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Gedanken zu Demokratie und Verfügbarkeit

Die Demokratie hat einen Schwachpunkt: Sie ist kompromissbereit.
Sie ist daher prinzipiell von beliebiger Seite beeinflussbar und bewegbar. Zumindest ein wenig. An dieser Stelle können allerlei Hebel angesetzt werden – auch undemokratische.

Etosha liest vor :) Artikel anhören:

      Gedanken zu Demokratie und Verfügbarkeit - von Etoshas Pfanne

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Diese Plastizität ist aber gleichzeitig ihre größte Stärke. Nur mit demokratischen Kompromissen können die Bedürfnisse vieler verschiedener Menschen ausreichend befriedigt werden. Statt nur die Bedürfnisse einer Mehrheit. Oder die Gier der Mächtigsten.

Um diese Stärke auch ausspielen zu können, braucht die Demokratie allerdings ein Volk aus Menschen, die diesen Widerspruch, diese Ambiguität auch aushalten. Und die die Zeit aushalten, bis sich die Rädchen der Institutionen an die richtige Stelle drehen.

Geben und Nehmen und der Anspruch auf Verfügbarkeit

Demokratie liefert Kompromisse. Sie fordert dafür von den Menschen Geduld, Toleranz und Vertrauen.

Und ich meine beileibe nicht, man möge sich in eine passive Haltung begeben und einfach nur geduldig vertrauen und alles tolerieren. Natürlich kann man sich für seine Ziele starkmachen! Aber die Ansprüche sollten daran bemessen sein, wie groß die eigene Bereitschaft ist, die nötigen Qualitäten zu entwickeln und sich einzusetzen.

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Konflikt ja aber

Noch eine Forderung nach einem Schulfach für wichtige Fähigkeiten – ich weiß schon, die braucht niemand. Aber hey: Wir lernen nicht, wie man Konflikte löst!

Wir lernen nicht, wie man Konflikte löst. Weder innere noch äußere. Wir schaffen es oft nicht einmal im Kleinen, den Frieden und die Gemeinschaft zu behüten:
Uns um unsere eigenen Gefühle zu kümmern, sodass wir sie nicht unbesehen an anderen auslassen.
Uns für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zuständig zu fühlen und dort den Raum frei zu halten von Altlasten, Unausgesprochenem, Leid und Ressentiment.
Authentisch zu kommunizieren, unsere Grenzen an der richtigen Stelle zu setzen und diese umgekehrt auch zu respektieren.
Wir schaffen es nicht, einander so anzunehmen, wie wir sind, und trotzdem besser werden zu wollen.

Wir können nicht unter einem Dach leben, ohne dass der Respekt voreinander verloren geht.
Und als Frau in diesem Land dürfen sich manche noch nichtmal von jemandem trennen, ohne dafür ermordet zu werden.

Und dann sehen wir uns einem weltpolitischen Konflikt gegenüber und wundern uns, warum bloß kein Frieden auf der Welt herrschen kann?

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Sinnlose Gewalt ist sinnlos

Es ist verständlich, dass wir es im Kopf nicht aushalten, wenn Menschen anderen Menschen Gewalt antun. Dass wir Tatsachen abwehren. Überhaupt ist Akzeptanz eine der schwierigsten Übungen im menschlichen Geist. Aber…

Wenn wir nach Gründen suchen, den Gründen für Gewalt, dann sollten wir das tun, um die Welt zu begreifen und unsere Sicht auf sie gegebenenfalls der Realität anzupassen. Und nicht umgekehrt. Man hüte sich vor Abkürzungen mit egoistischen Straßennamen: Die Suche nach Gründen sollte nicht dazu dienen, dass wir uns selbst in falscher Sicherheit wiegen und dabei unsere Sicht nicht verändern müssen.

Gewalt ist nicht relativ

Wir kennen das: Relativierungen sind bei Gewalttaten allzu schnell zur Stelle:
“Ja, aber wenn sie vergewaltigt wurde, wird sie wohl zu freizügig gekleidet gewesen sein, oder sie war in der falschen Gegend mit den falschen Leuten unterwegs. Wäre sie daheimgeblieben, ja dann…”
Oder: “Ja, aber zum Streit gehören natürlich immer zwei! Wenn sie vom Ex ermordet wurde, wird sie auch was beigetragen haben, tjahaa!”
Sowas sagen Leute dann, transportieren damit ein “selber schuld” und kommen sich dabei sehr abgeklärt und objektiv vor.

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Gesundheitsvorherrschaft: Aspekte (2): Kinder

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 in der Serie "Gesundheitsvorherrschaft" ...

Hier ein weiterer Aspekt der Vorherrschaft der Gesunden, der selbsterklärten “Starken” und ihrer latenten Feindlichkeit gegenüber den angeblich Schwächeren: Kinder sind verletzbar.

Kinder können sich nicht wehren

In einer Begegnung zwischen zwei gleichberechtigten Menschen müssen 50% des Infektionsschutzes von jedem Beteiligten kommen. Niemand kann sich da ebenso gut ausschließlich “selber schützen”.
Doch Kinder können das am allerwenigsten. Sie sind völlig davon abhängig, was ihre Eltern, Großeltern und ihre Lehrer und Lehrerinnen denken und für richtig und wahr halten. Sie sind durch die Schulpflicht gezwungen, sich täglich mit vielen anderen Menschen in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Und sie sind noch viel stärker dem familiären Druck und dem Gruppendruck ausgesetzt, als man das als Erwachsener ist, sofern man eine gewisse mentale Unabhängigkeit erreicht hat.

Der Staat müsste demnach besonderes Augenmerk auf den Schutz von Kindern legen.
Es macht mich fassungslos, dass das Gegenteil der Fall ist:
Die Absonderungspflicht für Infizierte aufzuheben, wie dies in Österreich ab 1. August 2022 vom Gesundheitsministerium verordnet wurde… Und jetzt der Plan, die Unterrichtenden, “wenn sie sich gesund fühlen” *, auch infiziert zum Unterricht zuzulassen (wenn diese das “für sich(!) verantworten können und wollen”, mit Maske natürlich) – Kinder mit einem Virus zu durchseuchen, der die Gefäße schädigen kann, die Organe, das Gehirn und Nervensystem und das Immunsystem, der für Folgeerkrankungen sorgt, und das alles mit noch unbekannten Folgen für die Zukunft der Menschheit – das ist das Unvorsichtigste und Verantwortungsloseste, was man diesem Land seit 1945 verordnet hat.

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Gegen irreführende Rhetorik

Ein Blick auf ein Ungetüm von Wortkombination. Mit hochgezogener Braue.

Es geht um die unsägliche “flexible Solidarität”, die euer Kanzler im September wieder bemüht hat, um die Forderungen nach Aufnahme von geflüchteten Kindern in Wien zu zerstreuen.

Stellen wir uns eine hilfsbedürftige Gruppe von Menschen vor.
Worauf wollen diese Menschen sich verlassen, wenn es um Hilfe geht?
Dass sie “vielleicht” kommt? “Flexibel” über ihr Erscheinen entscheidet? Daher “eventuell auch nie” kommt?

Nein. Sie brauchen Verbündete. Bei “Verbündete” muss man nicht ergänzen, dass es sich um zuverlässige Verbündete handeln sollte.
Genausowenig muss man bei Solidarität etwas dazusagen. Solidarität ist, oder sie ist nicht.

“Flexibel” ist ein Unwort aus dem individuellen Konkurrenz-Kapitalismus. Wohlbekannt aus Inserat und Anforderungsprofil: Die idealen Einzelkämpfer-Angestellten in ein Adjektiv gegossen – jederzeit bereit, ihr Familienleben, ihren Wohnort, ihre Gesundheit und alle privaten Pläne zu opfern, um den Anforderungen der FiRmA stets und sofortigstens nachzukommen.
Das “Flexibel”, das da verlangt wird, ist ein sehr einseitiges.

Diese Einseitigkeit von “flexibel” betrifft die Regierung freilich nicht, wenn sie selbst auf Seiten der potentiell Leistenden steht. Neheiin, dann bedeutet es: “Nur so, wie wir können” – und wollen, natürlich. “Flexibel” hat also eine Kehrseite, deren Biegsamkeit sich mehr auf die eigenen Vorteile und Launen bezieht als auf irgendwelche Anforderungen von außerhalb.

Was die Phrase außerdem unter den Tisch fallen lässt:
Es geht dabei freilich auch nicht um Solidarität mit geflüchteten Menschen. Sondern um die Zusammenarbeit der EU-Länder. Gemeint ist das asylpolitische Konzept, zu dem jedes Land je nach Möglichkeit etwas anderes beiträgt: Arbeitsplätze; Geld; Fachkräfte; UNHCR-Unterstützung.
Oder publikumswirksame Fotos von Ministern nebst Hilfslieferungen in Flugzeugen, die dann leer zurückfliegen – bis auf den Minister.

Das mag “flexibel” sein – für einen selbst. Solidarisch ist es nicht. Es versetzt einen aber in die bequeme Lage, bei jeder neuen Aufnahme-Notwendigkeit sagen zu können:
“Nönö, wir nicht! Aber der Nachbar (vielleicht (oder auch nicht (mir egal))).” … “Wir sind da nämlich flexibel in unserer Solidarität.”
Man könnte auch sagen: sich abputzen. Aber Hauptsache, es klingt gut, wenn man es im Zusammenhang mit Geflüchteten einstreut, deren Lager gerade abgebrannt ist.

