Corona – neun .. Eure Erzählung ist Bullshit

Dieser Artikel ist Teil 9 von 9 in der Serie "Corona" ...

Infolge technischer Zores und persönlicher Unsicherheit landeten die folgenden Absätze aus den letzten Wochen nur in meiner persönlichen Schublade.
Daher, hier nun, bittesehr: lang und breit, und ein bisserl grantig.

Es fuckt mich an, dass viele Leute so sorglos sind wie Anfang März. Dass sich kaum mehr jemand mehr drum schert, was aus den anderen wird.
Warum ist Abstandhalten nun wieder nur Sache derer, die Abstand wollen? Abstand wär doch auch für normale Zeiten kein Fehler. Dabei könnte man lernen, dass die eigene Planroute nicht das einzige auf der Welt ist, was zählt.

Von dem vielen Bullshit, den Fake-News und dem Verschwörungsgeschwurbel, das da draußen unterwegs ist, ganz zu schweigen. Corona-Demos, meine Fresse. Na genau: “Demonstrier ma gengan Virus, des bringt sicher was.” Ein paar glauben sich auch in einer von langer Hand geplanten Diktatur wiedergefunden zu haben – wundern sich aber nicht, dass sie das laut sagen können und gleichzeitig immer noch am Leben und frei sein. So selbstverständlich ist ihnen die Demokratie und ihre Redefreiheit.

Andere sind einfach nicht mehr willens, sich irgendeiner “unsichtbaren” Gefahr zu beugen, weil: es is jo nix passiert. Wir haben Sonnencreme benutzt, viele haben dann tatsächlich keinen Sonnenbrand gekriegt – und von denen ist sich gefühlt die Hälfte jetzt sicher, dass die Sonne so gefährlich gar nicht sein kann, weil wir ja keinen Sonnenbrand gekriegt haben; und dass daher die Sonnencreme gar nicht nötig war.
(Dank für diese schöne Metapher gebührt René Wilke, dem Oberbürgermeister von Frankfurt/Oder. Hier die Rede, aus der sie stammt, zum Nachhören.)
Man nennt das Vorsorge- oder Präventionsparadox: Die Maßnahmen scheinen im Nachhinein ihre eigene Unnötigkeit zu beweisen, weil sie gewirkt haben.

Es ist genug passiert, tausende Menschen sind gestorben – was brauchen wir noch zur Befriedigung unserer Geilheit auf Katastrophe und Eskalation? Videos auf Youtube in großer Zahl, die in ihrer medialen Allgegenwart am Nabel des Geschehens das alles auch beweisen? Mindestens drei Tote in unserem engsten Umfeld, von denen jeder einzelne durch die Straßen getragen wird? Was??

Verdanken tun wir diese Spaltung und die Alternativrouten beim Denken auch der Angstmache des Hl. Sebastian Ende März. Und dem Kontrast zum jetzt bemerkenswert ungerührten Umgang mit den “Lockerungen”. Das ist wie bei “Peter und der Wolf”: “Das gar Schröckliche, vor dem er so gewarnt hat – dass wir bald jeder jemanden kennen werden, der an Corona gestorben ist – das ist gar nicht eingetreten! Er muss gelogen haben. [Das hat mir Angst gemacht, und jetzt bin ich sauer und will nicht mehr brav sein.] Und ein bisserl enttäuscht bin ich auch von der ausgebliebenen Katastrophe. ” Und dann?

Es fuckt mich schon an, wenn Politiker kaum über das Ende ihrer aktuellen Legislaturperiode hinausdenken wollen. Das verhindert jede zukunftswirksame, weitsichtige Politik. Wenn aber einer nichtmal eine Woche oder zwei vorausdenken will, was seine Strategie in weiterer Folge anrichtet, sondern nur eine Art der Verkündung kennt, nur eine Art zu erreichen, was er will, nämlich Manipulation – da setzts bei mir aus. Können rechte Populisten einfach nix anderes, oder was ist da?

