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Corona – fünf .. Was wird bleiben?

Was lernen wir aus der Corona-Krise? Was hat sich geändert, was wird davon bleiben? Diese Fragen drängen sich auf, wenn man sich so umschaut.

Es sind weite Felder, und bei aller Länge dieses Artikels erhebe ich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit der Licht- und Schattenseiten. Gern könnt ihr drunterschreiben und ergänzen! Schreibt auf, was ihr gelernt habt und nicht vergessen wollt, hier bei mir oder zumindest für euch selbst!
Denn die Dinge verändern sich schnell, hin und auch wieder zurück. Wie ein Gummiringerl schnalzt alles womöglich bald wieder in seine gewohnte Position, und im Nu ist alles so wie vorher (und man selbst genauso doof).

Das Bittere zuerst
Was wird bleiben? Meine Vorhersage lautet: nicht viel. Dazu sind die Etablierten im System zu etabliert und die kurzfristig Relevanten zu schnell wieder unsichtbar.

Erstmal ist es so: Ein guter Teil der hiesigen Wirtschaft hatte jetzt ein ganzes Monat lang keinen Umsatz. Es wird also von euch erwartet werden, dass ihr hinterher drölfmal so schnell konsumiert wie sonst, um den Rückschlag aus dem ersten Quartal im zweiten wieder aufzuholen. Und das wird eine sehr dringliche Dynamik ergeben.

Mehr als nur „bemerkenswert“
Dennoch ist es außergewöhnlich, was sich in den letzten Wochen alles getan hat:

* Corona hat in kurzer Zeit geschafft, wozu eine Gesellschaft oft Jahre oder noch öfter Jahrzehnte braucht. Umso mehr, wenn diese Gesellschaft große stur-konservative und daher träge Anteile hat, die sich schon aus Prinzip jeder Veränderung widersetzen.
* Corona hat manches gnadenlos offengelegt, was bisher unbemerkt* vor sich ging – und das just, während gerade so viele Menschen Zeit zum Hinschauen haben.
* Da ist „unbemerkt“ nicht ganz das richtige Wort; wer möchte, kann einen Vorschlag für ein Adverb einbringen, das eine gute Mischung ist aus „verstohlen“ und „von großem äußeren Desinteresse betroffen“.

Die Irrelevanz hat sich abschnittsweise verschoben – weg von denen, die bisher von der Gesellschaft gerne übersehen wurden, hin zu manchen, die sich bislang für wichtig hielten. Da werden Menschen plötzlich nicht mehr in Flieger gesetzt, weil sie das „über Zoom ja wohl genausogut können“. Da werden Menschen plötzlich gesehen, die bisher zur Einrichtung zu gehören schienen.

Doch klar – nur vorübergehend. Und ich fürchte leider, das wird für beide Aspekte gelten – für „geschafft“ und für „offengelegt“.

Überall alles anders
Trotzdem – haben wir jemals in der jüngeren Geschichte innerhalb weniger Wochen einen so rasanten Wandel erlebt?
⦿ Veränderung beim Verhalten: zwischenmenschlich, innerfamiliär, nachbarschaftlich.
⦿ Beim CO2-Fußabdruck; wirtschaftlich und medizinisch – neue Ideen werden geboren und rasant umgesetzt, Workarounds gefunden, helfende Hände hochgeschätzt.
⦿ In der Bildung, politisch, in der Bürokratie.
⦿ Persönlich: Bei der Lebenssituation – die für viele jäh eine andere geworden ist. Beim Abstand zu anderen (wie schon in einem der früheren Artikel unter „Coronabewusstsein“ erwähnt – bleibt uns das?)
⦿ Beim Medieninteresse, bei Körperbewusstsein, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Wertschätzung.
⦿ Nicht zuletzt: Wertewandel. Ein Wandel im Denken. Viele haben Zeit zum Nachdenken. Sich und die Welt zu hinterfragen. Und hinzuschauen.

Alles das war kein Umschwung, sondern ein Ruck, auch kraft der blitzartigen Gesetzgebung.
Und über jedes einzelne Stichwort ließen sich lange Absätze schreiben.

Wir wussten ja gar nicht mehr, wie wunderbar eine Welt ohne Fluglärm ist. Wie blau der Himmel und wie klar die Luft sein kann. Plötzlich geht das, was vorher für Kondensstreifen gesorgt hat, auch online. Bürokratie wird abgebaut. Medikamente bestellen kann man endlich telefonisch, oder sich krankschreiben lassen – was besonders am ersten Tag oft eine zu große Hürde dargestellt hat, weil „ob ich jetzt zum Arzt check und dort zwei Stunden sitze oder gleich krank in die Firma fahr, is auch schon wurscht“. Und nein, es ist nicht ok, krank in die Firma fahren zu müssen.

Plötzlich kann man vieles auch online erledigen, wofür man vorher zumindest die Zugangsdaten in persönlicher Vorsprache beantragen musste, oder auch die Leistung selbst. Die Schule ist online, Lehrer*innen und Direktor*innen finden neue Methoden. Einige Handels- oder Gastro-Betriebe steigen auf Zustellung um, und plötzlich ist nur noch ein Fahrzeug unterwegs statt n Fahrzeuge für n Kunden an diesem Tag.
Alles das mussten Menschen in sehr kurzer Zeit anpacken, schultern und in Bewegung bringen.

Doch vieles davon geht auch nur, weil alle Welt jetzt gleichzeitig zurückstecken muss. Es fällt nicht so extrem auf, dass man kurzfristig nicht 100% konkurrenzfähig ist, wenn viele andere es gerade auch nicht sind. Als Dauermaßnahmen für ein einzelnes Land gehen sich etwa Fahrt- oder Flugbeschränkungen (oder, oder, oder…) eben einfach nicht aus, weil: „Die anderen machens ja auch weiterhin, wir können sonst nicht mithalten“. Der Markt regelt das.

Vieles wird sichtbar
Wie egal die Gesundheit des einzelnen ist, solange es um den Gesamtumsatz einer Wintersaison geht. Wie gerne manche Politik glaubt, alles richtig gemacht zu haben, wenn sie nur ihre Klientel erwartungsgemäß bedient hat. Wie furchtbar sich Privatisierungen und Sparkurse auswirken, und dass sich das überraschenderweise doch noch innerhalb der Lebensspanne der verantwortlichen Politiker*innen zeigen kann.

Es fällt stärker auf, wie viele Frauen Systemerhalterinnen sind. Allein im Gesundheitswesen sind zwei Drittel Frauen.

. Gewaltschutz
Da wird so ein Staat jetzt besonders gut achtgeben auf diesen Teil der Bevölkerung – oder nicht?
Nicht für jede Frau ist Daheimbleiben eine gemütliche Abwechslung, wenn sie dort einem gewalttätigen Mann ausgesetzt ist und dieser Situation jetzt noch schwerer entkommen kann.
Doch während die Regierung der Wirtschaft millardenschwere Pakete mit dem Samtbändchen schnürt, wird das Frauenbudget mit Peanuts abgespeist. Im Lichte der offensichtlich so systemrelevanten Frauen ist das schon auffällig zynisch. Werden schon die Wirtschaftsmilliarden irgendwie dafür sorgen, dass er bald wieder was anderes zu tun hat als seine Frau zu verdreschen? Hoffentlich?

Das Budget für Fraueninitiativen wurde 2019 zusammengekürzt, mit der Begründung, es werde Geld in den Gewaltschutz umgeschichtet; man hat also den Frauenorganisationen die Mittel gekürzt, um beim Gewaltschutz die jährliche Inflation zu decken, statt beiden das Budget endlich mal ordentlich zu erhöhen. Es braucht mehr Geld für Gewaltschutz und Prävention, und das nicht erst seit gestern.

Die Regierung hat im Vorjahr beim Ersinnen ihrer „Maßnahmen“ für das „Gewaltschutzpaket“ die Expertinnen aus Gewaltschutzorganisationen außen vor gelassen, und so arbeitet man an Sinnhaftem vorbei, für den schönen Schein, ohne Expertinnen, und knausert weiter mit dem Geld. PR-Gags zum Weltfrauentag reichen aber nicht aus!

Aber klar, wenn dann etwa die Frauenhelpline aus finanziellen Gründen bald nicht mehr ganztägig erreichbar sein kann, weil ein paar tausend Euro fehlen, wird das bestimmt letztlich auch die Anzahl an Frauen sinken lassen, die Hilfe und Schutz vor Gewalt suchen. Auf dem Papier. Und wenn sie dann ermordet wurden, werdens noch weniger. Sehet, die Kurve!
Wenn ihr was tun wollt – beim Frauenvolksbegehren kann man Mitglied werden. Die Frauenhäuser freuen sich über Spenden, die Frauenhelpline ebenso.

. Expertise
Was weniger auffällt – aber auch wenig erstaunlich ist, wo man doch schon in Frauenfragen Frauen nicht fragt – ist auch, wie sehr in dieser Krise fast ausschließlich auf Männer gehört wird, wenn es um Expertentum geht – Virologen, Forscher, Ärzte, Politiker – ohne *innen.
(Zumindest scheinen bei letzteren, abgesehen von der roten Opposition, einige *innen nur Pappfiguren mit vorgegebenem Text zu sein. Nicht, dass das bei einigen ihrer Kollegen nicht ebenfalls so scheinen würde, aber die sind halt auch insgesamt mehr. Man hört eventuell auf Frau Rendi-Wagner, aber man gibt es nicht zu.)

