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Süße Ernte

Gedacht sei ein exquisiter Mango-Club, der keinen finanziellen Beitrag verlangt, sondern einen persönlichen. Weil dieser Club nur dann funktioniert, wenn alle ihren Anteil leisten: Baumpflege, Gießen, Unwetterfolgen beseitigen, Schädlinge bekämpfen, Ernte, Schutz vor Frost.

Die Mangos sind mit Abstand die besten im Lande. Und sie sind nicht käuflich, sie werden nur unter den Mitgliedern verteilt.

Du willst unbedingt dort Mitglied sein, kannst aber diesen persönlichen Beitrag nicht oder zu wenig leisten. Weil man dich sehr mag, ruft man dich oft an, schreibt dir, lädt dich ein, und fordert dich schließlich zur Mithilfe auf. Du versprichst, in Zukunft deinen Beitrag zu erbringen, aber bei den nächsten paar Gelegenheiten hilfst du jedesmal ein bisschen weniger dort mit und schließlich gar nicht mehr.

Wenn du dann kommst und „deinen Anteil“ an Mangos abholen willst und dort argumentierst, dass du ja auch einen Job zu machen hast, einen anderen Verein und eine Ehe zu führen, und dass man das ja auch verstehen muss, dann wird man dir dort sagen:

„Es sind deine Entscheidungen, die zu deinen Umständen führen. Dafür, wie du deine anderen Verpflichtungen verteilst, liegt weder die Verantwortung noch die Entscheidung bei uns. Deine Prioritäten musst du selber setzen. Wenn du dabei sein willst, dann gibt es dafür Regeln: Es muss dir wichtig genug sein, damit du den Beitrag hier auch leisten kannst und willst. Nur dann kannst nur deinen gesamten Anteil an Früchten mitnehmen. Die Pflege der Bäume aber ist keine Regel – sie ist eine Notwendigkeit.“

Würdest du dem Club vorwerfen, das wäre unfair, und er hätte dir alle Mangos geben müssen? Oder ihm vorhalten, du hättest soeben deine Ehe für ihn aufgegeben, und er hätte dir doch daher aus Dankbarkeit Mangos anbieten müssen?
Wohl nicht. Das wäre ein absurder Anspruch.

All das würde wohl erst recht gelten, wenn der gedachte Verein nur aus zwei Leuten bestünde.
Wenn dir die Arbeit an Mangobäumen, die Bedingung für eine gute Ernte ist, gar keine Freude macht, dann solltest du deinen Wunsch nach der Mitgliedschaft in diesem exquisiten Club hinterfragen.

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Der Feminist, das unbekannte Wesen

Zur Spiegel-Kolumne „Wie kann ich als Mann Feminist sein?“ von Margarete Stokowski möchte ich ein paar Punkte hinzufügen.

(Via Twitter gefunden -> Hier hab ich Platz, hier darf ich schreibm. :)

Zur Frage „Warum sollte ich überhaupt einer sein wollen?“ eine provokative Überlegung retour: „Die wollen mir doch meine Rechte als Mann wegnehmen!“
-> Hm, bedeutet das nicht auch: „Fairness ist mir unwichtig, solange ich meine Rechte behalte“? Zu welcher Art Mensch würde Sie so ein Gedanke machen? Aus meiner Sicht jedenfalls zu einem, der sich, wenns mal in die andere Richtung unfair wird, auch nicht beschweren dürfte.
Ernsthaft, ich hab dazu schon so viel in der Schublade, hadere aber leider wie so oft mit mir wegen der Länge, in die ich so gerne gehe – und das nur, um in meinen eigenen Worten große Hintergründe zu beleuchten, die jede:r ernsthaft Interessierte mittlerweile genausogut oder besser anderswo nachlesen kann. Unter anderem in den Artikeln, die in der oben zitierten Kolumne verlinkt sind – darum: Lesebefehl auch für diese Artikel.
Ganz unten beleuchte ich aber noch ein paar Quadratzentimeter der Bestrebungen von Feminismus, und dass da auch Männerrechte ein großes Thema sind (woah!).

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Etoshalender 2019!