Manipulation heißt, man zieht gar nicht erst in Betracht, dass man mit Offenheit auch etwas erreichen könnte. Mit Transparenz und Information, die deutlich sichtbar aus einer umfassenden Informiertheit entspringt, deren Quellen auch genannt werden. Einzuräumen, dass man verschiedene Dinge einfach noch nicht sicher weiß; aber wir wissen A, B und C und müssen daher davon ausgehen, dass wir diese Maßnahmen unbedingt brauchen.
Es kamen ständig Bilder aus Italien, da musste man keine zusätzlichen Schreckensszenarien malen.

Aber all das beinhaltet freilich eine gewisse Komplexität – und alles, was der Verkünder nicht in drei Punkten darstellen kann, ist im Glaube der Vereinfacher dem Volk nicht vermittelbar.
Wir werden also für deppert gehalten, für unvernünftige, denkunfähige Emotionsbündel aus Fleisch, die man am besten bei der Angst packt – und zwar nur dort.

Apropos Bullshit: Mich fuckt an, dass die neoliberale Erzählung von den (superen) Starken und den (verachtenswerten) Schwachen sich schon dermaßen in allerlei Hirne eingebrannt hat. Diese Erzählung hält dem Kontakt zu den eigenen Gefühlen ein Verbotsschild hin, weil sie ein toxisch-männliches Ideal transportiert und am Leben erhält, das da lautet: “Bloß keine Gefühle spüren. Jeder Kontakt mit ihnen macht schwach. Aber wir müssen stark bleiben!”

Die Erzählung besteht weiterhin darauf, dass “emotional” nichts Gutes bedeuten würde und stets beinhalten würde, dass das Denken dann abgeschaltet wäre. Als wären eigene Gefühle etwas, dem man Widerstand leisten müsste. Dem ist nicht so, im Gegenteil – wer keinen Kontakt zu seinen Gefühlen hat, ist ein leichteres Opfer seiner Gefühle. Weil er sie nicht kennt und nicht wiedererkennt, obwohl sie zu ihm gehören.
Und daher auch gar nicht merkt, wenn er dort gepackt wird.

Mich fuckt auch an, dass die Medien aufgrund der reinen Dringlichkeit und der offenbar fehlenden Vernetzung alles dermaßen unhinterfragt transportiert haben. Da hab ich schon vor drei Wochen dagegen angeschrieben, dass da gerade Angst und spaltende Feindbilder ins Volk eingearbeitet werden, die uns eventuell noch auf den Kopf fallen werden. (Und fühlte mich damit so allein auf weiter Flur. Die eine oder andere Redaktion hat eventuell eine Rechtsabteilung. Ich nicht.)

Aber ich sags gern nochmal: Wenn man Menschen beigebracht hat, die anderen als ~GeFäHrDeR~ wahrzunehmen, wie will man sie danach noch dazu bringen, genau diese anderen zu schützen? Die Geschichte geht einfach vorn und hinten nicht auf.

Mit der Angstmache hat man nicht nur dem Volk ein Dummheitszeugnis ausgestellt: “Sie verstehens ja sonst nicht und tun dann nicht, was wir ihnen sagen”. Sondern mit Sicherheit auch viele Leute den Geschichtenerzähler:inneN in die Arme getrieben, die eine andere, freundlichere, aber erfundene Wirklichkeit verkünden.
“Na Hauptsache, jetzt sind sie wieder unbekümmert, die Schäfchen – irgendwer wird die Aufgabe schon übernommen haben.”? Und wenn die nächste Welle kommt, was tun wir dann? Wieder “Der Wolf ist da!” schreien? “Diesmal aber echt!”?

Nun gehen wir langsam zu Lockerungen über, und was passiert als erstes? Es wird kein Abstand mehr gehalten. Ausgerechnet die eine Maßnahme, die anscheinend wirklich den meisten Sinn gegen die Ausbreitung von Covid-19 hätte. Is aber wuascht! Warum? “Die anderen sind sowieso nur ~GeFäHrDeR~! Was kann ich dafür, dass die alle krank sein könnten – vermutlich sind sie halt schwach. Und dass sie sich angesteckt haben, auch selber schuld. ICH bin SICHER nicht krank, weil ICH STARK! Uga! Uga!”