. Zurück?holen, aber flott! Rausholen, warum?
Man merkt auch, wie viele Ausländer*innen uns fehlen, wenn sie „raus“ sind. Dabei war das Wort „Pflegenotstand“ schon vor Corona ein (deutscher) Begriff. Und jetzt? Schickt man ein Flugzeug, um die Pflegerinnen aus dem östlich benachbarten Ausland zurückzuholen. Ja, genau die Pflegerinnen, denen man in der Regierung Kurz I ab vorigem Jahr die Familienbeihilfe „indexiert“ hat, also auf ausländisches Maß zusammengekürzt. Frauen, die eh nur neun Hunderter im Monat verdienen, und die dafür sehr viel von dem verpassen, was daheim bei ihrer Familie täglich passiert, weil sie „im Radl“ tage-/wochenlang im Ausland sind. Oder glaubt vielleicht jemand, dass die 24h-Pflege so heißt, weil sie nach 24h abgelöst würde?

Diese Aktion mit dem „Zurück(!)holen der Pflegekräfte“ empfinde ich als gesellschaftliche und politische Peinlichkeit erster Güte. (Und stelle mir unwillkürlich vor, wie viele von diesen Frauen wohl zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug saßen.) Man möchte meinen, dass von der Regierung zugleich erwogen würde, die Kürzungen bei der Familienbeihilfe wieder rückgängig zu machen – jetzt, wo die Relevanz dieser Arbeitskräfte auf so blamable Weise deutlich geworden ist. Wird es aber nicht. Wozu auch, wenn man sie eh in ein Flugzeug packen kann? Als wären es geflohene Leibeigene.
Als hätten wir noch nicht genug Schaden angerichtet, siehe Ischgl. Verwunderlich, dass uns diese unfassbare Arroganz nicht auf den Kopf fällt, aber wer weiß, wie lange noch.
(Und ich schäme mich dafür, dass es dann im Ausland heißt „Die Österreicher haben…“.)

Vor diesem menschlich kontrastarmen Hintergrund fällt dann auch stärker auf, wie leicht man ein Flugzeug schicken könnte, um Geflüchtete aus einem überfüllten Lager in Griechenland zu retten, wenn man wollte. Aus Moria. Und wie willkürlich es ist, es nicht zu tun. Wie leichtfertig da von einem – ererbten, nichtmal selbst erwirkten – Oben herab andere Menschen in Wertigkeiten eingeteilt werden, die sich je nach Situation drehen lassen, wie es gerade opportun ist – und das nur aus einem Grund: weil man dafür reich genug ist.
Gleichzeitig gibt es eine Menge Asylwerber, die bereits hier sind, die befähigt wären, die aber nicht arbeiten dürfen – in der Pflege, am Feld, you name it. Es ist absurd.

An all diesen Stellen wäre der Perspektivwechsel gefragt, der Wandel im Denken und im Handeln! Und was tut sich da? Nix.
„Die Österreicher“ bleiben so arrogant wie eh und je. (Man stelle sich nur das Geschrei vor, wenn „de Auslända“ uns nicht nur die Arbeitsplätze wegnehmen, sondern auch noch eine – wieder gleich hohe – Familienbeihilfe und die Intensivbetten!)

Oder dieser Mangel an Erntehelfern jetzt. Es kursiert ein Meme mit dem Titel „Scheiße, die Ausländer geben uns unsere Arbeitsplätze zurück!“ Zihihi. Auch da sollen jetzt welche eingeflogen werden, hört man.
Für Jobs, die für so wenig Geld doch hierzulande oder in DE oder einem anderen reichen EU-Land kaum wer machen will. (Nicht unbedingt, weil die Leute zu faul wären. Sondern weil das Leben mit unseren Standards weit mehr kostet als das, was man dort verdient.) Wer ’stellt‘ sich für 8€ oä Stundenlohn hin (in gebückter Haltung) und erntet Erdbeeren oder Spargel? Und das, ähem, in einem Risikogebiet?

Würde man dort mehr verdienen, wäre auch die Ware für den Endverbraucher teurer. (Auch nicht unbedingt, weil das so fix sein müsste. Sondern wohl auch, weil von den Gewinnen, die zwischen Erzeuger und Endverbraucher entstehen sollen, niemand dazwischen was abgeben wird.) Damit steigen wiederum die Lebenshaltungskosten, zack, Endlosschleife.

Wir hecheln unseren eigenen Preisen und Standards hinterher. Es ist ein System, das auf Gewinne angewiesen ist, und zwar auf höhere als im vorigen Jahr. Eine Rolltreppe, die von denen angetrieben wird, die darauf laufen.

. Der Welten Lohn
Mir kam auch zu Ohren, dass bei so manchem Supermarkt-Konzern ein Corona-Bonus für die Mitarbeiter locker gemacht wird. Und das mitunter in Form von… wait for it… Warengutscheinen! So bei 250€ sind wir da pro Nase. Pfu, da könnts euch jetzt aber was drauf einbilden.
(Ja, mir ist klar, dass die Zuwendung an Mitarbeiter zu diesem Zeitpunkt nur als Gutschein steuerfrei möglich war. Der Antrag der SPÖ auf steuerfreie Prämien am (iirc) 21.3. wurde abgelehnt und musste hernach erstmal türkis angemalt werden, bevor diese Befreiungen beschlossen wurden – auf „Gesetzesinitiativen des Finanzministeriums“. So läuft das eben. Erstmal rechnen. Lohnsteuer heikel weil viel!

Popelich, sag ich da! Was für ein Geiz. Da haben die allein beim Klopapier mehr Gewinn gemacht in den letzten vier Wochen. Dieser Warengutschein, so witzelten wir letztens zu zweit ein bisserl bös, das ist, als würde man Baumwollpflücker*innen für ihre wochenlange Mühe in einem verseuchten Gebiet einen Meter Stoff schenken. Statt sie ordentlich zu entlohnen, und das immer.

Aber sicher, schlimmer geht immer, manche kriegen für ihren Einsatz nichtmal einen feuchten Händedruck. Wie wirds im Gesundheitswesen ausschauen – in den Spitälern, bei den Ärztinnen, Krankenpflegerinnen, Reinigungs- und Transportkräften, Studentinnen, Helferinnen? (Männer sind mitgemeint ;)

„Aber ich bin systemrelevant!“ – „Jo, waaß i eh, und jetzt gusch und hackl weiter!“ Ich will ja nicht subversiv sein, aber der Zeitpunkt für einen Streik der sogenannten Systemrelevanten – der chronisch unterbezahlten Erlediger*innen von Oaschhackn aller Art – der wäre JETZT.
Und das sind alle, die sich für das seit Jahren und in den letzten Wochen Geleistete zu gering entlohnt fühlen; die schon davor – für den geringen Verdienst nämlich – die undankbarsten Arbeitszeiten hatten, und das mitunter (zB im Einzelhandel) obendrein unter zumindest druckintensiven arbeitsrechtlichen Verhältnissen.

Weil, hinterher so ein „Wir waren jetzt voll brav, weils nötig war, aber jetzt fordern wir…“? Das interessiert dann keinen mehr. Wenn der Hut nicht mehr brennt, sind die Feuerlöscher im Abverkauf.

Manchen kommt’s vielleicht sogar folgerichtig vor, dass jetzt diejenigen herhalten müssen, die gesellschaftlich sowieso schlechter gestellt sind. Ich mach’s kurz: Willkürliche gesellschaftliche Schlechterstellung ist per se nicht fair. Sie begründet niedrigere Entlohnung. Während diese wiederum als Nachweis für die Schlechterstellung selbst herangezogen wird. Man nennt das einen Zirkelschluss.

Weitere weite Felder
Neben diesem weiten Feld gibt es natürlich noch andere Felder der Veränderung und Erkenntnis. Etliche Leute werden in den letzten Wochen bemerkt haben, dass gewisse Tätigkeiten gar nicht so einfach sind, wie sie sich das gern vorgestellt haben. Daheimsein und auf die Kinder schauen. In der Schule sein und lernen. In der Schule sein und Kinder unterrichten. Täglich kochen und den Haushalt schupfen. Für Angehörige einkaufen, kochen, Dinge checken. Angehörige pflegen.

Oder von zu Hause aus arbeiten – doch nicht nur Party und Ausschlafen, man muss sich organisieren und motivieren; sich konzentrieren können, auch wenn andere frei haben; einen Teil seines Wohnbereiches opfern; man kommt nicht so leicht „aus der Arbeit“ wie bei echtem Heimgehen, und so müssen private Abende viel häufiger einem spontanen Weiterarbeiten weichen.

Wird aus alledem eine „neue Wertschätzung“ übrigbleiben? Mehr Verständnis?
Die Mehrheit wird wohl das Gespür dafür wieder verlieren, sobald es aus der unmittelbaren Gegenwart des Uff-ich-muss-plötzlich-selber verschwunden ist. Weil’s hinterher von außen immer noch genauso einfach aussieht wie vorher, wenn man dann wieder nur minutenweise zuschaut. Manchen wird diese Zeit aber bestimmt auch eine Lehre sein, die sie nie mehr vergessen werden, und sie werden wertschätzender mit denen umgehen, die bisher so unbemerkt so viel unter einen Hut gebracht haben, ohne jemanden zu vernachlässigen.

Doch letztlich muss Wertschätzung auch finanziell sein, damit innerhalb dieses Systems jemand dauerhaft und zuverlässig was davon hat. Manche könnten etwa für 24h-Pflege ihrer Angehörigen sicher auch mehr bezahlen, wenn sie wollten. Aber das werden sie nicht. Sie werden weiterhin so viel wie möglich für sich behalten wollen von dem, was sie dann in ihrem viel wichtigeren Job wieder leisten und verdienen werden, bei dem sie jetzt grad daheim vorm Laptop nasebohren. (Ich weiß, das ist sehr bös und plakativ, alle Zwischenversionen sind natürlich auch denkbar. Leute, die sowieso mehr zahlen. Ab jetzt mehr zahlen. Mehr Trinkgeld geben. Jetzt wegen Kurzarbeit weniger verdienen. Gekündigt wurden. Immer noch wichtig sind. Sich einen anderen Job suchen werden, weil sie gerne was Sinnvolleres täten als bisher.)

