mal ein paar Jahre überdauert hat. Im Verhältnis zur Geschichte der Zivilisation sind offene Grenzen und Reisefreiheit so kurze Abschnitte, dass sie auf einer Zeitlinie nichtmal Punkte wären – für die Köpfe dennoch zu lange?
Vielleicht ergibt sich ja daraus so manches Umdenken, von dem etwas bleibt.

Und was ist mit unserer Freiheit?
Die politischen Gefahren, die sich aus der Gelegenheit zum Alleingang ergeben, wenn so eine Ausnahmesituation es zu rechtfertigen und auch die nötige Ablenkung zu bieten scheint – siehe Ungarn oder Israel; die vielen Gratwanderungen, die sich in puncto Gesetzgebung, Sicherheit, Überwachung und Datenschutz ergeben:
. dass Machtdemonstrationen seitens der Exekutive auch in Ausnahmesituationen wie dieser in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben
.. gerade, wenn Regelungen keinen Sinn ergeben und (auch daher) Unsicherheit darüber herrscht, was man denn darf, (auch weil) sich das wöchentlich ändert
. dass womöglich Kanäle geöffnet werden, über die
.. etwa dem Dienstgeber bekannt werden könnte, welche Erkrankungen oder Medikation seine Angestellten haben, um sie freizustellen; während für Angehörige „relevanter Berufe“ keine Freistellung vorgesehen ist, auch wenn sie zur Risikogruppe gehören
.. etwa der Regierung bekannt wird, wohin ich mich bewegt habe, warum und mit wem
.. Bürger*innen sich nicht nur freiwillig via App überwachen lassen, sondern sich und ihre Lieben davon auch noch „besser beschützt fühlen“ – der feuchte Traum jedes totalitären Bestrebens

Das alles würde den Rahmen hier endgültig sprengen.
Wir dürfen unsere Holzaugen keinesfalls schlafen schicken, auch wenn die neu gewonnene Freizeit (≠ Freiheit) manche dazu verlocken mag.

Ende der Durchsage
Ich persönlich hoffe, dass mehr Leute spüren, wie heilsam die Stille sein kann. Ich habs gerne ruhig im Homeoffice. Empfand es andererseits auch in einer der letzten Nächte als geradezu tröstlich, bei der Hunderunde von weitem wieder ein bisschen stärker die Autobahn zu hören – und damit, dass es doch einzelne Menschen gibt, die in dieser Nacht noch ein echtes Ziel haben, und vielleicht Menschen, auf die sie sich freuen.

Ich hoffe, dass in den letzten Wochen mehr Menschen gehalten wurden als fallengelassen.
Und ich hoffe, ihr habt es gut und gewaltfrei und bleibt gesund.

Was soll von der Veränderung, die für euch positiv ist, später bleiben? Was muss unbedingt wieder weg?

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Update: Eva Maria, die „Stadtstreunerin„, hat zeitgleich einen lesenswerten Artikel mit dem Titel „Stadtplanung per Virus“ in ihrem Blog veröffentlicht, wie immer mit leiwanden Fotos. Der ist so hübsch verschwestert mit meinem und wird daher hier verlinkt.

Artikel

Corona – vier

Vermummter Warenerwerb
Ankündigung letzten Montag, dass ab Mittwoch Maskenpflicht herrschen wird. Witzig eigentlich, so eine Maskenpflicht neben dem Vermummungsverbot. Für mich persönlich aber eine kleine Sicherheit mehr. Daraufhin in den Supermarkt gewagt. In zwei sogar. Bis dahin bin ich aufmerksamerweise von meinem Bruder mit Lebensmitteln versorgt worden, weil: mit supprimiertem Immunsystem geht man nicht einkaufen.

Schon seltsam, ausgerechnet eine Menge bestimmter Menschen, die sich nie treffen, als Gruppe zu bezeichnen. Frühlingsprogramm Risikogruppe: Miteinander gefährlichen Hobbys frönen, wie Wingsuit Base Jumping oder An-Infizierten-Vorbeirunning.

Nein, kein Schutz der Gruppe, ich gehe allein. Mit einem Schlauchschal in weiß, für alle Fälle.