Die Maske tragen diese Leute im Supermarkt wohl nur, weil sie ohne nicht reindürfen. Aber meinen Abstand muss ich mir selber schaffen, und zwar ich allein. Das ist mit viel Defensive und Wartezeiten verbunden. Wer schneller ist oder einfach seine Route eisern geht, der gewinnt (= der Stärkere! Und vermutlich noch stolz drauf), und der ist vorher im Gang, an der Reihe, am Regal, an der Kassa. Von Rücksicht oder Verteilung der Last keine Spur mehr.

Wer wird dennoch am meisten Abstand halten? Das Menschlein aus der Risikogruppe. “Solls eben in Kauf nehmen, dass es später drankommt, schließlich gehts ja um SEINE Gesundheit”? Ja, ist schon klar. Ist dann halt scheiße.

Die Erzählung von Stark und Schwach hat auch dafür gesorgt, dass es – nach dem initialen, aber kurzen Alle-im-selben-Boot-Überschwang im März – vielen jetzt legitim erscheint, zur Diskussion überzugehen, welches Leben lebenswert sein könnte und welches vorzeitig beendbar scheint. Den Schwachen loszuwerden. Und ihn bis dahin zu zwingen, den Anteil der Verantwortung, den sie selbst nach kurzer Zeit schon nicht mehr tragen wollen, gleich mitzuübernehmen. Denn nichts anderes ist ein “Wenn er Abstand haben will, dann soll er eben welchen halten. Mir is wuascht.” Irgendwas stimmt da nicht an der Verteilung, oder?

Dabei liegt auf der Hand: Rücksicht ist keine Einbahnstraße. Fairness ist etwas, das Gesunden genauso zusteht wie Kranken, Alten genauso wie Jungen.

Der Teil der erwähnten Erzählung vom “Einzahlen in das System” und von den “Leistungsträgern” (und, unausgesprochen, den anderen, den Owezahrern, den Kranken und Schwachen, den ~Unwilligen~) ist ein neoliberales Horrormärchen, das das Denken auf Schwarz und Weiß zusammenstaucht. Es soll eine Gerechtigkeit vortäuschen, in der jeder vorgeblich das kriegt, was er “verdient”.

Und es soll das dummstolze Herabschauen auf die langsameren Leistungshamster einfacher machen, ein Feelgood generieren, während uns die Erzähler unterm Arsch den Sozialstaat wegtragen. Ein Märchen, das uns Fairness (und womöglich gar Solidarität selbst?) als einen Tauschhandel verkaufen wollte, bei dem nur leistungsstarke “Einzahler” mitspielen und profitieren dürfen und alle anderen auf der Strecke bleiben – und das auch noch zurecht.

(Hier einer meiner früheren Artikel über die Auswüchse des Leistungsgedankens.)

Das ist kompletter Unsinn, gerade wenns um Solidarität geht. Solidarität ist, wenn die Stärkeren für die Schwächeren sorgen, und alle das ihnen Mögliche geben, damit alle gut leben können. Es ist Egoismus, wenn die Stärkeren auf die draufsteigen, die eh schon am Boden liegen, weil sie so schneller nach oben kommen – diese begehrte Richtung im dazuerfundenen gesellschaftlichen Raum, die Leistungsbeweis und Erfolg verheißen soll.
Aber nicht gleich als Covid-Engerl auf ein Wolkerl, so weit nach oben dann auch wieder nicht, gell?

Die vielen Menschen, die vom toxischen Starksein Depressionen oder Burn-Out kriegen – deren Flug “nach oben” ist freilich vorbei. Der Stempel “schwach” wird ihnen aufgedrückt, sie werden von der Gesellschaft aussortiert und unsichtbar gemacht. Es fällt unter den Tisch, dass diese vermeintliche “Schwäche” mitunter von genau diesem Starksein-Müssen erzeugt wird. Wobei Gefühle weggedrückt und schwachen Momenten oder Phasen keinerlei Platz mehr im Leben eingeräumt werden. Weil das positive Selbstbild mit einer munteren Leistungsfähigkeit steht und fällt. Es fällt auch unter den Tisch, dass unterdrückte Energien sich immer ihren Weg bahnen, auf die eine oder andere Weise.

