Die Vorherrschaft der Gesunden

Seit Beginn der Pandemie sehen wir uns zunehmend mit rechtsextremen Anschauungen konfrontiert. Ein Essay bringt eine klare Einordnung krankenfeindlicher Tendenzen: Gesundheitsvorherrschaft ist eine faschistoide Ideologie.

In den Jahren der Pandemie war es für Menschen aus der Risikogruppe, Menschen mit chronischen Krankheiten oder mit Behinderung und für deren Angehörige schon schwierig genug, ihr Leben wenigstens auf Sparflamme fortzuführen.
Ob und in welchem Ausmaß “die Gesunden” (oder die, die sich dafür halten) Schutzmaßnahmen mittragen und für sich als zumutbar empfinden, wird jedoch wesentlich davon bestimmt, welche geistige Haltung sie gegenüber Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen einnehmen. Die allzu lauten Verharmloser und Leugnerinnen schreien uns ihre Anschauung dazu regelmäßig in die Ohren und in unsere Gedankenwelt.

Dr. Maarten Steenhagen vom philosophischen Institut an der Universität Uppsala hat im Mai bei Medium ein eindringliches Essay in englischer Sprache veröffentlicht. Angesichts der sukzessiven und aktuellen Entwicklungen im Laufe der Pandemie sind Steenhagens klare Worte in diesem Essay eine wichtige Einordnung, wie ich finde.

Im Einvernehmen mit dem Autor (und sehr zu seiner Freude :) habe ich sein Essay daher hier auf Deutsch übersetzt.
(Hier verlinke ich seinen Original-Twitter-Thread zum Essay.)

tl;dr

Die Vorherrschaft der Gesunden ist eine krankenfeindliche, rechtsextreme und faschistoide Anschauung, die den vergänglichen Gesundheitsstatus der Menschen in eine absolute Eigenschaft umdeutet und daraus Privilegien- und Machtansprüche der “Gesunden” ableitet. Sie richtet sich gegen alle, die diesem trügerischen Gesundheitsideal nicht entsprechen, und schürt und legitimiert damit Abwertung und Aggression gegen diese Menschen.
Wir müssen den Erscheinungen dieser Ideologie entschlossen entgegentreten – in uns selbst und in anderen.

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“Verabscheust du Faschismus?
Dann sei nicht krankenfeindlich!

(“Loathe fascism? Then don’t be a health supremacist”)

Die Vorherrschaft der Gesunden ist eine Ideologie. Vorherrschaftsdenken beginnt immer mit der gedachten Aufteilung der Welt in vermeintlich “hochwertige” und “minderwertige” Menschen. Gesundheitsvorherrschaft ist die Anschauung, dass jemand, der als gesund betrachtet wird, all denen übergeordnet wäre, deren Gesundheit in irgendeiner Weise eingeschränkt ist; jegliche Form von Krankheit oder mutmaßlicher gesundheitlicher Beeinträchtigung macht dich in dieser Anschauung aus Prinzip zu einem “minderwertigen” Menschen. Gesundheitsvorherrschaft ist der Glaube, den Gesunden würde das natürliche Privileg zustehen, gesellschaftlich die Vorherrschaft über die anderen auszuüben.

Dem Kern von Gesundheitsvorherrschaft und Krankenfeindlichkeit wohnt ein Trugbild inne: Dass es so etwas wie eine “natürlich-gesunde” Person gäbe, die niemals ernstlich krank oder behindert ist und das auch nicht werden kann. Ein Trugbild deshalb, weil das einfach nicht der Wahrheit entspricht. Die Gesundheit ist eine der unvorhersehbarsten Gegebenheiten an einem Menschen. Jede und jeden von uns trennt nur eine Infektion oder ein Unfall von einer Erkrankung oder Behinderung.

