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Gratwanderung

Hier erzählen die letzten lebenden Zeitzeugen vom Holocaust und dem Horror, den sie erlebt haben, während dort schon die Nächsten aufmarschieren und nach Säuberung rufen von den Feindbildern, denen sie hinterherjagen. Wahllos und mannigfach wirkt die Wahl der Feindbilder, aber irgendjemand wird schon schuld sein an ihrer Misere.

Hat man ein bisschen Bildung genossen, so ist einem zumindest ansatzweise klar, was diese Zeit für die Menschen bedeutet hat, und dass immer die Gefahr besteht, plötzlich selbst als Untermensch zu gelten – je nachdem, wie das Fähnlein sich gerade bewegt im Wind der Sündenbockhatz.

Das Paradoxe an der Bildung: Nur sie schafft ein Bewusstsein für die gedanklichen und emotionalen Fallen, in die man tappen kann, wenn man sie nicht hat. Und nur Bewusstsein kann zuwege bringen, dass die Vergangenheit sich nicht wiederholt.

So wandern wir auf dem Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Man muss wissen, was passieren kann. Insoferne glaube ich, dass diese Nächsten, die da marschieren, Ahnungslose sind.

Doch gestern habe ich den ersten „Freund“ auf Facebook entfernt, der ein Bild mit Mottosprüchen dieser Gruppierung geteilt hat, ohne kritisch darauf einzugehen. Das war jemand, der ein Leben in Saus und Braus lebt und sich überhaupt nicht nach Feindbildern umsehen müsste. Dieser eine macht mir viel größere Angst als die Tausend da drüben.

#Gratwanderung
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Jetzt noch einfacher!


„Betrifft: Antrag auf Vergütung der Vorsteuer AT201409xxx
von: vatrefund-de@bzst.bund.de

[…]
Für eine ordnungsgemäße Antragstellung muss der Antrag der Richtlinie 2008/9/EG entsprechen, vollständig sein und fristgerecht einschließlich der vorlagepflichtigen Belege eingereicht werden.

Sofern Sie über das Portal Ihres Ansässigkeitsstaates dem Antrag nicht alle gemäß Artikel 10 der Richtlinie 2008/9/EG vorzulegenden eingescannten Originalbelege beifügen konnten, reichen Sie die fehlenden Belege bitte unverzüglich per E-Mail, auf CD oder USB-Stick nach.
[…]
Bitte beachten Sie, dass Antworten auf diese E-Mail bzw. Nachrichten an die Absenderadresse nicht verarbeitet werden können.“

Es wär ja schon fast lustig, wenn’s nicht so traurig wär. Müßig zu erwähnen, dass in diesem Mail nicht womöglich eine andere, empfangsbereitere E-Mail-Adresse oder gar eine Telefonnummer erwähnt wird.
Die wesentlichen Teile wurden von mir im Fettdruck formatiert, nicht etwa vom Absender.

Die angesprochenen Belege muss man übrigens im Antrag beinahe 1:1 abtippen: Rechnungsaussteller, Adresse, UID-Nummer, Rechnungsnummer, Nettobetrag, Vorsteuerbetrag… Wozu man dann noch Belege einreichen soll, ist mir schleierhaft. Vielleicht um das Papieraufkommen nicht zu gefährden?

Antworten auf solche Rückvergütungsanträge an andere Länder, etwa Tschechien, erhält man übrigens freilich in der Sprache des jeweiligen Landes. Nichts Geringeres erwarte ich von einem Amt, das sich mit internationalen Anträgen befasst. Ist ja nicht so, dass die wüssten, aus welchem Land der Antrag kommt, gell?

Ich hoffe, die Tschechen wollten nicht auch noch Belege per Unerreichbarkeits-E-Mail. Mein Amtstschechisch ist nämlich leider ein bisschen eingerostet.

Alles happy in der EU.

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Bubi

Ja, ich weiß, dass täglich schlimme Dinge passieren auf dieser Welt, in dieser Stadt. Und ich weiß auch: schlimmer geht immer.
Manche davon treffen aber mitten ins Herz – gewisse Nachrichten lassen mich lange nicht los, sind mir beim Einschlafen genauso präsent wie beim Aufwachen, und entlocken mir die eine oder andere Träne. Jeder hat eben seine besonders weiche Stelle im Bauchfell. Hier ist ein Treffer:

Heute vor einer Woche hat ein Unbekannter in der Wiener U6-Station Jägerstraße grundlos einen Hund totgetreten. Der Hund hieß Bubi. Sein Frauchen war dabei. Der Hund des Täters ebenso. Und eine Begleiterin.

