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Leistungskult

Ich hatte in letzter Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten den Leistungsgedanken auf dem Tisch. Wurde unter anderem gefragt, was daran so problematisch sein soll. Und: „Wenn ich jeden (Mitarbeiter) uneingeschränkt für sein Da-Sein wertschätze, unabhängig von seiner Leistung – wer soll dann die Arbeit machen?“

Niemand wird bestreiten, dass es Sinn ergibt, in jener Umgebung Leistung als Wertmaßstab anzulegen, in der es um Leistung geht – in der Wirtschaft. Doch selbst da wird unfair umgesprungen mit den Begrifflichkeiten. In unseren Breiten ist mit „Leistungsträger“ nur derjenige gemeint, der viel Geld verdient und daher „stark ist“, weil er ja „trägt“ – wohingegen all jene, die „nur“ viel leisten, aber wenig verdienen, in dieser Deutung schonmal durch den Rost fallen. Kein Träger, nicht stark, keine Leistung.

Womöglich muss man sich sogar fragen, ob der Kampf um gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, den Feministinnen seit Jahrzehnten führen, nicht ein aussichtsloses Kämpfen ist um einen Wert innerhalb eines Wertesystems, das von der privilegierten Gruppe geschaffen wurde, um genau solche Wertunterschiede herauszuarbeiten. Die Rechnung würde dann gar nicht aufgehen können, weil jedes Berufsfeld, das von Frauen erobert werden kann, als Antwort auch abgewertet werden kann.
Aber abseits von Frauen und Männern: die Wahrscheinlichkeit des sozialen Aufstiegs steigt generell mit den initial vorhandenen Privilegien. Es ist nicht für jede(n) Dahergelaufene(n) so, dass Leistung und Fleiß sich automatisch auch auszahlen.

Das Prinzip wird aber auch auf vieles andere übertragen – beispielsweise auf den Staat und seine „Leistungen“ als „Dienstleister“, womit Bürger und Bürgerin zu Kunde und Kundin werden, die nur bedient werden, wenn sie die entsprechende Zahlung auch leisten können – oder vorab leisten konnten.

Soziales Netz, von wegen! Das klingt, als würde jemand, der sich auf seine Arbeitslosenversicherung verlässt, leichtsinnig unnötige Risiken eingehen, wenn er sich ins dieses Netz fallen lässt – immer schön nach unten mit den Nutzlosen – und damit den anderen automatisch und sofort zur Last fallen. Dabei, au contraire, stellt er sich schlicht jenen Risiken, die ein ganz ordinäres Arbeitsleben eben so mit sich bringt: Arbeitsunfähigkeit, Krankenstand, Entlassung, eigene Kündigung, Jobwechsel aus allerlei Gründen. Der Arbeitnehmer trägt mit seinen Beiträgen zu diesem sozialen Netz bei, ist ein Teil davon! Und er muss diese Risiken eingehen, weil ihm ja auch nichts anderes übrigbleibt, wenn er nicht zufällig mit dem Silberlöffel im Mund geboren wurde.
Die Arbeitslosenbeiträge bei Wenigverdienern werden nun aber gesenkt oder überhaupt erlassen – ein bitteres „Zuckerl“, wenn man bedenkt, dass dafür die (Versicherungsvergütung) Notstandshilfe abgeschafft und stattdessen in der (Sozialleistung) Mindestsicherung untergebracht werden soll. Denn auch dann kann der Staat leichter behaupten: Die haben ja auch nichts beigetragen. Mehr Abhängigkeit vom Gutdünken des angeblichen Dienstleisters Staat – und damit auch von seinem Ansinnen, im Antragsfall erstmal auf das Vermögen des Bittstellers zuzugreifen oder ihn anzuweisen, dieses erstmal zu verbrauchen, bevor er „vom Staat was will“. Vulgo: Eure Armut kotzt uns an.

In Extremfällen wird die ganze Lebensberechtigung eines Menschen darauf gegründet, ob er (wem?) nützlich sein kann oder nicht. Eines Menschen, nicht eines Arbeiters! Inklusion ist wichtig, die Rhetorik drumherum zielt aber auch häufig darauf ab, „den Wert“ jener Menschen hervorzuheben, die von der Norm der Mehrheitsgesellschaft abweichen, vielleicht um die gesellschaftliche(?) Akzeptanz zu erhöhen – über den Leistungsgedanken. „Kann was hackeln, ist also nicht völlig sinnlos auf der Welt“ ist ein sehr rudimentärer Gedankengang – aber er wird von Menschen gedacht, jeden Tag.

Oder geflüchtete Menschen – sie sollen arbeiten, weil sie das System sonst „nur ausnutzen“ (dürfen das aber je nach Asylstatus oft gar nicht); wenn sie dann aber tatsächlich arbeiten, sind sie der Rechten ein Dorn im Auge, weil sie dann ja doch was beitragen; und dann werden diese Menschen trotz zB vorhandener Lehrstelle abgeschoben. Sie sollen unsere Sprache sprechen und das auch beweisen können, aber das Erreichen dieser Leistung wird vom Staat nicht mehr finanziell unterstützt.

Übertragen wird das Prinzip aber auch aufs Privatleben – auch hier: auf Menschen, nicht auf Arbeiter. Auf Menschen in einem Umfeld, das von Liebe, Respekt und Toleranz geprägt sein sollte, nicht von Leistungsdruck. Von „Wer macht mehr im Haushalt?“ bis hin zu „Und, wie war ich?“ durchzieht das Prinzip Leistung auch noch unser intimstes Privatleben wie ein Furz, der einfach nicht vergehen will.

Dann ist jener Mensch in einer Beziehung, der „weniger leistet“, plötzlich auch weniger wert – und mit weniger leisten ist auch hier nicht gemeint: in Arbeits- oder Tätigkeitszeit, sondern: in Euro. Denn die Tage auf der Erde haben bei allen nur maximal 24 verwertbare Stunden. Eine Abwärtsspirale, denn die unproduktiven = nichts oder wenig einbringenden Tätigkeiten übernimmt dann sinnvollerweise der (meist die-)jenige mit dem ohnehin schon niedrigeren Stundensatz, weil der mit dem höheren freilich stets „Besseres zu tun hat“. Die Bewertung ist hier sehr offensichtlich. Damit bleiben traditionell prestigearme (warum bloß?) Hausarbeit, soziale Belange, die Pflege von Kindern oder alten oder kranken Familienmitgliedern, Besorgungen, das Warten auf Handwerker, Wasserableser oder Paketdienst bei dem, dessen Zeit ohnehin nicht so viel wert ist. Es wirkt wie ein Naturgesetz – nur dass es keines ist! Geld ist bedrucktes Papier, keine natürliche Erscheinung.
Überlegt euch doch mal, wie sehr dieses Prinzip tatsächlich auch unser Privatleben bestimmt, wie buchstäblich bis in die hinterste Schlafzimmerecke alles davon durchwirkt ist, dass „der Markt das regelt“!

Und nicht nur die Zuständigkeiten. Ständiger Wettbewerb auch im Privatleben: besser sein, klüger sein, mehr wissen, besser können, die bessere beste Freundin sein wollen, der bessere Schachspieler… der greifbare Triumph des Wertvoller-Seins lockt die Selbstbewertung in den beharrlichen Vergleich mit anderen und lässt Wünsche nach Gemeinsamkeit, Teamwork, Augenhöhe und Intimität darben und letztlich verhungern. Das Leistungsprinzip schafft unglückliche Beziehungen und abgewertete PartnerInnen, weil die Mär nicht ausstirbt, dass nur ein potenter Ernährer und Beschützer, der im Konkurrenzkampf obsiegt hat und etwas darstellt, auch etwas wert ist und eine Frau abkriegen wird. Dass seine Zeit rar ist, macht ihn freilich noch wertvoller als zB die einer Frau, die „sowieso da ist und Zeit hat“. Das schlägt sich nicht nur bei Entscheidungen nieder, sondern auch im Umgang, in der Ausdrucksweise, in den Selbstverständlichkeiten, in einer fortgesetzten Privilegienblindheit, die als ganz normaler Anspruch gelebt wird.