Es ist wieder soweit, ich bestelle die neuen Kalender! Er wird so eine Art Ode an das Fernweh.

kalender2019-sneak

Wie gewohnt in A3, Spiralbindung, schwarz und elegant. Ach, was red ich…
Er hat zwölf unglaublich tolle Seiten mit herzverlesenen, überaus selbstgemachten Fotos und als Draufgabe ein Deckblatt! Mit Schutzfolie vorne! Er wird wahnsinnig schön.

Kostenpunkt: unverändert 20€. Wer möchte einen, zwei oder fünf? Bitte flott bescheidsagen!
(wie immer auch gern per Mail: etoshaÄTweblog.co.at.)

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Leistungskult

Ich hatte in letzter Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten den Leistungsgedanken auf dem Tisch. Wurde unter anderem gefragt, was daran so problematisch sein soll. Und: „Wenn ich jeden (Mitarbeiter) uneingeschränkt für sein Da-Sein wertschätze, unabhängig von seiner Leistung – wer soll dann die Arbeit machen?“

Niemand wird bestreiten, dass es Sinn ergibt, in jener Umgebung Leistung als Wertmaßstab anzulegen, in der es um Leistung geht – in der Wirtschaft. Doch selbst da wird unfair umgesprungen mit den Begrifflichkeiten. In unseren Breiten ist mit „Leistungsträger“ nur derjenige gemeint, der viel Geld verdient und daher „stark ist“, weil er ja „trägt“ – wohingegen all jene, die „nur“ viel leisten, aber wenig verdienen, in dieser Deutung schonmal durch den Rost fallen. Kein Träger, nicht stark, keine Leistung.

Womöglich muss man sich sogar fragen, ob der Kampf um gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, den Feministinnen seit Jahrzehnten führen, nicht ein aussichtsloses Kämpfen ist um einen Wert innerhalb eines Wertesystems, das von der privilegierten Gruppe geschaffen wurde, um genau solche Wertunterschiede herauszuarbeiten. Die Rechnung würde dann gar nicht aufgehen können, weil jedes Berufsfeld, das von Frauen erobert werden kann, als Antwort auch abgewertet werden kann.
Aber abseits von Frauen und Männern: die Wahrscheinlichkeit des sozialen Aufstiegs steigt generell mit den initial vorhandenen Privilegien. Es ist nicht für jede(n) Dahergelaufene(n) so, dass Leistung und Fleiß sich automatisch auch auszahlen.

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Nopology

Von Entschuldigungen in echten und weniger echten Varianten

~ E N T S C H U L D I G U N G

Niemand ist davor gefeit, Dinge zu sagen oder zu tun, die aus einem Affekt entstehen und einem anderen Menschen weh tun. Wir sind nicht perfekt, niemand von uns ist das. Aber wir sind in der Lage, unser Verhalten zu überdenken und dabei zu dem Schluss zu kommen, dass es nicht in Ordnung war. Wir fühlen uns dann schuldig und schämen uns.

Entschuldigungen von der echten Sorte erfordern also vorangegangene Reflektion des eigenen Fehlverhaltens, und sie erfordern Respekt vor dem Menschen, dem man unrecht getan hat. (Natürlich entschuldigt man sich auch manchmal, ohne etwas falsch gemacht zu haben, aber darum geht es hier nicht.)

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Auch politisch inkorrekt

Es war bemerkenswert, wie viele unwillige, ablehnende Reaktionen es auf Social Media auf die schriftliche Entschuldigung des Herrn Dönmez für seine sexistische Beleidigung der Frau Chebli gab. Seine Entschuldigung wurde zerrissen, mit Kritik an allen Sätzen und Halbsätzen, nicht nur an einem.

Viele kritisierten ja ein „falls sich jemand verletzt gefühlt hat“ – das da übrigens gar nicht stand. So ein „falls“ hätte besagt, er hätte sich nur in diesem Fall entschuldigt und ansonsten gar nicht; und obendrein, er würde es tatsächlich für denkbar halten, dass sich gar niemand verletzt gefühlt hat.