Das neoliberale Stark-Schwach-Märchen geht in dieser teils paradoxen Situation einfach nicht mehr so richtig auf. Und alle purzeln jetzt wild durcheinander und kennen sich nicht aus. Vielleicht weil offenbar wird, wie sehr die Erzählung einfach nicht mehr zur Wirklichkeit passen will, oder zu extrem unethischen Folgerungen führt. Die Erzählung sortiert Menschen direkt aus, die wir kennen – das war vor Corona nicht ganz so klar sichtbar. Menschen, die doch gerade noch einen Job hatten. Die doch gerade noch eine Firma hatten. Denens doch gerade noch so gut ging. Da muss man schon viel geistige Energie aufwenden, um das wieder auszublenden und die Schwachen weiterhin für verzichtbar zu halten. Wenns plötzlich nicht nur irgendwelche ScHwÄcHlinGe betrifft, sondern Menschen, die man persönlich kennt.

Es sind nicht alle zu gleichen Leistungen befähigt, mit gleicher Gesundheit beschenkt, mit gleichen Bildungschancen geboren – und das ist auch keine reine Frage des Willens und des Schmiedens von eigenem Glück. Eher schwer entrinnbare Ausgangssituationen in Stark und Schwach einzuteilen, statt sie als gegebene Ungerechtigkeit zu benennen und dagegen anzugehen, ist typisch für diese durch und durch zynische Erzählung.
Wer aus seiner finanziell sicheren und körperlich gesunden oder privatärztlich betreuten Position immer noch glaubt, dass doch jede:r alles erreichen kann, wenn sie:er nur will; dass er gesund bleiben kann, wenn er nur will – dass wir “stärker sind als das Virus”, wie man in den USA verkündet hat, damit die Leute die Wirtschaft nicht am Virus verrecken lassen – der hat echt ein paar schimmlige Flecken auf seiner Landkarte der Privilegien.

Kompromisse sind immer leichter umsetzbar für die, die mehr haben, als für die, die von ihrem wenigen noch was abgeben sollen. Das weiß jeder in seinem Bauchgefühl. Mich fuckt an, dass der traditionelle Hass der Konservativen auf die Sozialdemokratie jeden noch so kleinen Seitenhieb nutzt, der sich bietet. Mit der Verkündung, ab 1. Mai dürfe wieder gearbeitet werden, als hätte es die Arbeiterbewegung nie gegeben. Mit den neuen Verordnungen erst spätabends vor dem Feiertag rausrücken, damit am 1. Mai ja nicht gefeiert werden kann, wenn schon nicht gearbeitet wird.

Diese Gehässigkeit entspringt einem Elitedenken, das diejenigen zum Feind erklärt hat, die seinerzeit für ihre Hackn auch was vom Kuchen abhaben wollten – und dafür, dass sie das wollten und weiterhin wollen, hassen sie sie auch heute noch. Ein ererbter, gefühlter Anspruch auf Geburtsrechte, Hierarchien und “gottgegebene” Verhältnisse, die legitimieren sollen, dass es wohl “von Natur aus” wertvollere und weniger wertvolle Menschen geben würde. Welche, denen nix gehört, und welche, denen alles gehört – sogar die, die nix haben. Aus Ressourcen, die ursprünglich niemandem gehörten, bis jemand sie qua I-Bims-der-Herzog beansprucht hat, und sie von gnadenlos ausgebeuteten Arbeitskräften nutzbar und profitabel machen ließ – und dann vererbte. Das ist die Attitüde, die bemäntelt in der Erzählung steckt, es wäre für jeden alles erreichbar.

Der Hass lebt aber weiter, aus einem wohl unerkannten Gefühl heraus, dass einem was von diesem Anspruch weggenommen werden soll. Er bildet offenbar die stärkere “Tradition” als jede christliche Freigiebigkeit, Nächstenliebe oder Bereitschaft, das Vorhandene zu teilen. Natürlich auch nicht mit jenen, die tatsächlich “etwas erreichen wollen”. Auf die wird vorzugsweise “runter”getreten, damit sie einem nix streitig machen. Klassenkampf at its best.

Mir ist zu viel Scheinheiligkeit und Gier und Ignoranz für fremde Wirklichkeiten auf der Welt, in einem Maß, das ich kaum mehr aushalten kann, und zu wenig Lebenlassen, zu wenig Echtheit und Fairness (und vieles mehr).