Als ein Mensch, der aus gesundheitlichen Gründen nicht voll leistungsfähig ist, ohne dass der Staat mir da irgendein Netz gespannt hätte, bekam ich dieses Gefälle besonders deutlich zu spüren. Da liegt manchen zu allererst die Behauptung nahe, dieses Gefühl wäre inneren Ursprungs, die anderen würden das ja gar nicht so sehen – es wäre sozusagen nur in meinem Kopf. Oder es wäre damit gar die „Richtigkeit“ des Leistungsgedankens bestätigt.
Aber das ist so nicht. Die anderen sehen das gar nicht so, weil sie es sich nie bewusst gemacht haben. Weil sie das Leben aus dieser Perspektive nicht kennen. (Noch nicht.)

Ja, du fühlst dich tatsächlich irgendwann unterlegen, wenn du nicht gleich viel zum gemeinsamen Leben beitragen kannst. Du erlebst, wie derjenige die Entscheidungen trifft, der das Geld hat, und du dazu aufgefordert wirst, „wenigstens auch irgendwas beizutragen“ – zumindest, indem du dich gefälligst diesen Entscheidungen widerspruchslos fügst, aber auch, indem du sie „unterstützt“ – was in der Praxis fix bedeutet, dass dir die Anwesenheit, Arbeit, das Ertragen und die Aufsicht bleibt über Dinge, die du selbst nicht mitentscheiden durftest.
Daraufhin versuchst du gleichzuziehen, wobei du mitunter die eigene Gesundheit noch weiter zerstörst. Du möchtest dich nicht rechtfertigen müssen, warum du dieses oder jenes weggeworfen hast, wo du es doch nicht bezahlt hast. Oder auch, warum du etwas aufheben möchtest.
Daraus folgt in zugespitzter Form: Nur wer das Geld hat, kann sich auch eine eigene Meinung leisten. Alle anderen tun das, was ihnen gesagt wird.
Am Ende wird dir deine „Leistung im Haushalt“ mit einem Putzfrauen-Stundenlohn abgerechnet und diese Summe als Abfindungsleistung bei einer Scheidung vorgeschlagen. Natürlich nicht für alle Jahre, nur für die letzten fünf.

Das prägt sich ein, nicht nur in Form von einzelnen, konkreten Aussagen, sondern auch mit der gesamten Dynamik, die daraus oft ebenso unmerklich wie unweigerlich entsteht. Diese Atmosphäre schafft den erwünschten Spin hinter der eigenen Stirn: dass du als chronisch kranker Mensch weniger wert wärst und deshalb weniger mitzureden hättest, dir mehr gefallen lassen müsstest, weil du „nicht mehr verdient“ hättest und ja „erhalten werden“ müsstest. Und dieser Gedanke, der mehr zu einem Gefühl wird, bleibt auch dann erhalten, wenn das schon gar nicht mehr zutrifft.
Unbemerkt bleibt von den Leistungswert-Anbetern gern, dass so ein Mensch mit diesem (oft fremden) Leistungsgedanken im Kopf die vermeintliche Schuldigkeit oft doppelt und dreifach tut – in Form von ausgleichenden Gratisleistungen, die oft als selbstverständlich genommen werden, aber zusätzlich als Zurückhaltung, Geduld, Unterordnung, vorauseilender Gehorsam, Lebenszeit – und das auch noch freiwillig, weil nach und nach in ihm das Gefühl entstanden ist, eine Schuld zu tilgen zu haben, die er nie zurückzahlen kann. Und weil er das Gefühl für den initial durchaus hohen Wert der eigenen Zeit selbst allmählich verloren hat, für den Wert von Ideenreichtum, Lösungsvorschlägen, Mithilfe und Bereitung hindernisfreier Wege für andere Familienmitglieder.

Was der weniger leistungsfähige Mensch allerdings nicht verliert – und dafür bin ich meiner früh im Leben aufgetauchten Erkrankung tatsächlich dankbar – ist das Gespür für die Balance, die es braucht, um das Leben schön zu machen, und das Bewusstsein, dass Leistung kein ständig verfügbares Gut ist, auf das man sich im Leben verlassen und auf das man daher sein Luftschloss bauen könnte.

Aber siehe da, das Prinzip setzt sich vielerorts immer wieder durch, wenn Firma, Karriere, Leistung nunmal Vorrang haben vor der Beziehung, der Familie, vor Spaß, Freizeit, Schlaf, Liebe, Freiheit, Blumenwiesen im Sonnenschein, Genießen und Zeitnehmen: Leistung ist einfach wichtiger, nur sie bringt das Geld, nur sie bringt den Lebensstil, und selbst wenn’s mit weniger auch (und vielleicht sogar schöner) ginge, bleibt sie das Killerargument Nummer 1: Es muss sein. Das andere muss warten, denn es ist „nur Privatvergnügen“. (Und bringt keinen Push beim Selbstwert und der gesellschaftlichen wie privaten Aufwertung, Deutungs- und Entscheidungshoheit.)

Selbstverständlich verinnerlicht der weniger leistungsfähige Mensch unter stetem Tropfen dieses Prinzip auch dann, wenn er im Grunde nie daran geglaubt hat, dass Menschen nur das wert wären, was sie leisten können; selbst wenn er sowohl liberale Dogmen von „jeder kann alles erreichen“ und „ist seines Glückes Schmied“ mit einer hochgezogenen Braue quittiert als auch Extremauswürfe wie „Manche leben länger, als sie nützlich sind“* als zutiefst gehässig, verächtlich und arrogant empfindet. Und vor allem als schwachsinnig kurzsichtig. Melodien der Arschgeigen.
*(wie ein Salzburger Idiotärer es über die „Omas gegen Rechts“ hervorgegiftelt hat)

Denn was dabei gern vergessen wird: Beinahe jeder Mensch wird früher oder später zu einem, der nicht mehr so leistungsfähig ist. Abgesehen von Alter, Krankheit oder Unfall geschieht das nicht zuletzt durch die Folgen übertriebener Leistungsbereitschaft, die dem sozialen Tier Mensch zu wenig Raum und Zeit für zwischenmenschliche Erfüllung, Entspannung, Freude und Lachen lassen und all das, was das Leben aufwertet, ohne etwas zu kosten – was oft eine innere Leere und Selbstzweifel zur Folge hat. Das wiederum wird, in Ermangelung anderer Strategien, mit noch mehr Leistung zu bekämpfen versucht, auf dass der Selbstwert sich gefälligst regeneriere, aber letztlich zu Burnout und Depressionen führt.

Was ebenfalls gern vergessen wird: Menschen, die am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angekommen sind, können Spaß, Freizeit, Schlaf, Liebe, Freiheit, Blumenwiesen im Sonnenschein, Genießen und Zeitnehmen nicht einfach so nachholen. Diese Zutaten muss man laufend ins Leben einmischen, um seinen Glanz zu erhalten. Und die Vorstellung von dem Pölsterchen, das man sich schafft, von dem aus man dann „irgendwann später“ bequem alles genießen kann, wofür einem während des Schaffens leider die Zeit fehlte, ist oft eine Illusion; das Möhrchen, das man sich selbst an der Angelschnur vor die Nase hält, um durchzuhalten – und dabei vergisst zu leben. „Irgendwann später“ ist man weder so gesund noch so unternehmungslustig noch so angstbefreit noch so energiegeladen wie als jüngerer Mensch. Manche sind das auch in der Pension, mit etwas Glück. Oder aber sie können nicht mehr gut gehen. Oder nicht mehr gut sehen oder denken. Oder sie sind antriebslos, ängstlicher, oder einfach müde.

Oder tot. Selig jene, die bis kurz vor der Pension voll reinhackeln und dann nach einem Herzinfarkt einfach umfallen! Der leistungsgemachte Selbstwert blieb dann wohl durchgehend erhalten, und selig sind dann auch die entlasteten Pensionskassen. Ob es ein glückliches Leben ist, in dem der Mensch seinen Wert vor sich und anderen ständig neu beweisen muss, indem er täglich besser, pfiffiger, schneller und in weiterer Folge reicher ist als andere, unter Verzicht auf Nähe und zwischenmenschliche Wärme, auf Naturerlebnisse, Familie und Geborgenheit – das bleibt fragwürdig. Solange an das Dogma vom hohen Wert des Nützlichen geglaubt wird – vielleicht. Solange die Leere nicht überhand nimmt, solange das Erfolgserlebnis Arbeit eben ausgibt.