Ob man verinnerlichten Sexismus mit einem Moment der Schwäche entschuldigen kann, sei dahingestellt – der Moment der Schwäche besteht wohl eher darin, das, was man ohnehin denkt, nicht für sich behalten zu können, was am Licht auf die Sache und Person nicht wahnsinnig viel verbessert.

Zu Recht in Zweifel gezogen wird eine Entschuldigung aber, wenn ein Nachdenken und eine Entschuldigung nur aufgrund der öffentlichen Reaktion auf das eigene Verhalten erfolgte, und nicht etwa aufgrund persönlicher Reflektion und Bewertung dieses eigenen Verhaltens.
Aber im Verhältnis dazu, wie selten sich heutzutage öffentlich für irgendwelche vorangegangenen, unerträglichen Wortmeldungen überhaupt noch entschuldigt wird, war sie ja gar nicht soo schlecht.

Nur unter ehrlichen und fairen Verhältnissen ergibt eine ehrlich gemeinte Entschuldigung überhaupt Sinn. Sie wird immer unredlich sein, wenn das Setting es auch ist. Im politischen Zusammenhang geht es ja letztlich ohnehin weniger um Vergebung als darum, eventuell doch noch den eigenen Arsch zu retten und seine Position nicht zu verlieren.

Im Falle Dönmez ist das nur so halb gelungen, und das lag letztlich wohl weniger an der missglückten Entschuldigung als an der transportierten Haltung. Vielleicht wurde auch das angestrebte Ziel erreicht – NR bleiben, nur nicht mehr in der Fraktion? Man weiß es nicht. Seine an den Haaren herbeigezogenen Umdeutungsversuche sprechen aber eher dagegen.

Vor sexistischen Ansagen wird nicht nachgedacht, das ist charakteristisch, eben weil es sich nicht nur um einen oberflächlichen Witz handelt, der halt grad passt. Es ist eine so tief verwurzelte Weltsicht, dass die Betroffenen sie wohl innerlich für die Wahrheit halten, mit der man heutzutage höchstens aus sozialverträglichen Gründen hinterm Berg halten muss – nicht, weil sie als grundlegend falsch empfunden werden könnte. „Es kommt nix raus, was nicht auch drin ist“, rufen da allerlei Großmütter. Daher wohl auch die Kritik am „Moment der Schwäche“. Sexismus ist keine Schwäche, sondern ein Ausdruck eines völlig unreflektierten Glaubens an die Überlegenheit der eigenen Gruppe, auch als Chauvinismus bekannt.

Echte Gleichstellung und ehrlicher Respekt vor Mitgliedern einer anderen Gruppe bedeutet, dass Vorurteile und Abwertungen gar nicht erst gehegt oder zumindest innerlich aufs Nachdrücklichste und immer wieder herausgefordert, objektiviert und korrigiert werden – und nicht, dass sie nur nicht geäußert werden.
Oder, einfacher formuliert: Ein Sexist bleibt ein Sexist, auch wenn er sich noch so schön entschuldigt. Nur dass eben mit einer ehrlichen Entschuldigung – in Absicht und Formulierung – hier eben gar nicht erst zu rechnen war.

Wäre es für Frauen tatsächlich so einfach, dauerhaft an gute Jobs zu kommen, die dann auch über Blowjobs hinausgehen, hätten sie nicht jahrhundertelang für gleichwertige Bildung für Frauen gekämpft.

Geht mann allerdings ganz selbstverständlich davon aus, nur sexuelle Dienste am anderen Geschlecht würden Frauen gute Jobs verschaffen, dann deutet das in erster Linie wohl darauf hin, dass diese Schlussfolgerung aus selbst angewandter „Praxis“ entstanden sein dürfte. Es liegt also doch nicht am Peter-Prinzip, dass manche Stellen fehlbesetzt sind, sondern eventuell daran, dass Angestellte anhand von, sagen wir mal, eher jobfremden „Skills“ ausgewählt werden?
Naja, jeder in seinem beruflichen Umfeld, was ihm am wichtigsten erscheint; hat ja nicht jeder den wirtschaftlichen Erfolg als sein oberstes Ziel. Das ist natürlich in erster Linie ein Armutszeugnis für den Absender. Solche Bewerbungsszenarien allen anderen (Männern) ebenfalls zu unterstellen, ist aber auch eine Beleidigung für alle (Männer), deren Aufgabe es ist, Stellen zu besetzen; nicht nur für die gemeinten Frauen.