Schwarzweißgemalt wird ja viel in Zeiten von mangelnder Vielfalt wie unserer (wie heißt das, Awiglwogl, das Wort, geringe… Ambiguitätstoleranz?) Musste mich auf Twitter rechtfertigen, weil ich als Einzelerscheinung die Theorie untergrub, es gäbe jetzt nur noch Leute, die entweder gar nichts mehr zu tun haben oder aber unendlich viel. Diese Untergrabung wurde dann der Tatsache zugeschrieben, dass ich dann ja wohl keine Kinder zu betreuen hätte. (?)
Hab druntergeschrieben, nö, nur einen Hund. Hatte an vielen Tagen seit Krisenbeginn auch weit mehr Arbeit als Schlaf, aber dazwischen auch ein bisschen Zeit freigeräumt für Sonne oder Freunde. Und ja, für den Hund.

Von denen, die jetzt viel mehr Freizeit haben, sind die Menschen mit introvertierten Anteilen (vielleicht erstmals?) etwas besser dran. Ihnen wird auch nicht fad, wenn die Live-Bespaßungsindustrie wegbricht. Sie haben nicht das Bedürfnis, es müsse „was los sein“, damit sie sich spüren. Innen ist immer was los.
Wer hingegen bisher meinte, „wohin gehe ich aus und wen treffe ich da“ generiere oder definiere Persönlichkeit oder Lebensinhalt, der oder die findet sich womöglich jetzt in kargeren inneren Verhältnissen wieder.

Unter der Schließung von Bundesgärten in so mancher Großstadt leiden sie aber sicher gleichermaßen. Die Natur ist vielen Menschen Trost und Energiequelle, und das wissen wir sicher nicht erst seit ein paar Wochen.

Andere werden in ihrem ganz kleinen, privaten Rahmen erkannt haben, worauf sie wirklich zählen können, when the shit hits the fan. Dass gewisse Leute selbst in so einer Krise nicht für sie da sind. Andere dafür umso mehr. Dass sie ihren Partner nicht dauerhaft aushalten, oder ihre Kinder. Was Sicherheit bedeutet, körperliche, emotionale, soziale, berufliche, gesundheitliche. Was wirklich wichtig ist, und in welcher Reihenfolge.

Dass man manches nicht nachholen kann. Dass es unvorsichtig ist, keinen Kontakt zu jemandem zu haben, den man mag, weil man selbst oder auch diese*r Jemand schon morgen tot sein könnte.
Was eigentlich immer gilt und gelten sollte, umso mehr jetzt, ist dieses Vielleicht: Vielleicht sind es die letzten Wochen unseres Lebens – womit wollen wir sie verbringen?

Feststellen kann man auch, was eine Solidargemeinschaft im Kleinen, im Großen und im ganz Großen wirklich wert ist. Oder wie unerreichbar plötzlich alles ist, wenn Grenzen geschlossen werden, deren Offenstehen lange selbstverständlich war – für unsere Köpfe, die ja alles selbstverständlich finden wollen, was gerade mal ein paar Jahre überdauert hat. Im Verhältnis zur Geschichte der Zivilisation sind offene Grenzen und Reisefreiheit so kurze Abschnitte, dass sie auf einer Zeitlinie nichtmal Punkte wären – für die Köpfe dennoch zu lange?
Vielleicht ergibt sich ja daraus so manches Umdenken, von dem etwas bleibt.

Und was ist mit unserer Freiheit?
Die politischen Gefahren, die sich aus der Gelegenheit zum Alleingang ergeben, wenn so eine Ausnahmesituation es zu rechtfertigen und auch die nötige Ablenkung zu bieten scheint – siehe Ungarn oder Israel; die vielen Gratwanderungen, die sich in puncto Gesetzgebung, Sicherheit, Überwachung und Datenschutz ergeben:
. dass Machtdemonstrationen seitens der Exekutive auch in Ausnahmesituationen wie dieser in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben
.. gerade, wenn Regelungen keinen Sinn ergeben und (auch daher) Unsicherheit darüber herrscht, was man denn darf, (auch weil) sich das wöchentlich ändert
. dass womöglich Kanäle geöffnet werden, über die
.. etwa dem Dienstgeber bekannt werden könnte, welche Erkrankungen oder Medikation seine Angestellten haben, um sie freizustellen; während für Angehörige „relevanter Berufe“ keine Freistellung vorgesehen ist, auch wenn sie zur Risikogruppe gehören
.. etwa der Regierung bekannt wird, wohin ich mich bewegt habe, warum und mit wem
.. Bürger*innen sich nicht nur freiwillig via App überwachen lassen, sondern sich und ihre Lieben davon auch noch „besser beschützt fühlen“ – der feuchte Traum jedes totalitären Bestrebens

Das alles würde den Rahmen hier endgültig sprengen.
Wir dürfen unsere Holzaugen keinesfalls schlafen schicken, auch wenn die neu gewonnene Freizeit (≠ Freiheit) manche dazu verlocken mag.

Ende der Durchsage
Ich persönlich hoffe, dass mehr Leute spüren, wie heilsam die Stille sein kann. Ich habs gerne ruhig im Homeoffice. Empfand es andererseits auch in einer der letzten Nächte als geradezu tröstlich, bei der Hunderunde von weitem wieder ein bisschen stärker die Autobahn zu hören – und damit, dass es doch einzelne Menschen gibt, die in dieser Nacht noch ein echtes Ziel haben, und vielleicht Menschen, auf die sie sich freuen.

Ich hoffe, dass in den letzten Wochen mehr Menschen gehalten wurden als fallengelassen.
Und ich hoffe, ihr habt es gut und gewaltfrei und bleibt gesund.

Was soll von der Veränderung, die für euch positiv ist, später bleiben? Was muss unbedingt wieder weg?

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Corona – vier

Vermummter Warenerwerb
Ankündigung letzten Montag, dass ab Mittwoch Maskenpflicht herrschen wird. Witzig eigentlich, so eine Maskenpflicht neben dem Vermummungsverbot. Für mich persönlich aber eine kleine Sicherheit mehr. Daraufhin in den Supermarkt gewagt. In zwei sogar. Bis dahin bin ich aufmerksamerweise von meinem Bruder mit Lebensmitteln versorgt worden, weil: mit supprimiertem Immunsystem geht man nicht einkaufen.

Schon seltsam, ausgerechnet eine Menge bestimmter Menschen, die sich nie treffen, als Gruppe zu bezeichnen. Frühlingsprogramm Risikogruppe: Miteinander gefährlichen Hobbys frönen, wie Wingsuit Base Jumping oder An-Infizierten-Vorbeirunning.

Nein, kein Schutz der Gruppe, ich gehe allein. Mit einem Schlauchschal in weiß, für alle Fälle.

Beim Hofer wird man per Zange empfangen. Also, die Zange, mit der die zuständige Dame beim Eingang eine nagelneue Maske aus der Originalverpackung fischt und einem überreicht. Beim Eurospar hingegen liegen die Masken an diesem Tag unverpackt vor einem freundlichen Herrn auf einem Tisch zur Entnahme. Ob der da schon draufgehustet hat oder ob man das dann selbst machen muss, erfahre ich nicht. Nur dass mein Schlauchschal „eh auch okay“ wär, wenn ich wollte. Ich will.

Werde auch nicht zur Verwendung eines Einkaufswagens verdonnert. Ein Glück bei fehlender Diskussionslaune. Wer glaubt, dass Einkaufswagen für Abstand sorgen, war wohl noch nie selbst einkaufen. Offline meine ich. Ist ja nicht so, als würden dann alle brav hintereinander herfahren wie die Wagerln in der Geisterbahn. Wenn vor einem jemand stehenbleibt und mit aller Konzentration versucht, das Obst nicht zu berühren, muss man im Gang überholen. Und ohne Wagerl kann man sich dabei weitaus leichter auf maximalen seitlichen Abstand bringen.

Stelle fest: Maske rutscht nach dem Anlegen sehr schnell hinauf bis über das untere Augenlid. Meine Ohren als Befestigungsort der Gummibänder sind offensichtlich zu weit oben im Vergleich zum Durchschnittsohr. Weil man sonst nicht sieht, ob man genug Abstand hält, bzw einem von der Oberkante der Maske allmählich der Augapfel abgescheuert würde, fasst man sich daher zunächst drölfhundert Mal beherzt ins Gesicht, bis einem die Ironie auffällt. Später im Verlauf erlernt man autodidaktisch eine Bewegung des Kiefers, die die Maske wieder vom Augapfel trennt und nach unten zurückzieht.

Alle Kund*innen und Mitarbeiter*innen sind an diesem Tag aber vorbildlich vermummt, und die Abstände werden brav eingehalten, auch ohne Wagerl. Bei der Eurospar-Kassa gibt es dafür sogar neue Bodenmarkierungen für alle, die sich nicht vorstellen können, wie viel zwei Meter sind.
Fühle mich halbwegs sicher und kaufe eine Menge Kekfe und dazu ein Topfblümchen, das mich mit seiner nichtsahnenden, freigiebigen Schönheit inmitten der düsteren Perspektive des viralen Chaos zu Tränen rührt. Ungebremste Lebensfreude, dem Blumi iss‘ wuascht – guter Reminder für zuhause.

