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Resonanz

Ergänzend zum vorigen Artikel möchte ich hier ein Thema und einen Podcast empfehlen.

Zur Resonanz kommt es, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet. (Hartmut Rosa)

In unserer „Welt in Reichweite“, in der alles auf Knopfdruck funktionieren muss, geliefert werden muss, alles immer prompter verfügbar gemacht wird und sein muss, entwickeln wir auch einen dazupassenden, recht aggressiven Anspruch auf Sofort, Gezielt und Wie-Gewünscht – und damit auch auf Geplant. Verfügbarmachung, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Wir verplanen uns damit auch selbst.

Wir sind weniger offen für das und erleben immer weniger von dem, was uns doch die Welt um uns in der lebendigsten Art spüren lässt: die spontanen Geschenke des Lebens, die wir nicht bestellt haben – und die sich auch nicht bestellen lassen: Eine Begegnung in der Natur. Ein freundlicher Blick. Oder auch eine überraschende Eingebung. Das, was passieren muss, damit die erwähnte Resonanz entsteht. Eine Resonanz in unseren tiefsten inneren Schichten, nach der sich wohl viele sehen, die Konsum aber nicht erzeugen kann. Seelen-Nahrung!

Dafür braucht man nicht nur die nötige Aufmerksamkeit und Geduld, und ein etwas demütigeres Mindset als für die mittlerweile entstandene, erpichte Attitüde „sofortige Verfügbarkeit“. Sondern auch offene Zeit, die nicht bereits durch Vorausgeplantes, Vorbestelltes belegt ist. Die Bereitschaft, Zeit und Welt auf sich zukommen und wirken zu lassen – und sich darauf einzulassen. Manche brauchen mittlerweile sogar jemanden, der sie dorthin mitnimmt, weil sie selbst gar keinen Zugang mehr haben.

Mit unserer Verfügbarmachung der Welt geht uns also unsere eigene Verfügbarkeit (ha!) für diesen Zustand, das Geschehen dieser Resonanz flöten.

Die sehr anregenden und weitreichenden Überlegungen dazu hat Alexandra Tabor in diesem Podcast wunderbar ausgebreitet:
„In trockenen Büchern – Unverfügbarkeit“ – anhand des Essays „Unverfügbarkeit“ von Hartmut Rosa.

Alexandra Tabor sagt in diesem Podcast:

… dass sich durch die neuen Möglichkeiten des Verfügbarmachens unsere Haltung, unsere Beziehung zur Welt stark verändert hat. Es macht einen Unterschied, ob ich alles, was nicht in den Plan oder ins gesellschaftlich erwünschte Schema passt, sofort beseitigen will, oder ob ich versuche, auf etwas, das sich querstellt, zu hören und zu antworten.

Um nun diesen roten Faden mit meinem vorigen Artikel zu verknüpfen:
Die beschriebene Attitüde, die Veränderung des Selbst durch die Anziehungskraft der allzu konsum- und planungsfreudigen Gegenwart, zieht uns nach außerhalb von uns selbst, und sie suggeriert obendrein durch ihre Verfügbarkeit wohl auch den leichteren Zugang. Leichteren Zugang als zu uns selbst.
Dazu passt auch der selbst-entfremdende Impuls, Gefühle wegzuschieben und sich nichtmal mehr auf das, was in uns selbst vorgeht, spontan einlassen zu können/wollen, selbst wenn uns das so viel weiter bringen könnte als der nächste „Jetzt bestellen“-Button.

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Das tut nix, es ist nur ein Gefühl!

Sinnvolles Bewältigen von großen Emotionen ist, sie wahrzunehmen, bei ihnen zu sein, sie zu spüren, zu trösten, zu umarmen, zu akzeptieren, sie nicht alleinzulassen – und damit sich selbst nicht alleinzulassen.

Reinspüren. Aufspüren. „Ich hör dich. Ich seh dich. Ich bin da. Ich bleibe da, auch wenn’s schwierig wird. Es ist ok. Woher kommst du? Seit wann bist du da? Was willst du mir erzählen?“
Dortbleiben. Seine eigene Beschwichtigerin, Trösterin, Mama sein. Zuhören. Fokussiert. Zugewandt. Erzählen lassen. Tränen zulassen. So lange, bis das Gefühl angenommen ist.
Immer wieder.
Reflektiertes Bewältigen bedeutet, sich zu akzeptieren.
Sich selbst auszuhalten.

Dagegen ist sofort ausagieren, wüten, Schuld zuweisen müssen keine Bewältigung, sondern Verdrängung.
Dass andere das nicht gutheißen werden, versteht sich eigentlich von selbst. Vor allem welche, die für sich selbst bereits die Verantwortung übernommen haben.