Daher ist es fraglich, ob irgendeine auch noch so form(ulierungs)vollendete Entschuldigung hier tatsächlich Ruf oder auch nur Glaubwürdigkeit hätten wiederherstellen oder auch nur teilweise reparieren können. Aber dass sich nicht mehr Männer von dieser Unterstellung beleidigt gefühlt haben – das wiederum zeigt die scheinheiligen „Werte“ in dieser Kultur. Sie merken gar nicht, dass sie gerade pauschal als Blowjob-Vergewaltiger bezeichnet wurden, oder es ist ihnen einfach egal.

Für mich waren die vielen negativen Reaktionen auf die Entschuldigung insofern erfreulich, als sie mein Empfinden bestätigten: Entschuldigungen, die gar keine sind, sollten auch nicht als solche getarnt werden.

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Handgemenge

Ich wurde gestern gefragt, warum die „linke“ Twitter-Bubble hierzulande sich intern derzeit so zerrauft, warum darin so viel Aggression und Streit herrscht. Ich habe erklärt, was ich für den Grund halte, und wurde daraufhin eindringlich gebeten, das zu bloggen. Also blogge ich es.

Es geht dabei nicht nur um Social Media, sondern um eine Gesellschaft. Twitter-Bubble kann hier stellvertretend für alle kleinen und größeren Gruppen stehen, schätze ich. Familien, Freundeskreise, Arbeitsgruppen, Vereine, vielleicht sogar Parteien… Die Wege sind dann vielleicht andere, das Prinzip bleibt vermutlich gleich.

Mich mit dem, was zu fremd ist und mich zornig macht, weiter abzugeben, kostet mich auf Dauer zu viel Zeit, Kraft und Nerven. -> Schotten dicht.
Die erste Auftrennung in Richtig und Falsch ist damit schonmal geglückt – wir verschließen unsere Bubble-Grenzen: Alles, was extrem rechts ist und hetzt oder provoziert, Grenzen verletzt, entwürdigend beleidigt und unverhältnismäßig attackiert, wird geblockt. Legitim, denn meine Bubble suche ich mir immer noch selber aus, auf Social Media ebenso wie im echten (Privat-)Leben.

Oft wird davor noch „diskutiert“ bzw „zurückgeschlagen“ – mit harten Bandagen, weil jeder weiß, dass mit ExtremRechts nur schwer zu diskutieren ist: Affekte wie Sorge und Angst werden da dreist zu politischen Argumenten aufgebläht, Menschenverachtung und Übergriffigkeit als freie Meinung kostümiert und die Aggression daraus unreflektiert auf gruppierte Ziele entladen. Man gewöhnt sich schnell an, darauf – wenn überhaupt – nur sehr harten Konter zu geben.

Völlig dicht ist die Bubble ja nie. Die Attacken gehen weiter, wenn auch aus anderer Richtung. Die zornige, aggressive oder oft auch hilflose Energie aus den übrigen Interaktionen brodelt in uns weiter – und wird entsprechend kommentiert. Sie wird damit ständig in die Bubble importiert und schließlich auf deren Mitglieder projiziert. Ausagiert wird all das innerhalb der weitgehend abgeschotteten Bubble. Grenzüberschreitungen und Methoden* aus dem Umgang mit ExtremRechts werden dabei mitunter 1:1 für Zwiste innerhalb der Bubble übernommen. Und der angewöhnte harte Konter lässt einen womöglich in der nächsten Diskussion mit einem Bekannten vergessen, wen man vor sich hat.
*Etwa „Anprangerungen“ wie Nonmentions und Screenshots statt Tweets mit Link, auf die der Gemeinte auch reagieren könnte.

Kurz gesagt, „friendly fire“ wird allzu unbedacht eröffnet, und Zack! Alles zersplittert. Und wie soll eine zersplitterte Gesellschaftsgruppe gemeinsamen Widerstand leisten?