Beim Hofer wird man per Zange empfangen. Also, die Zange, mit der die zuständige Dame beim Eingang eine nagelneue Maske aus der Originalverpackung fischt und einem überreicht. Beim Eurospar hingegen liegen die Masken an diesem Tag unverpackt vor einem freundlichen Herrn auf einem Tisch zur Entnahme. Ob der da schon draufgehustet hat oder ob man das dann selbst machen muss, erfahre ich nicht. Nur dass mein Schlauchschal „eh auch okay“ wär, wenn ich wollte. Ich will.

Werde auch nicht zur Verwendung eines Einkaufswagens verdonnert. Ein Glück bei fehlender Diskussionslaune. Wer glaubt, dass Einkaufswagen für Abstand sorgen, war wohl noch nie selbst einkaufen. Offline meine ich. Ist ja nicht so, als würden dann alle brav hintereinander herfahren wie die Wagerln in der Geisterbahn. Wenn vor einem jemand stehenbleibt und mit aller Konzentration versucht, das Obst nicht zu berühren, muss man im Gang überholen. Und ohne Wagerl kann man sich dabei weitaus leichter auf maximalen seitlichen Abstand bringen.

Stelle fest: Maske rutscht nach dem Anlegen sehr schnell hinauf bis über das untere Augenlid. Meine Ohren als Befestigungsort der Gummibänder sind offensichtlich zu weit oben im Vergleich zum Durchschnittsohr. Weil man sonst nicht sieht, ob man genug Abstand hält, bzw einem von der Oberkante der Maske allmählich der Augapfel abgescheuert würde, fasst man sich daher zunächst drölfhundert Mal beherzt ins Gesicht, bis einem die Ironie auffällt. Später im Verlauf erlernt man autodidaktisch eine Bewegung des Kiefers, die die Maske wieder vom Augapfel trennt und nach unten zurückzieht.

Alle Kund*innen und Mitarbeiter*innen sind an diesem Tag aber vorbildlich vermummt, und die Abstände werden brav eingehalten, auch ohne Wagerl. Bei der Eurospar-Kassa gibt es dafür sogar neue Bodenmarkierungen für alle, die sich nicht vorstellen können, wie viel zwei Meter sind.
Fühle mich halbwegs sicher und kaufe eine Menge Kekfe und dazu ein Topfblümchen, das mich mit seiner nichtsahnenden, freigiebigen Schönheit inmitten der düsteren Perspektive des viralen Chaos zu Tränen rührt. Ungebremste Lebensfreude, dem Blumi iss‘ wuascht – guter Reminder für zuhause.

Kieferschmerz am Ende des Einkaufs beträchtlich.

Distanzierte Mitmenschen nun auch stumm
Was mir am Land bei der Hunderunde auffällt: Überraschend viele, die draußen in der Sonne unterwegs sind, scheinen Social Distancing vor allem so zu verstehen, dass man einander nicht mehr grüßen muss. Besser, den Mund geschlossen zu halten. Nicht, dass man sich noch von einem x-beliebigen vorbeikommenden Grüßgott-Trottel anstecken lässt. Sind ja lauter Virenmonster unterwegs da draußen, da wäre jede Höflichkeit ohnehin fehl am Platz.

Sehet, die Kurve!
Diskussionen über die Kurve – Neuerkrankungen, Todesfälle – habe ich bald nach Beginn der Krise wieder eingestellt. Es war etwas schwierig, mit dem Hinweis durchzudringen, dass eine Statistik allein auf Basis durchgeführter Tests doch ein weniglich zu stark von diesen Tests abhängig ist, über deren Policy (und auch wahre Anzahl, wie sich später herausstellte) man kaum etwas erfuhr, sondern höchstens ein wenig aus privaten Informationen ableiten konnte („Habe Symptome, aber keinen Aufenthalt in Risikogebiet, und Fieber leider unter 38°, wurde daher nicht getestet, soll nur daheimbleiben“).
Man weiß nur eines mit Sicherheit: Diese Kurve kann verlaufen, wie sie will, in die Nähe von „repräsentativ“ kommt sie dabei an keiner Stelle.