Kieferschmerz am Ende des Einkaufs beträchtlich.

Distanzierte Mitmenschen nun auch stumm
Was mir am Land bei der Hunderunde auffällt: Überraschend viele, die draußen in der Sonne unterwegs sind, scheinen Social Distancing vor allem so zu verstehen, dass man einander nicht mehr grüßen muss. Besser, den Mund geschlossen zu halten. Nicht, dass man sich noch von einem x-beliebigen vorbeikommenden Grüßgott-Trottel anstecken lässt. Sind ja lauter Virenmonster unterwegs da draußen, da wäre jede Höflichkeit ohnehin fehl am Platz.

Sehet, die Kurve!
Diskussionen über die Kurve – Neuerkrankungen, Todesfälle – habe ich bald nach Beginn der Krise wieder eingestellt. Es war etwas schwierig, mit dem Hinweis durchzudringen, dass eine Statistik allein auf Basis durchgeführter Tests doch ein weniglich zu stark von diesen Tests abhängig ist, über deren Policy (und auch wahre Anzahl, wie sich später herausstellte) man kaum etwas erfuhr, sondern höchstens ein wenig aus privaten Informationen ableiten konnte („Habe Symptome, aber keinen Aufenthalt in Risikogebiet, und Fieber leider unter 38°, wurde daher nicht getestet, soll nur daheimbleiben“).
Man weiß nur eines mit Sicherheit: Diese Kurve kann verlaufen, wie sie will, in die Nähe von „repräsentativ“ kommt sie dabei an keiner Stelle.

Schön aufgedröselt hat der Michael Matzenberger jetzt, wie das mit den Zahlen in unserer Kurve so ist und was für einen Blindflug es tatsächlich darstellt, auf Basis solcher Zahlen irgendwelche Entscheidungen für das Volk zu treffen zu sollen, oder gar Vorhersagen zu machen. Fragen nach der Zukunft, wie es weitergeht, wären seitens der Journalist*innen ja durch die Pauschalfrage „Besitzen Sie zufällig eine Kristallkugel?“ ersetzbar gewesen.

Warum dennoch von Beginn an unser aller Aufmerksamkeit vom kurzstudierten Bundesheiland auf diese Kurve gelenkt und da festgepinnt werden sollte, ist daher schwer nachvollziehbar. Schelme und -innen könnten denken, man möchte diese Aufmerksamkeit lieber auf sinnlosen Zahlen als anderswo, etwa auf den symbiotischen Verhältnissen zwischen Wirtschaft und Politik in Tirol. Bei jedem guten Zaubertrick gilt es, den Fokus dorthin zu leiten, wo sich gewiss nichts Aufschlussreiches über das tatsächliche Geschehen ablesen lässt. Man kann sich dabei doch nicht allein auf Masken verlassen, die bis über die Augen rutschen.

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Corona – drei

Grausliche Einblicke und Auswürfe
Auffällig ist, das war es auch schon früher, wie viele Menschen man mit offenem Mund durch die Gegend stapfen oder in selbiger herumsitzen sieht. Dass in den Medien der (Un)sinn einer Atemschutzmaske zum eigenen Schutz diskutiert wird, ist zwar recht und würdig, schützt sie doch eher die Mitmenschheit vor dem eigenen unkontrollierten Auswurf als umgekehrt.

Eine Ausnahme von dieser Regel würde ich aber bei diesen Menschen machen, die keine echte Kontrolle über den Schließungsgrad ihres Mundes zu haben scheinen. Denn wie wir wissen, die wir uns für unseren Körper interessieren, bietet die Nase eine recht brauchbare Filterfunktion für allerlei Keime, Allergene und anderes Kleinzeug. Aber natürlich nur, wenn man sie auch benützt! Wer das nicht kann, ist mit so einer Maske sicher besser dran. Man würde dann von der anderen Seite im Vorbeigehen keine fremden Zähne und Gaumenzäpfchen sehen, und das wäre auch schön.

Es fällt einem mit diesem neuen, nennen wir’s mal Coronabewusstsein, auch anderes auf:
* Ein Mensch, der hustet, ohne sich irgendwas vorzuhalten – sei es nun ein Ellbogen, den unser Gesundheitsministerium auf der vergeblichen Suche nach dem Begriff „Armbeuge“ zum Reinhusten vorschlug (wurde mittlerweile korrigiert), sei es eine nackte Hand, (oh mein Gott), oder von mir aus bei entsprechend vorhandener Biegsamkeit auch ein Bein.
* Eine Joggerin, die alle 50m auf den Boden spuckt, als gäbe es nicht auch die Möglichkeit, sich seines Speichels zu entledigen, indem man ihn einfach schluckt, so wie der Rest der Welt das großteils seit Jahrhunderten zu tun pflegt.
* Menschen, die „zu nahe“ beisammenstehen. Und das, Herrschaften, wird uns womöglich noch einige Zeit nach dieser Krise beschäftigen, sofern wir sie überleben: Die jetzt per Angstinjektion in uns festgesetzten Nähe-Alarme bei uns selbst und bei der Beobachtung anderer.

Medis per SMS
Habe erstmals per SMS an die Hausärztin meine Rheuma-Medikamente nachbestellt. Ach, das geduldige Schlangestehen vor dem Hausarzt-Schalter, wo ich mich, teils unter immunsuppressiver Therapie, zwischen schneuzenden, röchelnden und hustenden Leuten ja besonders wohlfühle, wenn ich da nur ein Rezept abholen will. Da muss erst eine Pandemie kommen, damit wir uns das ersparen. Jetzt, juchuu: SMS hin, Bestätigung retour, Arzt bestellt direkt in der Apotheke (sogar einen Dreimonats-Vorrat, was bisher für normalsterbliche Kassenpatienten so unmöglich war wie ein MRT-Termin am nächsten Tag).
Zwei Tage später kann man die erwünschten Drogen auch schon abholen, danke, Wiederschaun.

Neues Einkaufserlebnis
Bin mutig und gehe selbst zur Apotheke. (Eigentlich nicht aus Mut, sondern aus einer anderen Pest-oder-Cholera-Überlegung heraus, die ich hier aus Langatmig- und -weiligkeitsgründen nicht darlege.)
Vor Apotheke eine Outdoor-Schlange, also jetzt nicht im Sinne von Boa Constrictor oder hierzulande eher Blindschleiche, sondern eine aus Kunden und -innen. Schon vor einigen Tagen beim Vorbeifahren gesehen – man stellt sich jetzt am Gehsteig vor der Apotheke an, mit 1.5m Mindestabstand zwischen den Wartenden, so will es das Schild im Apothekenfenster.

Stelle mich brav ans Ende der Schlange. Windrichtung aber leider ungünstig, weht aus Richtung der vor mir Wartenden. Halte Luft an. Hüpfe zwischendurch zum Atmen auf die Straße. Ist eh kein Verkehr mehr.
Mit dem behandschuhten und bemundschutzten Apotheker wird nun durch die geschlossene Schiebetür kommuniziert. Der Ware-Geld-Austausch findet jetzt durch die Rezeptklappe statt. Es werden nur Scheine akzeptiert, Bankomatzahlung geht aber auch. Dazu muss man seine Karte hergeben und seinen PIN-Code aufsagen. Datensicherheit einfach nicht mehr relevant. 1,5 Meter sind doch nicht genug. Zahle lieber bar.

Brauche neuen Kühlschrank für den Dreimonatsvorrat.

Herde heißts beim Tier, und auch nicht bei jedem
Wundere mich, dass das Wort „Herdenimmunität“, so zutreffend es auch bei Epidemien sein mag, ohne nennenswerten Widerstand der Political-Correctness-Polizei benutzt wird. Der sprachlich verwandte „Herdentrieb“ ist ja auch ein eher nicht so wertschätzend gebrauchter Begriff. Weil es für den einzelnen Menschen, aber auch für Gruppen ebensolcher nicht schmeichelhaft ist, mit Tieren gleichgesetzt zu werden, umso mehr, wenn es Tiere sind, die dem Mainstream folgen, obwohl sie sich gerne für so speziell halten.

Aber egal – die Idee, die vor allem Johnson in GB zu Beginn des Corona-Ausbruches noch überzeugt vertrat – vielleicht First-Information-Bias seinerseits – ist ja mittlerweile eher wieder vom Tisch, scheint mir. Es geht ja so schnell! Als Natascha Strobl vorgestern auf Twitter schrieb:
„Und wann ist der Konsens von „so wenige Neuinfektionen wie möglich, davor nachforschen und isolieren“ zu „Eigentlich hatte Johnson recht – Herdenimmunität“ gegangen?“
hab ich noch heiter daruntergesetzt:
„Ich meine, nichtmal Johnson glaubt, dass Johnson recht hatte.“
Das gilt mittlerweile eventuell umso mehr, seit Johnson erfahren hat, dass Johnson selbst mit dem Virus infiziert ist.

Währenddessen im Amiland
Schaut man über das größere Wasser nach Westen, wundert man sich über ganz andere Ansagen. Das Agieren des seltsamen Präsidenten seit Ausbruch der Pandemie, das Beschwichtigen und Herunterspielen, als wäre das Virus eine Fliege und die USA wären Chuck Norris; die seines Amtes mehr als nur unwürdigen Ausbrüche vor Presse und Publikum, zB als er gefragt wird, was er den Menschen zu sagen hat, die Angst haben… dabei bleibt mir zusehends die Spucke weg.
Aber da kann man mal sehen, was passiert, wenn einer, der nicht ganz stabil ist, sein Mitgefühl mit Angstbetroffenen kontaktieren soll und dabei unangenehmerweise an seine eigene Angst erinnert wird.