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Probenentnahme ganz ohne Außerirdische

Im Juni hatte ich an die zuständige Wasserbehörde gemailt, weil sich in der Schwechat (dem Fluss) regelmäßig Schaum bildet. Diese Schaumbildung ist an manchen Stellen richtig massiv, und das seit Jahren. An den Flüsschen hier in der Gegend bin ich regelmäßig mit dem Hund unterwegs, der Hund trinkt und badet, ich stapfe barfuß da durch – da wüsst ich schon gern, was da zu meinen Füßen schäumt.

Ich wurde im Juni auch schnell zurückgerufen – es dauerte allerdings ein Weilchen, bis wir einen passenden Termin für drei Leute finden konnten (Mitarbeiter von der Gewässeraufsicht, Chemikerin sowie meine Wenigkeit zum gezielten Auffinden einer schäumenden Stelle).

Heute früh fand aber hochoffiziell und in meinem Beisein eine Wasserprobenentnahme aus der Schwechat und dem Neubach in Pellendorf statt. Die beiden sehr netten Herrschaften sind auch jetzt noch an den Flüssen unterwegs, um weitere Proben zu entnehmen.

Der ge- und befürchtete Demonstrationseffekt trat zum Glück nicht ein – ich konnte den Experten gleich an der ersten aufgesuchten Stelle auf Anhieb den Schaum zeigen, demzufolge stand ich freundlicherweise nicht da wie eine hysterische, übersensible Dramaqueen. Dem Gewässerschutzbeauftragten zufolge bin ich die einzige, die das jemals gemeldet hat, obwohl viele Leute hier in der Gegend den Fluss nutzen – zum Fischen, als Badegelegenheit für sich, ihre Kinder, ihre Hunde…

Bin schon sehr gespannt auf die Analyseergebnisse!

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Von Trauer und Traurigkeit

So viel los, so viel Arbeit, so viel junger Hund, so wenig Zeit. Immer wieder plötzlich ein wenig Blut an den Fingern, Fräulein Hund verliert ihre Milchzähne. Sie hat allerlei Ideen, was man zum Spielen benutzen könnte. Gestern hat sie einen Teppichrest auf tausend kleine Wuzerln zerlegt. In diesem Moment fischt sie ein Pflanzsubstrat-Steinchen aus einem meiner Blumentöpfe und kaut krachend darauf herum. Einer der unteren Reißzähne ist schon ganz locker, sitzt aber an der Basis noch fest im Zahnfleisch. Sie würde alles probieren. Den anderen unteren Reißzahn hat sie vorgestern ausgespuckt.

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Viel Spaß beim Suchen!

Sehr geehrter Herr 88.6 der Musiksender!

Gestern vormittag werde ich von einem eurer Mitarbeiter angerufen (Tom?), der behauptet, ich hätte mir bei euch einen bestimmten Song gewünscht (Mike & The Mechanics – All I need is a miracle). Ich teile ihm wahrheitsgemäß mit, das sei mir neu, und dass ich lediglich vor ein paar Wochen auf eurer Website das Ranking der besten 80er-Songs ausgefüllt habe. Das irritiert den Anrufer nicht im geringsten, stattdessen will er wissen, ob ich was dagegen hätte, wenn ihr ihn mir trotzdem spielt, diesen Song. Der ist nun aber wirklich nicht so selten im Radio zu hören, dass man verzweifelt, eigens und telefonisch jemanden überrumpeln müsste, der sich den dann wünscht. Weswegen ich ihm einen anderen 80er-Song vorschlage, der tatsächlich nie im Radio gespielt wird (Mike Oldfield – Pictures in the Dark).

Doch euer Redaktions-Tom beharrt darauf, dass ich mir den ungewünschten Song wünschen soll, und bittet mich obendrein freilich, für eine Aufzeichnung ein paar Worte über meinen vermeintlichen Wunsch zu sagen, der dann am Samstag erfüllt werde. Der Tom ist nett und jovial, und ich bin erst vor 10 Minuten aufgestanden und etwas wirr im Kopf, was ich ihm nicht verschweige – und was außerdem dazu führt, dass ich tatsächlich wie jeder beliebige Trottel das geforderte Sprücherl aufsage. Und auch noch weitere Fragen zu den 80ern im Allgemeinen und meiner – übrigens eher kargen – Erinnerung daran im Speziellen beantworte. Dass das gar nicht mein Wunsch ist und auch nie war, kommt dabei offenbar nur mir grotesk vor. Wenn ihr keine andere Musik spielen wollt als die, die ihr ohnehin bereits ausgesucht habt, und dann noch jemandem aufschwatzt, dass er sich die jetzt wünschen soll, dann hat sich die Bedeutung des Wortes „Hörerwunsch“ seit meinem letzten Hinschauen aber erstaunlich stark verändert.