Mit der Aussage, dass alle Gesundheit fragil ist, soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass es beim Gesundheitszustand strukturelle Ungleichheiten gibt: Wenn du dir Nahrungsmittel nicht leisten kannst oder in einer Gegend mit starker Luftverschmutzung lebst, wird das deine Gesundheit beeinflussen. Strukturelle Ungleichheiten, die unterschiedliche Gesundheitszustände zur Folge haben, sind ein guter Grund, den Gesundheitszustand nicht zu einer Kategorie zu essentialisieren. Und doch ist es genau dieser Essentialismus, den die Gesundheitsvorherrschaft verlangt. Das ist der Grundpfeiler ihres Trugbildes. Und Krankenfeinde tun was sie können, um aktiv diese Fantasie aufrechtzuerhalten und auszuüben.

Der Kniff lautet, dass man sich die Gesundheit als etwas vorzustellen hätte, das Grundlegendes und Essentielles über eine Person verraten würde. Anstatt anzuerkennen, dass Gesundheit und Krankheit praktisch jedem widerfahren kann, bildet sich die Gesundheitsvorherrschaft gern ein, dass ein guter Gesundheitszustand eine angeborene, naturgegebene Eigenschaft mancher Menschen wäre (und anderer Menschen nicht). Der selbst-erklärte Gesundheitsstatus wird allmählich zu einem Teil der individuellen Identität. Diese Auffassung von Gesundheit als essentielle Eigenschaft einiger (und anderer nicht) bildet die Grundlage für eine Weltanschauung, in der eine bestimmte Gruppe – die selbsternannten “natürlich-Gesunden” – den anderen naturgegeben übergeordnet wäre.

Wie wurde die Krankenfeindlichkeit während der Pandemie angekurbelt?

Wie andere rassistische Ideologien hat auch Gesundheitsvorherrschaft eine lange und grausame Geschichte. In den letzten zwei Jahren konnten wir beobachten, dass die Gesundheitsvorherrschaft ins öffentliche Bewusstsein vordringt wie schon lange nicht mehr. Krankenfeindliche Ideologie ist zum Mainstream geworden und scheint selbst von solchen Leuten übernommen zu werden, die von sich sagen, sie würden rassistische Denkweisen ablehnen. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die wir bekämpfen und umkehren müssen.

Die Krankenfeindlichkeit wurde von der Pandemie angekurbelt. Erinnern wir uns, von Pandemiebeginn an wurde die öffentliche Wahrnehmung von Covid-19 dahingehend geprägt, dass es zu einer Spaltung in “hochwertige” und “minderwertige” Menschen kam. Die Krankheit wurde uns als eine präsentiert, die nur für “die Vulnerablen” ein Problem darstellt – Menschen, die älter sind und ein schwächeres Immunsystem haben, oder solche mit “Grunderkrankungen” oder “Vorerkrankungen”.
Covid-19 wird zunehmend als eine Krankheit abgetan, die nur jene schädigen würde, die (in krankenfeindlichen Begriffen) bereits “vorgeschädigt” waren; als etwas, das richtiges Krankwerden nur bei denen auslösen würde, die bereits vorher irgendwie die Veranlagung zum Krankwerden gehabt hätten. “Wenn sie der Virus nicht erwischt hätte”, sagen Freunde plötzlich, “dann hätte sie eben etwas anderes erwischt”. Oder: “Ich mach mir keine Sorgen, meine Konstitution ist von Natur aus stark.”

Ich weiß nicht, wie dieses Narrativ so gängig werden konnte, und das sogar unter denen, die es besser wissen sollten – unter Leuten, die an anderen Fronten gegen Faschismus auftreten, gegen Diskriminierung und Exklusion, oder die angeblich für soziale Gerechtigkeit und Inklusion kämpfen. Doch es wurde dennoch gängig.