Schön aufgedröselt hat der Michael Matzenberger jetzt, wie das mit den Zahlen in unserer Kurve so ist und was für einen Blindflug es tatsächlich darstellt, auf Basis solcher Zahlen irgendwelche Entscheidungen für das Volk zu treffen zu sollen, oder gar Vorhersagen zu machen. Fragen nach der Zukunft, wie es weitergeht, wären seitens der Journalist*innen ja durch die Pauschalfrage „Besitzen Sie zufällig eine Kristallkugel?“ ersetzbar gewesen.

Warum dennoch von Beginn an unser aller Aufmerksamkeit vom kurzstudierten Bundesheiland auf diese Kurve gelenkt und da festgepinnt werden sollte, ist daher schwer nachvollziehbar. Schelme und -innen könnten denken, man möchte diese Aufmerksamkeit lieber auf sinnlosen Zahlen als anderswo, etwa auf den symbiotischen Verhältnissen zwischen Wirtschaft und Politik in Tirol. Bei jedem guten Zaubertrick gilt es, den Fokus dorthin zu leiten, wo sich gewiss nichts Aufschlussreiches über das tatsächliche Geschehen ablesen lässt. Man kann sich dabei doch nicht allein auf Masken verlassen, die bis über die Augen rutschen.

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Corona – drei

Grausliche Einblicke und Auswürfe
Auffällig ist, das war es auch schon früher, wie viele Menschen man mit offenem Mund durch die Gegend stapfen oder in selbiger herumsitzen sieht. Dass in den Medien der (Un)sinn einer Atemschutzmaske zum eigenen Schutz diskutiert wird, ist zwar recht und würdig, schützt sie doch eher die Mitmenschheit vor dem eigenen unkontrollierten Auswurf als umgekehrt.

Eine Ausnahme von dieser Regel würde ich aber bei diesen Menschen machen, die keine echte Kontrolle über den Schließungsgrad ihres Mundes zu haben scheinen. Denn wie wir wissen, die wir uns für unseren Körper interessieren, bietet die Nase eine recht brauchbare Filterfunktion für allerlei Keime, Allergene und anderes Kleinzeug. Aber natürlich nur, wenn man sie auch benützt! Wer das nicht kann, ist mit so einer Maske sicher besser dran. Man würde dann von der anderen Seite im Vorbeigehen keine fremden Zähne und Gaumenzäpfchen sehen, und das wäre auch schön.

Es fällt einem mit diesem neuen, nennen wir’s mal Coronabewusstsein, auch anderes auf:
* Ein Mensch, der hustet, ohne sich irgendwas vorzuhalten – sei es nun ein Ellbogen, den unser Gesundheitsministerium auf der vergeblichen Suche nach dem Begriff „Armbeuge“ zum Reinhusten vorschlug (wurde mittlerweile korrigiert), sei es eine nackte Hand, (oh mein Gott), oder von mir aus bei entsprechend vorhandener Biegsamkeit auch ein Bein.
* Eine Joggerin, die alle 50m auf den Boden spuckt, als gäbe es nicht auch die Möglichkeit, sich seines Speichels zu entledigen, indem man ihn einfach schluckt, so wie der Rest der Welt das großteils seit Jahrhunderten zu tun pflegt.
* Menschen, die „zu nahe“ beisammenstehen. Und das, Herrschaften, wird uns womöglich noch einige Zeit nach dieser Krise beschäftigen, sofern wir sie überleben: Die jetzt per Angstinjektion in uns festgesetzten Nähe-Alarme bei uns selbst und bei der Beobachtung anderer.

Medis per SMS
Habe erstmals per SMS an die Hausärztin meine Rheuma-Medikamente nachbestellt. Ach, das geduldige Schlangestehen vor dem Hausarzt-Schalter, wo ich mich, teils unter immunsuppressiver Therapie, zwischen schneuzenden, röchelnden und hustenden Leuten ja besonders wohlfühle, wenn ich da nur ein Rezept abholen will. Da muss erst eine Pandemie kommen, damit wir uns das ersparen. Jetzt, juchuu: SMS hin, Bestätigung retour, Arzt bestellt direkt in der Apotheke (sogar einen Dreimonats-Vorrat, was bisher für normalsterbliche Kassenpatienten so unmöglich war wie ein MRT-Termin am nächsten Tag).
Zwei Tage später kann man die erwünschten Drogen auch schon abholen, danke, Wiederschaun.