Die linken Fraktionen fahren oft kein vehementes Programm, eines mit eigener Sprache und eigenen Werten, das sich Raum verschaffen würde, sondern liefern nur Kritik oder gar segmentweise Anbiederung an rechte Standpunkte – sie, die es doch besser wissen müssten und sowas beherrschen sollten! Daran stören wir uns!

Und wir schaffens im Kleinen genausowenig. Warum? Weil wir tagtäglich fremdes Gift von Außerhalb mit „nach Hause“ bringen, einerseits die fremdinitiierte Aggression, andererseits die fremden Denkmuster, an denen wir unsere Kritik festmachen – und mit der wir diese Denkmuster weiter verstärken!

Denn auch die toxischen, fremden Inhalte werden in die Bubble importiert – in Form von Zitaten, „Einzelfällen“, „Entgleisungen“, Artikeln, Schlagzeilen und deren Interpretationen.
Wie im letzten Blog-Eintrag ausgeführt, beeinflusst das ständige Wiederholen von vorgefertigten Deutungsrahmen/Frames* sowohl die Ausprägungen unserer neuronalen Netze als auch in weiterer Folge unsere schiere Wahrnehmung der Wirklichkeit! Wir nehmen buchstäblich die Wirklichkeit gefiltert wahr, gefiltert nach Rahmen und etablierten Denkmustern. Welche sich etablieren, bestimmt die Wiederholung. Welche Filter wirken dürfen, bestimmt nicht das logische Nachdenken!

Jeder kennt die beinah sprichwörtliche Aufforderung, jetzt nicht an einen rosa Elefanten zu denken, und weiß, wie wenig sie funktioniert. Auch Frames werden auf diese Weise im Hirn aktiviert – durch ihre schlichte Erwähnung. Da hilft kein „nicht“ und kein „kein“ davor, eine Negierung – wie stark sie auch immer sein mag – ist nicht in der Lage, die Aktivierung eines Frames zu verhindern. Daraus folgt: Selbst wenn wir eine Aussage empört wiederholen, verstärken wir damit die erleichterte Aufnahme der kritisierten Kacke in die Gehirne aller! Durch unsere Wiederholung und damit Aktivierung des abgelehnten Denkmusters in unserem eigenen Gehirn und in dem der Leser findet das Muster ganz von selber seinen Weg in die Normalität.
* Willkürliche Zusammenhänge, sprachliche Umdeutungen, Herabwürdigungen, absichtlich auf weitverbreitete Assoziationsketten abzielende Begriffe, insgesamt: Denkmuster.

Und nein, dagegen ist niemand immun. Du nicht. Und ich auch nicht. Auch politische Experten nicht.
Es ist uns auch ein bisschen peinlich, dass man (mithilfe von simplem „Priming“ zB) mit unseren Hirnen einfach so Sachen machen kann, ohne dass wir es wollen. Diese Mechanismen zu ignorieren und uns selbst eine freie Wahl der Denkmuster zu bescheinigen, ist weitaus leichter, als diesen Mechanismen ins Gesicht zu sehen. Das ist menschlich! Aber es muss uns zu allererst bewusst werden, dass jeder Pfad, der in unseren Gehirnen ausgeleuchtet und weiter ausgetreten wird – i.e.: unser Denken – extrem von außen beeinflusst ist, mit jedem Wort und jedem Satz, den wir hören und lesen. Und damit auch jeder Satz, den wir daraufhin ausspucken. Wenn wir das nicht (an)erkennen und unser Sprach- und Schreibverhalten danach drastisch verändern, fungieren wir als Multiplikatoren der anderen Seite, statt uns eindeutig zu positionieren. Und wir merken es noch nichtmal.
(Bitte lest dazu (nochmal) die ersten paar Kapitel von „Politisches Framing“! Bitte!)

Zur lösungsorientierten Überlegung trägt ein Gedanke wesentlich bei: Man erhält Antwort auf das, was man fragt. Im Vergleich zur Frage „Warum?“ erhält man die besseren Antworten auf die Frage: „Was?“
Was kann da helfen? Was kann ich selber tun? Was können wir dann gemeinsam tun?