In Wahrheit war jede demographische Gruppe von SARS-CoV-2 betroffen (wenn auch nicht gleich stark). Während der Pandemie haben Ärztinnen und Ärzte immer wieder betont, dass jede und jeder gefährdet ist. Und dennoch wiederholen viele ständig die Mär, dass SARS-CoV-2 als solches ein “mildes” Virus wäre; dass Covid-19 eine “milde” Erkrankung wäre, mit dem ein “natürlich-gesunder Körper” ganz einfach fertigwerden sollte. Ein Krankenfeind mag sogar zugeben, dass manche Menschen von diesem Virus tatsächlich schwer krank werden. Aber die, die tatsächlich krank werden, müssen dann ja schon vorher irgendwie anders gewesen sein. Der typische essentialistische Kniff eben.

Das gesundheitsbezogene Vorherrschaftsdenken und seine Narrative sind mit jeder Welle der Pandemie ausgeprägter geworden. Mittlerweile ist die öffentliche Vorstellung von der Gesellschaft fast gänzlich in zwei Lager gespalten: die vermeintlich höherwertigen, “gesunden” Individuen auf der einen Seite, und die vermeintlich minderwertigen “Vulnerablen” auf der anderen. Je verbreiteter eine solche Spaltung und diese Art des Deutungsrahmens (Framings) der Pandemie wird, umso weniger Individuen in der Gesellschaft bleiben davon unberührt. Das erzeugt auf alle den Druck, die eine Frage zu beantworten:
Zu welcher Gruppe gehöre ich?

Wie zeigt sich Krankenfeindlichkeit?

Krankheitsfeindliche Anschauungen unterwandern das öffentliche Bewusstsein, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst werden. Um das klar zu sagen, es gab sie auch schon vor der Pandemie. Ein offensichtliches Beispiel ist der weitverbreitete Alltags-Ableismus – die gesellschaftliche Diskriminierung behinderter Menschen, sodass Menschen ohne Behinderung bevorzugt behandelt werden – sowie ein Hang zu eugenischen Bemühungen (mehr dazu später).

Allerdings hat das gesundheitsbezogene Vorherrschaftsdenken während der Pandemie wohl einen großen Sprung nach vorn gemacht. In Ländern wie den USA, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden ist es in den Strategien der Gesundheitsbehörden offenbar zur Norm geworden – und es stößt auf beängstigend wenig Widerstand.

Wenn man die Vorherrschaft der Gesunden in Aktion sehen will, wo immer es um die Haltungen zur Pandemie geht, dann kann es hilfreich sein, zwischen ihrer offenen Manifestation und ihren verborgenen Formen zu unterscheiden.

Offene Krankenfeindlichkeit ist schwer zu übersehen, da sie für gewöhnlich laut und markant ist. Sie ist selbstbewusst, auffallend und symbolträchtig, und sie vergesellschaftet sich typischerweise sichtbar mit anderen rechtsextremen Ideologien.
In diesem Zusammenhang war der Artikel von Emily Gorcenski weitblickend, als sie im Jahr 2017 über die “Unite The Right”-Rally [Kundgebung “Vereinigt die Rechten”] in Charlottesville (Virginia, USA) schrieb: Rechten Aktivisten und Aktivistinnen gelingt es immer besser, die Lautstärke ihrer Botschaft durch Zusammenschluss zu erhöhen. Im Sommer 2020 führte Wettermoderator und Impfgegner Piers Corbyn auf dem Trafalgar Square in London einen beachtlichen Protestaufmarsch der Maskengegner an. Mit dem Event legte man es darauf an, Aufmerksamkeit zu erregen. Der Soziologe Phil Burton-Cartledge beschreibt hier, wie dieser Protest eine ganze Riege an rechtsextremen Aktivisten anzog, von solchen aus den Reihen der “British Union of Fascists” über Klimawandel-Leugner bis hin zu Anhängern der QAnon-Verschwörungsmythen.
Ein ähnlicher Aufmarsch fand im April 2022 in Los Angeles (Kalifornien, USA) statt, wo Aktivisten und Aktivistinnen auf ihren Transparenten Impfungen als gefährlich bezeichneten und “medizinische Freiheit” von ihnen gefordert wurde. Was er dort sah, beschrieb der Journalist Eric Levai vom “Rolling Stone” als einen “geschickt präsentierten Spendenaufmarsch der Faschisten voll unheilvoller Warnsignale vor dem, was uns bevorsteht”.
Ein Jahr zuvor hatte in derselben Stadt die neofaschistische Gruppierung “Proud Boys” in gewaltvoller Weise versucht, Menschen zu “demaskieren”, eine wilde, öffentliche Offenbarung rassistischer Vorherrschaftsstimmung.