Und dann sitzen da Leute in einer Regierung, die ernsthaft die Abschaffung der Schaumweinsteuer für ein geeignetes Instrument halten, um der Gastronomie den Arsch zu retten. Da herrscht eine Volksfremdheit und eine freche Selbstverständlichkeit an elitären Lebenswirklichkeiten, die ich unpackbar zynisch finde. Das muss man sich mal trauen bei 550k Arbeitslosen Mitte Mai, die sich in diesem Moment überlegen, was sie dieses Monat noch an Lebensmitteln kaufen können und wie sie sich auch noch darauf konzentrieren sollen, Abstand einzuhalten. “Rettet die Gastro! Gehet hin und saufet Sekt!”

Die Risikogruppe wartet Mitte Mai immer noch auf das angebliche Schreiben für ihr Recht auf Home-Office oder Dienstfreistellung, das sie danach freilich noch vom Arzt begründen lassen müsste, während sie seit 1. Mai (oder so) wieder arbeiten geht. So kümmert man sich um die “Schwachen”, na danke.

Derweil präsentiert uns der Kanzler seine Jupiter-Attitüde im Kleinwalsertal und macht dort den potentiellen Superspreader in der “neuen Normalität”. Und erklärt uns hinterher ganz errötet, die aNdErEn hätten Abstand halten müssen. Was für ein Vorbild!
Je heftiger dort rumgewedelt wird, umso mehr gibts für gewöhnlich da, wovon abgelenkt werden soll.

Indessen wird ein Wirtschaftspaket von 38 Milliarden (Euro, net Lire) irgendwo entschnürt, von dem man nur von einem Bruchteil erfährt oder errechnen kann, was damit konkret passiert und wer darüber entscheidet.

Zu den Kriterien des Härtefallfonds will ich mich nicht auch noch ausgiebig auslassen, nur soviel scheint klar: Verzichtbar sind für die Großkonzern-Politik die kleinen Unternehmen, noch dazu die, die im Vorjahr einen Verlust hatten (aber schon bitte nur diese eine Einkunftsquelle) – tragen eh nix bei, können weg. Eine “Reinigungskraft” würde die Krise auf die Wirtschaft ausüben, hat uns der Notenbank-Chef Holzmann erklärt. Allerdings sagte er auch: “Die Aufgabe der Regierungen besteht ja genau darin, das [Pleiten und Jobverluste] zu verhindern, indem sie Liquidität und Einkommensersatz sicherstellen.” Aber freilich nur bei denen, die “sowieso überlebt hätten”. Na gut, dass das nur ein bisserl paradox ist.

Wer nicht schon am Hungertuch nagt, kriegt irgendwelche € 59,20. Die anderen ein paar Peanuts mehr. Und damit sollen dann Insolvenzen vermieden werden?
Dabei wird uns in den Nachrichten die Anzahl der bereits bearbeiteten Anträge bekanntgegeben – der ganze Beamtenstolz: wieviele hab ich abgearbeitet? – statt (zusätzlich) die Summe der bislang ausgezahlten Gelder, zum Selber-Dividieren. Hallo Transparenz?

Das Kurzarbeits-Budget ist separat von diesen Milliarden, iirc. Die paar Millionen Familienhilfe sowieso. Maximal 6k€ gibts pro Nase aus dem Härtefallfonds. Bei von mir aus 400.000 EPU und Gesellschaftern von KGs uä (von denen kaum jede:r einzelne die Kriterien erfüllt haben dürfte) ergibt das zweieinhalb Milliarden, aber sollens fünf Milliarden sein, bin da nicht kleinlich.

Und wo ist der Rest? Wo konkret kann wer konkret den beantragen, und wie? Mit drahtloser Liebe zu jemandem, der wen kennt? Wer kriegt die “restlichen” 32 Milliarden? Hallo Transparenz? Ist ja nicht so, als hätten die Herren mit den Masken hinter den Plexischeiben das Geld aus ihren privaten (haha) Taschen in dieses Paket eingezahlt.

Andere Schwäche-Story: Wenn die Grünen in der Koalition plötzlich bei Themen umfallen, die sie vorher, vor der Koalition oder auch nur vor ein paar Tagen, noch vehement vertraten (Vermögensteuer, oder auch das Recht für Schwule, Blut zu spenden), dann sind die Grünen offenbar “jetzt auch nicht mehr wählbar”.