Ich werfe mal ein bisschen was in die Runde: Erstmal Bewusstmachung!
Reflexion – Hinterfragen des eigenen Empfindens und Handelns. Selbstkritik. Affektkontrolle.
Wo kommt das her? Welchem Denkmuster entspringt es? Ist es eines, das ich transportieren und verstärken will? Wie verleihe ich mir am besten Ausdruck? Und wie nicht?
Zeitlicher Idealpunkt dafür: Vor der Interaktion mit anderen. Vor dem Abschicken eines Tweets, einer Reply, eines Mails.
Input-Management: Wie viel meiner Zeit und Aufmerksamkeit widme ich fremden Denkmustern, die ich mir freiwillig oder unfreiwillig täglich reinziehe? Wo liegen meine Grenzen? Was funktioniert am besten als Ausgleich?

Und auch: Wieder öfter das verstärken, was Aufmerksamkeit verdient hat.
Es ist ein alter Hut: Es gibt keine „schlechte Publicity“ – es gibt nur Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit oder eben keine Aufmerksamkeit. Freilich kann man nicht alles, was einem nicht passt, totschweigen. Aber auch nicht alles davon muss hervorgezerrt und kommentiert werden. Nicht, während wir immer noch zu wenig von dem dagegenstellen, was für uns tatsächlich von Wert ist.

Es liegt nicht daran, dass wir keine gute Streitkultur hätten. Es liegt daran, dass wir dem Wind, der uns zerzaust, ungeschützt ausgesetzt sind, ohne dass es uns überhaupt bewusst wird, und dass wir dagegen noch keine guten Strategien haben. Also tun wir weiter so, als wären wir unzerzausbar, während wir schon aussehen wie ein Mopp, mit dem man auch gut in die Ecken kommt. :)

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Ich kann dazu gern noch weiter differenzieren und ins Detail gehen. Denn auch wenn es so wirken mag – ich meine es nicht schwarz-weiß. Es wird aber vielleicht schwarz-weiß interpretiert, weil alles derzeit gern schwarz-weiß interpretiert wird.

Allerdings war ich gestern in diesem Gespräch, das sich noch am Parkplatz fortsetzte, schon erstaunt von dem Statement: „Ich hab das so noch nirgends gelesen! Das müssten alle hören, schreib das!“. Sogar eine anonyme Zuhörerin hat sich aus dem Dickicht immer näher an das Gespräch herangepirscht und uns schließlich nach dem konkreten Anlass und mich nach dem Blog-Link gefragt.

Meine Einträge neigen bekanntlich aber ohnehin zu überbordender Länge. :) Also schick ich’s einfach mal so raus und schaue, ob das vorhergesagte Interesse tatsächlich eintritt – und auf welche Komponente(n) es sich richtet. Bitte sehr gern in die Kommentare damit! Auch Twitter-Kommentar, Twitter-DM oder E-Mail (etosha ÄT weblog.co.at) geht natürlich. Merci! <3

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Unsere Sprache wiederfinden

Von Wortgebilden, impliziten Geschichten und Deutungsrahmen, und wie wir unsere Weltsicht wieder stärker in den Köpfen verankern können – vor allem in unseren eigenen.

Ich weiß, ihr seid entsetzt von der Niedertracht. Ich bin es auch. Ihr habt gehört, was sie sagen, und gelesen, was sie schreiben. Ihr kennt ihre Polemik und ihre Schuldumkehr und ihre Deutungsrahmen zur Genüge. Vielleicht sogar schon zu gut. Ihre Wortgebilde, wenn sie Journalisten mit Tieren vergleichen oder flüchtende Menschen mit Treibgut auf Wassermassen – und mehr wiederhole ich hier auch schon nicht, um meine nachfolgende Argumentation nicht von vornherein ad absurdum zu führen.

Ihre wertungs- und assoziationsbeladenen Wortgebilde und Formulierungen, wie sie im Moment „in aller Munde“ sind, erschaffen Geschichten, und darin werden einzelne Aspekte hervorgehoben, während andere unter den Tisch fallen sollen. Man kann sich ein Hobby daraus machen, diese Worte und Geschichten zu zerpflücken und die darin appetitlich vorgekauten Aspekte klar zu benennen.