Neues Einkaufserlebnis
Bin mutig und gehe selbst zur Apotheke. (Eigentlich nicht aus Mut, sondern aus einer anderen Pest-oder-Cholera-Überlegung heraus, die ich hier aus Langatmig- und -weiligkeitsgründen nicht darlege.)
Vor Apotheke eine Outdoor-Schlange, also jetzt nicht im Sinne von Boa Constrictor oder hierzulande eher Blindschleiche, sondern eine aus Kunden und -innen. Schon vor einigen Tagen beim Vorbeifahren gesehen – man stellt sich jetzt am Gehsteig vor der Apotheke an, mit 1.5m Mindestabstand zwischen den Wartenden, so will es das Schild im Apothekenfenster.

Stelle mich brav ans Ende der Schlange. Windrichtung aber leider ungünstig, weht aus Richtung der vor mir Wartenden. Halte Luft an. Hüpfe zwischendurch zum Atmen auf die Straße. Ist eh kein Verkehr mehr.
Mit dem behandschuhten und bemundschutzten Apotheker wird nun durch die geschlossene Schiebetür kommuniziert. Der Ware-Geld-Austausch findet jetzt durch die Rezeptklappe statt. Es werden nur Scheine akzeptiert, Bankomatzahlung geht aber auch. Dazu muss man seine Karte hergeben und seinen PIN-Code aufsagen. Datensicherheit einfach nicht mehr relevant. 1,5 Meter sind doch nicht genug. Zahle lieber bar.

Brauche neuen Kühlschrank für den Dreimonatsvorrat.

Herde heißts beim Tier, und auch nicht bei jedem
Wundere mich, dass das Wort „Herdenimmunität“, so zutreffend es auch bei Epidemien sein mag, ohne nennenswerten Widerstand der Political-Correctness-Polizei benutzt wird. Der sprachlich verwandte „Herdentrieb“ ist ja auch ein eher nicht so wertschätzend gebrauchter Begriff. Weil es für den einzelnen Menschen, aber auch für Gruppen ebensolcher nicht schmeichelhaft ist, mit Tieren gleichgesetzt zu werden, umso mehr, wenn es Tiere sind, die dem Mainstream folgen, obwohl sie sich gerne für so speziell halten.

Aber egal – die Idee, die vor allem Johnson in GB zu Beginn des Corona-Ausbruches noch überzeugt vertrat – vielleicht First-Information-Bias seinerseits – ist ja mittlerweile eher wieder vom Tisch, scheint mir. Es geht ja so schnell! Als Natascha Strobl vorgestern auf Twitter schrieb:
„Und wann ist der Konsens von „so wenige Neuinfektionen wie möglich, davor nachforschen und isolieren“ zu „Eigentlich hatte Johnson recht – Herdenimmunität“ gegangen?“
hab ich noch heiter daruntergesetzt:
„Ich meine, nichtmal Johnson glaubt, dass Johnson recht hatte.“
Das gilt mittlerweile eventuell umso mehr, seit Johnson erfahren hat, dass Johnson selbst mit dem Virus infiziert ist.

Währenddessen im Amiland
Schaut man über das größere Wasser nach Westen, wundert man sich über ganz andere Ansagen. Das Agieren des seltsamen Präsidenten seit Ausbruch der Pandemie, das Beschwichtigen und Herunterspielen, als wäre das Virus eine Fliege und die USA wären Chuck Norris; die seines Amtes mehr als nur unwürdigen Ausbrüche vor Presse und Publikum, zB als er gefragt wird, was er den Menschen zu sagen hat, die Angst haben… dabei bleibt mir zusehends die Spucke weg.
Aber da kann man mal sehen, was passiert, wenn einer, der nicht ganz stabil ist, sein Mitgefühl mit Angstbetroffenen kontaktieren soll und dabei unangenehmerweise an seine eigene Angst erinnert wird.