So lange wird der/die Nützliche sich auch nicht fragen müssen, ob es objektiv betrachtet tatsächlich „mehr leistet“ als andere, oder nur besser dafür bezahlt wird, und ob das einen Unterschied macht; ob es den Reichtum in diesem Ausmaß braucht, um glücklich leben zu können; wie weit es durch Neid und Missgunst und Auchhabenwollen beim Blick in Nachbars Garten zur Leistung angetrieben wird, um Dinge zu kaufen, die es gar nicht bräuchte, wenn andere sie nicht auch hätten; ob es die Kinder unbedingt antreiben muss, weil „etwas aus ihnen werden muss“. Während wieder andere weit mehr Stunden aufwenden müssen, um gerade so über die Runden zu kommen, und dadurch ebenfalls keine Zeit fürs Leben haben, für ihre Herzenspartner, ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Freunde. Während wieder andere sich gerne ihren Wert innerhalb dieses Systems in Form von Leistung erarbeiten würden, dazu aber erst gar keine Chance kriegen.

Der Markt regelt das, in der Tat! Der Markt ist nur leider völlig frei von Empathie oder Verständnis für menschliche Grundbedürfnisse.

Das Leben ist letztlich nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Momenten. Sind sie schön, ist auch das Leben schön. Ich will damit nicht sagen, dass Arbeit nicht schön sein oder für schöne Momente sorgen kann. Wer ausschließlich darauf seinen Wert und sein Glück baut, wird nur früher oder später eine geplatzte Illusion unterm Hintern haben.

Menschen sind keine Aktien. Es geht auch mit weniger. Und man hat mehr Zeit für Schönes – mit Menschen, die das auch so sehen und auch Schönes erleben möchten. Und ja, manchmal fürchte ich, dass das als scheinheilig interpretiert werden könnte, sobald ich an den Leistungen anderer partizipiere, sei es die Badewanne im Haus meiner Mutter oder der Wellnessbereich im Wohnhaus bei meinem Freund. Bin ich womöglich eine Schmarotzerin? Und innerhalb welches Wertesystems wollen wir das jetzt ausdiskutieren?

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Auch politisch inkorrekt

Es war bemerkenswert, wie viele unwillige, ablehnende Reaktionen es auf Social Media auf die schriftliche Entschuldigung des Herrn Dönmez für seine sexistische Beleidigung der Frau Chebli gab. Seine Entschuldigung wurde zerrissen, mit Kritik an allen Sätzen und Halbsätzen, nicht nur an einem.

Viele kritisierten ja ein „falls sich jemand verletzt gefühlt hat“ – das da übrigens gar nicht stand. So ein „falls“ hätte besagt, er hätte sich nur in diesem Fall entschuldigt und ansonsten gar nicht; und obendrein, er würde es tatsächlich für denkbar halten, dass sich gar niemand verletzt gefühlt hat.

Ob man verinnerlichten Sexismus mit einem Moment der Schwäche entschuldigen kann, sei dahingestellt – der Moment der Schwäche besteht wohl eher darin, das, was man ohnehin denkt, nicht für sich behalten zu können, was am Licht auf die Sache und Person nicht wahnsinnig viel verbessert.

Zu Recht in Zweifel gezogen wird eine Entschuldigung aber, wenn ein Nachdenken und eine Entschuldigung nur aufgrund der öffentlichen Reaktion auf das eigene Verhalten erfolgte, und nicht etwa aufgrund persönlicher Reflektion und Bewertung dieses eigenen Verhaltens.
Aber im Verhältnis dazu, wie selten sich heutzutage öffentlich für irgendwelche vorangegangenen, unerträglichen Wortmeldungen überhaupt noch entschuldigt wird, war sie ja gar nicht soo schlecht.

Nur unter ehrlichen und fairen Verhältnissen ergibt eine ehrlich gemeinte Entschuldigung überhaupt Sinn. Sie wird immer unredlich sein, wenn das Setting es auch ist. Im politischen Zusammenhang geht es ja letztlich ohnehin weniger um Vergebung als darum, eventuell doch noch den eigenen Arsch zu retten und seine Position nicht zu verlieren.

Im Falle Dönmez ist das nur so halb gelungen, und das lag letztlich wohl weniger an der missglückten Entschuldigung als an der transportierten Haltung. Vielleicht wurde auch das angestrebte Ziel erreicht – NR bleiben, nur nicht mehr in der Fraktion? Man weiß es nicht. Seine an den Haaren herbeigezogenen Umdeutungsversuche sprechen aber eher dagegen.

Vor sexistischen Ansagen wird nicht nachgedacht, das ist charakteristisch, eben weil es sich nicht nur um einen oberflächlichen Witz handelt, der halt grad passt. Es ist eine so tief verwurzelte Weltsicht, dass die Betroffenen sie wohl innerlich für die Wahrheit halten, mit der man heutzutage höchstens aus sozialverträglichen Gründen hinterm Berg halten muss – nicht, weil sie als grundlegend falsch empfunden werden könnte. „Es kommt nix raus, was nicht auch drin ist“, rufen da allerlei Großmütter. Daher wohl auch die Kritik am „Moment der Schwäche“. Sexismus ist keine Schwäche, sondern ein Ausdruck eines völlig unreflektierten Glaubens an die Überlegenheit der eigenen Gruppe, auch als Chauvinismus bekannt.

Echte Gleichstellung und ehrlicher Respekt vor Mitgliedern einer anderen Gruppe bedeutet, dass Vorurteile und Abwertungen gar nicht erst gehegt oder zumindest innerlich aufs Nachdrücklichste und immer wieder herausgefordert, objektiviert und korrigiert werden – und nicht, dass sie nur nicht geäußert werden.
Oder, einfacher formuliert: Ein Sexist bleibt ein Sexist, auch wenn er sich noch so schön entschuldigt. Nur dass eben mit einer ehrlichen Entschuldigung – in Absicht und Formulierung – hier eben gar nicht erst zu rechnen war.

Wäre es für Frauen tatsächlich so einfach, dauerhaft an gute Jobs zu kommen, die dann auch über Blowjobs hinausgehen, hätten sie nicht jahrhundertelang für gleichwertige Bildung für Frauen gekämpft.

Geht mann allerdings ganz selbstverständlich davon aus, nur sexuelle Dienste am anderen Geschlecht würden Frauen gute Jobs verschaffen, dann deutet das in erster Linie wohl darauf hin, dass diese Schlussfolgerung aus selbst angewandter „Praxis“ entstanden sein dürfte. Es liegt also doch nicht am Peter-Prinzip, dass manche Stellen fehlbesetzt sind, sondern eventuell daran, dass Angestellte anhand von, sagen wir mal, eher jobfremden „Skills“ ausgewählt werden?
Naja, jeder in seinem beruflichen Umfeld, was ihm am wichtigsten erscheint; hat ja nicht jeder den wirtschaftlichen Erfolg als sein oberstes Ziel. Das ist natürlich in erster Linie ein Armutszeugnis für den Absender. Solche Bewerbungsszenarien allen anderen (Männern) ebenfalls zu unterstellen, ist aber auch eine Beleidigung für alle (Männer), deren Aufgabe es ist, Stellen zu besetzen; nicht nur für die gemeinten Frauen.

Daher ist es fraglich, ob irgendeine auch noch so form(ulierungs)vollendete Entschuldigung hier tatsächlich Ruf oder auch nur Glaubwürdigkeit hätten wiederherstellen oder auch nur teilweise reparieren können. Aber dass sich nicht mehr Männer von dieser Unterstellung beleidigt gefühlt haben – das wiederum zeigt die scheinheiligen „Werte“ in dieser Kultur. Sie merken gar nicht, dass sie gerade pauschal als Blowjob-Vergewaltiger bezeichnet wurden, oder es ist ihnen einfach egal.

Für mich waren die vielen negativen Reaktionen auf die Entschuldigung insofern erfreulich, als sie mein Empfinden bestätigten: Entschuldigungen, die gar keine sind, sollten auch nicht als solche getarnt werden.

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Handgemenge

Ich wurde gestern gefragt, warum die „linke“ Twitter-Bubble hierzulande sich intern derzeit so zerrauft, warum darin so viel Aggression und Streit herrscht. Ich habe erklärt, was ich für den Grund halte, und wurde daraufhin eindringlich gebeten, das zu bloggen. Also blogge ich es.

Es geht dabei nicht nur um Social Media, sondern um eine Gesellschaft. Twitter-Bubble kann hier stellvertretend für alle kleinen und größeren Gruppen stehen, schätze ich. Familien, Freundeskreise, Arbeitsgruppen, Vereine, vielleicht sogar Parteien… Die Wege sind dann vielleicht andere, das Prinzip bleibt vermutlich gleich.