Niemand erzählt uns, wie es konkret dazu gekommen ist, und es fragt auch niemand danach. Es wird einfach angenommen, analog zur neoliberalen Erzählung, sie hätten eh gekonnt, wenn sie es nur genug gewollt hätten – aber sie wollten sich einfach nicht durchsetzen. Zu schwach halt. Niemand erzählt uns, wie es kommt, dass eine Partei nach der anderen in einer sogenannten “Partnerschaft” verheizt und entseelt wird und immer so “schmutzig” dasteht, dass man ihr danach per beliebigem Narrativ ihre Wähler abkaufen kann. Und freilich als der Stärkere aus der Story hervorgeht.
Da werden Dinge hinter verschlossenen Türen ausgeschnapst, die mit ein bisschen Fantasie alles beinhalten könnten, und keiner weiß es.
Um unser Geld. Hallo, Transparenz?

Detto bei den Maßnahmen zur Pandemie – in anderen Ländern stehen Experten und Expertinnen vor den Mikrofonen. Oder eine Naturwissenschaftlerin in einem hohen staatlichen Amt. Bei uns wird von oben herab regiert, als wären wir noch im Kaiserreich, und uns hinterher reingedrückt, wie super der Saubermann das alles gecheckt hat, während hinter dem Vorhang reihenweise die Betriebe verrecken.

Man kann mit den Maßnahmen grundsätzlich (weitgehend) einverstanden sein und trotzdem die Art der Verkündung und die verschlossenen Türen scheiße finden.
Und die der öffentlichen Wahrnehmung verkaufte Idealverteilung von staatlichen Hilfen in Zweifel ziehen.
Nehmt das, ihr Freunde und -innen der zwei Schubladen! Wenn’s nach mir ginge, gäbs in einer Demokratie überhaupt keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Angesichts der unverhohlenen Lobby-Bedienung und der Korruptionsvorwürfe, die wie Schwammerln aus dem Sumpf schießen, bekommt es einen geradezu absurden Touch, wenn die Regierung sich bemüht, an unsere Daten heranzukommen, uns zu überwachen und zu erfahren, was wir tun, wo wir sind, mit wem wir reden. Nach dem Motto “Wer nichts zu verbergen hat…” Es müsste umgekehrt sein – die Regierung gehört überwacht. Oder hat sie etwa was zu verbergen?

Aber vielleicht sind ja der Vernünftigen wirklich zu wenige in diesem Land. Derer, die Zusammenhänge und Maßnahmen besser annehmen, wenn man sie ihnen begründet und die Grundlagen dieser Maßnahmen offenlegt, und auch die Daten und Zahlen für vernünftige Studien. Vielleicht sind die eine Minderheit, okay.
Vielleicht ist es dann auch wirklich so, dass man alle anderen nur mit Emotionen regieren kann. (So wie man sie ja auch zum Kreuzerlmachen bringt.)

Dazu muss man allerdings erstmal alle in einen Topf werfen – Aufschrift: “Deppen”. Die Vernünftigen könnten das schonmal übelnehmen. Sich also weiterhin drauf zu verlassen, dass die vereinzelten Vernünftigen sowieso weiterhin vernünftig agieren werden, weil sie ja vernünftig sind, ist danach schonmal gewagt, wenn die jetzt übelgelaunt sind.

Wer nach dieser Logik aber ausgerechnet die verbleibenden mutmaßlich unvernünftigen Menschen gezielt in einen Zustand der Angst versetzt, um ihr Verhalten kurzfristig zu beeinflussen, der muss schon echt wo angrennt sein – oder aber über Wissen darüber verfügen, wie diese Angst-Menschen in weiterer Folge auf bestimmte Situationen reagieren werden, und wie sie wieder einzubremsen wären. Und zwar, bevor er diese Mittel einsetzt, deren spätere Konsequenzen er anderenfalls gar nicht abschätzen kann.
Ist ein bisschen wie mit genmanipuliertem Saatgut, nur schiacher und mit mehr Schreierei.