Noch spuckeloser macht es mich aber, dass der seltsame Präsident neuerdings findet, man könnte doch auch mal ein paar (Tausend) Menschen zum Wohle der Wirtschaft über die Klinge springen lassen.
Dazu möchte ich Folgendes anregen:
Wer fordert, dass infizierte Menschen sich und ihr Leben doch gefälligst für die Wirtschaft im Lande opfern sollen, sollte vor allem eines:
Mit gutem Beispiel vorangehen.

Nun noch ein Anekdötchen:
Plausch mit Mutter. Mutter stellt fest, sie sei jetzt erst draufgekommen, welcher Unterschied sprachlich zwischen EPIdemie und PANdemie bestehe.
(Exkurs: epi: „aus der Mitte heraus“, für ein lokal begrenztes Phänomen; „pan“: alle, jeder; für ein länder- und kontintentübergreifendes; „demos“ darin jeweils: Volk)
Sage: „Du bist ja so gscheit!“
Sie: „Geh naaa, dann denk i ma eher: Geh bitte, was habidn bisher gwusst eigentlich?“
Fasse zusammen: „Gö? Kaum is ma gscheiter wordn, hoit ma si aa scho für an Trottl.“

Aber Sokrates konnte ja gar kein Wienerisch. Russisch übrigens auch nicht, ich hingegen kann den angedeuteten Sokrates-Spruch auch auf Russisch zitieren. Das tu ich aber nur mündlich. Klingt auch viel schöner als schriftlich.

Eins meiner Lieblings-Fun-Facts ist ja, dass Sokrates auf Russisch „Sakrat“ heißt, was ein bisschen nach einem despektierlichen Ausdruck für einen Insektenbefall an intimen Körperstellen klingt. All das lernte ich anno dazumal natürlich, wie es sich für ein Kind der 70er gehört, in der legendären ORF-Sendung „Russisch“ mit der strengen Lehrerin mit dem zarten Oberlippenbart. Das Zitat und den Namen lernte ich da. Nicht das mit den Krabbeltierchen natürlich.
Plädiere daher hiermit für die Ausstrahlung von historischen Russisch-Wiederholungen zur lehrreichen Ausgangsbeschränkungsüberbrückung.

Natürlich könnte ich auch mit dem angemessenen Ernst einer Zeitzeugin von der Lage in Österreich berichten, habe ich doch in der letzten Woche meine Zeit großteils mit Sozialpartnervereinbarungen, Kurzarbeitsanträgen und den dazugehörigen Richtlinien und Berechnungen verbracht. Könnte darüber also ausführlich schreiben. Würde die Lektüre dieses Erfahrungsberichtes aber niemandem zumuten wollen. Denn wenn unsere Regierung sagt, dass das ganz unbürokratisch wird, dann meint sie das auch nicht.

Artikel

Corona – zwo

Daheimbleiben – wird das Wetter mitspielen?
Ab morgen, Samstag, wird das Wetter grob umschlagen, und das wird so schmerzhaft, wie es klingt – mit 10 Grad weniger und Regen. Die letzten Tage waren ja wunderbar warm und sonnig. Da fällt es den Menschen natürlich schwerer, die Ausgangsbeschränkungen zu befolgen und zu Hause zu bleiben, wie sie es sollen. Natürlich ist ein Spaziergang „erlaubt“.

Auf Social Media kursieren Fotos von Menschentrauben, die sich scheinbar fröhlich am Donaukanal oder in anderen Erholungsgebieten Wiens tummeln. Ob der empfohlene Sicherheitsabstand von einmal meiner Körpergröße da eingehalten wird, lässt sich schon aufgrund der Perspektive schwer erkennen.
Über diesen Fotos steht oft geschrieben, wie dumm und selbstsüchtig diese Menschen seien, und wie sehr sie andere gefährden. Der/die Fotograf*in selbst ist hingegen nie im Bild, was wohl die eigene Daheimgebliebenheit unterstreichen soll. Eventuell markiert das den Beginn einer plötzlichen Trendwende weg vom Selfie. Wer will sich schon selbst denunzieren?