Mich mit dem, was zu fremd ist und mich zornig macht, weiter abzugeben, kostet mich auf Dauer zu viel Zeit, Kraft und Nerven. -> Schotten dicht.
Die erste Auftrennung in Richtig und Falsch ist damit schonmal geglückt – wir verschließen unsere Bubble-Grenzen: Alles, was extrem rechts ist und hetzt oder provoziert, Grenzen verletzt, entwürdigend beleidigt und unverhältnismäßig attackiert, wird geblockt. Legitim, denn meine Bubble suche ich mir immer noch selber aus, auf Social Media ebenso wie im echten (Privat-)Leben.

Oft wird davor noch „diskutiert“ bzw „zurückgeschlagen“ – mit harten Bandagen, weil jeder weiß, dass mit ExtremRechts nur schwer zu diskutieren ist: Affekte wie Sorge und Angst werden da dreist zu politischen Argumenten aufgebläht, Menschenverachtung und Übergriffigkeit als freie Meinung kostümiert und die Aggression daraus unreflektiert auf gruppierte Ziele entladen. Man gewöhnt sich schnell an, darauf – wenn überhaupt – nur sehr harten Konter zu geben.

Völlig dicht ist die Bubble ja nie. Die Attacken gehen weiter, wenn auch aus anderer Richtung. Die zornige, aggressive oder oft auch hilflose Energie aus den übrigen Interaktionen brodelt in uns weiter – und wird entsprechend kommentiert. Sie wird damit ständig in die Bubble importiert und schließlich auf deren Mitglieder projiziert. Ausagiert wird all das innerhalb der weitgehend abgeschotteten Bubble. Grenzüberschreitungen und Methoden* aus dem Umgang mit ExtremRechts werden dabei mitunter 1:1 für Zwiste innerhalb der Bubble übernommen. Und der angewöhnte harte Konter lässt einen womöglich in der nächsten Diskussion mit einem Bekannten vergessen, wen man vor sich hat.
*Etwa „Anprangerungen“ wie Nonmentions und Screenshots statt Tweets mit Link, auf die der Gemeinte auch reagieren könnte.

Kurz gesagt, „friendly fire“ wird allzu unbedacht eröffnet, und Zack! Alles zersplittert. Und wie soll eine zersplitterte Gesellschaftsgruppe gemeinsamen Widerstand leisten?

Die linken Fraktionen fahren oft kein vehementes Programm, eines mit eigener Sprache und eigenen Werten, das sich Raum verschaffen würde, sondern liefern nur Kritik oder gar segmentweise Anbiederung an rechte Standpunkte – sie, die es doch besser wissen müssten und sowas beherrschen sollten! Daran stören wir uns!

Und wir schaffens im Kleinen genausowenig. Warum? Weil wir tagtäglich fremdes Gift von Außerhalb mit „nach Hause“ bringen, einerseits die fremdinitiierte Aggression, andererseits die fremden Denkmuster, an denen wir unsere Kritik festmachen – und mit der wir diese Denkmuster weiter verstärken!

Denn auch die toxischen, fremden Inhalte werden in die Bubble importiert – in Form von Zitaten, „Einzelfällen“, „Entgleisungen“, Artikeln, Schlagzeilen und deren Interpretationen.
Wie im letzten Blog-Eintrag ausgeführt, beeinflusst das ständige Wiederholen von vorgefertigten Deutungsrahmen/Frames* sowohl die Ausprägungen unserer neuronalen Netze als auch in weiterer Folge unsere schiere Wahrnehmung der Wirklichkeit! Wir nehmen buchstäblich die Wirklichkeit gefiltert wahr, gefiltert nach Rahmen und etablierten Denkmustern. Welche sich etablieren, bestimmt die Wiederholung. Welche Filter wirken dürfen, bestimmt nicht das logische Nachdenken!

Jeder kennt die beinah sprichwörtliche Aufforderung, jetzt nicht an einen rosa Elefanten zu denken, und weiß, wie wenig sie funktioniert. Auch Frames werden auf diese Weise im Hirn aktiviert – durch ihre schlichte Erwähnung. Da hilft kein „nicht“ und kein „kein“ davor, eine Negierung – wie stark sie auch immer sein mag – ist nicht in der Lage, die Aktivierung eines Frames zu verhindern. Daraus folgt: Selbst wenn wir eine Aussage empört wiederholen, verstärken wir damit die erleichterte Aufnahme der kritisierten Kacke in die Gehirne aller! Durch unsere Wiederholung und damit Aktivierung des abgelehnten Denkmusters in unserem eigenen Gehirn und in dem der Leser findet das Muster ganz von selber seinen Weg in die Normalität.
* Willkürliche Zusammenhänge, sprachliche Umdeutungen, Herabwürdigungen, absichtlich auf weitverbreitete Assoziationsketten abzielende Begriffe, insgesamt: Denkmuster.

Und nein, dagegen ist niemand immun. Du nicht. Und ich auch nicht. Auch politische Experten nicht.
Es ist uns auch ein bisschen peinlich, dass man (mithilfe von simplem „Priming“ zB) mit unseren Hirnen einfach so Sachen machen kann, ohne dass wir es wollen. Diese Mechanismen zu ignorieren und uns selbst eine freie Wahl der Denkmuster zu bescheinigen, ist weitaus leichter, als diesen Mechanismen ins Gesicht zu sehen. Das ist menschlich! Aber es muss uns zu allererst bewusst werden, dass jeder Pfad, der in unseren Gehirnen ausgeleuchtet und weiter ausgetreten wird – i.e.: unser Denken – extrem von außen beeinflusst ist, mit jedem Wort und jedem Satz, den wir hören und lesen. Und damit auch jeder Satz, den wir daraufhin ausspucken. Wenn wir das nicht (an)erkennen und unser Sprach- und Schreibverhalten danach drastisch verändern, fungieren wir als Multiplikatoren der anderen Seite, statt uns eindeutig zu positionieren. Und wir merken es noch nichtmal.
(Bitte lest dazu (nochmal) die ersten paar Kapitel von „Politisches Framing“! Bitte!)

Zur lösungsorientierten Überlegung trägt ein Gedanke wesentlich bei: Man erhält Antwort auf das, was man fragt. Im Vergleich zur Frage „Warum?“ erhält man die besseren Antworten auf die Frage: „Was?“
Was kann da helfen? Was kann ich selber tun? Was können wir dann gemeinsam tun?

Ich werfe mal ein bisschen was in die Runde: Erstmal Bewusstmachung!
Reflexion – Hinterfragen des eigenen Empfindens und Handelns. Selbstkritik. Affektkontrolle.
Wo kommt das her? Welchem Denkmuster entspringt es? Ist es eines, das ich transportieren und verstärken will? Wie verleihe ich mir am besten Ausdruck? Und wie nicht?
Zeitlicher Idealpunkt dafür: Vor der Interaktion mit anderen. Vor dem Abschicken eines Tweets, einer Reply, eines Mails.
Input-Management: Wie viel meiner Zeit und Aufmerksamkeit widme ich fremden Denkmustern, die ich mir freiwillig oder unfreiwillig täglich reinziehe? Wo liegen meine Grenzen? Was funktioniert am besten als Ausgleich?

Und auch: Wieder öfter das verstärken, was Aufmerksamkeit verdient hat.
Es ist ein alter Hut: Es gibt keine „schlechte Publicity“ – es gibt nur Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit oder eben keine Aufmerksamkeit. Freilich kann man nicht alles, was einem nicht passt, totschweigen. Aber auch nicht alles davon muss hervorgezerrt und kommentiert werden. Nicht, während wir immer noch zu wenig von dem dagegenstellen, was für uns tatsächlich von Wert ist.

Es liegt nicht daran, dass wir keine gute Streitkultur hätten. Es liegt daran, dass wir dem Wind, der uns zerzaust, ungeschützt ausgesetzt sind, ohne dass es uns überhaupt bewusst wird, und dass wir dagegen noch keine guten Strategien haben. Also tun wir weiter so, als wären wir unzerzausbar, während wir schon aussehen wie ein Mopp, mit dem man auch gut in die Ecken kommt. :)

-`ღ´–`ღ´–`ღ´–`ღ´–`ღ´-

Ich kann dazu gern noch weiter differenzieren und ins Detail gehen. Denn auch wenn es so wirken mag – ich meine es nicht schwarz-weiß. Es wird aber vielleicht schwarz-weiß interpretiert, weil alles derzeit gern schwarz-weiß interpretiert wird.