Klar wenden die derart Manipulierten sich dann lieber jemandem zu, der die unbearbeiteten Gefühle beruhigt, wenn seine Geschichte lautet, das mit diesem Virus wär alles total übertrieben. Und das brauchen gerade die Menschen, die ihre Angst und Verunsicherung NICHT spüren! Ebensowenig wie ihr Gefühl von Kontrollverlust. Auch ersponnene, falsche Sicherheit ist (bei mangelndem oder fehlendem Nachspüren) eine Art Sicherheit.
Selbst eine große Verschwörung zur Unterjochung des Volkes (oder wozu auch immer) gibt Kontrolle zurück, auch wenns ein ähnlich bedrohliches Szenario zu sein scheint – es ist eines, gegen das man kämpfen kann! Auf die Straße gehen! Empört sein! Was tun. Versus nix tun und dabei auch noch mit seinen Gefühlen konfrontiert sein.

Wer Kontakt zu den eigenen Gefühlen hat, die Angst und die Verunsicherung in sich spürt, findet das Gefühl zwar auch nicht grad toll, stellt aber zumindest fest: Oh, ich spür da was. Ich fühl mich unsicher und hab Angst. Das ist vermutlich okay so und auch der Situation angemessen. Was will mir das sagen? Was kann ich damit am besten machen? Ich werd mich erstmal umfassend informieren und danach nach bestem Wissen mich und meine Lieben schützen. Vielleicht fallen mir auch ein paar Self-Care-Maßnahmen ein, die mein inneres Gefühl etwas stabilisieren.
(Dazu vielleicht beim nächsten Mal mehr.)

Sofern man natürlich überhaupt zulässt zu spüren und auch zu akzeptieren, was man spürt; dass man Angst hat. Klar ist das nicht angenehm. Aber hat man sich mal angewöhnt, Angst und “schlechte” Gefühle jedesmal wegzuschieben – weil Angst einfach “nicht geht” für “starke” Menschen – dann ist man gezwungen, das Ungespürte auszuagieren. Und das ist auch nicht angenehm, besonders wenn man es nichtmal merkt. Nicht angenehm für das Umfeld, und nicht für einen selbst.

Dann sucht man andere Wege: Hektische Betriebsamkeit. Arbeitswut. Jede Minute der “geschenkten Zeit” anderweitig sinnvoll nutzen, sofern man denn geschenkte Zeit hat. Wohnung umbauen. Aussortieren. Shoppen. Damit man ja nicht zum Nachdenken kommt, das sich womöglich in ein Nachspüren verwandeln könnte. Aggressiv werden.
Oder eben jemandem glauben, der eine sicherheitsträchtigere Erzählung anbietet. Und damit alles aufs Spiel setzen, was wir mit Disziplin und Solidarität bisher erreicht haben.

Will sagen: Die Angstmache war komplett kontraproduktiv. Angst und Verunsicherung kommen schon von ganz alleine, wir sind nämlich Menschen und keine PK-Maschinen. Da musste der Kanzler wirklich nicht auch noch zusätzlich eins draufsetzen, damit alle möglichst schnell zu ihrem gschissensten Daseinsgefühl finden… in dem die stumpfsinnige Erzählung von Stark und Schwach samt ihrer toxischen Gefühlsabwehr plötzlich keinerlei Trost, Strategie oder Perspektive mehr bietet.

Klug und vorausschauend wäre: Sicherheit vermitteln, Bewusstsein schaffen durch Transparenz und Aufklärung – zur vernünftigen Einschätzung der Gefahr. Der Demokratie auch unter Zeitdruck zumindest ein wenig Raum lassen für Diskurs und Mitsprache und Nachfragen. Für große Fragen der Verteilungsgerechtigkeit. Der Gesetzgebung. Vielleicht auch ein bisserl an die Seelen der Menschen denken.
Und dann Maßnahmen so setzen und lockern, dass viele Menschen sie auch beim nächsten Mal noch mittragen, weil sie sich nicht schon beim letzten Mal verarscht gefühlt haben von Intransparenz, Zynismus bei der Almosenverteilung, Selbstverliebtheit und Jupiter-Gehabe vor den Rindviechern des Volkes.