Wozu bewältigen?
❥ Um die eigenen Gefühle wiederzuerkennen, zuzuordnen, zu benennen, aushaltbar zu machen.
❥ Um mit sich eine Verbindung einzugehen und verbunden zu bleiben, egal, was außen passiert.
❥ Um Blockaden zu lösen und sich weiterzubewegen, emotional und körperlich.
❥ Merken, wann man Ruhe braucht, bevor es zum Overload kommt. Spüren, wann man mit seinem Gefühl genug bei den anderen war und wieder zu sich selbst und seinen Quellen zurückmuss, um Energie zu tanken und alles in Ruhe einzuordnen. (Auch und gerade für Hochsensible)
❥ Um sich weniger alleingelassen zu fühlen, denn dieses Gefühl wird man so lange im Außen wiederfinden, wie man es innerlich mit sich herumträgt.
❥ Um nicht dem Auslöser die Schuld zuzuschieben, weil er jedesmal wieder mit dem wahren Ursprung verwechselt wird.

Manche glauben ja, mit dem Wissen um eine alte Verletzung wäre sie auch gleich gelöst. Aber da beginnt die Arbeit erst. Sich selbst und seine Gefühle zu kennen bedeutet freilich auch, leichteren Zugang zu finden, neue Situationen schneller einordnen zu können, denn unsere Gefühle sind ein Fortsetzungsroman. Der Effekt „ich erkenne das wieder“ mag ähnlich klingen wie der rein intellektuelle Irrglaube „bewusst = gelöst“ – ist aber doch etwas völlig anderes. Es gibt keine Umleitung über den Intellekt. Nur wer die Gefühle der ersten Folge kennt, bewältigt sie auch bei der Fortsetzung leichter.

Leider wird den wenigsten von uns zeitgerecht beigebracht, wie das geht – bei sich sein. Für sich verantwortlich sein. Negative Gefühle ok finden, aushalten, bewältigen.
Gefühlsabwehr ist die unwürdige, aber am meisten verbreitete Ersatzstrategie. Panisches Wegschieben jedes Unwohlfühlens und schwerpunktmäßige Übertünchung der dunklen Farbe mit rosaroter Feelgood-Ablenkung: Wellness, Arbeit, Alkohol, Serien und Schoki. Die dunkle Farbe kommt aber wieder durch. Die Mauer an unbewältigtem Gefühl wird so immer dünkler.

Dem modernen Imperativ der Masse nachzugeben, was zu erleben, den Tag zu nutzen oder auch etwas zu leisten, ist eine artverwandte und gern genommene Ausweichroute, aber selten gleichbedeutend mit „mir selbst gut tun“. Man nimmt damit nur das enthaltene, verführerische Angebot an: „Solange muss ich nicht dort hinschauen, wo es wehtut“. Und: Wenn ich fertig bin, ist es vielleicht weg.

ES ist nie weg. Es löst sich nicht einfach auf. Es zieht in die Mauer ein, zu dem übrigen Dunkel, und verstärkt dort die Instabilität. Bis sie irgendwann kollabiert.

Viele haben Panik vor negativen Gefühlen und finden’s gefährlich, etwas zu spüren, müssen das Gefühl umgehend verscheuchen, irgendwie agieren, andere mit hineinziehen – Hauptsache ganz schnell wieder super fühlen, zurück zur gesellschaftlich oktroyierten Default-Einstellung „Happy“, ohne Rücksicht auf Verluste. Und empfehlen dieses Vorgehen auch anderen, wollen mit deren Gefühlen nicht in Berührung kommen, weil sie dabei ihre eigenen spüren müssten.

Dabei geht im besten Fall die Verbindung zu sich selbst flöten, im schlechtesten geht viel kaputt, innen wie außen.

Auch „Mein Geist ist stets Herr über meine Emotionen“ ist ein nachvollziehbarer Wunsch, aber eben nur Wunschdenken. Je weniger Verbindung zum eigenen Gefühl, desto unbewusster sind uns die Auslöser des eigenen Handelns. Dabei entsteht leicht die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben, eine Zeit lang. Und währenddessen suchen wir weiter im Außen, woran es uns innen mangelt: Verständnis. Verbindung. Bedindungslosigkeit.

Es ist aber nicht die Aufgabe des Außen, unsere Gefühle für uns zu bewältigen oder jedes unreflektiert ausagierte Gefühl bedingungslos zu akzeptieren. Wer das glaubt, hat Liebe missverstanden.