Das sind offene und symbolträchtige Zurschaustellungen von Krankenfeindlichkeit: Da protestieren sie und wenden sich rabiat gegen Maßnahmen zur Infektionskontrolle, die (in der vorherrschaftlichen Anschauung) die vermeintlich “höherwertigen”, “natürlich-gesunden” Menschen nicht bräuchten und die vermeintlich “Minderwertigen” nicht verdienen würden. (Es versteht sich von selbst, dass dies eine gefährliche und widerwärtige Doktrin ist. Ich beschreibe es hier nur, um besser erfassbar und erkennbar zu machen, was da passiert, damit man dem entgegentreten kann.)

Verborgende Krankenfeindlichkeit kann schwammiger sein und allerlei Formen annehmen. Etwa die Form institutionalisierter Diskriminierung, Exklusion, Verharmlosung und Mikro-Aggressionen. Denken Sie an gesundheitspolitische Amtsträger, die es uns als positiven und beruhigenden Aspekt präsentierten, dass offenbar “nur” diejenigen schwer erkranken oder sterben, die ohnehin Vorerkrankungen haben – als würde die Krankheit oder der Tod eines Menschen irgendwie weniger Rolle spielen, wenn er Diabetes hat?
Oder denken Sie an Aussagen wie “Wenn du bisher kein Covid hattest, hast du vermutlich keine Freunde” – was unterstellt, dass alle, die sich darum bemühen, eine Infektion mit einem SARS-Virus zu vermeiden, sozial Ausgestoßene wären.

Andere Beispiele von verborgener Krankenfeindlichkeit: Wenn ein Arbeitgeber seine Angestellten zwingt, ins Büro zu kommen, ohne Maßnahmen zum Schutz vor einer Infektion. Wenn eine Freiwilligengruppe sich weigert, den Zugang zu ihren monatlichen Treffen auch auf alternative Arten zu ermöglichen. Wenn ein Freundeskreis dich fallenlässt, weil du auf Masken oder auf Treffen im Freien bestehst und das “keinen Spaß mehr macht”.
Oder was ist mit der allgemeinen Stimmungsmache, die Pandemie wäre vorbei – und das den bekannten Tatsachen zum Trotz: die Übertragungsrate ist hoch, Long-Covid grassiert, die Impfwirkung lässt zweifellos mit der Zeit nach, und Behandlungen gegen Long-Covid sind derzeit immer noch nicht verfügbar. In den Beispielen wird stillschweigend, aber unmissverständlich eine gesundheitsherrschaftliche Grundstimmung transportiert: “Wenn du glaubst, dass du von deiner Natur her Covid nicht wirklich gewachsen bist, solltest du möglicherweise gar nicht hier sein.”

Die vielleicht am stärksten handlungsbetonte Form der alltäglichen Krankenfeindlichkeit während der Pandemie war der irrational heftige Widerstand gegen das Tragen von Masken in vielen europäischen Ländern. Diese augenscheinliche Ablehnung lässt mich immer noch fassungslos zurück. Masken sind eine einfache und grundlegend effektive Maßnahme, um andere zu schützen und die Verbreitung eines Virus einzudämmen, der über die Luft übertragen wird. Dass so viele die kleine Unbequemlichkeit, die ihnen das Maskentragen beschert, für so unendlich viel wichtiger halten als den Schutz, den es anderen bietet – obwohl sie genau wissen, dass manche diesen Schutz wirklich benötigen – daran ist erkennbar, dass sie diejenigen, die sich gegen Covid schützen wollen, als minderwertig ansehen.