Das gesuchte Adjektiv heißt also richtigerweise: “unzuverlässig”.
Solidarität auf unzuverlässigem Niveau ist keine. So eine Worthülse in einer Diskussion über die Unterbringung von Kindern in Wien – das ist verbaler Glanzanstrich auf einem selbstverliebten Wahnsystem. Gespickt mit einem Adjektiv, das die Solidarität für sich kapern und von innen her aufweichen, abwerten und umdeuten will. Der Verlust von Werten passiert so vor aller Augen.

Man schmückt sich nicht mit einem Wort, während man insgeheim das genaue Gegenteil davon meint und vertritt – und schon gar nicht mit gleich zwei davon. Das ist unredlich, und moralisch in diesem Zusammenhang sowieso unter aller Sau. Was Geflüchtetenpolitik angeht, gibt es kaum was Unflexibleres und Unsolidarischeres als die Regierung Kurz.
Was nicht neu ist, genausowenig wie die Phrase seit Jahren ihr Unwesen als Irreführung treibt. Dennoch ist sie eine sprachliche Grenzüberschreitung, ein verlogener Tarnbegriff für “Solang’s mir grad nicht in meinen Kram passt, bist du mir scheißegal”. Aber mit einem falschen Lächeln garniert.

Wenn also Egoismus und Klassendünkel die Strategie der Wahl ist, dann doch bitte auch so kommunizieren – statt mit einem Begriff, der rein zufällig das genaue Gegenteil der eigenen Gesinnung bedeutet und auch weiterhin bedeuten soll.

Passender wäre: Mit einer Phrase arbeiten, die ehrlich und eingängig ist.
ZB:
“Wir scheißen auf geflüchtete Kinder.”
Da kennt man sich aus.

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Corona – neun .. Eure Erzählung ist Bullshit

Dieser Artikel ist Teil 9 von 18 in der Serie "Corona" ...

Infolge technischer Zores und persönlicher Unsicherheit landeten die folgenden Absätze aus den letzten Wochen nur in meiner persönlichen Schublade.
Daher, hier nun, bittesehr: lang und breit, und ein bisserl grantig.

Es fuckt mich an, dass viele Leute so sorglos sind wie Anfang März. Dass sich kaum mehr jemand mehr drum schert, was aus den anderen wird.
Warum ist Abstandhalten nun wieder nur Sache derer, die Abstand wollen? Abstand wär doch auch für normale Zeiten kein Fehler. Dabei könnte man lernen, dass die eigene Planroute nicht das einzige auf der Welt ist, was zählt.

Von dem vielen Bullshit, den Fake-News und dem Verschwörungsgeschwurbel, die da draußen unterwegs sind, ganz zu schweigen. Corona-Demos, meine Fresse. Na genau: “Demonstrier ma gengan Virus, des bringt sicher was.” Ein paar glauben sich auch in einer von langer Hand geplanten Diktatur wiedergefunden zu haben – wundern sich aber nicht, dass sie das laut sagen können und gleichzeitig immer noch am Leben und frei sein. So selbstverständlich ist ihnen die Demokratie und ihre Redefreiheit, dass sie sie gar nicht mehr bemerken.

Andere sind einfach nicht mehr willens, sich irgendeiner “unsichtbaren” Gefahr zu beugen, weil: es is jo nix passiert. Wir haben Sonnencreme benutzt, viele haben dann tatsächlich keinen Sonnenbrand gekriegt – und von denen ist sich gefühlt die Hälfte jetzt sicher, dass die Sonne so gefährlich gar nicht sein kann, weil wir ja keinen Sonnenbrand gekriegt haben; und dass daher die Sonnencreme gar nicht nötig gewesen sein kann.
(Dank für diese schöne Metapher gebührt René Wilke, dem Oberbürgermeister von Frankfurt/Oder. Hier die Rede, aus der sie stammt, zum Nachhören.)
Man nennt das Vorsorge- oder Präventionsparadox: Die Maßnahmen scheinen im Nachhinein ihre eigene Unnötigkeit zu beweisen, weil sie gewirkt haben.

Es ist genug passiert, tausende Menschen sind gestorben – was brauchen wir noch zur Befriedigung unserer Geilheit auf Katastrophe und Eskalation? Videos auf Youtube in großer Zahl, die in ihrer medialen Allgegenwart am Nabel des Geschehens das alles auch beweisen? Mindestens drei Tote in unserem engsten Umfeld, von denen jeder einzelne durch die Straßen getragen wird? Was??

Verdanken tun wir diese Spaltung und die Alternativrouten beim Denken auch der Angstmache des Hl. Sebastian Ende März. Und dem Kontrast zum jetzt bemerkenswert ungerührten Umgang mit den “Lockerungen”. Das ist wie bei “Peter und der Wolf”: “Das gar Schröckliche, vor dem er so gewarnt hat – dass wir bald jeder jemanden kennen werden, der an Corona gestorben ist – das ist gar nicht eingetreten! Er muss gelogen haben. [Das hat mir Angst gemacht, und jetzt bin ich sauer und will nicht mehr brav sein.] Und ein bisserl enttäuscht bin ich auch von der ausgebliebenen Katastrophe. ” Und dann?

Es fuckt mich schon an, wenn Politiker kaum über das Ende ihrer aktuellen Legislaturperiode hinausdenken wollen. Das verhindert jede zukunftswirksame, weitsichtige Politik. Wenn aber einer nichtmal eine Woche oder zwei vorausdenken will, was seine Strategie in weiterer Folge anrichtet, sondern nur eine Art der Verkündung kennt, nur eine Art zu erreichen, was er will, nämlich Manipulation – da setzts bei mir aus. Können rechte Populisten einfach nix anderes, oder was ist da?

Manipulation heißt, man zieht gar nicht erst in Betracht, dass man mit Offenheit auch etwas erreichen könnte. Mit Transparenz und Information, die deutlich sichtbar aus einer umfassenden Informiertheit entspringt, deren Quellen auch genannt werden. Einzuräumen, dass man verschiedene Dinge einfach noch nicht sicher weiß; aber wir wissen A, B und C und müssen daher davon ausgehen, dass wir diese Maßnahmen unbedingt brauchen.
Es kamen ständig Bilder aus Italien, da musste man keine zusätzlichen Schreckensszenarien malen.

Aber all das beinhaltet freilich eine gewisse Komplexität – und alles, was der Verkünder nicht in drei Punkten darstellen kann, ist im Glaube der Vereinfacher dem Volk nicht vermittelbar.
Wir werden also für deppert gehalten, für unvernünftige, denkunfähige Emotionsbündel aus Fleisch, die man am besten bei der Angst packt – und zwar nur dort.

Apropos Bullshit: Mich fuckt an, dass die neoliberale Erzählung von den (superen) Starken und den (verachtenswerten) Schwachen sich schon dermaßen in allerlei Hirne eingebrannt hat. Diese Erzählung hält dem Kontakt zu den eigenen Gefühlen ein Verbotsschild hin, weil sie ein toxisch-männliches Ideal transportiert und am Leben erhält, das da lautet: “Bloß keine Gefühle spüren. Jeder Kontakt mit ihnen macht schwach. Aber wir müssen stark bleiben!”

Die Erzählung besteht weiterhin darauf, dass “emotional” nichts Gutes bedeuten würde und stets beinhalten würde, dass das Denken dann abgeschaltet wäre. Als wären eigene Gefühle etwas, dem man Widerstand leisten müsste. Dem ist nicht so, im Gegenteil – wer keinen Kontakt zu seinen Gefühlen hat, ist ein leichteres Opfer seiner Gefühle. Weil er sie nicht kennt und nicht wiedererkennt, obwohl sie zu ihm gehören.
Und daher auch gar nicht merkt, wenn er manipulativ dort gepackt wird. Oder wenn er sie ausagiert und dabei immer noch fest dran glaubt, er wäre so wunderbar rational.

Mich fuckt auch an, dass die Medien aufgrund der reinen Dringlichkeit und der offenbar fehlenden Vernetzung alles dermaßen unhinterfragt transportiert haben. Da hab ich schon vor drei Wochen dagegen angeschrieben, dass da gerade Angst und spaltende Feindbilder ins Volk eingearbeitet werden, die uns eventuell noch auf den Kopf fallen werden. (Und fühlte mich damit so allein auf weiter Flur. Die eine oder andere Redaktion hat eventuell eine Rechtsabteilung. Ich nicht.)

Aber ich sags gern nochmal: Wenn man Menschen beigebracht hat, die ~anderen als ~GeFäHrDeR~ wahrzunehmen, wie will man sie danach noch dazu bringen, genau diese anderen zu schützen? Die Geschichte geht einfach vorn und hinten nicht auf.

Mit der Angstmache hat man nicht nur dem Volk ein Dummheitszeugnis ausgestellt: “Sie verstehens ja sonst nicht und tun dann nicht, was wir ihnen sagen”. Sondern mit Sicherheit auch viele Leute den Geschichtenerzähler:inneN in die Arme getrieben, die eine andere, freundlichere, aber leider frei erfundene Wirklichkeit verkünden.
“Na Hauptsache, jetzt sind sie wieder unbekümmert, die Schäfchen – irgendwer wird die Aufgabe schon übernommen haben.”  Und wenn die nächste Welle kommt, was tun wir dann? Wieder “Der Wolf ist da!” schreien? “Diesmal aber echt!”?

Nun gehen wir langsam zu Lockerungen über, und was passiert als erstes? Es wird keine Maske mehr getragen und kein Abstand mehr gehalten. Ausgerechnet das, was anscheinend wirklich den meisten Sinn gegen die Ausbreitung von Covid-19 hätte. Is aber wuascht! Warum? “Die anderen sind sowieso nur ~GeFäHrDeR~! Was kann ich dafür, dass die alle krank sein könnten – vermutlich sind sie halt schwach. Und dass sie sich angesteckt haben, auch selber schuld. ICH bin SICHER nicht krank, weil ICH STARK! Uga! Uga!”