Noch spuckeloser macht es mich aber, dass der seltsame Präsident neuerdings findet, man könnte doch auch mal ein paar (Tausend) Menschen zum Wohle der Wirtschaft über die Klinge springen lassen.
Dazu möchte ich Folgendes anregen:
Wer fordert, dass infizierte Menschen sich und ihr Leben doch gefälligst für die Wirtschaft im Lande opfern sollen, sollte vor allem eines:
Mit gutem Beispiel vorangehen.

Nun noch ein Anekdötchen:
Plausch mit Mutter. Mutter stellt fest, sie sei jetzt erst draufgekommen, welcher Unterschied sprachlich zwischen EPIdemie und PANdemie bestehe.
(Exkurs: epi: „aus der Mitte heraus“, für ein lokal begrenztes Phänomen; „pan“: alle, jeder; für ein länder- und kontintentübergreifendes; „demos“ darin jeweils: Volk)
Sage: „Du bist ja so gscheit!“
Sie: „Geh naaa, dann denk i ma eher: Geh bitte, was habidn bisher gwusst eigentlich?“
Fasse zusammen: „Gö? Kaum is ma gscheiter wordn, hoit ma si aa scho für an Trottl.“

Aber Sokrates konnte ja gar kein Wienerisch. Russisch übrigens auch nicht, ich hingegen kann den angedeuteten Sokrates-Spruch auch auf Russisch zitieren. Das tu ich aber nur mündlich. Klingt auch viel schöner als schriftlich.

Eins meiner Lieblings-Fun-Facts ist ja, dass Sokrates auf Russisch „Sakrat“ heißt, was ein bisschen nach einem despektierlichen Ausdruck für einen Insektenbefall an intimen Körperstellen klingt. All das lernte ich anno dazumal natürlich, wie es sich für ein Kind der 70er gehört, in der legendären ORF-Sendung „Russisch“ mit der strengen Lehrerin mit dem zarten Oberlippenbart. Das Zitat und den Namen lernte ich da. Nicht das mit den Krabbeltierchen natürlich.
Plädiere daher hiermit für die Ausstrahlung von historischen Russisch-Wiederholungen zur lehrreichen Ausgangsbeschränkungsüberbrückung.

Natürlich könnte ich auch mit dem angemessenen Ernst einer Zeitzeugin von der Lage in Österreich berichten, habe ich doch in der letzten Woche meine Zeit großteils mit Sozialpartnervereinbarungen, Kurzarbeitsanträgen und den dazugehörigen Richtlinien und Berechnungen verbracht. Könnte darüber also ausführlich schreiben. Würde die Lektüre dieses Erfahrungsberichtes aber niemandem zumuten wollen. Denn wenn unsere Regierung sagt, dass das ganz unbürokratisch wird, dann meint sie das auch nicht.

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Corona – zwo

Daheimbleiben – wird das Wetter mitspielen?
Ab morgen, Samstag, wird das Wetter grob umschlagen, und das wird so schmerzhaft, wie es klingt – mit 10 Grad weniger und Regen. Die letzten Tage waren ja wunderbar warm und sonnig. Da fällt es den Menschen natürlich schwerer, die Ausgangsbeschränkungen zu befolgen und zu Hause zu bleiben, wie sie es sollen. Natürlich ist ein Spaziergang „erlaubt“.

Auf Social Media kursieren Fotos von Menschentrauben, die sich scheinbar fröhlich am Donaukanal oder in anderen Erholungsgebieten Wiens tummeln. Ob der empfohlene Sicherheitsabstand von einmal meiner Körpergröße da eingehalten wird, lässt sich schon aufgrund der Perspektive schwer erkennen.
Über diesen Fotos steht oft geschrieben, wie dumm und selbstsüchtig diese Menschen seien, und wie sehr sie andere gefährden. Der/die Fotograf*in selbst ist hingegen nie im Bild, was wohl die eigene Daheimgebliebenheit unterstreichen soll. Eventuell markiert das den Beginn einer plötzlichen Trendwende weg vom Selfie. Wer will sich schon selbst denunzieren?

Als Sonnenmensch freu ich mich natürlich auch über Wärme und Sonnenschein. Man muss aber auch da vorsichtig sein, mir ist nämlich schon passiert, dass das Klimafreunde ärgert, die ihr Engagement mehr im urteilenden Aktivismus sehen. Weil, wie kann man sich bloß über klimawandelbedingtes Wetter freuen? Verwerflich. Habe daher testweise aufgehört, mich darüber zu freuen. In dieser Zeit fiel mir auf, dass es auch dann schön ist, wenn ich mich nicht freue. Seither freue ich mich wieder, erzähle es aber nur noch meinen engsten Vertrauten.

Nur Ältere gefährdet?
Habe einen Artikel in der ZEIT gelesen, in der die Sterbestatistik aufgrund des Coronavirus aus Deutschland besprochen wurde. Darin hieß es, Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Herzkrankheiten seien stärker gefährdet, besonders wenn sie obendrein älter sind.
Und dann stand da der bemerkenswerte Satz: „Wer über 80 war, starb besonders häufig.“ Hoffe dennoch weiterhin, man stirbt nur einmal, oder wenn doch nicht, dann höchstens seltener, und nicht häufig. Ein Freund merkte daraufhin an, dass einmaliges Sterben eventuell zu einer nachfolgenden Immunität gegen das Sterben führe. Die Studien sind sich dazu aber noch nicht einig.

Bei der Rückkehr von einer Hunderunde traf ich die alte Dame aus dem dritten Stock, die gerade mit Mundschutz und Gummihandschuhen im Stiegenhaus zugange war. Aus dem Gespräch ergab sich, dass in Bezug auf den persönlichen Gefährdungsgrad ein gewisses Konkurrenzdenken herrschen dürfte, was sie mir letztlich mitteilte in Form eines: „Owa, Sie! Se san do no net so oid wia i!“
Dann fuhr sie fort, die Lichtschalter und Geländer im Stiegenhaus zu desinfizieren. Habe das zuvor schon andere Nachbarn machen sehen, mit unterschiedlich neuwertig wirkenden Fetzen. Benutze die Lichtschalter jetzt gar nicht mehr.

PS:
Wer lieber richtig informative Links und wissenschaftliche Artikel lesen möchte als meine unernsten Betrachtungen, schaue sich zB bei Felix im Wiener-Alltag-Blog um.

PPS:
Am Land habe ich mehr Möglichkeiten, in die Natur zu gehen, ohne versehentlich eine Traube mit anderen Menschen zu bilden. Bin mir also meiner vorteilhaften Lage bewusst, fühle mich daher eher zur Erleichterung berufen als zum Panikmultiplikator. Poste darum auf Twitter winzige Videos für alle, die gerade nicht in der Natur auftanken können.

Und natürlich Flauschbild(er) von Conny.

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Corona – eins

Das Corona-Virus geht um.

Wisst ihr, ne? Wir sind nun also fast am Ende der ersten Arbeitswoche unter Ausgangsbeschränkungen angekommen. Ich bin schon etwas länger weitgehend isoliert, weil ich krank war. Und weil ich immunsuppressive Medis gegen Rheuma bekomme (mir verabreiche, um genau zu sein).
Abgesehen von Nahrungsaufnahmeorgien mit meiner Familie zu meinem Geburtstag und mit meinen Freunden ein paar Tage später fanden meine Sozialkontakte schon seit Mitte Februar weitgehend virtuell statt. Also, die Kontakte sind schon echt, nur die Verbindung virtuell.

Home-Office
Arbeite ja nun schon seit Jahren daheim – sowohl angestellt als auch selbständig, in der artgerechten Haltung von Büchern, vulgo Bilanzbuchhaltung. Habe also Vorsprung und könnte auch Tipps geben, wurde aber bisher nicht um ein Interview gebeten. Die anderen, die neuerdings von zu Hause arbeiten, müssen daher ohne meine Hilfe lernen, wie man korrekt zuhause verwahrlost und den Pyjama den ganzen Tag nicht auszieht. Und wie man bei den Hunderunden erfolgreich verbirgt, dass dem so ist. Unterschied zu früher: Bin viel sicherer, dass niemand zu Besuch kommen wird. Hilft nicht.

Was mich daran erinnert, dass back in old Lanzendorf die alte Frau, die wir qua Wohnrecht mit dem Haus „mitgekauft“ hatten, am Treppenabsatz zu erscheinen pflegte, wenn ich am staubsaugen war, um mir dort über das Staubsaugergeräusch die immer selbe laute Frage zu stellen: „Ah, kriagt’s leicht an Besuch?“

Alle zwei Wochen muss ich aber zum Betrieb fahren, um die alten Zettel gegen neue Zettel einzutauschen. Buchhaltung, Sie verstehen. Diese Woche fand das Meeting am Tor statt. Auf meine Ankunft an diesem Tor musste ich zuvor mit Schreien aufmerksam machen, weil ich mein Handy daheim vergessen hatte. Man ist ja gleich so peinlich laut ohne Elektronik!

Man bemerkte mich schließlich, und die Chefin kam kurz darauf samt Hund zum Tor, reckte mir aus großer Entfernung ein Sackerl mit Belegen durch das Gitter entgegen und hustete dann. Sie hat aber auch schon gehustet, als es noch nicht in war.
Chef schrieb mir ein paar Tage später, nachdem ich ihm eine Saldenliste für Februar übermittelt hatte, diese Liste werde wohl künftig für mich leichter – „durch Copy-Paste bei den Erlöskonten“. Galgenhumor, so wichtig!