Aber es geht noch weiter, keine Maske zu tragen ist ihnen nicht genug. Ihre Maskenverweigerung muss aktiv und sichtbar zelebriert werden. Menschen mit Maske müssen zur Rede gestellt und verhöhnt werden, Blicke müssen geworfen und Augen gerollt werden. Die Existenz von Menschen die, aus welchem Grund auch immer, das Covid-Risiko ernst nehmen, scheint den Maskenverweigernden unerträglich zu sein.

Ist die Vorherrschaft der Gesunden eine Form von Faschismus?

Gesundheitsvorherrschaft ist dem Grunde nach eine faschistische Doktrin. Genau genommen ist Faschismus eine bestimmte geschichtliche Strömung. Sie begann im frühen 20. Jahrhundert in Italien und floss später in den deutschen Nationalsozialismus ein. Es war die Strömung, die letztlich zum Holocaust führte, ein Massen-Gemetzel, das genau auf einer Linie mit dem faschistischen Weltbild liegt: gewalttätig intolerant gegenüber allen Menschen, die als “minderwertig” betrachtet werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben verschiedene neofaschistische Bewegungen versucht, diese Ideologien wiederzubeleben (oder vielmehr: sie am Leben zu erhalten). Die immer stärker sichtbar auftretenden rechten Bürgerwehren in den USA sind ein gutes Beispiel dafür, genau wie die British National Party in Großbritannien, und Voorpost und das Forum for Democracy in den Niederlanden (die letztgenannte Bewegung hat derzeit Mandate im niederländischen Parlament).

Den ideologischen Kern des Faschismus kann man allerdings von der Geschichte entkoppeln. Faschistische Strömungen drehen sich um die Vorstellung, dass eine Gruppe in der Gesellschaft das natürliche Recht dazu hätte, über die anderen zu herrschen. Diese “überlegene” Gruppe sollte nach Ansicht der Faschisten “rein” gehalten werden, frei von genetischer Verfälschung oder körperlicher Verunreinigung, auf dass die privilegierte Gruppe nicht geschwächt werde. Die Methoden der Ausgrenzung, Ungleichbehandlung, Eugenik und Gewalt werden zur Gänze mit dem guten Gedeihen der selbsternannten privilegierten Gruppe gerechtfertigt.
Es ist freilich etwas komplizierter als das, aber in dieser Charakterisierung erkennen wir, dass die meisten, wenn nicht alle rassistischen Ideologien zumindest diesen faschistischen Kern haben: Sie alle verfechten eine gesellschaftliche Anschauung, derzufolge eine Gruppe einen naturgegebenen Anspruch darauf hätte, über die anderen zu herrschen. Demnach ist die Ideologie jeder rassistischen Strömung, unabhängig von ihrer jeweiligen historischen Entwicklung, in ihrem Kern faschistisch.

Der faschistische Kern der Vorherrschaft der Gesunden ist die Vorstellung, dass diejenigen, die gesund sind, irgendwie die “besseren” Leute wären, und dass die Gesellschaft ihre Interessen und ihr Gedeihen schützen dürfte und müsste (und das vorrangig zu den Interessen und dem guten Gedeihen aller Mitglieder der Gesellschaft).
Man denke daran, dass dies ein falscher, essentialisierender Anspruch ist: Diejenigen, die zufällig gesund sind oder sich für gesund halten, werden als besser erachtet, angeborenerweise, von innen heraus, vielleicht sogar genetisch besser. Dieses essentialistische Denken über menschliche Eigenschaften – das wird Ihnen jede Psychologin bestätigen – übt auf unsere Gedankenwelt eine Anziehungskraft aus, die eine oberflächliche und kindische Basis hat.
(Man bemerke auch: es ist gar nicht gesagt, dass einzelne Leute, die krankenfeindliche Vorstellungen vertreten, selbst tatsächlich gesund sind. Was in dieser Weltanschauung zählt ist, dass man sich als gesund und stark darstellt und erscheint – jeder gesundheitsherrschaftlich denkende Mensch kann sehr wohl alle möglichen unerkannten oder uneingestandenen Gesundheitsprobleme haben.)