Die neoliberale Erzählung hat viele Facetten, die uns als Menschen schaden:
Stark oder schwach.
Wir oder die anderen.
Oben oder unten.
Leistungsfähig und lebenswert oder unwillig und unnütz.
Einzelkämpfer oder Luschen.
Männer oder Frauen.
Sauber oder schmutzig.

Sie schwächt die Menschen und nützt nur denen, die längst schon genug haben. Alle anderen werden gegen sich selber ausgespielt. Dazu angetrieben, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich anzustrengen für ein Möhrchen, das immer knapp vor ihrer Nase baumeln wird, während der Rest sich die Milliarden aufteilt. Die Schere, die die Gesellschaft jetzt schon massiv beeinträchtigt, wird davon immer größer. Und wenn’s hart auf hart kommt, sind die “Kleinen” und “Schwachen” verzichtbar, das sehen wir jetzt sehr deutlich. “Leistung muss sich wieder lohnen” heißt eigentlich: “Nichtleistung darf sich nicht mehr lohnen” und soll den Hass auf die schüren, die vermeintlich auf der faulen Haut liegen, aber tatsächlich vielleicht einfach nicht mehr stark sein können oder das nie konnten.

Während die, die einen hübschen Starterbonus geerbt haben, weiterhin voll Stolz erzählen, sie hätten sich alles selbst erarbeitet, und auch fest daran glauben. Und daran, dass auch anderen deshalb keine Hilfe zustehen würde.

Das muss aufhören. Wir müssen wach werden und unsere Vielfalt wieder schätzen, unsere angeblichen “Schwächen” anerkennen und akzeptieren lernen, solange noch etwas davon übrig ist. Den Wert jedes Menschen anerkennen, ganz unabhängig von dem, was er leisten kann. Unsere Kaufkraft und Stimmkraft dorthin zurückbringen, wo sie diese Vielfalt stützen, und nicht ein paar wenige Konzerne und Großkopferte damit weiterfüttern, bis wir uns selbst in ihrem Sinne abgeschafft haben.

Und das, bevor alles privatisiert ist und Sozialstaat und Solidarität mit einer letzten uneleganten Drehung im Abfluss verschwinden.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Corona".<< Zum vorigen Teil: "Corona – acht .. Alles Trotteln, außer ich"

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In den Neunzigern gab es eine Zeit, da hab ich gehofft, dass der Umstand, dass Leistung, Erfolg, Bedeutung und Wert absolut nichts mit dem Kontostand zu tun haben, sich herum spricht. Aber da hat die Sozialdemokratie sofort gekreißt und ihre eigenen Totengräber in Form von Blair, Schröder, Klima usw geboren. Seither feiert das neoliberale Pyramidenspiel alljährlich ihren Sieg über den Verstand.
    Die Gehirngewaschenen feiern sich als Sieger, wenn es ihnen gelingt ihren Nachbarn ein Stück schimmliges Brot, das vom Tisch der wahren Sieger gefallen ist, aus der Hand zu reißen und tragen das grün schillernde und schon stinkende Ding als die Standarte ihrer Dummheit.

    Antworten

  2. Deine Grantigkeit ist ganz prima und verständlich, bei Euch ist anscheinend irgendwie immer noch die Untertanenmentalität der KundK-Monarchie vorhanden, oder liege ich da total falsch? Bekomme ich doch über Dich einen Einblick in was in Österreich so läuft und wie die Stimmung so ist. Ich bin zwar auf dem rechten Auge nicht blind, denn Deutschland ist ja auch keine Insel der Seligen und die Konservativen und Neoliberalen verbreiten auch hier ihre Philosophie von der quasi natürlichen Ordnung der leistungsstarken Sytemerhalter und der Schwachen, die immer nur die Hand aufhalten und selber Schuld sind, aber der sozialdemokratische Geist weht hier stärker durchs Land als bei Euch. Hoffen wir mal, dass der Sozialdemokrat Olaf Scholz unser nächster Kanzler wird, das wäre fein, wenn es schon der grüne Habeck nicht wird. Und unsere Angela hat alles in allem einen sehr guten Job gemacht, auch wenn sie den Christdemokraten angehört.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Ja, ich bin damit einverstanden, dass meine Daten gespeichert und mein Kommentar mit Name veröffentlicht wird. Die Datenschutzerklärung nehme ich zur Kenntnis.