Im Supermarkt tragen diese Leute die Maske wohl auch nur, weil sie ohne nicht reindürfen. Aber meinen Abstand muss ich mir schon selber schaffen, und zwar ich allein. Das ist mit viel Defensive und Wartezeiten verbunden. Wer schneller ist oder einfach seine Route eisern geht, der gewinnt (= der Stärkere! Und vermutlich noch stolz drauf), und der ist vorher im Gang, an der Reihe, am Regal, an der Kassa. Von Rücksicht oder Verteilung der Last keine Spur mehr.

Wer wird dennoch am meisten Abstand halten? Das Menschlein aus der Risikogruppe. “Solls eben in Kauf nehmen, dass es später drankommt, schließlich gehts ja um SEINE Gesundheit”? Ja, ist schon klar. Ist dann halt scheiße.

Die Erzählung von Stark und Schwach hat auch dafür gesorgt, dass es – nach dem initialen, aber kurzen Alle-im-selben-Boot-Überschwang im März – vielen jetzt legitim erscheint, zur Diskussion überzugehen, welches Leben lebenswert sein könnte und welches vorzeitig beendbar scheint. Den Schwachen loszuwerden. Und ihn bis dahin zu zwingen, den Anteil der Verantwortung, den sie selbst nach kurzer Zeit schon nicht mehr tragen wollen, gleich mitzuübernehmen. Denn nichts anderes ist ein “Wenn er Abstand haben will, dann soll er eben welchen halten. Mir is wuascht.” Irgendwas stimmt da nicht an der Verteilung, oder?

Dabei liegt auf der Hand: Rücksicht ist keine Einbahnstraße. Fairness ist etwas, das Gesunden genauso zusteht wie Kranken, Alten genauso wie Jungen.

Der Teil der erwähnten Erzählung vom “Einzahlen in das System” und von den “Leistungsträgern” (und, unausgesprochen, den anderen, den Owezahrern, den Kranken und Schwachen, den ~Unwilligen~) ist ein neoliberales Horrormärchen, das das Denken auf Schwarz und Weiß zusammenstaucht. Es soll eine Gerechtigkeit vortäuschen, in der jeder vorgeblich das kriegt, was er “verdient”.

Und es soll das dummstolze Herabschauen auf die langsameren Leistungshamster einfacher machen, ein Feelgood generieren, während uns die Erzähler unterm Arsch den Sozialstaat wegtragen. Ein Märchen, das uns Fairness (und womöglich gar Solidarität selbst?) als einen Tauschhandel verkaufen wollte, bei dem nur leistungsstarke “Einzahler” mitspielen und profitieren dürfen und alle anderen auf der Strecke bleiben – und das auch noch zurecht.

(Hier einer meiner früheren Artikel über die Auswüchse des Leistungsgedankens.)

Das ist kompletter Unsinn, gerade wenns um Solidarität geht. Solidarität ist, wenn die Stärkeren für die Schwächeren sorgen, und alle das ihnen Mögliche geben, damit alle gut leben können. Es ist Egoismus, wenn die Stärkeren auf die draufsteigen, die eh schon am Boden liegen, weil sie so schneller nach oben kommen – diese begehrte Richtung im dazuerfundenen gesellschaftlichen Raum, die Leistungsbeweis und Erfolg verheißen soll.
Aber nicht gleich als Covid-Engerl auf ein Wolkerl, so weit nach oben dann auch wieder nicht, gell?

Die vielen Menschen, die vom toxischen Starksein Depressionen oder Burn-Out kriegen – deren Flug “nach oben” ist freilich vorbei. Der Stempel “schwach” wird ihnen aufgedrückt, sie werden von der Gesellschaft aussortiert und unsichtbar gemacht. Es fällt unter den Tisch, dass diese vermeintliche “Schwäche” mitunter von genau diesem Starksein-Müssen erzeugt wird. Wobei Gefühle weggedrückt werden und schwachen Momenten oder Phasen keinerlei Platz mehr im Leben eingeräumt werden. Weil das positive Selbstbild mit einer munteren Leistungsfähigkeit steht und fällt.
Es fällt auch unter den Tisch, dass unterdrückte Energien sich immer ihren Weg bahnen, auf die eine oder andere Weise.

Das neoliberale Stark-Schwach-Märchen geht in dieser teils paradoxen Situation einfach nicht mehr so richtig auf. Und alle purzeln jetzt wild durcheinander und kennen sich nicht aus. Vielleicht weil offenbar wird, wie sehr die Erzählung einfach nicht mehr zur Wirklichkeit passen will, oder – schlimmer – zu extrem unethischen Folgerungen führt. Die Erzählung sortiert Menschen direkt aus, die wir kennen – und das war vor Corona auch schon so, aber doch nicht so klar sichtbar. Menschen, die doch gerade noch einen Job hatten. Die doch gerade noch eine Firma hatten. Denens doch gerade noch so gut ging. Da muss man schon viel geistige Energie aufwenden, um das wieder auszublenden und die ~Schwachen weiterhin für verzichtbar zu halten. Wenns plötzlich nicht nur irgendwelche imaginierten ScHwÄcHlinGe betrifft, sondern Menschen, die man persönlich kennt.

Es sind eben nicht alle zu gleichen Leistungen befähigt, mit gleicher Gesundheit beschenkt, mit gleichen Bildungschancen geboren – und das ist auch keine reine Frage des Willens und des Schmiedens von eigenem Glück. Eher schwer entrinnbare Ausgangssituationen in Stark und Schwach einzuteilen, statt sie als gegebene Ungerechtigkeit zu benennen und dagegen anzugehen, ist typisch für diese durch und durch zynische Erzählung.
Wer aus seiner finanziell sicheren und körperlich gesunden oder privatärztlich betreuten Position immer noch glaubt, dass doch jeder alles erreichen kann, wenn er nur will; dass sie gesund bleiben kann, wenn sie nur will – dass wir “stärker sind als das Virus”, wie man in den USA verkündet hat, nur damit die Leute die Wirtschaft nicht am Virus verrecken lassen – der hat echt ein paar schimmlige Flecken auf seiner Landkarte der Privilegien.

Kompromisse sind immer leichter umsetzbar für die, die mehr haben, als für die, die von ihrem wenigen noch was abgeben sollen. Das weiß jede in ihrem Bauchgefühl.

Mich fuckt an, dass der traditionelle Hass der Konservativen auf die Sozialdemokratie jeden noch so kleinen Seitenhieb nutzt, der sich bietet. Mit der Verkündung, ab 1. Mai dürfe wieder gearbeitet werden, als hätte es die Arbeiterbewegung nie gegeben. Mit den neuen Verordnungen erst spätabends vor dem Feiertag rausrücken, damit am 1. Mai ja nicht gefeiert werden kann, wenn schon nicht gearbeitet wird.

Diese Gehässigkeit entspringt einem Elitedenken, das diejenigen zum Feind erklärt hat, die seinerzeit für ihre schwere Hackn auch was vom Kuchen abhaben wollten – und dafür, dass sie das wollten und auch weiterhin wollen, werden sie von den Neofeudalen auch heute noch gehasst. Ein ererbter, gefühlter Anspruch auf Geburtsrechte, Hegemonie, Hierarchien und “gottgegebene” Verhältnisse, die legitimieren sollen, dass es wohl “von Natur aus” wertvollere und weniger wertvolle Menschen geben würde. Welche, denen nix gehört, und welche, denen alles gehört – einschließlich die, die nix haben. Aus Ressourcen, die ursprünglich niemandem gehörten, bis jemand sie qua I-Bims-der-Herzog beansprucht hat, und sie von gnadenlos ausgebeuteten Arbeitskräften nutzbar und profitabel machen ließ – und dann vererbte. Das ist die Attitüde, die bemäntelt in der Erzählung steckt, es wäre für ~jeden ~alles erreichbar. Sie wissen, dass es nicht stimmt, und sie wissen es zu verhindern.

Der Hass lebt aber dennoch weiter, aus einem wohl unerkannten Gefühl heraus, dass einem was von diesem ~naturgegebenen Anspruch weggenommen werden soll. Er bildet offenbar die stärkere “Tradition” als jede christliche Freigiebigkeit, Nächstenliebe oder Bereitschaft, das Vorhandene zu teilen. Natürlich auch nicht mit jenen, die tatsächlich “etwas erreichen wollen”. Auf die wird vorzugsweise “runter”getreten, damit sie einem nix streitig machen. Klassenkampf at its best. Naturgegeben ist hier maximal die Anspruchshaltung.

Mir ist zu viel Scheinheiligkeit und Gier und Ignoranz für fremde Lebenswirklichkeiten auf der Welt, in einem Maß, das ich kaum mehr aushalten kann, und zu wenig Lebenlassen, zu wenig Echtheit und Fairness (und vieles mehr).

Und dann sitzen da Leute in einer Regierung, die ernsthaft die Abschaffung der Schaumweinsteuer für ein geeignetes Instrument halten, um der Gastronomie den Arsch zu retten. Da herrscht eine Volksfremdheit und eine freche Selbstverständlichkeit an elitären Marshmallow-Bubbles, die ich unpackbar zynisch finde. Das muss man sich mal trauen bei 550k Arbeitslosen Mitte Mai, die sich in diesem Moment überlegen, was sie dieses Monat noch an Lebensmitteln kaufen können und wie sie sich auch noch darauf konzentrieren sollen, Abstand einzuhalten. “Rettet die Gastro! Gehet hin und saufet Sekt!”