Man kann mit diesen Worten und Formulierungen ganze Weltbilder herbeischreiben. Aber vor allem: herbei-zitieren! Denn die implizite Geschichte dahinter – und wenn sie noch so schlecht erfunden, noch so unfair gewichtet ist – diese Geschichte lebt und überlebt durch ihre Wiederholung. Durch ihre Wiederholung! Jene Bereiche in unseren Gehirnen, welche Worte und die Geschichten dahinter integrieren und als Teil der Realität verankern, werden ausgetretener und breiter, je öfter sie wiederholt werden – ganz egal, wie wir sie bewerten mögen. Unsere neuronalen Verbindungen werden durch schiere Wiederholung gefestigt. Jeder, der schonmal ein Instrument oder eine Sprache gelernt hat, weiß das. Wer eine Passage zu schnell übt und sie dadurch immer wieder falsch spielt, übt den Fehler mit und wird ihn nicht mehr los.

Die Wiederholung besteht aus Input und Output! Auch bei euch selbst? Ja, natürlich. Noch während ihr Worte ungläubig wiederholt, werden sie für euer Gehirn bereits ein wenig glaubhafter. Für die Verbreitung und Verankerung in den Gehirnen macht es nicht den geringsten Unterschied, ob die Wiederholung entsetzt oder begeistert erfolgt, ob sie bejaht wird oder empört zurückgewiesen. Die implizite Geschichte hinter einem abwertenden Begriff wird mit jeder einzelnen Wiederholung für alle Gehirne ein Stückchen echter und gewohnter.

Noch wichtiger ist aber: Die Etablierung dieser Geschichten im Gehirn wirkt sich direkt auf unsere Wahrnehmung der Welt aus. Je ausgetretener ein neuronaler Pfad, desto direkter der Zugriff zu impliziten Geschichten – der Wahrheitsgehalt ist dabei irrelevant! Wir assoziieren und verbinden, was wir gut genug kennen. Umgekehrt weigert sich das Gehirn, eine Information aufzunehmen, wenn sie nicht in bereits ausgetretene Denkpfade passt. Und es sind genau diese Pfade – und nicht etwa bewusstes Abwägen und Nachdenken – die die Grundlage für unsere alltäglichen Entscheidungen bilden.
Und wir merken es nicht. Denken ist daher viel weniger Glückssache als Gewohnheitssache.

All das ist nicht meine persönliche Erfindung, es ist kognitionswissenschaftlich erwiesen und hundertfach bestätigt. Ebenso erwiesen ist: Menschen mit politischer Ahnung und Erfahrung sind diesen Effekten gegenüber nicht etwa immun, sondern ihnen sogar stärker ausgeliefert als Otto & -ilie Normalverbraucher.

Die Veranwortung für die „Salonfähigkeit“ dessen, was in den letzten Monaten aus allen Ecken hervorkriecht, liegt somit nicht nur bei den Erfindern und Befürwortern, sondern auch bei uns – bei dem, was wir wiederholen, festigen und damit als wiederholbar und festigbar für alle determinieren und als gegeben hinnehmen. Und ja, auch dann, wenn euch dieser Gedanke gerade noch so zuwider ist.

Noch einen (für mich: zu) großen Schritt weiter geht die Kontraproduktivität, wenn ihr erfindet, „was als nächstes kommt“. Ich habe viel zu viele Tweets von dieser Art in meiner werten Bubble gesehen. Auch von Menschen mit viel Reichweite, die es wirklich besser wissen sollten. Auch diese zitiere ich hier aus naheliegenden Gründen freilich nicht.
Denkt bitte lange und bewusst darüber nach, vor wessen Karren ihr euch damit… „spannen lasst“? Nein: selber bereitwillig spannt! Überlegt, auf welchen eurer von inhalierten Geschichten vergifteten Gehirnpfaden diese Ideen geboren werden. Und wohin eure Energie fließt, wenn ihr eure Ideen dazu, „was als nächstes kommt“, dann öffentlich und damit für andere denkbar macht. Was ihr damit stärkt.
Denkt darüber nach, wozu euch das macht. Ein Tipp: Zu talentierten Zynikern schonmal nicht. Ihr weckt damit auch niemanden auf oder zeigt, wie absurd das alles schon ist. Ihr zeigt nur, wie absurd leicht euer Hirn vom durchgehenden Bombardement mit Hass und Intoleranz beeinflussbar ist, wenn es munter weiterspinnt, was es schon initial in dessen Grundidee für entsetzlich gehalten hat.