Systemrelevanz
Es gibt auch schöne Seiten! Die bisher selbstverständlichen Leistungen vieler Mitmenschen sind plötzlich weit weniger selbstverständlich, sondern systemrelevant. Sind es doch sie, die das Werkl am Laufen halten, die sich weiterhin hinauswagen müssen in die virenverseuchte Wirklichkeit, was uns Daheimbleibern höchsten Respekt abringt. Wenn wir nicht gerade damit beschäftigt sind, uns angemessen leid zu tun, weil wir bei schönem Wetter und mitunter sogar neuer Freizeit daheimbleiben müssen.

Es sind übrigens zu einem wesentlichen Teil sogenannte „Frauenberufe“, deren Wahl man Frauen gerne flapsig als Selberschuld ankreidet, wenn sie über Pay Gaps zu reden wagen. Und natürlich sind es auch andere Tätigkeiten durch Männer, Frauen und allem dazwischen, deren gesellschaftliches Ansehen mitunter bisher zu wünschen übrig ließ.

Und ja, möge sich dieser höchste Respekt für die Menschen im Gesundheitswesen, Verkauf, Transport und in der Sicherheit und IT etc. für sie ausgiebig niederschlagen, am besten in Form von Boni, Prämien und permanenten Gehaltserhöhungen, die endlich die reale Relevanz dieser Berufe widerspiegeln. Die jäh aufgekeimte Dankbarkeit ihrer Mitmenschen bringt für sie zwar vielleicht eine gewisse Genugtuung mit sich, aber davon können sich diese Menschen leider auch nix kaufen. Abgesehen davon, dass die Regale derzeit ohnehin leer sind, wenn sie endlich Feierabend haben.

Finster betrachtet ist die neue Wertschätzung ja auch nur ein Zeichen dafür, dass den Irrelevanten die Relevanz dieser Menschen und ihrer Tätigkeit gerade zum ersten Mal bewusst wird. Genießen wir sie trotzdem, solange sie im Vordergrund bleibt, denn was die Bewusstwerdung der eigenen Irrelevanz anrichtet, sehen wir seit Jahren an nationalistischen Denkfluchtpunkten in der ganzen Welt.

Gestern hörte ich eine Nachbarin – gegenüber um die Ecke, wo ich nicht hinsehe – von ihrem Balkon rufen, als die Müllabfuhr kam. Sie bedankte sich freundlich bei dem Herrn, der den Mülleimer umherrollte. Stelle mir gerne vor, dass sie dazu auch einen Geldschein aus ihrer nackten Hand herunterflattern ließ, den der freilich wohlinformierte Herr aus dem orangen Lkw allerdings gleich mit entsorgte.

Möge euch der Humor nicht ausgehen, denn es ist auch mit Humor noch schwer genug!

Fortsetzung folgt.

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Etoshalender beim Santa Flausch – Weihnachtsmarkt 2019!

etoshalender2020 Die brandneuen Etoshalender 2020 sind eingetroffen! Und sie sind sehr schön!

Wie immer hat der Kalender zwölf unglaublich tolle A3-Seiten mit liebevoll selbstgemachten und herzverlesenen Fotos, und als Draufgabe ein buntes Deckblatt! Wie gewohnt mit Schutzfolie vorne, Spiralbindung, in elegantem Schwarz. Passt garantiert in jedes Büro und jedes Wohnzimmer :)
Das Thema 2020 ist Wasser.

Und wie immer beginnt der Etoshalender im Februar und endet im Januar, damit man auch gemütlich Zeit hat, seine Liebsten damit zu beschenken.

Zu kaufen gibt’s meine Kalender heuer erstmals auch von mir persönlich, live und in Farbe, und zwar… da!

SantaFlausch Flyer

Einer der Künstlertische dort ist meiner! Ich werde nicht nur Etoshalender 2020 dabeihaben, sondern erstmals auch edle Posters von meinen Fotografien. Vielleicht auch ein paar meiner Airbrush-Bilder.
Federgeist! Glitzerflausch!
Und obendrein ein paar ausgesprochen glitzerflauschige Überraschungen von meiner Künstler-Freundin Nicole!

Ich freu mich drauf, euch dort zu sehen!

Alle Infos zum Santa Flausch – Weihnachtsmarkt gibts auf der Website der Roten Kapelle.
Bitte dort insbesondere auch die Hinweise zur Erreichbarkeit beachten! Man braucht ein bisschen Entschlossenheit, um die Location zu finden. Lohnt sich aber, wird nämlich mit Punsch und Keksen belohnt! Natürlich gibts auch andere heiße Getränke – und nicht zuletzt eine Menge famose Kunst und Kunsthandwerk, und das alles für gute Zwecke. Und indoor, man muss also nicht frieren (man darf aber, mit seinem Punsch vor der Tür, wenn man will).

Das wird mit Sicherheit der flauschigste Markt des Jahres!

Und natürlich ist #SantaFlausch auch auf Twitter! Wer folgt, wird geflauscht :)

Kommt alle und sagt es weiter!
Eine Einladung per Mail zum Weiterleiten – mit Flyer und allem Drum und Dran – lasse ich euch gerne zukommen!
Mailt mir dazu einfach! -> etosha ÄT weblog.co.at

Natürlich könnt ihr eure Kalender wie gewohnt auch mit einem einfachen Mail an die genannte Adresse bestellen.
Ein Exemplar kostet 22€, die Gewinne werden von mir gespendet.

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Gute Behandlung? Ein Fragenkatalog.

Angenommen, jemand möchte dich für sich gewinnen – und damit dein Vertrauen, deine Zuneigung, deine Unterstützung. Oder genauer gesagt, er möchte dich nach einem Scheitern oder Fehlverhalten zurückgewinnen. Wie müsste derjenige sich verhalten, um dieses Ziel bei dir zu erreichen? Fragst du dich in diesem Zusammenhang womöglich zuerst, was derjenige denn für dich tun kann? Oder fragst du dich doch vorher:

Wie möchte ich behandelt werden?
Zum Beispiel: Ich möchte respektvoll behandelt werden, mich wertgeschätzt fühlen, auch mein Vertrauen geschätzt und nicht missbraucht wissen. Vielleicht möchte ich auch was zurückbekommen und nicht nur geben: Ehrlichkeit. Toleranz. Umsicht. Und selbstverständlich möchte ich nicht für dumm verkauft werden.

Bevor du eine Entscheidung für die Zukunft triffst, würdest du versuchen sicherzustellen, dass du keinem Blender aufsitzt, der dir nur vordergründig schön tut, dir aber dann von hinten das sprichwörtliche „Hackl ins Kreuz haut“?

Wie lauten deine Anforderungen für gute Behandlung?
Natürlich würdest du davon ausgehen, dass so jemand…:
♥ sich ehrlich um dich bemühen wird
♥ sich von seiner besten Seite zeigen wird
♥ dir gegenüber Zugeständnisse machen wird, die dir bisher fehlten
♥ Wenn er auch vergangene Ereignisse vielleicht ein wenig beschönigen wird

Würdest du in gutem Glauben sofort alle Bedenken über Bord werfen? Oder erstmal abwarten, ob das erfreuliche Verhalten sich fortsetzt? Wie lange? Würdest du bemerken, wenn dein Gegenüber seine Versprechungen nur zwischen den Zeilen transportiert?

Und wenn er versucht, dir Angst vor einer Zukunft ohne ihn zu machen?
Wovor muss man mehr Angst haben – vor einem gemalten Schreckensszenario? Oder vor dem Maler?

Was stimmt hier nicht?
Was, wenn du ihn in Gesellschaft bei jeder Gelegenheit etwas anderes erzählen hörtest, und du würdest das irgendwann bemerken? Wenn du das Gefühl kriegst, er lügt wie gedruckt, um sich beim aktuellen Zuhörer anzubiedern, etwa indem seine Herkunft sich ständig ändert – wie würdest du das einschätzen? Könnte es sein, dass er seine wahren Absichten verbergen will?

Wie würdest du es in so einer Situation finden, wenn derjenige die aktuellen Fakten und die Vergangenheit, die du deutlich anders in Erinnerung hast, dreist verdreht? Wenn er es so darstellt, …:
♣ als wären andere an seinen Fehlern und Versäumnissen schuld
♣ oder die äußeren Umstände
♣ als wäre gar nicht sein Verhalten das Problem gewesen, sondern die Tatsache, dass du es gesehen oder davon erfahren hast
♣ als wäre es besonders gemein von dir gewesen, ihn dabei zu erwischen
♣ als wäre es ein Affront und „Anpatzerei“ von dir, dass du sein Fehlverhalten auch noch benennst und thematisierst
♣ als wäre er immer das arme Opfer, egal, worum es geht
♣ als wären daher alle anderen die, denen man keinesfalls vertrauen könnte, weil sie nach seiner Logik ja dann Täter wären; er würde aber im selben Atemzug behaupten, andere anzupatzen wäre nicht sein Stil
♣ als wäre er von Natur aus über jeden Zweifel erhaben
♣ als wäre er jetzt schon dein „Schatzi“, obwohl du deine Entscheidung noch gar nicht getroffen hast

Enttäuschung vorprogrammiert
Und jetzt die Preisfrage: Wenn das alles schon das „Zeigen von seiner besten Seite“ sein soll – in Zeiten, in denen er dich für sich (zurück)erobern will, wohlgemerkt – wie werden dann erst die weniger guten Seiten aussehen?

Du ahnst es schon
Würdest du in deinem Privatleben dermaßen offensichtliche Manipulationsversuche dulden? Wie würde dein Vertrauen darauf reagieren? Welches Recht hat eine Person, dich so zu behandeln? Würdest du dich verarscht fühlen und für dumm verkauft?