Die Risikogruppe wartet Mitte Mai immer noch auf das angebliche Schreiben für ihr Recht auf Home-Office oder Dienstfreistellung, das sie danach freilich noch vom Arzt begründen lassen müsste, während sie seit 1. Mai (oder so, zwinki-zwonki) wieder arbeiten geht. So kümmert man sich um die “Schwachen”, na danke.

Derweil präsentiert uns der Kanzler seine Jupiter-Attitüde im Kleinwalsertal und macht dort den potentiellen Superspreader in der “neuen Normalität”. Und erklärt uns hinterher ganz errötet, die aNdErEn hätten Abstand halten müssen. Was für ein Vorbild!
Je heftiger dort rumgewedelt wird, umso mehr gibts für gewöhnlich da, wovon abgelenkt werden soll.

Indessen wird ein Wirtschaftspaket von 38 Milliarden (Euro, net Lire) irgendwo entschnürt, von dem man nur von einem Bruchteil erfährt oder errechnen kann, was damit konkret passiert und wer darüber entscheidet.

Zu den Kriterien des Härtefallfonds will ich mich nicht auch noch ausgiebig auslassen, nur soviel scheint klar: Verzichtbar sind für die Großkonzern-Politik die kleinen Unternehmen, noch dazu die, die im Vorjahr einen Verlust hatten (aber schon bitte nur diese eine Einkunftsquelle) – tragen eh nix bei, können weg.

Eine gewisse “Reinigungskraft” würde die Krise auf die Wirtschaft ausüben, hat uns der Nationalbank-Chef Holzmann erklärt. Allerdings sagte er auch: “Die Aufgabe der Regierungen besteht ja genau darin, das [Pleiten und Jobverluste] zu verhindern, indem sie Liquidität und Einkommensersatz sicherstellen.” Aber freilich nur bei denen, die “sowieso überlebt hätten”. Na gut, dass das nur ein bisserl paradox ist. (Aber passt so gut zu den gesundheitlich ~schwachen Leuten, die sowieso nicht überlebt hätten.)

Wer nicht schon am Hungertuch nagt, kriegt irgendwelche € 59,20. Die anderen ein paar Peanuts mehr. Und damit sollen dann Insolvenzen vermieden werden?
Dabei wird uns in den Nachrichten die Anzahl der bereits bearbeiteten Anträge bekanntgegeben – ganz im Geiste des Beamtenstolzes: Wieviele hab ich abgearbeitet? – statt der Summe bislang ausgezahlter Gelder, als zusätzliche Angabe zum Selber-Dividieren. Hallo Transparenz?

Das Kurzarbeits-Budget ist separat von diesen Milliarden, iirc. Die paar Millionen Familienhilfe sowieso. Maximal 6k€ gibts pro Nase aus dem Härtefallfonds. Bei von mir aus 400.000 EPU und Gesellschaftern von KGs uä (von denen kaum jede:r einzelne die Kriterien erfüllt haben dürfte) ergibt das zweieinhalb Milliarden, aber sollens fünf Milliarden sein, bin da nicht kleinlich.

Und wo ist der Rest? Wo konkret kann wer konkret den beantragen, und wie? Mit drahtloser Liebe zu jemandem, der wen kennt? Wer kriegt die “restlichen” 32 Milliarden? Ist ja nicht so, als hätten die Herren mit den Masken hinter den Plexischeiben das Geld aus ihren privaten (haha) Taschen in dieses Paket eingezahlt! Wer die großen Tortenstücke abgreift, können wir uns dort ausrechnen, wo das nicht übers BMF geht, sondern man dafür eine eigens gegründete Gesellschaft braucht (Cofag). Hallo Transparenz?

Andere Schwäche-Story: Wenn die Grünen in der Koalition plötzlich bei Themen umfallen, die sie vorher, vor der Koalition oder auch nur vor ein paar Tagen, noch vehement vertraten (Vermögensteuer, oder auch das Recht für Schwule, Blut zu spenden), dann sind die Grünen offenbar “jetzt auch nicht mehr wählbar”.

Niemand erzählt uns, wie es konkret dazu gekommen ist, und es fragt auch niemand danach. Es wird einfach angenommen, analog zur neoliberalen Erzählung, sie hätten eh gekonnt, wenn sie es nur genug gewollt hätten – aber sie wollten sich einfach nicht durchsetzen. Zu schwach halt. Niemand erzählt uns, wie es kommt, dass eine Partei nach der anderen in einer sogenannten “Partnerschaft” verheizt und entseelt wird und immer so “schmutzig” dasteht, dass man ihr danach per beliebigem Narrativ ihre Wähler abkaufen kann. Und freilich als der Stärkere aus der Story hervorgeht.
Da werden Dinge hinter verschlossenen Türen ausgeschnapst, die mit ein bisschen Fantasie alles beinhalten könnten, und keiner weiß es.
Um unser Geld. Hallo, Transparenz?

Detto bei den Maßnahmen zur Pandemie – in anderen Ländern stehen Experten und Expertinnen vor den Mikrofonen. Oder eine Naturwissenschaftlerin in einem hohen staatlichen Amt. Bei uns wird von oben herab regiert, als wären wir noch im Kaiserreich, und uns hinterher reingedrückt, wie super der Saubermann das alles gecheckt hat, während hinter dem Vorhang reihenweise die Betriebe verrecken.

Man kann mit den Maßnahmen grundsätzlich (weitgehend) einverstanden sein und trotzdem die Art der Verkündung und die verschlossenen Türen scheiße finden.
Und die der öffentlichen Wahrnehmung verkaufte Idealverteilung von staatlichen Hilfen in Zweifel ziehen.
Nehmt das, ihr Freunde und -innen der zwei Schubladen! Wenn’s nach mir ginge, gäbs in einer Demokratie überhaupt keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Angesichts der unverhohlenen Lobby-Bedienung und der Korruptionsvorwürfe, die wie Schwammerln aus dem Sumpf schießen, bekommt es einen geradezu absurden Touch, wenn die Regierung sich bemüht, an unsere Daten heranzukommen, uns zu überwachen und zu erfahren, was wir tun, wo wir sind, mit wem wir reden. Nach dem Motto “Wer nichts zu verbergen hat…” Es müsste umgekehrt sein – die Regierung gehört überwacht. Oder hat sie etwa was zu verbergen?

Aber vielleicht sind ja der Vernünftigen wirklich zu wenige in diesem Land. Derer, die Zusammenhänge und Maßnahmen besser annehmen, wenn man sie ihnen begründet und die Grundlagen dieser Maßnahmen offenlegt, und auch die Daten und Zahlen für vernünftige Studien. Vielleicht sind die eine Minderheit, okay.
Vielleicht ist es dann auch wirklich so, dass man alle anderen nur mit Emotionen regieren kann. (So wie man sie ja auch zum Kreuzerlmachen bringt.)

Dazu muss man allerdings erstmal alle in einen Topf werfen – Aufschrift: “Deppen”. Die Vernünftigen könnten das schonmal übelnehmen. Sich also weiterhin drauf zu verlassen, dass die vereinzelten Vernünftigen sowieso weiterhin vernünftig agieren werden, weil sie ja vernünftig sind, ist danach schonmal gewagt, wenn die jetzt übelgelaunt sind.

Wer nach dieser Logik aber ausgerechnet die verbleibenden mutmaßlich unvernünftigen Menschen gezielt in einen Zustand der Angst versetzt, um ihr Verhalten kurzfristig zu beeinflussen, der muss schon echt wo angrennt sein – oder aber über Wissen darüber verfügen, wie diese Angst-Menschen in weiterer Folge auf bestimmte Situationen reagieren werden, und wie sie wieder einzubremsen wären. Und zwar, bevor er diese Mittel einsetzt, deren spätere Konsequenzen er anderenfalls gar nicht abschätzen kann.
Ist ein bisschen wie mit genmanipuliertem Saatgut, nur schiacher und mit mehr Schreierei.

Klar wenden die derart Manipulierten sich dann lieber jemandem zu, der die unbearbeiteten Gefühle beruhigt, wenn seine Geschichte lautet, das mit diesem Virus wär alles total übertrieben. Und das brauchen gerade die Menschen, die ihre Angst und Verunsicherung NICHT spüren! Ebensowenig wie ihr Gefühl von Kontrollverlust. Auch ersponnene, falsche Sicherheit ist (bei mangelndem oder fehlendem Nachspüren) eine Art Sicherheit.
Selbst eine große Verschwörung zur Unterjochung des Volkes (oder wozu auch immer) gibt Kontrolle zurück, auch wenns ein ähnlich bedrohliches Szenario zu sein scheint – es ist eines, gegen das man kämpfen kann! Auf die Straße gehen! Empört sein! Was tun. Versus nix tun und dabei auch noch mit seinen Gefühlen konfrontiert sein.

Wer Kontakt zu den eigenen Gefühlen hat, die Angst und die Verunsicherung in sich spürt, findet das Gefühl zwar auch nicht grad toll, stellt aber zumindest fest: Oh, ich spür da was. Ich fühl mich unsicher und hab Angst. Das ist vermutlich okay so und auch der Situation angemessen. Was will mir das sagen? Was kann ich damit am besten machen? Ich werd mich erstmal umfassend informieren und danach nach bestem Wissen mich und meine Lieben schützen. Vielleicht fallen mir auch ein paar Self-Care-Maßnahmen ein, die mein inneres Gefühl etwas stabilisieren.
(Dazu vielleicht beim nächsten Mal mehr.)

Sofern man natürlich überhaupt zulässt zu spüren und auch zu akzeptieren, was man spürt; dass man Angst hat. Klar ist das nicht angenehm. Aber hat man sich mal angewöhnt, Angst und “schlechte” Gefühle jedesmal wegzuschieben – weil Angst einfach “nicht geht” für “starke” Menschen – dann ist man gezwungen, das Ungespürte auszuagieren. Und das ist auch nicht angenehm, besonders wenn man es nichtmal merkt. Nicht angenehm für das Umfeld, und nicht für einen selbst.