Der Punkt hier ist: Ihr könnt sicher sein, dass sie ausreichend eigene Ideen haben – ihr seht es jeden Tag! Sie brauchen euren Beitrag nicht, nehmen aber bestimmt gern die kostenlose PR, Energie und euren Verve, der darin steckt, wenn ihr all das so freizügig anbietet.

Wenn ihr fragt, was als nächstes kommt, werdet ihr eine Antwort auf das erhalten, was ihr gefragt habt. Oder ihr gebt sie euch gleich selbst. Das ist ein trauriger kleiner Schaltkreis, aus dem keine breiten und gangbaren Wege auf eurer eigenen Seite des Terrains entstehen.

Ihr könnt euch also weiterhin in einer Weltsicht herumtreiben, die euch nicht gefällt und euren Hirnen und Herzen nicht guttut, in der ihr machtlos seid. Vergesst aber dabei nie, dass man aus einer schwachen Position keinen starken Move machen kann! Ihr reaktiviert und stärkt damit nur das, was euch und vielen anderen Menschen nicht guttut.

Oder wir konzentrieren jedes Quäntchen unserer Energie dort, wo sie in unsere Weltsicht fließt und sich dort versammelt! Beginnt, eure eigenen Geschichten zu erzählen! Sagt ruhig, dass ihr dagegen seid, wenn eines der Stichworte aufkommt – aber dann erzählt von eurer eigenen Weltsicht, von eurer eigenen Vision für die Zukunft, von euren eigenen Wertvorstellungen! Und erzählt in positiven Worten! „Nicht in Verneinungen von Hetze, Hass, Verhöhnung“ transportiert immer noch (wait for it…) Hetze, Hass und Verhöhnung. Auch wenn ein „Nicht“ davorsteht!

Sind es Geschichten von Vertrauen, Zusammenhalt und Solidarität, oder von sozialen Fallschirmen für alle, von Förderung sinnhafter Frauenprojekte, von gelebter Toleranz und Integration? Dann erzählt sie!
Sind es Geschichten von frauenfeindlichem oder wertefeindlichem Verhalten, das auch für euch so nicht tolerierbar ist, mit dem die Gesellschaft entschlossener umgehen müsste, sind es Geschichten von Problemen, die benannt werden müssen, dann erzählt davon! Scheut euch nicht vor Differenzierung.

Wenn euch die oktroyierte Spaltung in Links oder Rechts unvermeidlich scheint, dann investiert eure Kreativität auf eurer Seite der Energie! Wenn nicht, dann sucht nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Denn auch unsere Weltsicht und alle unsere Geschichten werden für die Zukunft wahrer, wenn wir nicht über all dem Hass vergessen, sie immer wieder zu erzählen! Mit jedem einzelnen Mal, bei dem wir sie erzählen! Nur wer die Worte sagt, stärkt auch die Weltsicht, denn nur dort, wo Worte fallen, werden auch Gedankenpfade etabliert! Wenn wir ein Bild dazu haben und dieses Bild auch in die Welt bringen, wenn wir mehr darüber sprechen, was wir wollen, und weniger darüber, was wir nicht wollen… dann werden Gehirnpfade hell aufleuchten und sich ausweiten – Pfade in eine Zukunft, die für uns alle friedlich, sicher, frei und voller Liebe sein darf.

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„Wer in Diskursen nicht sagt, was er ideologisch meint, der macht sich der Fehlkommunikation schuldig – mit allen Konsequenzen!“
Elisabeth Wehling

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Ja, es zu benennen ist natürlich auch unvermeidlich, und dennoch war mein Blogeintrag auch hiervon getriggert:
Leitartikel TT von Karin Leitner