Allerdings war ich gestern in diesem Gespräch, das sich noch am Parkplatz fortsetzte, schon erstaunt von dem Statement: „Ich hab das so noch nirgends gelesen! Das müssten alle hören, schreib das!“. Sogar eine anonyme Zuhörerin hat sich aus dem Dickicht immer näher an das Gespräch herangepirscht und uns schließlich nach dem konkreten Anlass und mich nach dem Blog-Link gefragt.

Meine Einträge neigen bekanntlich aber ohnehin zu überbordender Länge. :) Also schick ich’s einfach mal so raus und schaue, ob das vorhergesagte Interesse tatsächlich eintritt – und auf welche Komponente(n) es sich richtet. Bitte sehr gern in die Kommentare damit! Auch Twitter-Kommentar, Twitter-DM oder E-Mail (etosha ÄT weblog.co.at) geht natürlich. Merci! <3

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Unsere Sprache wiederfinden

Von Wortgebilden, impliziten Geschichten und Deutungsrahmen, und wie wir unsere Weltsicht wieder stärker in den Köpfen verankern können – vor allem in unseren eigenen.

Ich weiß, ihr seid entsetzt von der Niedertracht. Ich bin es auch. Ihr habt gehört, was sie sagen, und gelesen, was sie schreiben. Ihr kennt ihre Polemik und ihre Schuldumkehr und ihre Deutungsrahmen zur Genüge. Vielleicht sogar schon zu gut. Ihre Wortgebilde, wenn sie Journalisten mit Tieren vergleichen oder flüchtende Menschen mit Treibgut auf Wassermassen – und mehr wiederhole ich hier auch schon nicht, um meine nachfolgende Argumentation nicht von vornherein ad absurdum zu führen.

Ihre wertungs- und assoziationsbeladenen Wortgebilde und Formulierungen, wie sie im Moment „in aller Munde“ sind, erschaffen Geschichten, und darin werden einzelne Aspekte hervorgehoben, während andere unter den Tisch fallen sollen. Man kann sich ein Hobby daraus machen, diese Worte und Geschichten zu zerpflücken und die darin appetitlich vorgekauten Aspekte klar zu benennen.

Man kann mit diesen Worten und Formulierungen ganze Weltbilder herbeischreiben. Aber vor allem: herbei-zitieren! Denn die implizite Geschichte dahinter – und wenn sie noch so schlecht erfunden, noch so unfair gewichtet ist – diese Geschichte lebt und überlebt durch ihre Wiederholung. Durch ihre Wiederholung! Jene Bereiche in unseren Gehirnen, welche Worte und die Geschichten dahinter integrieren und als Teil der Realität verankern, werden ausgetretener und breiter, je öfter sie wiederholt werden – ganz egal, wie wir sie bewerten mögen. Unsere neuronalen Verbindungen werden durch schiere Wiederholung gefestigt. Jeder, der schonmal ein Instrument oder eine Sprache gelernt hat, weiß das. Wer eine Passage zu schnell übt und sie dadurch immer wieder falsch spielt, übt den Fehler mit und wird ihn nicht mehr los.

Die Wiederholung besteht aus Input und Output! Auch bei euch selbst? Ja, natürlich. Noch während ihr Worte ungläubig wiederholt, werden sie für euer Gehirn bereits ein wenig glaubhafter. Für die Verbreitung und Verankerung in den Gehirnen macht es nicht den geringsten Unterschied, ob die Wiederholung entsetzt oder begeistert erfolgt, ob sie bejaht wird oder empört zurückgewiesen. Die implizite Geschichte hinter einem abwertenden Begriff wird mit jeder einzelnen Wiederholung für alle Gehirne ein Stückchen echter und gewohnter.

Noch wichtiger ist aber: Die Etablierung dieser Geschichten im Gehirn wirkt sich direkt auf unsere Wahrnehmung der Welt aus. Je ausgetretener ein neuronaler Pfad, desto direkter der Zugriff zu impliziten Geschichten – der Wahrheitsgehalt ist dabei irrelevant! Wir assoziieren und verbinden, was wir gut genug kennen. Umgekehrt weigert sich das Gehirn, eine Information aufzunehmen, wenn sie nicht in bereits ausgetretene Denkpfade passt. Und es sind genau diese Pfade – und nicht etwa bewusstes Abwägen und Nachdenken – die die Grundlage für unsere alltäglichen Entscheidungen bilden.
Und wir merken es nicht. Denken ist daher viel weniger Glückssache als Gewohnheitssache.

All das ist nicht meine persönliche Erfindung, es ist kognitionswissenschaftlich erwiesen und hundertfach bestätigt. Ebenso erwiesen ist: Menschen mit politischer Ahnung und Erfahrung sind diesen Effekten gegenüber nicht etwa immun, sondern ihnen sogar stärker ausgeliefert als Otto & -ilie Normalverbraucher.

Die Veranwortung für die „Salonfähigkeit“ dessen, was in den letzten Monaten aus allen Ecken hervorkriecht, liegt somit nicht nur bei den Erfindern und Befürwortern, sondern auch bei uns – bei dem, was wir wiederholen, festigen und damit als wiederholbar und festigbar für alle determinieren und als gegeben hinnehmen. Und ja, auch dann, wenn euch dieser Gedanke gerade noch so zuwider ist.

Noch einen (für mich: zu) großen Schritt weiter geht die Kontraproduktivität, wenn ihr erfindet, „was als nächstes kommt“. Ich habe viel zu viele Tweets von dieser Art in meiner werten Bubble gesehen. Auch von Menschen mit viel Reichweite, die es wirklich besser wissen sollten. Auch diese zitiere ich hier aus naheliegenden Gründen freilich nicht.
Denkt bitte lange und bewusst darüber nach, vor wessen Karren ihr euch damit… „spannen lasst“? Nein: selber bereitwillig spannt! Überlegt, auf welchen eurer von inhalierten Geschichten vergifteten Gehirnpfaden diese Ideen geboren werden. Und wohin eure Energie fließt, wenn ihr eure Ideen dazu, „was als nächstes kommt“, dann öffentlich und damit für andere denkbar macht. Was ihr damit stärkt.
Denkt darüber nach, wozu euch das macht. Ein Tipp: Zu talentierten Zynikern schonmal nicht. Ihr weckt damit auch niemanden auf oder zeigt, wie absurd das alles schon ist. Ihr zeigt nur, wie absurd leicht euer Hirn vom durchgehenden Bombardement mit Hass und Intoleranz beeinflussbar ist, wenn es munter weiterspinnt, was es schon initial in dessen Grundidee für entsetzlich gehalten hat.

Der Punkt hier ist: Ihr könnt sicher sein, dass sie ausreichend eigene Ideen haben – ihr seht es jeden Tag! Sie brauchen euren Beitrag nicht, nehmen aber bestimmt gern die kostenlose PR, Energie und euren Verve, der darin steckt, wenn ihr all das so freizügig anbietet.

Wenn ihr fragt, was als nächstes kommt, werdet ihr eine Antwort auf das erhalten, was ihr gefragt habt. Oder ihr gebt sie euch gleich selbst. Das ist ein trauriger kleiner Schaltkreis, aus dem keine breiten und gangbaren Wege auf eurer eigenen Seite des Terrains entstehen.

Ihr könnt euch also weiterhin in einer Weltsicht herumtreiben, die euch nicht gefällt und euren Hirnen und Herzen nicht guttut, in der ihr machtlos seid. Vergesst aber dabei nie, dass man aus einer schwachen Position keinen starken Move machen kann! Ihr reaktiviert und stärkt damit nur das, was euch und vielen anderen Menschen nicht guttut.

Oder wir konzentrieren jedes Quäntchen unserer Energie dort, wo sie in unsere Weltsicht fließt und sich dort versammelt! Beginnt, eure eigenen Geschichten zu erzählen! Sagt ruhig, dass ihr dagegen seid, wenn eines der Stichworte aufkommt – aber dann erzählt von eurer eigenen Weltsicht, von eurer eigenen Vision für die Zukunft, von euren eigenen Wertvorstellungen! Und erzählt in positiven Worten! „Nicht in Verneinungen von Hetze, Hass, Verhöhnung“ transportiert immer noch (wait for it…) Hetze, Hass und Verhöhnung. Auch wenn ein „Nicht“ davorsteht!