Dann sucht man andere Wege: Hektische Betriebsamkeit. Arbeitswut. Jede Minute der “geschenkten Zeit” anderweitig sinnvoll nutzen, sofern man denn geschenkte Zeit hat. Wohnung umbauen. Aussortieren. Shoppen. Damit man ja nicht zum Nachdenken kommt, das sich womöglich in ein Nachspüren verwandeln könnte. Aggressiv werden.
Oder eben jemandem glauben, der eine sicherheitsträchtigere Erzählung anbietet. Und damit alles aufs Spiel setzen, was wir mit Disziplin und Solidarität bisher erreicht haben.

Will sagen: Die Angstmache war komplett kontraproduktiv. Angst und Verunsicherung kommen schon von ganz alleine, wir sind nämlich Menschen und keine PK-Maschinen. Da musste der Kanzler wirklich nicht auch noch zusätzlich eins draufsetzen, damit alle möglichst schnell zu ihrem gschissensten Daseinsgefühl finden… in dem die stumpfsinnige Erzählung von Stark und Schwach samt ihrer toxischen Gefühlsabwehr plötzlich keinerlei Trost, Strategie oder Perspektive mehr bietet.

Klug und vorausschauend wäre: Sicherheit vermitteln, Bewusstsein schaffen durch Transparenz und Aufklärung – zur vernünftigen Einschätzung der Gefahr. Der Demokratie auch unter Zeitdruck zumindest ein wenig Raum lassen für Diskurs und Mitsprache und Nachfragen. Für große Fragen der Verteilungsgerechtigkeit. Der Gesetzgebung. Vielleicht auch ein bisserl an die Seelen der Menschen denken.
Und dann Maßnahmen so setzen und lockern, dass viele Menschen sie auch beim nächsten Mal noch mittragen, weil sie sich nicht schon beim letzten Mal verarscht gefühlt haben von Intransparenz, Zynismus bei der Almosenverteilung, Selbstverliebtheit und Jupiter-Gehabe vor den Rindviechern des Volkes.

Die neoliberale Erzählung hat viele Facetten, die uns als Menschen schaden:
Stark oder schwach.
Wir oder die anderen.
Oben oder unten.
Leistungsfähig und lebenswert oder unwillig und unnütz.
Einzelkämpfer oder Luschen.
Männer oder Frauen.
Sauber oder schmutzig.

Sie schwächt die Menschen und nützt nur denen, die längst schon genug haben. Alle anderen werden gegen sich selber ausgespielt. Dazu angetrieben, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich anzustrengen für ein Möhrchen, das immer knapp vor ihrer Nase baumeln wird, während der Rest sich die Milliarden aufteilt. Die Schere, die die Gesellschaft jetzt schon massiv beeinträchtigt, wird davon immer größer. Und wenn’s hart auf hart kommt, sind die “Kleinen” und “Schwachen” verzichtbar, das sehen wir jetzt sehr deutlich. “Leistung muss sich wieder lohnen” heißt eigentlich: “Nichtleistung darf sich nicht mehr lohnen” und soll den Hass auf die schüren, die vermeintlich auf der faulen Haut liegen, aber tatsächlich vielleicht einfach nicht mehr stark sein können oder das nie konnten.

Während die, die einen hübschen Starterbonus geerbt haben, weiterhin voll Stolz erzählen, sie hätten sich alles selbst erarbeitet, und auch fest daran glauben. Und daran, dass auch anderen deshalb keine Hilfe zustehen würde.

Das muss aufhören. Wir müssen wach werden und unsere Vielfalt wieder schätzen, unsere angeblichen “Schwächen” anerkennen und akzeptieren lernen, solange noch etwas davon übrig ist. Den Wert jedes Menschen anerkennen, ganz unabhängig von dem, was er leisten kann. Unsere Kaufkraft und Stimmkraft dorthin zurückbringen, wo sie diese Vielfalt stützen, und nicht ein paar wenige Konzerne und Großkopferte damit weiterfüttern, bis wir uns selbst in ihrem Sinne abgeschafft haben.

Und das, bevor alles privatisiert ist und Sozialstaat und Solidarität mit einer letzten uneleganten Drehung im Abfluss verschwinden.

Artikel

Corona – sieben .. Bildausschnitt, politisch

Dieser Artikel ist Teil 7 von 18 in der Serie "Corona" ...

Versuch einer Beleuchtung, was mich seit einiger Zeit magerlt an der szenischen, inländischen Corona-Politik.

Ich sehe, höre und lese, wie sich da und dort punktueller Unmut regt über Puzzleteilchen 1, 2 oder 3. Verbinden wir ein paar Teilchen, shall we?

🧩 Reaktion des Herrn BK auf Kritik an Verfassungskonformität:
-> ~juristische Spitzfindigkeiten~~nicht überinterpretieren~

🧩 Das Bild vom ~GeFäHrDeR~:
-> Innenminister lässt ausrichten, alle, die sich nicht an Verordnungen halten, wären ~GeFäHrDeR~ und werden angezeigt und bestraft.

🧩 Oh, unterm Tisch ist noch ein angestaubtes Puzzlesteinchen gelandet:
-> Ischgl

🧩
Da wird uns das Bild vom ~GeFäHrDeR~ kredenzt, der quasi schon in den Startlöchern steht, um den schutzlosen Mitmenschis seine todbringenden Viren ins Gesicht zu husten. Die Aufmerksamkeit des Volkes wird auf Parkbankerlsitzer und Maskenverweigerer gelenkt, um es weiter in Gute und Böse zu zertrennen. Auf dass es sich fortan selbst weiter zertrenne, geblendet von der schillernden Rüstung seines Erretters.
(Und aus der Konnotation des ~GeFäHrDeRs~ iZm politisch motivierten Taten riechen wir hier nur ein Häuchlein, subtil zwischen den Zeilen wehend: subversiv.)

Die Drohung schwingt da schon mit gegen die, die sich kriminellerweise nicht an Verordnungen halten:
„… und wirst an den Pranger gestellt.“ Denn wir wissen so gut wie sie: Die Regierung ist nicht Jupiter, und eifrige Vollzugsgehilfen aus dem Volk sehen sich nie als Rindvieh. So lautet die Botschaft also: “Geheth hin und denunzireth alle, die sich unseren Verordnungen nicht beugen, sodass ihr zertrennend beschäftigt seith und nicht zu viele solidarische Gefühle entwickelth.”

Ein paar Tage später wird uns obendrein lapidar mitgeteilt, die Exekutive werde “Infizierte aufspüren”, diese “Glutnester, die gezielt gelöscht werden müssen”, und “die Infektionskette wie eine Flex durchtrennen”. (Oida?!)

Entlarvendes Wording im Grunde. Denn genau so spaltend werden hier der menschlichen Emotion die gewalttätigen Drohbilder der Reihe nach angesetzt. Jetzt aber schnell daheim verstecken, du ungehorsamer, infizierter Volkskörper!

🧩🧩
Kritik in puncto Verfassungsfragen soll also gar nicht erst (weiter) aufkommen. ~Spitzfindigkeiten~.

🧩 🧩🧩
Rücken wir das dritte Puzzleteil wieder zurück ins Bild, auf dem eine ganz bestimmte Politik erstmal den hundertfachen Export des Virus aus Ischgl in alle Welt ermöglicht haben dürfte, bevor diese Gefährdung ein Ende fand. Darf man sich dann fragen, wer hier wen ~GeFäHrDeR~ schimpft? Da müsste ein infizierter, noch nicht plangemäß niedergeflexter Parkbankerlsitzer und Maskenverweigerer aber sehr lange husten, um so ein Level zu erreichen.

🧩🧩🧩 Die Verkoppelung ergibt die Message:
“Ist doch jetzt nebensächlich, was in Ischgl passiert ist; ist doch jetzt spitzfindig, ob unsere Verordnungsregierung verfassungskonform ist. Aaaber! Wenn du dich nicht dran hältst, bist du ein ~GeFäHrDeR~ und wirst bestraft!”

Geht da eigentlich nur mir das G’impfte auf?
(pun intended)

Statt im vorhinein Menschen öffentlich zu brandmarken – und damit andere indirekt zu selbigem Vorgehen aufzufordern – sollte man erstmal mit der gebührenden Ernsthaftigkeit sicherstellen, dass die Einschränkungen überhaupt die Grundrechte angemessen achten. Sodass vor allem eines zu keinem Zeitpunkt gefährdet erscheint: unser Rechtsstaat.
Alles andere ist widersinnig und chronologieverdreht: Rechtliche Fragen zur jüngsten Gesetzgebung herunterspielen, und gleichzeitig auf die anderen zeigen und ihnen drohen, wenn sie sich nicht daran halten.

“Alles richtig gemacht”?
“Schuld ist der Gesundheitsminister”? Ausgerechnet derjenige, der offenbar als einziger die Kritik als Aufforderung verstand und umsetzte? Ein Biss in das grüne Wadl, den eine später demonstrierte Einigkeit nicht mehr recht zusammenzuflicken vermag.
Wer hier die Bevölkerung “in Unsicherheit” ließ und “ein Maximum an Verwirrung” gestiftet hat, war der Herr BK, der Verfassungskonformität für eine “juristische Spitzfindigkeit” hält und uns das auch lächelnd im Fernsehen mitteilt.