Unterscheidet sich das von dir erwünschte Verhalten im privaten Bereich davon, wie du als Wähler*in von Kandidaten oder Kandidatinnen zur Wahl behandelt wirst?

Was würdest du als nächstes tun?
Wenn dir vieles merkwürdig vorkommt, würdest du dann beginnen, Informationen und Details zu überprüfen, vergangene und aktuelle?

Angenommen, deine einzige Quelle bisher war dein eigenes Gedächtnis und das, was Freunde des Betreffenden über ihn sagen. Würdest du beginnen, neue Quellen zu suchen und in Erfahrung bringen wollen, woran andere Leute sich erinnern, oder wie sie denjenigen sehen?

Ist es dein Recht, das zu hinterfragen und dir dein eigenes Bild zu machen, bevor du eine Entscheidung triffst? Oder gar deine Pflicht dir selbst gegenüber?

Weiterfragen
Wie würdest du es nun bewerten, wenn du möglicherweise herausfändest, dass…:
♣ du schlecht behandelt, belogen und betrogen wurdest?
♣ jemand begonnen hat, deine Rechte, deine Ansprüche und damit deine Zukunft zu demontieren?
♣ jemand deine Interessen verletzt hat zugunsten anderer, die zB finanziell besser gestellt sind?
♣ dieser Jemand im Moment wieder so tut, als wäre er dein Freund, weil er offenbar was von dir braucht?

Hättest du das Gefühl, er hält dich für zu einfältig, um deine eigenen Schlüsse zu ziehen?

Wenn dieser Jemand offenbar nichts dabei findet, andere zu diffamieren (oder das von seinen Freunden besorgen zu lassen), nur um selbst besser dazustehen, als es ihm auf Basis seines Verhaltens eigentlich zukäme – wird er das dann bald auch mit dir oder deiner Gruppe so machen?

Was wird später aus seinen jetzigen Versprechungen werden? Wirst du womöglich bald von ihm verraten und verkauft? Musst du dich vielleicht eher fragen: Was wird er sicher nicht für mich tun?

Was ist realistischerweise von jemandem zu erwarten, der sich immer nur abputzt und für nichts verantwortlich sein will, der bewusst wegschaut, seine vergangenen Fehler nicht (an)erkennen (will) und schon nach kurzer Zeit so tut, als wären sie entweder nie geschehen oder die Schuld von jemand anderem? Wie gehst du in deinem Privatleben mit solchen Leuten um?

Schlüsse ziehen
Kannst du bei all diesen beobachteten Anzeichen noch davon ausgehen, dass demjenigen dein Vertrauen etwas wert ist, und dass du dafür was zurückbekommen wirst? Wenn er sich wohl auch künftig und in anderen Zusammenhängen drehen und wenden wird, wie es der Wind der Situation gerade vorgibt?

Schenkst du so jemandem trotzdem weiterhin dein Vertrauen? Im privaten Bereich? Und politisch? Und wenn dein Glück davon abhinge? Würdest du so jemanden Entscheidungen für dich treffen lassen? Ihm die Macht über dein Leben und deine Zukunft in die Hand geben? Verantwortung?

Wenn mit ihm wirklich irgendwas massiv nicht stimmen würde – müsste dann nicht zuerst seine Partei aufbegehren, und nicht ausgerechnet du kleine*r Einzelne*r persönlich? Und solange das nicht geschieht, kannst du dich dann darauf verlassen, dass sicher eh alles in bester Ordnung ist?

Musst du immer warten, bis andere für dich eine Entscheidung treffen? Oder darfst du selbst entscheiden, wem du dein Vertrauen schenkst?

Eine (neue) Wahl treffen
Ist davon auszugehen, dass jemand, der sich so benimmt, eine goldene Ausnahme machen wird für dich, deine Gruppe, Herkunft oder Zugehörigkeit – oder auch für dein gegebenes Vertrauen? Könntest du beweisen, wo du zuletzt dein Kreuz gemacht hast?

Wann ist also der beste Zeitpunkt für ein Umdenken? Wann triffst du deine Entscheidung für eine künftig bessere Behandlung? Und was, wenn das eventuelle Erkennen deines eigenen Irrtums vielleicht schmerzhafte oder beschämte Gefühle in dir weckt? Verzichtest du auf eine Korrektur, um solche Gefühle zu vermeiden? Verteilst du ständig neue Chancen, als hättest du eine ganze Garage voll davon, in der Hoffnung, dass schon irgendwann durchsickern sein wird, wie du eigentlich behandelt werden möchtest?

Oder würdest du dich abwenden und dir stattdessen Menschen suchen, die dich besser behandeln?

Neinsagen lernen
Wenn man jemandem die Rechnung für sein Verhalten präsentiert, indem man Nein zu ihm sagt – ist man dann ein schlechter Mensch?

Was, wenn genau dieses Nein ebenfalls eine Chance für den Betreffenden darstellt – nämlich die, sein Verhalten, das nun von außen deutlich als inakzeptabel benannt wurde, zu überdenken und vielleicht sogar verändern zu können?

Wer muss wem beweisen, wie loyal und integer er ist?
Dass jemand ein paar kleinere Fehler macht, kommt vor. Man wird durch eine ehrliche Entschuldigung und verändertes Verhalten bald merken, dass es Fehler waren, die er auch tatsächlich erkennt und bedauert. Dann hält man auch weiterhin zu einem alten Freund.
Aber was, wenn all das gar nicht kommt, und du stattdessen siehst, dass die eingeschlagene Richtung dir persönlich schadet? Oder anderen Menschen?

Jemand, der sich wie beschrieben benimmt, hat dich moralisch aus jeder gefühlten Verpflichtung entlassen, ihm gegenüber (weiterhin) loyal oder integer sein zu müssen. Oder wäre es klug von dir, bei solchem Benehmen einfach weiterhin mit seiner Loyalität zu rechnen?

Zu wem musst du zuallererst eisern halten, um gut behandelt zu werden? Mit welcher Begründung könntest du dein weiteres Vertrauen noch vor dir selbst rechtfertigen? Oder vor anderen, die darunter leiden würden?

Was zählt es schon, wie ich behandelt werden möchte?
Wenn du weiterhin dein Vertrauen schenkst – würdest du damit nicht das unerwünschte Verhalten stillschweigend absegnen und dich mit der schlechten Behandlung einverstanden erklären?
Warum sollten dafür in deinem Privatleben andere Grenzen gelten als in der Politik? Wie gut möchtest du dich von der Politik und ihren Kandidaten und Kandidatinnen behandelt wissen?

Wie ist das eigentlich mit den „Wenigen da oben“ mit ihren finanzstarken Interessen und den „Vielen da unten“ – sind die Letzteren wirklich ohne jede Handhabe? Wie ausschlaggebend können „Wenige da oben“ eigentlich sein?

Mit entsprechender Unterstützung könnte der eine oder andere Jemand sich natürlich einen Vorteil verschaffen, bevor es an deine Entscheidung geht. Indem er für größere, auffälligere und häufigere Sichtbarkeit sorgt, als seine Mitbewerber es können, um deine Aufmerksamkeit und Entscheidung zu binden.
Wenn er in dieser Zeit aber geschönte Mythen über die Vergangenheit und Schreckensvisionen über die Zukunft erzählt, mit sich selbst in der Heldenrolle des heiligen Erretters, in denen alle anderen zufällig sehr schlecht wegkommen… und wenn er sich damit allzusehr bei den „Vielen da unten“ anbiedert – dann vielleicht einfach deshalb, weil die „Wenigen da oben“ einen zu kleinen Teil der Wahlberechtigten darstellen?

Im Jahr 2019 zählt es
Die Zeiten der Wiege der Demokratie, ein paar Jahrhunderte v.Chr., werden heute oft allzu verklärt betrachtet. Doch damals war das Wahlrecht – und auch das Regieren selbst – der Aristokratie vorbehalten, den Wohlgeborenen und -habenden. Arbeiter, Frauen – ah, und Sklaven natürlich – die hatten da gar nichts zu melden. Sie waren viele, aber machtlos.

Seither hat sich zum Glück vieles verändert bis zur modernen Demokratie. Die arbeitende Bevölkerung im Jahr 2019 n.Chr. hat sehr wohl eine Handhabe: ihre Wählerstimme. Und das sind in Summe sehr viele.

Im großen Unterschied zu einer Entscheidung für deinen privaten Bereich allerdings ist deine Stimme nicht nur eine Entscheidung für dich und deine persönliche Zukunft, sondern auch eine für Millionen anderer Menschen, etwa für jene, die (noch) nicht wählen dürfen.

Überlegen wir uns also sehr genau, wie und für wen wir diese Stimme einsetzen.
Schenken wir unser Vertrauen nur solchen Menschen, die uns so gut behandeln, wie wir es uns wünschen. Im privaten Leben genauso wie im politischen: Wie möchtest du behandelt werden?

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Was zählt, ist der Inhalt!