Als Sonnenmensch freu ich mich natürlich auch über Wärme und Sonnenschein. Man muss aber auch da vorsichtig sein, mir ist nämlich schon passiert, dass das Klimafreunde ärgert, die ihr Engagement mehr im urteilenden Aktivismus sehen. Weil, wie kann man sich bloß über klimawandelbedingtes Wetter freuen? Verwerflich. Habe daher testweise aufgehört, mich darüber zu freuen. In dieser Zeit fiel mir auf, dass es auch dann schön ist, wenn ich mich nicht freue. Seither freue ich mich wieder, erzähle es aber nur noch meinen engsten Vertrauten.

Nur Ältere gefährdet?
Habe einen Artikel in der ZEIT gelesen, in der die Sterbestatistik aufgrund des Coronavirus aus Deutschland besprochen wurde. Darin hieß es, Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Herzkrankheiten seien stärker gefährdet, besonders wenn sie obendrein älter sind.
Und dann stand da der bemerkenswerte Satz: „Wer über 80 war, starb besonders häufig.“ Hoffe dennoch weiterhin, man stirbt nur einmal, oder wenn doch nicht, dann höchstens seltener, und nicht häufig. Ein Freund merkte daraufhin an, dass einmaliges Sterben eventuell zu einer nachfolgenden Immunität gegen das Sterben führe. Die Studien sind sich dazu aber noch nicht einig.

Bei der Rückkehr von einer Hunderunde traf ich die alte Dame aus dem dritten Stock, die gerade mit Mundschutz und Gummihandschuhen im Stiegenhaus zugange war. Aus dem Gespräch ergab sich, dass in Bezug auf den persönlichen Gefährdungsgrad ein gewisses Konkurrenzdenken herrschen dürfte, was sie mir letztlich mitteilte in Form eines: „Owa, Sie! Se san do no net so oid wia i!“
Dann fuhr sie fort, die Lichtschalter und Geländer im Stiegenhaus zu desinfizieren. Habe das zuvor schon andere Nachbarn machen sehen, mit unterschiedlich neuwertig wirkenden Fetzen. Benutze die Lichtschalter jetzt gar nicht mehr.

PS:
Wer lieber richtig informative Links und wissenschaftliche Artikel lesen möchte als meine unernsten Betrachtungen, schaue sich zB bei Felix im Wiener-Alltag-Blog um.

PPS:
Am Land habe ich mehr Möglichkeiten, in die Natur zu gehen, ohne versehentlich eine Traube mit anderen Menschen zu bilden. Bin mir also meiner vorteilhaften Lage bewusst, fühle mich daher eher zur Erleichterung berufen als zum Panikmultiplikator. Poste darum auf Twitter winzige Videos für alle, die gerade nicht in der Natur auftanken können.

Und natürlich Flauschbild(er) von Conny.

Artikel

Corona – eins

Das Corona-Virus geht um.

Wisst ihr, ne? Wir sind nun also fast am Ende der ersten Arbeitswoche unter Ausgangsbeschränkungen angekommen. Ich bin schon etwas länger weitgehend isoliert, weil ich krank war. Und weil ich immunsuppressive Medis gegen Rheuma bekomme (mir verabreiche, um genau zu sein).
Abgesehen von Nahrungsaufnahmeorgien mit meiner Familie zu meinem Geburtstag und mit meinen Freunden ein paar Tage später fanden meine Sozialkontakte schon seit Mitte Februar weitgehend virtuell statt. Also, die Kontakte sind schon echt, nur die Verbindung virtuell.

Home-Office
Arbeite ja nun schon seit Jahren daheim – sowohl angestellt als auch selbständig, in der artgerechten Haltung von Büchern, vulgo Bilanzbuchhaltung. Habe also Vorsprung und könnte auch Tipps geben, wurde aber bisher nicht um ein Interview gebeten. Die anderen, die neuerdings von zu Hause arbeiten, müssen daher ohne meine Hilfe lernen, wie man korrekt zuhause verwahrlost und den Pyjama den ganzen Tag nicht auszieht. Und wie man bei den Hunderunden erfolgreich verbirgt, dass dem so ist. Unterschied zu früher: Bin viel sicherer, dass niemand zu Besuch kommen wird. Hilft nicht.