Hier ist also der Bildausschnitt, der mich magerlt:
Eine vorgebliche Flucht nach vorne, die tatsächlich ein Angriff ist. Mit Angstmache und Drohung kombiniert. Während man Kritik wegwischt und die Verantwortung dafür von Untertan auf Untertan verschieben lässt. Und sich im selben Atemzug unermüdlich auf die eigene majestätisch perfekte Schulter klopft.

Es reicht aber nicht aus, im Wochenrhythmus vor dem immerselben Kulissen-Hintergrund dem Volke Sicherheit (nur wenn) und Fortschritte (nur wenn) vorzugaukeln, und ansonsten eine Angst zu erzeugen, die gleichzeitig als Nährboden für den Mythos vom Erretter dienen soll. Oder einfach in vielen Worten gar nichts zu sagen.
(Von Transparenz bei Entscheidungsgrundlagen fang ich gar nicht an, obwohl es den Bildausschnitt freilich noch erweitern würde.)

Da wird optischer Aufheller und FleckWeg eingesetzt, wo es nicht nur um Optik gehen darf. Wiewohl das einigen emotional auszureichen scheint, weil sie dieser Inszenierung glauben – und damit genau so funktionieren wie beabsichtigt. Und siehe da, 48% von 806 Befragten denken da: “Er sagt, er machts gut – nau, dann wird er’s schon gut machen. Er machts eh gut!”
Ihr 48% von 806, sorry, das ist kein “Denken” – das ist “Aufnehmen”.

Die Sicherheit, die ein Volk tatsächlich braucht, ist nicht nur die vor dem Virus, sondern auch die Sicherung seiner Grundrechte. Sodass diese während der Krise so weit wie nur möglich und nach der Krise verlässlich, vollständig und unangetastet zur Verfügung stehen. Und die Sicherheit, dass diesbezügliche Bedenken ernst genommen werden. Das ist keine Kleinigkeit, die man mit einem selbstgefälligen Lächeln und einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch wischt – nicht, wenn man derjenige ist, der einen Eid auf die Verfassung geschworen hat.

Verfassungskonformität und ‘richtiges’ Vorgehen in der Krise – beides ist für Ottilie Volkskörper ähnlich schwer zu ermitteln und nachzuprüfen. Eine Differenzierung zwischen Empfehlung und Verordnung hätte geholfen. Andere Anhaltspunkte gibt es jedoch auch: Einen verantwortungsvollen Menschen und Politiker erkennt man vor allem daran, dass er die verdammte Verantwortung übernimmt. Jemand, der sie immer nur herumschiebt, sodass er selber sauber dasteht – der steht nicht sauber da. Würde man das selbst in seinem Erwachsenenleben so machen und sich immer nur abputzen, müsste man sich irgendwann den Konsequenzen stellen. Warum sollte man dann jemanden wählen, der so drauf ist? So jemandem gibt man keine Verantwortung mehr.

Oder darf man künftig erwarten, dass er sich verantwortlich fühlen wird für das, was er entschieden hat? Wird die Erzählung nicht eher lauten, dieses würde nicht in seinem Bereich liegen, oder jenes wäre vernachlässigbar? Weil es doch (sehet!) einen großen gemeinsamen Feind zu besiegen gilt! Ob der nun gerade ~Todesvirus~ heißt oder ~Flüchtlingswelle~.
Oder es wird heißen, es wäre vernachlässigbar, weils ja nur für kurze Zeit ist. ¹ Deren Dauer derzeit wohlgemerkt nicht absehbar ist. Auch wenn jetzt, ra-ru-rick, das Land langsam “hochgefahren” werden soll – just saying: Die Covid-19-Gesetze haben derzeit Geltung bis 31. Dezember 2020.

Unsere Verfassung wurde in Krisenzeiten für Krisenzeiten geschrieben. Da muss dem aktuell Faktischen gar keine außerordentlich normative Kraft gegeben werden – die Verfassung ist das Faktische. Und sie war früher da als die neuen Tatsachen.

Lasst euch da bloß nichts anderes einreden! Und das ist diesmal nicht ironisch gemeint.

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Kurze Infos zum KwEG hier.
Für ausführlich Interessierte verbirgt sich ein ganzer Tagungsband zum KwEG (“‘Normsetzung im Notstand”) mit Geschichte und Hintergründen hinter diesem Link.

Artikel

e-card-“Missbrauch”, eine populistische Fangschrecke

Ahja: e-Card mit Foto für 23 Mio€? Wtf?

Gegen Missbrauch…? (Suggeriert: Durch Unversicherte, die sich Behandlungen erschleichen, weil ~kein Foto~?)
Peanuts im milliardenschweren SV-Haushalt, irgendwo bei 0,0003% der Ausgaben.
Sollens 230k€ p.a. sein. 100 Jahre, bis die Aktion “e-Card mit Foto” sich amortisiert?

Laut (allerdings altem) Artikel in der Presse gingen 2009/2010 bei Ermittlungen durch die WGKK 82% der Missbrauchs-Schadenssumme auf Ärzte/Ärztinnen, die nicht erbrachte Leistungen verrechnet haben. Ähem. I sag nur. Aber mittlerweile gibts ja sicher schon argumentativ gefälligere Zahlen.

Übrigens ist es imho Wirtschaftsbetrug und Betrug am Staat, wenn Ärzte nicht erbrachte Leistungen abrechnen. Und nicht „Sozialbetrug“. Aber hey: Es gilt ja nur mehr, was draufsteht.

Hier der Link zum alten Presse-Artikel. Der Titel ist gleich doppelt irreführend – “Betrug mit e-card – 1,2 Mio € Schaden”, wo doch die 1,2 Mio aus zwei Jahren sind, UND davon satte 82% auf nicht erbrachte Arztleistungen entfallen.

Damit bleiben 108k€ p.a. an patientenseitigem Missbrauch – wie gesagt: Peanuts.
Pro Fall sind das ~830€ Behandlungskosten (Schnitt; 325 Fälle, davon 260 patientenseitig, 216k€). Leistungsbürger zahlen das beim Wahlarzt vielleicht locker, aber welche Chance auf Behandlung hätten Unversicherte um den Preis wohl gehabt? Man sollte das nicht mit „sich bereichern“ verwechseln.

Es kann einem übrigens völlig blunzn sein, wenn vielleicht ein paar Leut „gratis“ zum Arzt gehen, die nicht versichert sind.
„Ja, aba aba… ich zahl dafür, und die nicht!“
Du zahlst auch dafür, wenn die nicht hingehen. Und zwar exakt dasselbe.
Und wenn du selbst nicht hingehst, auch. Wetten?

Wenn allerdings – zur “Prävention” der mickrigen Betrugsfälle, die man mit Foto verhindern könnte – Fotos auf die e-cards kommen, was unangemessene Millionen kostet, die zum Schaden in keinem Verhältnis stehen – dann könnt’s eventuell auch für die Einzelnen teurer werden. (Das allerdings liegt dann nicht am gemeinen E-Card-Missbräuchler vulgo “Auslända”.)

Mit der Kohle hätten wir jahrzehntelang die paar Unversicherten & Süchtigen unterstützen können, die’s sicher gern selbst bezahlt hätten, wenn sie sichs leisten könnten.
Aber wir unterstützen lieber… ja, wen eigentlich? Cui bono? Cui Hackn, Provision, “wo is mei Leistung”?

Man hätte aus den Daten freilich auch ganz andere Schlussfolgerungen ziehen können:
• Die Gesundheitsversorgung für alle Menschen ist in AT zu wenig effektiv.
• Es gibt zu viele, die sich keine (Selbst-)Versicherung leisten können.
• Es gibt zu viele unversorgte Suchtpatienten.
(Gewichtung dieser Schlussfolgerungen: 18/100)

• Die Vertragshonorare sind viel zu gering!
Und das kann man als Kassenpatient/in auch sehr deutlich an der Zeit und Aufmerksamkeit ablesen, die einem Onkel und Tante Kassendoktor für gewöhnlich nicht widmen.
(Gewichtung dieser Schlussfolgerung: 82/100)

Eine Spende an die Barmherzigen Brüder ist übrigens steuerlich absetzbar. Die behandeln auch Unversicherte. Dort kommt die Wohlfahrt – abgesehen von der geringeren Steuer – schön aus privater Hand, damit sie DEM STAAT nicht auf der Tasche liegt, nech? Die Ärztinnen und Ärzte sind dann natürlich immer noch unterbezahlt, aber Hauptsache, wir haben die Schuld und die schlechte Nachred’ auf die bösen Sozialschmarotzer umgelenkt.

Und mit solchen Aktionen begründen dann die Fänboys & -girls ihr Pro-Schwarzblaun? Weil “endlich was weitergeht”? Na hoffentlich bleiben sie alle weiterhin leistungsstark, krankheits- und unfallfrei im Leben. Damit ihnen das, was da weitergeht, nicht schon bald selbst auf den Kopf fällt.

Bitte den Sand aus den Augen wischen und an die Natur zurückführen! Der wird am Bau gebraucht.

(übertragen aus meinem ursprünglichen Twitter-Thread und ergänzt)

Update 8/2020:
Ui, und jetzt sind wir ganz enttäuscht, dass die Einsparungen deutlich geringer ausfallen als erwartet, während die Kosten um 7 Mio. höher liegen als 2019 veranschlagt.
“Wie viel der nun durch die Taskforce eingesparten Summe auf den Missbrauch der E-Card entfällt, gab der Innenminister nicht von sich aus bekannt.” Nageh!