Von irreführenden Etiketten und Flaschen in der Politik

In welcher jenseitigen Definition entspricht es eigentlich noch der unverbrüchlichen Bedeutung der Begriffe „christlich“, „sozial“ oder irgendeiner denkbaren „Freiheit“ des Menschen, wenn politische Amtsträger…

¿ mit einhundert Wiederholungsfällen auffallen, indem sie u.a. menschenverachtende Sprache und Ideen führen und damit ungefragt und für alle definieren, was man heutzutage alles „sagen dürfen muss“ – und damit wohl letztlich auch: „machen dürfen muss“? …und damit die Grenzen des Sagbaren und Denkbaren immer weiter übertreten und rausschieben.
¿ mit sozialer Kälte auf so vielen Ebenen die Solidargemeinschaft unseres Sozialstaates demontieren, die in diesem Land einst für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit für uns alle sorgen sollte? Eine Gemeinschaft, an der jahrzehntelang verhandelt und gearbeitet wurde, und auf der die Sicherheit und der soziale Frieden in Österreich beruhen.
¿ Arbeitnehmerrechte und -vertretungen aushöhlen zugunsten jener, die sich eine Rechtsgebung in ihrem Sinne auch finanziell leisten können?
¿ ständig „Auslända“, „Balkanroute“ o.ä. schreien, sobald das dumme Volk mal wieder vom eigentlichen gesellschaftspolitischen Ziel abgelenkt werden muss?
¿ schnelle Umwälzungen durchsetzen? Was soll an Schnell gut sein, wenn es angesichts einer Fülle an unterschiedlichen Interessen doch gilt, vorher gangbare Kompromisse zu finden? Hauptsache „Zack, zack, zack!“? „Sinn vor Tempo“ ist doch weitaus klüger als umgekehrt!
¿ alles beliebig verdrehen und an allem immer nur die anderen für schuldig erklären?
¿ ständig subtile Angstmache betreiben, indem einer etwa „Tendenzen bekämpfen“ will, die angeblich unsere „Identität bedrohen“ würden?
etc… etc…

Wollen wir da wirklich ständig reingezogen werden, in dieses Schattenboxen gegen Unbekannt? Was soll das alles noch mit Freiheit, christlichen Werten, mit sozialen Ansinnen oder gar sozialer Kompetenz zu tun haben?

Ob blindfromme Gläubigkeit überhaupt noch in eine aufgeklärte Zeit gehört, darüber kann man vielleicht streiten. Aber nicht darüber, dass sie in die Kirche gehört und nicht in die Wahlkabine. Es wäre eine allzu fromme Loyalität, die keine politischen Fragen stellt. Zum Beispiel: Was ist drin? Statt die Aufschrift unverändert zu glauben, nur weil die Bedeutung der Begriffe sich ja nicht geändert hat. So eine Art der Loyalität würde nämlich bedeuten, aktuelle Werte hinter alten Aufschriften zu erhoffen, und diese Werte, die persönlich wichtig sind, damit letztlich aufs Spiel zu setzen.

Und wofür? Um ein Gottvertrauen zu beweisen, dass alles schon nicht so wild werden wird, wie es aussieht, wenn wir nur einfach nicht hinschauen? Das ist Selbstbetrug, und, pardon, als würde man in eine leere Flasche Château-Lafite brunzen und behaupten, es wäre Bordeaux, weil die Aufschrift gleichgeblieben ist. So eine Aufschrift ist bedeutungsleer und hält sich an keine Regeln mehr – auch nicht an die des guten Geschmacks. :)

Wollen wir also langsam beginnen, die Aufschrift anzuzweifeln und den deutlich sichtbaren Inhalt zu betrachten?

Gerade jene, die bisher vom kurzen Hinsehen befunden haben, es wäre doch in dieser letzten Regierung „endlich was weitergegangen“ – ich enttäusche euch nur ungern, aber dass „was weitergeht“, ist per se noch kein Qualitätsmerkmal. Es kommt darauf an, w-a-s da weitergeht. Natürlich gibt es auch perfide Bremser, aber prinzipiell sind Bedenken, Gegenstimmen und längere Diskussionen eine gute Sache in einer Demokratie.
Daher möchte ich euch ans Herz legen, noch vor nächstem Sonntag eingehend zu prüfen: War und ist euch das wirklich alles so recht? Müsste man eventuell die eigentliche Bedeutung und weitere Konsequenz so manchen Beschlusses erstmal zu Ende denken, um aus Kenntnis auch Meinung abzuleiten? Vielleicht erhält dann doch noch so manches, was euch als Zuckerl verkauft wurde, im Nachgeschmack deutlich was von Bittermandel?

Was aber, wenn du deine Gruppe in der Solidargemeinschaft von alledem gar nicht betroffen siehst? Sondern einfach nur die Rechte, Ansprüche oder Zukunft irgendeiner anderen Gruppe? Beruhigt dich das soweit, dass du dann einfach wegschauen und sagen kannst, Hauptsache es betrifft nicht meine Gruppe?
Gehörst du einer Minderheit an? Beachte, dass es nicht nur numerisch-statistische, sondern auch soziale Minderheiten gibt: Frauen, Kinder, Arbeitslose, Einwanderer, LBGTIQ. Oder chronisch Kranke, Alte, Pflegebedürftige, Behinderte. Könntest du in Zukunft einer Minderheit angehören? Waren deine Vorfahren vielleicht Einwanderer, und in welcher Generation? Wann also wird wohl die kaltschnäuzige Demontage der Gemeinschaft auch deine Gruppe erreichen? Und auf welche Solidarität aus anderen Gruppen wirst du dann zählen können?
Freiheit ist nur dann gegeben, wenn sie allen Gruppen zugesichert wird, nicht nur selektiv einer privilegierten. Die Freiheit von Minderheiten ist daher immer im Interesse aller Gruppen.

Ist es nicht sinnlos, die Bereitschaft zur Verantwortlichkeit dort zu suchen, wo keine ist? Egal, wer es konkret ist – einer, der das ewige Opfer spielt, wird niemals seine Verantwortung akzeptieren, und daher auch nie verantwortlich handeln. Und einer, der behauptet, er würde deine Sprache sprechen, ist dann womöglich in Wirklichkeit einer, der von dir erwartet, dass du seine Sprache sprichst. Ansonsten gilt wohl: Hände falten, Goschn halten.

Nein, Herrschaften, gerade wer sich als Christ oder Christin versteht, und das bitte ehrlicherweise dann schon samt Nächstenliebe, Barmherzigkeit und allem Pi-pa-po, und wer Wert auf Freiheit legt, erteilt doch eine deutliche Absage an Eiseskälte, Restriktion, Raffgier und Pharisäertum dieser Politik. Und zwar egal, welche Worthülsen von christlich, sozial oder freiheitlich diese Parteien bequemerweise noch für ihre Fahnen gepachtet haben.

Echte Menschlichkeit macht keine Unterschiede zwischen Menschen. Oder sie ist keine Menschlichkeit.
Wie möchtest du behandelt werden?

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Resonanz

Ergänzend zum vorigen Artikel möchte ich hier ein Thema und einen Podcast empfehlen.

Zur Resonanz kommt es, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet. (Hartmut Rosa)

In unserer „Welt in Reichweite“, in der alles auf Knopfdruck funktionieren muss, geliefert werden muss, alles immer prompter verfügbar gemacht wird und sein muss, entwickeln wir auch einen dazupassenden, recht aggressiven Anspruch auf Sofort, Gezielt und Wie-Gewünscht – und damit auch auf Geplant. Verfügbarmachung, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Wir verplanen uns damit auch selbst.

Wir sind weniger offen für das und erleben immer weniger von dem, was uns doch die Welt um uns in der lebendigsten Art spüren lässt: die spontanen Geschenke des Lebens, die wir nicht bestellt haben – und die sich auch nicht bestellen lassen: Eine Begegnung in der Natur. Ein freundlicher Blick. Oder auch eine überraschende Eingebung. Das, was passieren muss, damit die erwähnte Resonanz entsteht. Eine Resonanz in unseren tiefsten inneren Schichten, nach der sich wohl viele sehen, die Konsum aber nicht erzeugen kann. Seelen-Nahrung!

Dafür braucht man nicht nur die nötige Aufmerksamkeit und Geduld, und ein etwas demütigeres Mindset als für die mittlerweile entstandene, erpichte Attitüde „sofortige Verfügbarkeit“. Sondern auch offene Zeit, die nicht bereits durch Vorausgeplantes, Vorbestelltes belegt ist. Die Bereitschaft, Zeit und Welt auf sich zukommen und wirken zu lassen – und sich darauf einzulassen. Manche brauchen mittlerweile sogar jemanden, der sie dorthin mitnimmt, weil sie selbst gar keinen Zugang mehr haben.

Mit unserer Verfügbarmachung der Welt geht uns also unsere eigene Verfügbarkeit (ha!) für diesen Zustand, das Geschehen dieser Resonanz flöten.

Die sehr anregenden und weitreichenden Überlegungen dazu hat Alexandra Tabor in diesem Podcast wunderbar ausgebreitet:
„In trockenen Büchern – Unverfügbarkeit“ – anhand des Essays „Unverfügbarkeit“ von Hartmut Rosa.

Alexandra Tabor sagt in diesem Podcast:

… dass sich durch die neuen Möglichkeiten des Verfügbarmachens unsere Haltung, unsere Beziehung zur Welt stark verändert hat. Es macht einen Unterschied, ob ich alles, was nicht in den Plan oder ins gesellschaftlich erwünschte Schema passt, sofort beseitigen will, oder ob ich versuche, auf etwas, das sich querstellt, zu hören und zu antworten.

Um nun diesen roten Faden mit meinem vorigen Artikel zu verknüpfen:
Die beschriebene Attitüde, die Veränderung des Selbst durch die Anziehungskraft der allzu konsum- und planungsfreudigen Gegenwart, zieht uns nach außerhalb von uns selbst, und sie suggeriert obendrein durch ihre Verfügbarkeit wohl auch den leichteren Zugang. Leichteren Zugang als zu uns selbst.
Dazu passt auch der selbst-entfremdende Impuls, Gefühle wegzuschieben und sich nichtmal mehr auf das, was in uns selbst vorgeht, spontan einlassen zu können/wollen, selbst wenn uns das so viel weiter bringen könnte als der nächste „Jetzt bestellen“-Button.