Was mich daran erinnert, dass back in old Lanzendorf die alte Frau, die wir qua Wohnrecht mit dem Haus „mitgekauft“ hatten, am Treppenabsatz zu erscheinen pflegte, wenn ich am staubsaugen war, um mir dort über das Staubsaugergeräusch die immer selbe laute Frage zu stellen: „Ah, kriagt’s leicht an Besuch?“

Alle zwei Wochen muss ich aber zum Betrieb fahren, um die alten Zettel gegen neue Zettel einzutauschen. Buchhaltung, Sie verstehen. Diese Woche fand das Meeting am Tor statt. Auf meine Ankunft an diesem Tor musste ich zuvor mit Schreien aufmerksam machen, weil ich mein Handy daheim vergessen hatte. Man ist ja gleich so peinlich laut ohne Elektronik!

Man bemerkte mich schließlich, und die Chefin kam kurz darauf samt Hund zum Tor, reckte mir aus großer Entfernung ein Sackerl mit Belegen durch das Gitter entgegen und hustete dann. Sie hat aber auch schon gehustet, als es noch nicht in war.
Chef schrieb mir ein paar Tage später, nachdem ich ihm eine Saldenliste für Februar übermittelt hatte, diese Liste werde wohl künftig für mich leichter – „durch Copy-Paste bei den Erlöskonten“. Galgenhumor, so wichtig!

Systemrelevanz
Es gibt auch schöne Seiten! Die bisher selbstverständlichen Leistungen vieler Mitmenschen sind plötzlich weit weniger selbstverständlich, sondern systemrelevant. Sind es doch sie, die das Werkl am Laufen halten, die sich weiterhin hinauswagen müssen in die virenverseuchte Wirklichkeit, was uns Daheimbleibern höchsten Respekt abringt. Wenn wir nicht gerade damit beschäftigt sind, uns angemessen leid zu tun, weil wir bei schönem Wetter und mitunter sogar neuer Freizeit daheimbleiben müssen.

Es sind übrigens zu einem wesentlichen Teil sogenannte „Frauenberufe“, deren Wahl man Frauen gerne flapsig als Selberschuld ankreidet, wenn sie über Pay Gaps zu reden wagen. Und natürlich sind es auch andere Tätigkeiten durch Männer, Frauen und allem dazwischen, deren gesellschaftliches Ansehen mitunter bisher zu wünschen übrig ließ.

Und ja, möge sich dieser höchste Respekt für die Menschen im Gesundheitswesen, Verkauf, Transport und in der Sicherheit und IT etc. für sie ausgiebig niederschlagen, am besten in Form von Boni, Prämien und permanenten Gehaltserhöhungen, die endlich die reale Relevanz dieser Berufe widerspiegeln. Die jäh aufgekeimte Dankbarkeit ihrer Mitmenschen bringt für sie zwar vielleicht eine gewisse Genugtuung mit sich, aber davon können sich diese Menschen leider auch nix kaufen. Abgesehen davon, dass die Regale derzeit ohnehin leer sind, wenn sie endlich Feierabend haben.

Finster betrachtet ist die neue Wertschätzung ja auch nur ein Zeichen dafür, dass den Irrelevanten die Relevanz dieser Menschen und ihrer Tätigkeit gerade zum ersten Mal bewusst wird. Genießen wir sie trotzdem, solange sie im Vordergrund bleibt, denn was die Bewusstwerdung der eigenen Irrelevanz anrichtet, sehen wir seit Jahren an nationalistischen Denkfluchtpunkten in der ganzen Welt.

Gestern hörte ich eine Nachbarin – gegenüber um die Ecke, wo ich nicht hinsehe – von ihrem Balkon rufen, als die Müllabfuhr kam. Sie bedankte sich freundlich bei dem Herrn, der den Mülleimer umherrollte. Stelle mir gerne vor, dass sie dazu auch einen Geldschein aus ihrer nackten Hand herunterflattern ließ, den der freilich wohlinformierte Herr aus dem orangen Lkw allerdings gleich mit entsorgte.

Möge euch der Humor nicht ausgehen, denn es ist auch mit Humor noch schwer genug!

Fortsetzung folgt.