Sind es Geschichten von Vertrauen, Zusammenhalt und Solidarität, oder von sozialen Fallschirmen für alle, von Förderung sinnhafter Frauenprojekte, von gelebter Toleranz und Integration? Dann erzählt sie!
Sind es Geschichten von frauenfeindlichem oder wertefeindlichem Verhalten, das auch für euch so nicht tolerierbar ist, mit dem die Gesellschaft entschlossener umgehen müsste, sind es Geschichten von Problemen, die benannt werden müssen, dann erzählt davon! Scheut euch nicht vor Differenzierung.

Wenn euch die oktroyierte Spaltung in Links oder Rechts unvermeidlich scheint, dann investiert eure Kreativität auf eurer Seite der Energie! Wenn nicht, dann sucht nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Denn auch unsere Weltsicht und alle unsere Geschichten werden für die Zukunft wahrer, wenn wir nicht über all dem Hass vergessen, sie immer wieder zu erzählen! Mit jedem einzelnen Mal, bei dem wir sie erzählen! Nur wer die Worte sagt, stärkt auch die Weltsicht, denn nur dort, wo Worte fallen, werden auch Gedankenpfade etabliert! Wenn wir ein Bild dazu haben und dieses Bild auch in die Welt bringen, wenn wir mehr darüber sprechen, was wir wollen, und weniger darüber, was wir nicht wollen… dann werden Gehirnpfade hell aufleuchten und sich ausweiten – Pfade in eine Zukunft, die für uns alle friedlich, sicher, frei und voller Liebe sein darf.

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„Wer in Diskursen nicht sagt, was er ideologisch meint, der macht sich der Fehlkommunikation schuldig – mit allen Konsequenzen!“
Elisabeth Wehling

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Ja, es zu benennen ist natürlich auch unvermeidlich, und dennoch war mein Blogeintrag auch hiervon getriggert:
Leitartikel TT von Karin Leitner

Artikel

Der narzisstische Staat

In einer globalisierten Welt die Probleme, die alle Menschen betreffen, auch gemeinsam lösen – ja, das wärs. Das würde aber voraussetzen, dass das Entstehen eines vollen Bewusstseins über ein gemeinsames Problem überhaupt offiziell gestattet wird. Das ist nur so halb der Fall. Machenschaften sind ja auch nur so lange rentabel, wie es höchstens halb-offensichtlich bleibt, auf wessen Kosten hier gewirtschaftet wird.

Da ist es für den mülltrennensollenden Durchschnittswestler naheliegend, bei globalen Zusammenhängen von sich wegzuzeigen: „Das ist doch alles nicht auf meinem Mist gewachsen, bei irgendeiner Kolonialisierung war ich persönlich doch gar nicht dabei, und dass unser Lebensstil hier auf Kosten irgendwelcher Dritteweltländer geht, wusste ich ja nichtmal richtig. Ich hätte das auch nicht so entschieden, aber mich hat ja niemand gefragt.“
In einer benachbarten neuronalen Region ist vielleicht fehl-verankert, dass wir Anspruch auf unsere Demokratie hätten und andere Bestrebungen gar nicht möglich wären. Schemenhaft ist bewusst, dass unser Wohlstand einen Preis hatte, den wir nicht nur ganz allein berappt haben. Bei wem konkret man in der Schuld stünde, bleibt aber angenehm unklar.

Den (paar) Damen und Herren in Machtpositionen sind die globalen Zusammenhänge wohl weitaus konkreter präsent. Diese dürfen aber nicht vollständig an die globale Bewusstseinsoberfläche dringen, am besten nichtmal an die des einzelnen Machthabers. Sonst würden sofort toxische Mengen an Schuldgefühlen wirksam. Und wer wollte da schon hinschauen? Mitverdeckt bleibt dann bequemerweise auch, wie profitabel diese Zusammenhänge für den einzelnen jeweils tatsächlich waren und sind.

Erzwungenes Wegschauen, daraus entstehen umgedeutete und verdrehte Tatsachen, dass einem sehr täglich sehr blümerant wird. Auf Neudeutsch heißt das dann „Reframing“ – das mehr oder weniger elegante unterm-Arsch-Wegziehen des kontextuellen Bezugsrahmens. Zur Vertuschung wahrer Absichten und Verwirrung des Gegenübers. Ein krankhaftes Symptom, für den politischen Alltag legitimiert von sogenannten Strategen. Wir erleben das regelmäßig in der Tagespolitik. Wann war da zuletzt irgendwer für irgendwas voll verantwortlich? Wann hat jemals jemand einen Fehler einfach zugegeben und sich ehrlich entschuldigt? Paradoxe Szenarien, in denen uns kontinentale Vernetzungen aufgetischt werden von Leuten, die jede echte Vernetzungsidee grundlegend ablehnen. Und die glauben, Solidarität wäre, wenn es gemeinsam gegen einen Schwächeren geht.
Einzelfälle ohne Aussagekraft, Einzelschicksale ohne gewollte Grausamkeit.

Der Knoten im Magen lässt sich da vor der nächsten Verdrehung gar nicht mehr richtig auflösen. In einer zwischenmenschlichen Beziehung würde jeder feinfühlige Mensch solche Strategien ablehnen, beim Namen nennen und sich zurückziehen, bevor er unter einem Mangel an Kompromissen auf der Strecke zu bleiben droht.

Für Machtpositionen hingegen braucht es einzelne Personen, die an ihre eigene Grandiosität glauben und ohnehin hobbymäßig Allmachtsphantasien spinnen. Die sich für exquisit und überlegen halten und das anhaltend von außen bestätigt bekommen müssen. Zu viele Fehlzündungen in der autonomen Selbstwertregulierung. Für das Bestehen und Gewinnen eines Wahlkampfes sind das ideale Voraussetzungen!

Wenn dann noch ein paar weitere narzisstische Persönlichkeitsmerkmale mitspielen in der nationalen oder globalen Beziehung, wird daraus eine, in der:

  • Partner abgewertet werden.
  • Brauchbare Strategie zur weiteren Selbstwerterhöhung. Zynismus und verbale Aggression sind an der Tagesordnung, eigens dafür erfundene Schlag-Worte werden einprägsam von allen wiederholt – ob empört oder fasziniert ist egal, Hauptsache wiederholt. Privilegierte Gruppen werden weiter erhöht, unterprivilegierte dorthin zurückgedrängt, wo sie seit jeher hingehören, an den Herd, in die Versenkung, ins Ausland. Zurückrudern in die Vergangenheit.

  • Anspruchsdenken herrscht.
  • Aus einem Lebensstil, der zur lieben Gewohnheit geworden ist, leiten wir einen künftigen Anspruch ab und verteidigen ihn, als hätten wir ihn uns eigenverantwortlich verdient, während wir gleichzeitig denken, was interessiert mich, woher die Möglichkeit dazu einst gekommen ist? (Wir bemerken, die Eigenverantwortung hat da nur ganz kurz vorbeigeschaut, so lange, wie es nötig war, den Anspruch zu berechtigen.)
    Ein Mädchen, das in der dritten Welt einen Kanister Wasser sehr weit und lange trägt, hat auch den ganzen Tag schwer gearbeitet, aber damit doch noch lange keinen Wohlstand verdient! Ich bin 40 Jahre ins Büro gegangen, he. Wir haben richtig gewirtschaftet, wir haben was aufgebaut, wir haben Gewinne und ein Pensionssystem. Der soziale Futternapf gehört daher unseren Leuten, wir wollen doch nicht deren Probleme importieren, bittschön.
    Anspruchsdenken dient der Gewissensberuhigung bei der Benachteiligung anderer.

  • Mitgefühl fehlt.
  • Was ich selbst nicht am eigenen Leib erfahren habe, ist mir auch nicht zugänglich, sorry. Und da mir meine eigenen Empfindungen generell nicht sehr nahe sind, ist das mit dem Mitgefühl so eine Sache. Wenn ihr euch die Miete nicht leisten könnt, kauft euch ein Haus. Wenn ihr bei 12 Stunden Arbeitszeit keinen Kinderbetreuungsplatz kriegt, nehmt den Privatkindergarten. Wenn ihr nicht enteignet und abgeschoben werden wollt, wenn ihr nicht ersaufen wollt – dann bleibt halt daheim! Wo ist das Problem? Sollen sie doch Kuchen essen!