In dieser Hinsicht benutzt die krankenfeindliche Ideologie der Gesundheitsvorherrschaft dasselbe kognitive Schlupfloch wie die bekannteren Formen des Vorherrschaftsdenkens: Weiße Vorherrschaft und Männliche Vorherrschaft. Genau wie diese Ausprägungen rassistischen, vorherrschaftlichen Denkens verfolgt auch die Gesundheitsvorherrschaft die Vorstellung von der natürlichen Stärke und Vormacht eines bestimmten Typus Mensch – mit der Absicht, die Macht dieses Typus zu gewährleisten und zu erhalten. Während der Weiße Vorherrschaftsglaube der Vorstellung vom starken weißen Körper anhängt und der Männliche Vorherrschaftsglaube der Vorstellung von der biologischen Überlegenheit des Mannes, hängt die Gesundheitsvorherrschaft der Vorstellung von der Überlegenheit des “natürlich-gesunden” Körpers an.
Als notwendige Ableitung daraus bildet sie sich ein, alle, die eine Krankheit oder eine Behinderung haben, wären minderwertig. In dieser krankenfeindlichen Anschauung sollen nur diejenigen soziale Ansprüche und Privilegien genießen dürfen, die als gesund erachtet werden. Jeder und jede, auf die das nicht zutrifft, hat darin ein geringeres Anrecht auf Existenz; idealerweise sollten – laut dieser Gesinnung – kranke oder behinderte Menschen überhaupt nicht existieren.
Aktivistinnen und Aktivisten für Behindertenrechte warnen seit Jahrzehnten vor solchen Anschauungen. Auf mich wirken diese Anschauungen schlicht und ergreifend faschistisch.

Wie unterscheidet sich Krankenfeindlichkeit von Ableismus und Eugenik?

Krankenfeindlichkeit ist mit einer Erscheinung namens Ableismus nah verwandt. Ableismus ist eine Form der Diskriminierung, ein System aus Stereotypen, das den “voll funktionstüchtigen” Körper (“abled body”) als gesellschaftliche Norm betrachtet. Wie K. Cassidy es charakterisiert, ist Ableismus “der vorurteilsbehaftete Umgang mit behinderten Menschen unter der anmaßenden Behauptung, sie wären minderwertig”. Ableistische Verhaltensweisen und Taktiken schaden also dem Wohlergehen von Menschen mit Behinderung und machen es zunichte. Ableistische Sprachmuster unterstellen, dass Menschen mit Behinderung irgendwie weniger wert wären, oder sie ignorieren die individuellen Formen ihrer Kompetenz und Handlungsfähigkeit.
Cassidy und viele andere Autorinnen und Autoren haben darüber geschrieben, wie ableistisch die Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie sind, und dass dadurch weitere ableistische Gesinnungen verstärkt wurden.

Man kann sich Ableismus als eine spezielle Form der gesundheitsherrschaftlichen Anschauung vorstellen. Die Vorherrschaft der Gesunden idealisiert einen natürlich-gesunden Körper, der Krankheit und Behinderung widersteht. Folglich ist das Bild, das er von der Gesellschaft malt, von Grund auf ableistisch, weil ein behinderter Mensch unweigerlich daran scheitern wird, diesen wahnhaften krankenfeindlichen Idealen gerecht zu werden.
Doch Gesundheitsvorherrschaft ist breiter angelegt als Ableismus, weil sie auch jede Person, die krank geworden ist oder deren Genesung länger auf sich warten lässt, als “minderwertig” einstuft; außerdem solche Menschen, die chronische oder genetisch bedingte Krankheiten haben, die die Betroffenen selbst nicht als Behinderung einordnen würden. Als “minderwertig” werden darin übrigens auch all jene betrachtet, die der gesundheitsherrschaftlichen Ideologie nicht anhängen.