Den restlichen Tag lang ärgere ich mich darüber, dass ich nicht ausgeschlafen genug war, euch die Meinung zu geigen. Die fehlende Irritation eures Tom lässt die Deutung zu, dass das nicht sein erster Überrumpelungsanruf in dieser Woche war. Die Methode mag euch ja ungemein pfiffig vorkommen, aber es ist nicht sonderlich redlich, die die Auskunftswilligkeit bei Online-Umfragen zu benutzen, um arglosen, unausgeschlafenen Hörern eine Stimmaufnahme für Un-Wünsche aus den Rippen zu leiern, nur um zu ein paar Einspielern zu kommen.

(Die, nebenbei bemerkt, sowieso kein Mensch im Radio hören will. „Ich bin die Nina, und ich höre Dingsbumsradio“? Man will ja auch nicht wissen, was fremde Leute sonst so tun, hören, kaufen. Oder essen. „I bin da Pepi aus Hernois, und ich tunk jedes einzelne Würschtel nur in Original Mautner Markhof Estragon-Senf aus der Silbertube!“ Will man das wissen? Nein. Allen Instagram-Essenspostings und TV-Werbespots zum Trotze, man will es eben nicht wissen! Auf einem Radiosender, den man sowieso schon hört, mit Werbung für ebenjenen Radiosender bestrahlt zu werden, kommt der Peinigung gleich, sich beim kika, wo man sich bereits höchstpersönlich und kaufwillig eingefunden hat, aus den Lautsprechern mit kika-Werbung beschallen lassen zu müssen. „Zefix, i bin ja eh scho da“, will man euch da zurufen, „oiso spüts wos Gscheits und lassts mi in Ruah.“)

Allzu scharfsinnig waren meine Statements zu den 80ern ohnehin nicht (siehe unter „noch nicht richtig wach“), da habt ihr bestimmt schon geistreichere eingesammelt – aber um die gehts mir gar nicht. Ich möchte jedoch nicht als methodisch erschlichener Hörerwunsch in eurer Sendung herhalten und widerrufe daher hiermit meine Zustimmung, dieses mein Un-Wunsch-Gsatzl auszustrahlen.

Beste Grüße,
Susanne Gritsch • https://etosha.weblog.co.at

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Morgen-Routine: Yuka

Wenn wir morgens am Blechl vorbei- und nach genossener Dreispurigkeit im Büro angekommen sind, kriege ich den ersten bis zehnten Schweißausbruch, weil ich zumeist mit Fotobox, Notebookrucksack, Mittagsjause und Handtasche bepackt bin und dieses Zeug in Original-Tropenluft die Stufen zu meinem Schreibtisch in der Library im ersten Stock hinaufkarren muss. Meine Kollegin Yuka ist dann meistens schon da und sitzt vor ihrem Rechner. Mein Standardsatz zu ihr lautet: „Is it just me, or is it hot today?“ Mitunter sage ich aber auch „or is it cold today“, wenn ich nicht schwitze, weil’s draußen schifft und stürmt. Dazwischen gibts eigentlich nix. Yuka kichert dann immer pflichtbewusst.

Yuka ist eine junge Japanerin und als solche recht zurückhaltend, wie die Kultur es vorgibt. Nur wenn’s außerhalb der Arbeit ein paar Biere gibt, verwandelt sie sich in das Gegenteil und ist dann eine sehr ausgelassene Person, die gerne im Regen tanzt und auch sonst sehr viel Spaß hat.

Ich habe sie in diversen beruflichen Situationen unterstützt und auch zum Widerstand aufgewiegelt, wenn sie sich zu sehr fügen wollte, beispielsweise in die unerträgliche Wohnsituation bei ihrer Gastfamilie, unter der sie sehr litt. Sie hat dann tatsächlich ihren Mund aufgemacht, und seither hat sie eine neue Gastfamilie, bei der sie sich sehr wohl fühlt. Sie geht in einem Jahr zurück nach Japan. Sie wird dort eine Revoluzzerin sein, die alles auf den Kopf stellt.