  • Ausbeutung und Missbrauch an der Tagesordnung sind.
  • Anspruchsdenken und Mitleidlosigkeit führen direkt hierher. Wer für sich mehr fordert, als ihm zusteht, tut das immer auf Kosten anderer. Umso mehr, als er an seiner Macht weiterhin mit aller menschlichen Nötigkeit hängen muss. Macht ist geil, Mitgefühl beurlaubt, da könnte ich doch ein paar Menschen abschieben, die grad nicht damit rechnen, so als kleines Geburtstagsgeschenk an mich selbst. Alles Gute!
    Reaktionsheischendes Verhalten, das darauf abzielt, im Empfänger Emotion auszulösen, egal ob positiv oder negativ, die den Mangel an eigener Empfindung irgendwie kompensieren soll. Diese Reaktion dann den Reagierenden wahlweise als „zu empfindlich“ vorwerfen, „zu weltfremd“ oder „zu mitgefühlsbetont“, der „Gutmensch“ als Schimpfwort, Menschlichkeit zur Psychose degradiert, als würden barmherzige Empfindungen und Denkvermögen einander von vornherein ausschließen. Und als würde deren nach Aufmerksamkeit lechzendes Verhalten jede einzelne Überschreitung aller Grenzen von Anstand, Redlichkeit und Gewaltfreiheit rechtfertigen. Sich aber gleichzeitig auf irgendwelche „Werte“ berufen. Sich am Ende als das Opfer von Hetze wähnen, wenn nicht sogar alle Nonnen im Land diese Überschreitung schweigend hinnehmen.
    Wie doppelzüngig. Und da soll’s einem als anständigen Menschen nicht die Sicherungen durchhauen?

  • Verantwortung abgelehnt wird.
  • Das ergibt sich geradezu zwangsläufig aus allem anderen, sonst würde diese Strategie gar nicht funktionieren. Ein Dauer-Engagement in der geliebten Opferrolle, bis zur ersehnten, hochdotierten Pensionierung hinter einer sehr undurchsichtigen Gartenhecke.

    Es entsteht eine Beziehung, in der eine Seite peinlichst darauf bedacht ist, unangreifbar zu bleiben, gut dazustehen, die Verantwortung nicht übernehmen zu müssen, während sie selbst den größten persönlichen Nutzen daraus zieht – in der Personen-Politik genau wie in der nationalen und der internationalen, im kleinen wie im großen Kontext. Die anderen sind schuld! Abgrenzen. Die und wir. Wegschauen, negieren, auf vermeintlich naturgegebene Ansprüche pochen und alle Impulse unterdrücken, die sich gegen all das wehren, innen und außen. Durchziehen und durchgreifen, arrogante, unerbittliche Kaltblütigkeit hinter Scheuklappen. Dann demonstrieren da halt ein paar, na und? Man kann’s nicht jedem rechtmachen, gell, haha, Prost!

    Vorbildfunktion dürfte das theoretisch nicht haben, praktisch werden manche Anschauungen sogar unbesehen übernommen, schließlich scheinen sie zu Erfolg und Macht zu führen. Wer das ausbadet, sehen wir noch nicht. Empathischere Bürger leiden unter dem mitleidlosen Egoismus, wissen sich aber auch nicht zu helfen, funktioniert doch ihr von Rücksicht geprägter way of life auch nur in sehr engen Kreisen. Doch selbst wenn sie jeglichen kapitalistischen Lebensstil hingeben wollten für mehr Mitgefühl, bliebe solch Einzel-Aktionismus im globalnarzisstisch geführten Diskurs völlig ungesehen. Entscheidender ist doch, dass auch die Empathen bald irgendwie das Gefühl kriegen, es sei ja auch zu ihrem Besten. Man kämpfe ja auch und gerade für jene, die sich weniger wehren können, für unser aller Sicherheit, für „unsere“ „Werte“!

    Und auf der anderen Mittelmeerseite der globalen Ungleichung, welches Gefühl entsteht da? „Die ganzen Jahre war ich dir als „Freund“ gut genug, aber dann, als es mir scheiße ging, hast du mich nicht reingelassen!“ Ist das die Beziehung, die wir weiterführen wollen? Welche Ressentiments, welcher Backfire wird uns daraus in Zukunft noch entgegenschlagen? Hat sich das jemand überlegt? Wichtig scheint vielmehr zu sein, was uns im Moment noch zum Vorteil gereicht. Auf den egoistischen Positionen so lange zu verharren, wie es irgend geht. Die Strategie strapazieren bis zu einem Zerreißpunkt, an dem dann alles den Bach runtergehen muss.
    Vorbeugen, vorausdenken, umsichtig taktieren, nachgeben – Fehlanzeige. Me, me, me – now, now, now.

    In der narzisstischen Scheinwelt wird eine geraubte Kindheit nachgeholt, frei von Schuld und Verantwortung. Da fehlen ein paar wesentliche Upgrades auf Erwachsener 1.0. Den Blick abgewendet von der eigenen Verletzlichkeit, an eine Rettung in der Zukunft glaubend, in der die Unbesiegbarkeit, ja, die Unsterblichkeit doch noch für uns alle wahr wird! Bis dahin führt der Weg über eingeschränkte Reflexion und fehlendes Mitgefühl zu panischer Angst vor dem Beweis des Gegenteils, vor einem „Aufgeblatteltwerden“ und somit Einsturz des fragilen Trugbilds. Da hilft nur wegschauen, wegschauen, wegschauen. Das jeweilige Gegenüber in eine erfundene Wirklichkeit hüllen. Und ihm jedes bisschen Macht möglichst abknöpfen. Je weniger Macht du hast, umso weniger kannst du an meinem wackligen Gebilde rütteln.

    Doch kein Staat kann es sich wohl leisten, Verletzlichkeit dauerhaft und offen zu präsentieren. Und damit findet das Töpfchen sein Deckelchen. Staatsmänner und -innen beherrschen die Strategie der Wahl bereits. Toxische Menschlichkeit als globale, kurzsichtige Abwertungs-, Ausbeutungs-, Egoismus- und Kriegsseuche im Spiel um die finanziellen Vorteile auf der Welt. Die alles mit sich reißt. Für ein paar persönliche, punktuelle Jahrzehnte schamlosen Wohlstands. Des hamma uns verdient.

    Viel zu viele unreife Menschen in Machtpositionen gebären nationale Positionen. Im globalen Zusammenhang ist das fatal für alle. Nicht schuldig, nicht beschämt, nicht verantwortlich. Das ist unsere infantile globale Position.

    Wir sind nicht unverletzbar, nicht als einzelne Menschen, nicht als Familie, Dorf, Staat, Staatengemeinschaft. Wir können auch mit noch so viel Macht diese Verletzbarkeit nicht wegzaubern.
    Wir können sie nur akzeptieren und uns danach verhalten. Demut, Mitgefühl und Fairness würden auf solchem Boden vielleicht auf natürlichem Wege gedeihen. Dann ensteht Verantwortungsgefühl für unsere Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft.

    Es ist wie in einer guten Beziehung: Wir lösen Probleme dann gemeinsam, wenn wir sie als gemeinsame Probleme begreifen und uns fragen, aus welchen Kompromissen eine mögliche Lösung bestehen kann. Wer von seiner Position keinen Millimeter abrücken will, auf eigene Unschuld beharrt oder darüber streitet, wer schuld ist oder wer angefangen hat, bleibt im Problem gefangen und wird mit ihm untergehen.

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    Sehet auch die Kolumne von Sybille Berg im Spiegel Online, Das sinkende Schiff.

    Artikel

    Nein? Arschloch.

    Macht einen Nein-Sagen gleich zum Arschloch?
    Eine eingehende Sichtung von Nettigkeit und Nachgiebigkeit, von Grenzsetzung und Gefühlsabwehr.

    Ich hab „Widerworte“ gelesen, die „Emanzen-Kolumne“ auf kupf.at von Jelena Gučanin, die sich darin auf die Psychologin Jacqui Marson bezieht. Sie richtet sich gegen anerzogenes Nett-Sein und plädiert für häufigeres Nein-Sagen.
    Titel: „Mehr Arschlochfrauen“.

    „Das Ideal der netten Frau verneint ihren Selbstwert, ihre Würde, ihre Intelligenz und ihre Selbstliebe. Denn die Botschaft ist: Frauen sind da, um anderen zu gefallen.“

    schreibt Jelena Gučanin in der Kolumne.
    Und das stimmt völlig.
    Und es kann weg.