Die Vorstellungen der Gesundheitsvorherrschaft erinnern auf schaurige Weise an das Eugenik-Projekt. Eugenik ist ein gesellschaftliches Konzept, das erbliche Eigenschaften in der Bevölkerung zu verstärken sucht, typischerweise durch gezielte Zucht, aber auch durch Zwangssterilisation oder gar Mord an bestimmten Bevölkerungsgruppen. Der rassistische Gedanke hinter der Eugenik ist offensichtlich, baut sie doch darauf auf, dass Menschen mit bestimmten Eigenschaften als besser erachtet werden als Menschen, denen diese Eigenschaften fehlen. Man sollte jedoch erkennen, dass Gesundheitsvorherrschaft und Eugenik zwei verschiedene Dinge sind. Ersteres ist eine Ideologie, letzteres ein Zuchtprogramm. Die Bestrebungen der Eugenik mögen eine beispielhafte Manifestation der Gesundheitsvorherrschaft sein, sie sind aber beileibe nicht ihre einzige Manifestation. Wie oben erwähnt, manifestiert sich Gesundheitsvorherrschaft als eine ganze Reihe gesellschaftlicher Anschauungen, samt Ableismus und anderen Formen der Privilegierung auf der Basis gesundheitsbezogener Aspekte. Würden wir ein gewisses Zuchtprogramm als das einzige betrachten, was Krankenfeindlichkeit anrichten kann, dann würden wir Gefahr laufen, andere zerstörerische Manifestationen dieses Vorherrschaftsdenkens zu übersehen.

Was können wir gegen Krankenfeindlichkeit tun?

Faschismus ist eine gewalttätige, immer zerstörerische und oft todbringende politische Doktrin, der man entgegentreten kann und muss. Gesundheitsvorherrschaft ist eine faschistische Ideologie, daher kann und muss man ihr Widerstand leisten. Ihr Erstarken wird uns allen schaden. Doch etwas gegen diese Form des Faschismus zu tun ist leichter gesagt als getan. Denn die krankenfeindliche Anschauung hat unseren Alltag und das gesellschaftliche Bewusstsein dermaßen durchdrungen, dass der Kampf dagegen für viele bedeuten wird, ihre Gewohnheiten zu ändern und ebenso ihre Erwartungen. Doch es ist höchste Zeit, dieser Tatsache ins Gesicht zu sehen.

In seinem Buch “Faschismus. Und wie man ihn stoppt” führt der Journalist Paul Mason aus, dass man den Kampf gegen Faschismus beginnen muss, indem man auf seine Ideologie und seine Mythen aufmerksam macht, indem man beschreibt, wie diese faschistischen Mythen funktionieren, und indem man deren Schleier lüftet. Mason schreibt, faschistische Bewegungen werden von der Überzeugung genährt, dass “eine Gruppe, die ihnen [ihren Mitgliedern] eigentlich untergeordnet sein sollte, im Begriff ist, Freiheit und Gleichheit zu erlangen” (S. 17). Das ist Bestandteil der faschistischen Mythologie, und es ist im Grunde diese Angst vor dem “Anderen”, die die Gewalt anstachelt.

Übertragen wir das zurück auf die Vorherrschaft der Gesunden. Für Krankenfeinde sind diejenigen im Begriff, Freiheit und Gleichheit zu erlangen, deren Körper, Gesundheitszustand und/oder Verhalten ihrem Ideal des “natürlich-gesunden Körpers” nicht entsprechen oder sich ihm nicht unterordnen, denen aber trotzdem das Leben ermöglicht wird (und obendrein ein gutes Leben), indem entsprechende Schutzmaßnahmen, (Gesundheits-)Einrichtungen und Unterstützungen zur Verfügung gestellt werden – in der Gesellschaft, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft und im Freundeskreis. Die Befürchtung, dass vermeintlich “minderwertige” Menschen – alle, die die Vorstellung vom “natürlich-gesunden Körper” nicht erfüllen – ein gutes, gar ein verbessertes Leben haben könnten – diese Befürchtung ist es, die krankenfeindliche Gewalt schürt.