Wenn Yukas Telefon läutet, spricht sie meistens mit jemandem auf Japanisch. Meinem Kopf ist sehr wohl bewusst, dass das japanische „Hai“ die höfliche Version von „Ja“ ist, und sogar ihr „un“, die weniger hochgestochene Ja-Version, die eigentlich nur aus „n“ besteht, erkenne ich mittlerweile und weiß dann: Ah, ein Freund ruft an!

Trotz all dieser Bewusstheit: Wenn sie abhebt und als erstes „Ha-ai“ sagt, und danach wieder Hai, und nochmal Hai, und danach noch sehr oft Hai, dann denkt mein Hirn irgendwann: „Und, führst du dann irgendwann auch ein richtiges Gespräch, oder willst du den Anrufer nur begrüßen, bis er auflegt?“

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Da Blechl

Beim Aquarium angekommen, ist rechterhand vor der Aquariumseinfahrt eine Tankstelle mit Shop und eventuell mit kleiner Werkstatt (man weiß es nicht genau). Der Sprit ist dort am billigsten, und man kann auch seine Lunchbox dort erstehen oder Zigaretten. (Die von den Phillipinen sind die teuersten ($ 5,70 gegen $ 4,95 für die aus Australien), schmecken dafür aber auch am scheußlichsten). Man kriegt dort je nach Tagesangebot auch frische Kokosnüsse mit Strohhalm oder Bananen (ohne Strohhalm).

Als Name des Ladens steht dort in Blockbuchstaben BELECHL M-DOCK. Für uns ist er aber „da Blechl“, weil das gut zu einer Tankstelle eventuell mit kleiner Werkstatt (man weiß es nicht genau) besser passt. Nicht, dass einer glaubt, dass ich den Laden belächl.

Und hier kommt noch etwas – für meinen Bruder, der nämlich heute Geburtstag hat.

Das mag zwar nach Flaute aussehen, ist aber nur eine ganz normale Pause. ;) Boote unter Segel sieht man hier selten, weil die Inseln so nah beinandstehen.
Alles Gute, Bruderherz!

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Anders vs. Gleich

Wenn wir nach dem Bonusspur-Spießrutenlauf in die Aquariumsgasse einbiegen, ist auf der linken Straßenseite ein Minimarkt namens Yasui. Als Wegweiser vor seiner Einfahrt stand die letzten Monate ein unansehnliches Schild, aus dem noch dazu ein kantiges Loch ausgebrochen war.

Wie sehr man sich provinziell eingemeindet, selbst wenn man nur kurze Zeit im Ausland ist, wie sehr das Hirn all das ausblendet, was zwar wunderschön, aber leider auch stetig ist, und stattdessen den Veränderungen die bevorzugte Aufmerksamkeit gibt, merkte ich an meiner spontanen Aussage letzte Woche: „Schau, der Yasui hat ein neues Schild!“

Allerdings: Unsere Grünfläche vor dem Haus, die man nicht Rasen nennen kann – wenn die nach Wochen wieder mal vom Vermieter gemäht wurde, und zwar so, dass wieder nur armseliger Beton mit ebensolchen Pflanzenstrünken übrig bleibt, obwohl ich deutlich gemacht habe, dass ich das furchtbar finde, dann fällt mir das erst beim fünften Hinschauen auf. Warum ist das so?

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Die Bonusspur

Um zu unserem Guten-Morgen-Faktotum zu gelangen, müssen wir auf Korors Hauptstraße. Auf dieser Hauptstraße gibt es drei Spuren. Erstmal außen eine Spur für jede Fahrtrichtung, klar. Und dann gibt es die Mittelspur. Diese steht den Linksabbiegern zur Verfügung, und zwar jenen aus beiden Richtungen. Aber die Mittelspur kann noch mehr! Wenn es sich morgens staut (und das tut es zuverlässig, weil es eben nur diese eine Hauptstraße gibt und kaum Schleichwege rundherum), dann wird die Spur ab halb acht zur Bonusspur für die Fahrtrichtung Malakal. Das ist auch die Richtung, in die wir morgens fahren. Die „Vorzugsrichtung“ darf also zwei Spuren benutzen, die andere Richtung nur noch eine. Weiterlesen