Update 5/2021:
Im Nachhinein aus der Corona-Perspektive betrachtet, gefällt mir ein Satz in diesem Standard-Artikel aus 2018 ja besonders gut:
“Für die Neos ist das Vorhaben “von Anfang an eine Farce”. Die Regierung bestehe “partout auf die Fotos auf der Karte”, weil sie es als politisches Prestigeprojekt sehen. Dabei könnte das Geld für “etwas Sinnvolleres” ausgegeben werden. Hier hat Loacker auch einen konkreten Vorschlag: Der elektronische Impfpass soll endlich umgesetzt werden. Geht es nach den Pinken, sollen auch Schulärzte Zugriff auf das Dokument bekommen. Dazu brauche es aber Lesegeräte für die E-Card, das sei derzeit für Schulen aus Kostengründen nicht angedacht.”
Zihihi, “Sinnvolleres!” Aber nicht doch.

 

Artikel

Woher der Zuspruch?

Auf einen Artikel bei der Frau @KatQuat aka FireRedFriederike hab ich heute einen langen Kommentar hinterlassen… und werde irgendwann nicht mehr wissen, dass ich das nicht hier gebloggt hab, sondern dort kommentiert. Daher hier mein Kommentar, für meine Suchfunktion.

Kurz zitiert gings darum:

Ist es nicht außerordentlich eigenartig, dass eine Partei wie die ÖVP, die – zusammengefasst – sagt „Kümmert euch um euch selber und wer das nicht zusammenbringt, ist selber schuld“ einen derartigen Zuspruch erfährt? Die das Dogma „sich um Schwächere kümmern“ so komplett pervertiert und aus der Pervertierung die Erzählung von Erfolg strickt?

Ich greif mal kurzerhand einen Aspekt heraus: Die Geschichte vom leistungsstarken Idealbürger und seinem “sozial schwachen” Gegenstück, das ersterem immer nur in der Tasche hängt, ist voll aufgegangen, in allzu vielen Gehirnen. Ist es nicht immer stärker scham- und angstbesetzt, Hilfe zu brauchen? Umso mehr, je öfter dir erzählt wird, dass du es doch alleine schaffen können musst. ZB von Leuten, die es ja auch geschafft haben – unter welchen Umständen, lassen sie sehr gerne unter den Tisch fallen, weil die erhaltene private Unterstützung von 0-25 ja wiederum aus “Leistung” stammte, qua Eltern quasi den eigenen Kreisen zuzurechnen sind. In manchen Kreisen steht die Unterstützung so selbstverständlich zu, dass man deren Funktion als jahrelange Starthilfe komplett negieren kann.

Schwupps, und plötzlich stehen sie auf eigenen Beinen und denken: Na, das war doch eh ganz leicht! Daraus folgt ein Nichtzuständigseinwollen für andere, die “nur kosten und nix beitragen”, weil: “Um mich hat sich der Staat(!) auch nicht gekümmert, und ich habs trotzdem geschafft”.
Leute, für die sich ihre gesamte Erfahrung von “Ich hab kein Geld” darauf beschränkt, dass sie gerade keines dabei haben.
Die Adelung zum Leistungsträger obendrauf, Platzen vor Stolz, Ende der Solidarität.

Ja, sie ist in der Tat außerordentlich eigenartig, die Sache mit dem Zuspruch, die du als Kernpunkt definierst. Hab dazu auch gebloggt, noch vor der Wahl, weil auch mir nicht eingeht, dass so viele Leute die Story “endlich geht was weiter” weitererzähl(t hab)en.

Es wird nicht in die Tiefe geschaut, sagte mir dazu jemand – nein, es wird nichtmal knapp unter die Oberfläche geschaut. Was die Sozialstaat-Demontagen aus dem letzten Jahr tatsächlich bedeuten, ist (fatalerweise für diese Wahl) noch gar nicht lange genug am Wirken, das werden viele erst checken, wenn sie das nächste Mal beim AMS sitzen. Bis dahin glauben sie die Erzählung, dass den Bösen extra was weggenommen wurde, damit für sie, die Fleißigen, mehr bleibt. Sie merken nicht, dass sie während der geilen Zaubertricks auch immer die andere Hand hätten im Auge behalten müssen.

Ich meine, es ist der gewollte Effekt des liberalen Narrativs, und dem konnten sich über die Jahre auch sozialdemokratische Hirne nicht entziehen – nach außen hin müssten wir Soli sein, aber jeder kämpft für sich allein. Gehts nicht auch da vor allem um persönliche Vorteile? Um die first-hand-Angebote von Genossen? Wo soll da unter “Was kannst du für mich tun?” noch Raum gefunden werden für ein “Was können wir für die Menschen tun?” Geht’s den meisten aufgrund genau dieses Netzwerkes ZU gut? Ich vermute, ja. Sonst wäre man revolutionär laut geworden, auf die Barrikaden gegangen, hätte Revidierungen jedes einzelnen Punktes gefordert und versprochen; den Leuten hörbar vermittelt, was da gerade ratzfatz passiert ist.

Nun müssen die, die vom Kümmern profitieren, ja für ihre Annäherung an die Adelung zu Leistungsträgern vor allem eins: hackeln. Da bleibt eben nicht viel Zeit fürs Kümmern darum, was da politisch eigentlich genau passiert. Viele von ihnen glauben daher wohl lieber die einfachen Geschichten, auch wenn sie erfunden sind – und nicht die komplexen.

— Ende Kommentar.—

Zusatz:

Vielleicht ist diese Sozialdarwinismus ein Ausdruck einer Mentalität der FürImmerJung-Illusion – dieser dummdreiste Glaube, den Menschen haben, die noch nie richtig krank waren, die in Fülle aufgewachsen sind und bis zum Antritt der ersten gutbezahlten Stelle finanziert worden sind.

Ich kanns auch “allein” schaffen, ich brauche niemanden, es ist peinlich, wenn ich jemanden brauche oder es nicht allein schaffe. Und was für mich gilt, muss für die anderen auch gelten.

Daraus entsteht dann vielleicht genau dieses Ideal der Fehlerlosigkeit, der Perfektion, die nicht zu erreichen ist, und jeder kämpft nur noch für sich selbst, weil die anderen nur mehr als Perfektions-Kontrollinstanz (=Bestätiger) fungieren (dürfen) und nicht mehr als Beistand und Kümmerer.

Und Geldadel. Wer sich Pflege, Kinderbetreuung, Gesundheit auf privater Ebene leisten kann, private Krankenversicherung und alles Pipapo, hat auch weniger Angst davor, was passiert wenn…

Artikel

Gute Behandlung? Ein Fragenkatalog.

Angenommen, jemand möchte dich für sich gewinnen – und damit dein Vertrauen, deine Zuneigung, deine Unterstützung. Oder genauer gesagt, er möchte dich nach einem Scheitern oder Fehlverhalten zurückgewinnen. Wie müsste derjenige sich verhalten, um dieses Ziel bei dir zu erreichen? Fragst du dich in diesem Zusammenhang womöglich zuerst, was derjenige denn für dich tun kann? Oder fragst du dich doch vorher:

Wie möchte ich behandelt werden?
Zum Beispiel: Ich möchte respektvoll behandelt werden, mich wertgeschätzt fühlen, auch mein Vertrauen geschätzt und nicht missbraucht wissen. Vielleicht möchte ich auch was zurückbekommen und nicht nur geben: Ehrlichkeit. Toleranz. Umsicht. Und selbstverständlich möchte ich nicht für dumm verkauft werden.

Bevor du eine Entscheidung für die Zukunft triffst, würdest du versuchen sicherzustellen, dass du keinem Blender aufsitzt, der dir nur vordergründig schön tut, dir aber dann von hinten das sprichwörtliche “Hackl ins Kreuz haut”?

Wie lauten deine Anforderungen für gute Behandlung?
Natürlich würdest du davon ausgehen, dass so jemand…:
♥ sich ehrlich um dich bemühen wird
♥ sich von seiner besten Seite zeigen wird
♥ dir gegenüber Zugeständnisse machen wird, die dir bisher fehlten
♥ Wenn er auch vergangene Ereignisse vielleicht ein wenig beschönigen wird

Würdest du in gutem Glauben sofort alle Bedenken über Bord werfen? Oder erstmal abwarten, ob das erfreuliche Verhalten sich fortsetzt? Wie lange? Würdest du bemerken, wenn dein Gegenüber seine Versprechungen nur zwischen den Zeilen transportiert?

Und wenn er versucht, dir Angst vor einer Zukunft ohne ihn zu machen?
Wovor muss man mehr Angst haben – vor einem gemalten Schreckensszenario? Oder vor dem Maler?

Was stimmt hier nicht?
Was, wenn du ihn in Gesellschaft bei jeder Gelegenheit etwas anderes erzählen hörtest, und du würdest das irgendwann bemerken? Wenn du das Gefühl kriegst, er lügt wie gedruckt, um sich beim aktuellen Zuhörer anzubiedern, etwa indem seine Herkunft sich ständig ändert – wie würdest du das einschätzen? Könnte es sein, dass er seine wahren Absichten verbergen will?

Wie würdest du es in so einer Situation finden, wenn derjenige die aktuellen Fakten und die Vergangenheit, die du deutlich anders in Erinnerung hast, dreist verdreht? Wenn er es so darstellt, …:
♣ als wären andere an seinen Fehlern und Versäumnissen schuld
♣ oder die äußeren Umstände
♣ als wäre gar nicht sein Verhalten das Problem gewesen, sondern die Tatsache, dass du es gesehen oder davon erfahren hast
♣ als wäre es besonders gemein von dir gewesen, ihn dabei zu erwischen
♣ als wäre es ein Affront und “Anpatzerei” von dir, dass du sein Fehlverhalten auch noch benennst und thematisierst
♣ als wäre er immer das arme Opfer, egal, worum es geht
♣ als wären daher alle anderen die, denen man keinesfalls vertrauen könnte, weil sie nach seiner Logik ja dann Täter wären; er würde aber im selben Atemzug behaupten, andere anzupatzen wäre nicht sein Stil
♣ als wäre er von Natur aus über jeden Zweifel erhaben
♣ als wäre er jetzt schon dein “Schatzi”, obwohl du deine Entscheidung noch gar nicht getroffen hast

Enttäuschung vorprogrammiert
Und jetzt die Preisfrage: Wenn das alles schon das “Zeigen von seiner besten Seite” sein soll – in Zeiten, in denen er dich für sich (zurück)erobern will, wohlgemerkt – wie werden dann erst die weniger guten Seiten aussehen?