Dem Faschismus muss Einhalt geboten werden, wo immer er seine Fratze zeigt. Ebenso wie wir gegenüber weißem oder männlichem Vorherrschaftsdenken radikal intolerant sein sollten, müssen Antifaschisten ihre Kräfte bündeln, um gegen gesundheitsherrschaftliche Anschauungen und deren Ausbrüche aufzustehen.

Bist du gegen faschistisches, rassistisches Denken? Ich hoffe es. Dann schau dir doch an, ob du in den letzten paar Monaten, vielleicht unter dem Druck von sozialen Medien oder von Bekannten oder Familienmitgliedern, irgendwelche Aussagen getätigt oder ein Verhalten gezeigt hast, das womöglich gesundheitsherrschaftlichen Tendenzen aufweist. Mach dir erstmal klar, dass du in letzter Zeit bereits sehr eng von krankenfeindlichen Haltungen umgeben warst und bist. Nachdem diese Vorstellungen heutzutage so ziemlich überall sind, trifft das auf fast jeden Menschen zu.

Würdest du anschließend überprüfen, ob und wie du diese Vorstellungen derzeit womöglich propagierst? Sie stillschweigend nach außen zeigst? Kostet es dich nur ein Achselzucken, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen nicht an dem von dir organisierten Meeting teilnehmen kann? Hast du den Kontakt zu einem befreundeten Menschen abgebrochen, als er chronisch krank wurde? Bist du deshalb nicht mehr an seiner Seite? Winkst du ab, wenn gesellschaftliche Anpassungen zugunsten kranker oder behinderter Menschen gefordert werden? Würdest du eine Kollegin oder einen Kollegen zu einem Indoor-Treffen in “gemeinsamer Luft” drängen, obwohl sie gesagt haben, dass sie das lieber nicht möchten? Bleibst du maskenlos, auch wenn andere Menschen um dich herum Maske tragen?

Dann hör damit auf. Hör auf, auch wenn es unbequem ist. Und wenn du an anderen ein solches Verhalten wahrnimmst, dann mach ihnen klar, was sie da tun. Handle, um eine Veränderung dieser Verhaltensmuster zu bewirken. Wir müssen die verdeckten Formen der Krankenfeindlichkeit entlarven – als das faschistische Raunen, das sie sind.

Frei nach Gorcenski:
Gesundheitsvorherrschaft will nicht deine Aufmerksamkeit. Sie will deine Untätigkeit. Gib ihr nicht, was sie will.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Etosha sagt:

    [Anmerkung der Übersetzung:
    Da für das englische “supremacy”, die gedachte oder reale Überlegenheit einer Gruppe, keine wörtliche deutsche Entsprechung griffig und treffend genug für einen langen Text erscheint, habe ich mich für die Begriffe “Vorherrschaft der Gesunden”, “Gesundheitsvorherrschaft” bzw. “Krankenfeindlichkeit” entschieden, die ich für ein- und dieselbe englische Wortgruppe “health supremacy” alternierend im Text verwende.

    Der Begriff “Suprematismus” ist nur scheinbar naheliegend – er bezeichnet im Deutschen eine in Russland entstandene Stilrichtung der bildenden Kunst.

    Das Wort für eine vorherrschaftliche Weltauffassung heißt “Suprematie” – ist jedoch wegen mangelnder Geläufigkeit mE ungeeignet.]

  2. Alex sagt:

    Ein so wichtiger Beitrag! Und es war so wichtig, dass er korrekt (und abgesprochen) ins Deutsche übersetzt worden ist. Es is gut, dass es Leute wie dich gibt die so etwas erkennen und sich den Aufwand antun.
    Danke Susy

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