    Was in dem Artikel als Arschloch-Verhalten gedeutet wird, ist jedoch nichts weiter als gesunde Grenzsetzung, legitime Abgrenzung und faire Verteilung der Verantwortlichkeiten, was wohl viele Frauen rein deshalb schon als Arschlochsein abnicken, weil ihnen ein faires 50:50 konsequent aberzogen wurde.

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    Artikel

    „Hm?“ ist keine Frage

    Es ist ein Laut mit einem stimmlichen Fragezeichen hintendran, ein Laut, der sichs leicht macht. Wer darauf nicht die erwünschte Antwort erhält, sollte sein Gegenüber nicht für stur oder taub halten. Es möchte eventuell nur stattdessen eine tatsächlich ausformulierte, aus echtem Interesse entstandene Frage gestellt bekommen. Etwas, das ein bisschen mehr Mühe erfordert.

    Artikel

    Überwachung und Befürchtung

    privacy Man möchte offenbar den Massen gerne und leichtverständlich eine völlig willkürliche Verknüpfung in den Kopf setzen: zwischen Menschen, die sich mit Überwachung unwohl fühlen, und allerlei zwielichtigem Gsindl¹, das sich nicht anständig, i.e. gesetzeskonform, benehmen kann.

    Diese Art von Weismachung geschieht gern auch seitens der Presse. Das sieht dann so aus:

    Wirkt unfair – ist es auch.
    (Die Schlagzeile „Das Lieblingsbuch…“ gibts in der Onlineversion des Artikels der WELT am Sonntag übrigens offenbar nicht.)

    Genau wie dieser Satz, der mir heute wieder unterkam: „Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten.“
    Mit dieser scheinbar logischen Herleitung blanken Unsinns versucht man seit Jahren, ÜberwachungskritikerInnen zum Schweigen zu bringen. Allein: Der Satz ist gequirlte Kacke.

    Er tut nur so, als würde er irgendeine Art von absoluter Wahrheit kundtun. In Wirklichkeit versucht er, sich selbst und sein Anliegen auf zweifelhafte Weise zu legitimieren:
    Zunächst unterstellt er, wir hätten gar kein Recht auf diese Art von Privatsphäre, und lenkt damit einigermaßen erfolgreich von der fragwürdigen Gesetzeskonformität staatlicher Überwachung ab.
    Dann lässt er anklingen, wer durch Überwachung irgendetwas (völlig Irrationales) befürchte, müsse ohnehin etwas zu verbergen haben, eventuell gar in kriminelle Handlungen verwickelt sein. Und damit wiederum wirft er ÜberwachungskritikerInnen² mit übrigen Verdächtigen in einen Topf. Was doch wiederum eine engere staatliche Überwachung umso nötiger macht – da sind wir uns doch alle einig – oder?

    Der Umkehrschluss des Satzes lautet: „Wer etwas zu verbergen hat, der hat etwas zu befürchten.“
    Wir alle haben jedoch durchaus etwas zu verbergen, das niemanden etwas angeht – und das dennoch nicht gegen das Gesetz ist: Wo wir hingehen, mit wem wir am Telefon reden oder uns treffen, was wir mit diesen Menschen besprechen, was wir kaufen/downloaden/ansehen/anhören, wem wir was mailen und wohin wir online surfen, wen wir lieben.
    ES. GEHT. NIEMANDEN. WAS. AN.
    Doch dieser Fall von Graustufe ist in der schwarzweißen Polemik dieses Satzes schon nicht mehr vorgesehen. Die Graustufe fällt schon unter verdächtig, und dafür werden Sanktionen angedroht.

    Man ist also entweder unbescholten, ergo muss einem doch jegliche Durchleuchtung uneingeschränkt recht sein – spätestens, wenn das Deckmäntelchen der Sicherheit darübergebreitet wird! Wer könnte da noch dagegen sein? So jemand macht sich doch verdächtig und ist letztlich mutmaßlich kriminell, und das ist auch schon der Beweis: seine Überwachung ist damit angemessen. Das erinnert mich in puncto Fairness ein wenig an die Hexen-„Gutachten“ im Mittelalter: Werft sie ins Wasser! Ertrinkt sie, war sie keine. Ein Glück für sie, denn ertrinkt sie nicht, ist uns das Beweis genug – sie wird verbrannt.

    Ich möcht auch mal „Polemischer Umkehrschluss“ spielen: Hat denn der Staat in Bezug auf seine Überwachungsambitionen nichts zu verbergen? Dann hat er ja von Überwachungsgegnern auch nichts zu befürchten! \o/ Da ist die Freude doch sicher groß! Ansonsten muss der Staat sich damit abfinden, dass ihm bei seinem Vordringen in unser Privatleben weiterhin ganz genau auf die Finger geschaut werden wird – und daran ist absolut nichts Verwerfliches oder Verdächtiges. Auch dann nicht, wenn Terror noch so schön jegliche Form von Privatsphärenverletzung zu rechtfertigen scheint.

    Ich muss das aber gar nicht weiter selbst ausführen, lieber möchte ich nochmal einen Heise-Artikel von Michael Lohmann verlinken. Wiewohl sehr lang für heutige Aufmerksamkeitsspannenverhältnisse und schon aus dem Jahr 2006, hat er nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt. Wie schön, dass er immer noch online ist! Er zerrupft die obige Polemik so umfassend in ihre Bestandteile, dass am Ende nur ein WTF übrigbleibt.

    Aus dem verlinkten Artikel zitiert:

    Hat der Bürger ein Geheimnis, hat er ein Risiko, hat er kein Geheimnis, gibt es keine Gefahr. Hinweise auf mögliche Gefahren aufgrund staatlichen Verhaltens bekommen wir dagegen nicht. […] Problemfelder wie Machtmissbrauch sind in dieser Aussage ausgeblendet. Auch ist die Frage nach Rechtsgrundlagen und Kriterien des staatlichen Machteinsatzes kein Thema. Thema ist allein das Wohlverhalten des Bürgers. Der Bürger erscheint hier als Untertan des Staates. Wer die Kontrolleure kontrolliert, ist in der benannten Aussage irrelevant.

    Steigerungslogik: Der Verdacht erfordert Überwachung. Die Überwachung gebiert den Folgeverdacht, dass sich die Überwachten der Überwachung entziehen.

    Mit dem Satz „Wer nichts zu verbergen hat…“ wird die Beweislast umgekehrt. […] Der Verteidiger der Bürgerrechte muss beweisen, dass er zu Recht verteidigt, was doch eigentlich Status Quo und verfassungsmäßig verbrieft ist.

    Weil die Kontrolle unabdingbar und deren Verhinderung als Ausbremsen des Staates bei der Erfüllung seiner Aufgaben angesehen werden, wird der Widerstand gegen die Aushebelung der Bürgerrechte selbst unter Verdacht gestellt.

    Deshalb ist es eigentlich sinnvoll, jeden Protest vorsorglich unter Verdacht zu stellen. Ob diese Befürchtung dann berechtigt war, erweist allein der kontrollierende Zugriff des Staates.

    Der rhetorische Kniff besteht […] in der zwischen den Zeilen formulierten Drohung, dass der Protestierer als verdächtig angesehen werden könnte.

    ¹ Gsindl: (von „Gesinde“): im übertragenen Sinn auf Ösitanisch Missetäter, Kleinkriminelle.
    ² „ÜberwachungskritikerInnen“ klingt so nach lauten, politischen AktivistInnen. Tatsächlich fallen unter diesen Begriff, der sodann mit Kriminellen in einen Topf geworfen wird, wohl aber auch gefühlt eher „unpolitische“ Menschen, die sich angesichts neuer Überwachungstendenzen vielleicht nur etwas irritiert fragen: „Gab’s da nicht mal sowas wie ein Gesetz oder so, das dem Bürger irgendsoeine Art von Privatleben zusichert? Bin grad nicht sicher, müsst man mal googeln.“

    weltamsonntag-ueberwachung-20170827 Anhang: Screenshot der Schlagzeile für den Fall von Tweetschwund

    Artikel

    Aua

    Wenn der Partner beim Liebesspiel plötzlich Aua sagt, weil wir ihm versehentlich wehgetan haben, dann halten wir erstmal inne. Wir entschuldigen uns und fragen nach. Wir verändern vielleicht die Position. Mit Sicherheit aber lassen wir sofort das bleiben, was wir gerade getan haben und wie wir es getan haben, und versuchen uns einzuprägen: Nicht so machen! Tut weh!

    Weiterlesen

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