Du ahnst es schon
Würdest du in deinem Privatleben dermaßen offensichtliche Manipulationsversuche dulden? Wie würde dein Vertrauen darauf reagieren? Welches Recht hat eine Person, dich so zu behandeln? Würdest du dich verarscht fühlen und für dumm verkauft?

Unterscheidet sich das von dir erwünschte Verhalten im privaten Bereich davon, wie du als Wähler*in von Kandidaten oder Kandidatinnen zur Wahl behandelt wirst?

Was würdest du als nächstes tun?
Wenn dir vieles merkwürdig vorkommt, würdest du dann beginnen, Informationen und Details zu überprüfen, vergangene und aktuelle?

Angenommen, deine einzige Quelle bisher war dein eigenes Gedächtnis und das, was Freunde des Betreffenden über ihn sagen. Würdest du beginnen, neue Quellen zu suchen und in Erfahrung bringen wollen, woran andere Leute sich erinnern, oder wie sie denjenigen sehen?

Ist es dein Recht, das zu hinterfragen und dir dein eigenes Bild zu machen, bevor du eine Entscheidung triffst? Oder gar deine Pflicht dir selbst gegenüber?

Weiterfragen
Wie würdest du es nun bewerten, wenn du möglicherweise herausfändest, dass…:
♣ du schlecht behandelt, belogen und betrogen wurdest?
♣ jemand begonnen hat, deine Rechte, deine Ansprüche und damit deine Zukunft zu demontieren?
♣ jemand deine Interessen verletzt hat zugunsten anderer, die zB finanziell besser gestellt sind?
♣ dieser Jemand im Moment wieder so tut, als wäre er dein Freund, weil er offenbar was von dir braucht?

Hättest du das Gefühl, er hält dich für zu einfältig, um deine eigenen Schlüsse zu ziehen?

Wenn dieser Jemand offenbar nichts dabei findet, andere zu diffamieren (oder das von seinen Freunden besorgen zu lassen), nur um selbst besser dazustehen, als es ihm auf Basis seines Verhaltens eigentlich zukäme – wird er das dann bald auch mit dir oder deiner Gruppe so machen?

Was wird später aus seinen jetzigen Versprechungen werden? Wirst du womöglich bald von ihm verraten und verkauft? Musst du dich vielleicht eher fragen: Was wird er sicher nicht für mich tun?

Was ist realistischerweise von jemandem zu erwarten, der sich immer nur abputzt und für nichts verantwortlich sein will, der bewusst wegschaut, seine vergangenen Fehler nicht (an)erkennen (will) und schon nach kurzer Zeit so tut, als wären sie entweder nie geschehen oder die Schuld von jemand anderem? Wie gehst du in deinem Privatleben mit solchen Leuten um?

Schlüsse ziehen
Kannst du bei all diesen beobachteten Anzeichen noch davon ausgehen, dass demjenigen dein Vertrauen etwas wert ist, und dass du dafür was zurückbekommen wirst? Wenn er sich wohl auch künftig und in anderen Zusammenhängen drehen und wenden wird, wie es der Wind der Situation gerade vorgibt?

Schenkst du so jemandem trotzdem weiterhin dein Vertrauen? Im privaten Bereich? Und politisch? Und wenn dein Glück davon abhinge? Würdest du so jemanden Entscheidungen für dich treffen lassen? Ihm die Macht über dein Leben und deine Zukunft in die Hand geben? Verantwortung?

Wenn mit ihm wirklich irgendwas massiv nicht stimmen würde – müsste dann nicht zuerst seine Partei aufbegehren, und nicht ausgerechnet du kleine*r Einzelne*r persönlich? Und solange das nicht geschieht, kannst du dich dann darauf verlassen, dass sicher eh alles in bester Ordnung ist?

Musst du immer warten, bis andere für dich eine Entscheidung treffen? Oder darfst du selbst entscheiden, wem du dein Vertrauen schenkst?

Eine (neue) Wahl treffen
Ist davon auszugehen, dass jemand, der sich so benimmt, eine goldene Ausnahme machen wird für dich, deine Gruppe, Herkunft oder Zugehörigkeit – oder auch für dein gegebenes Vertrauen? Könntest du beweisen, wo du zuletzt dein Kreuz gemacht hast?

Wann ist also der beste Zeitpunkt für ein Umdenken? Wann triffst du deine Entscheidung für eine künftig bessere Behandlung? Und was, wenn das eventuelle Erkennen deines eigenen Irrtums vielleicht schmerzhafte oder beschämte Gefühle in dir weckt? Verzichtest du auf eine Korrektur, um solche Gefühle zu vermeiden? Verteilst du ständig neue Chancen, als hättest du eine ganze Garage voll davon, in der Hoffnung, dass schon irgendwann durchsickern sein wird, wie du eigentlich behandelt werden möchtest?

Oder würdest du dich abwenden und dir stattdessen Menschen suchen, die dich besser behandeln?

Neinsagen lernen
Wenn man jemandem die Rechnung für sein Verhalten präsentiert, indem man Nein zu ihm sagt – ist man dann ein schlechter Mensch?

Was, wenn genau dieses Nein ebenfalls eine Chance für den Betreffenden darstellt – nämlich die, sein Verhalten, das nun von außen deutlich als inakzeptabel benannt wurde, zu überdenken und vielleicht sogar verändern zu können?

Wer muss wem beweisen, wie loyal und integer er ist?
Dass jemand ein paar kleinere Fehler macht, kommt vor. Man wird durch eine ehrliche Entschuldigung und verändertes Verhalten bald merken, dass es Fehler waren, die er auch tatsächlich erkennt und bedauert. Dann hält man auch weiterhin zu einem alten Freund.
Aber was, wenn all das gar nicht kommt, und du stattdessen siehst, dass die eingeschlagene Richtung dir persönlich schadet? Oder anderen Menschen?

Jemand, der sich wie beschrieben benimmt, hat dich moralisch aus jeder gefühlten Verpflichtung entlassen, ihm gegenüber (weiterhin) loyal oder integer sein zu müssen. Oder wäre es klug von dir, bei solchem Benehmen einfach weiterhin mit seiner Loyalität zu rechnen?

Zu wem musst du zuallererst eisern halten, um gut behandelt zu werden? Mit welcher Begründung könntest du dein weiteres Vertrauen noch vor dir selbst rechtfertigen? Oder vor anderen, die darunter leiden würden?

Was zählt es schon, wie ich behandelt werden möchte?
Wenn du weiterhin dein Vertrauen schenkst – würdest du damit nicht das unerwünschte Verhalten stillschweigend absegnen und dich mit der schlechten Behandlung einverstanden erklären?
Warum sollten dafür in deinem Privatleben andere Grenzen gelten als in der Politik? Wie gut möchtest du dich von der Politik und ihren Kandidaten und Kandidatinnen behandelt wissen?

Wie ist das eigentlich mit den “Wenigen da oben” mit ihren finanzstarken Interessen und den “Vielen da unten” – sind die Letzteren wirklich ohne jede Handhabe? Wie ausschlaggebend können “Wenige da oben” eigentlich sein?

Mit entsprechender Unterstützung könnte der eine oder andere Jemand sich natürlich einen Vorteil verschaffen, bevor es an deine Entscheidung geht. Indem er für größere, auffälligere und häufigere Sichtbarkeit sorgt, als seine Mitbewerber es können, um deine Aufmerksamkeit und Entscheidung zu binden.
Wenn er in dieser Zeit aber geschönte Mythen über die Vergangenheit und Schreckensvisionen über die Zukunft erzählt, mit sich selbst in der Heldenrolle des heiligen Erretters, in denen alle anderen zufällig sehr schlecht wegkommen… und wenn er sich damit allzusehr bei den “Vielen da unten” anbiedert – dann vielleicht einfach deshalb, weil die “Wenigen da oben” einen zu kleinen Teil der Wahlberechtigten darstellen?

Im Jahr 2019 zählt es
Die Zeiten der Wiege der Demokratie, ein paar Jahrhunderte v.Chr., werden heute oft allzu verklärt betrachtet. Doch damals war das Wahlrecht – und auch das Regieren selbst – der Aristokratie vorbehalten, den Wohlgeborenen und -habenden. Arbeiter, Frauen – ah, und Sklaven natürlich – die hatten da gar nichts zu melden. Sie waren viele, aber machtlos.

Seither hat sich zum Glück vieles verändert bis zur modernen Demokratie. Die arbeitende Bevölkerung im Jahr 2019 n.Chr. hat sehr wohl eine Handhabe: ihre Wählerstimme. Und das sind in Summe sehr viele.

Im großen Unterschied zu einer Entscheidung für deinen privaten Bereich allerdings ist deine Stimme nicht nur eine Entscheidung für dich und deine persönliche Zukunft, sondern auch eine für Millionen anderer Menschen, etwa für jene, die (noch) nicht wählen dürfen.

Überlegen wir uns also sehr genau, wie und für wen wir diese Stimme einsetzen.
Schenken wir unser Vertrauen nur solchen Menschen, die uns so gut behandeln, wie wir es uns wünschen. Im privaten Leben genauso wie im politischen: Wie möchtest du behandelt werden?