Manche glauben wohl auch, man wäre leichter manipulierbar, wenn man „zu viel“ spürt. Wenn man Mitgefühl hat. Aber Mitgefühl ist nicht gleich Mit-Leid und schon gar nicht (unverdiente) Zuwendung. Etwas zu spüren ist noch keine Handlung. Es ist erstmal nur ein Gefühl. Eine Wahrnehmung, die unsere anderen komplettiert. Nur wer gewohnheitsmäßig jedes ungute Gefühl sofort wegschiebt, nimmt auch nicht wahr, wenn etwas nicht stimmt.

Es ist gefährlich, sich nicht zu spüren. Sich nicht zu kennen. Diese klare Verbindung zu sich nicht zu haben, die auch vor Manipulation warnt und mit kritischem Denken sehr gut Hand in Hand arbeitet – und nicht etwa dagegen.
Es ist im Übrigen gar nicht nötig, sich zu jeder Angelegenheit oder jedem Menschen rigoros schwarz oder weiß zu positionieren. Man kann Nuancen von Grau und Bunt wahrnehmen dürfen und dennoch ganz bei sich selbst bleiben.

Es ist deshalb gefährlich, weil Verdrängung nicht ewig funktioniert. Letztlich bekommt man alles auf einmal zu spüren, seelisch und auch als körperliche Manifestationen – dann aber schwerer bewältigbar. Oder gar nicht.

Wer sich selbst aushält, für sich verantwortlich ist und mit sich verbunden bleibt, kann sich auch mit anderen verbinden, dauerhaft, beiderseits zuträglich, fair und ohne Zuteilung unangemessener Verantwortlichkeit oder Schuld. Und das ist es, was die meisten von uns ihr Leben lang suchen, erhoffen und ersehnen – eine echte, schöne, tiefe Verbindung zu (einem) anderen Menschen.

Man kann diese Bewältigung mit sich allein machen oder mit professioneller Begleitung. Letzteres ist vor allem ratsam, wenn man dazu neigt, Gefühle im Verstand zu analysieren statt sie zu spüren, und das für Bewältigung zu halten. Damit meine ich nicht, dass Analysen wertlos wären. Aber Gefühlsanalysen sind keine wahrgenommenen Gefühle.

Auch um es zu erlernen und dabeizubleiben, kann Begleitung helfen. Mitgefühl zu spüren ist natürlich wichtig, Trost von außen heilsam und manchmal in akuten Situationen auch unersetzlich. Letztlich ist aber das Ziel, sich selbst diese Begleitung zu werden und zu sein.

Wichtig ist: Machen! Spüren. Mit sich verbunden sein.
Entspannter sein. Grenzen neu setzen. Besser leben. :)
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~ Siehe dazu auch meinen nächsten Eintrag „Resonanz“ – mit Podcast-Empfehlung!
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~ Für J. und alle, die es gerade brauchen können.

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Süße Ernte

Gedacht sei ein exquisiter Mango-Club, der keinen finanziellen Beitrag verlangt, sondern einen persönlichen. Weil dieser Club nur dann funktioniert, wenn alle ihren Anteil leisten: Baumpflege, Gießen, Unwetterfolgen beseitigen, Schädlinge bekämpfen, Ernte, Schutz vor Frost.

Die Mangos sind mit Abstand die besten im Lande. Und sie sind nicht käuflich, sie werden nur unter den Mitgliedern verteilt.

Du willst unbedingt dort Mitglied sein, kannst aber diesen persönlichen Beitrag nicht oder zu wenig leisten. Weil man dich sehr mag, ruft man dich oft an, schreibt dir, lädt dich ein, und fordert dich schließlich zur Mithilfe auf. Du versprichst, in Zukunft deinen Beitrag zu erbringen, aber bei den nächsten paar Gelegenheiten hilfst du jedesmal ein bisschen weniger dort mit und schließlich gar nicht mehr.

Wenn du dann kommst und „deinen Anteil“ an Mangos abholen willst und dort argumentierst, dass du ja auch einen Job zu machen hast, einen anderen Verein und eine Ehe zu führen, und dass man das ja auch verstehen muss, dann wird man dir dort sagen:

„Es sind deine Entscheidungen, die zu deinen Umständen führen. Dafür, wie du deine anderen Verpflichtungen verteilst, liegt weder die Verantwortung noch die Entscheidung bei uns. Deine Prioritäten musst du selber setzen. Wenn du dabei sein willst, dann gibt es dafür Regeln: Es muss dir wichtig genug sein, damit du den Beitrag hier auch leisten kannst und willst. Nur dann kannst nur deinen gesamten Anteil an Früchten mitnehmen. Die Pflege der Bäume aber ist keine Regel – sie ist eine Notwendigkeit.“

Würdest du dem Club vorwerfen, das wäre unfair, und er hätte dir alle Mangos geben müssen? Oder ihm vorhalten, du hättest soeben deine Ehe für ihn aufgegeben, und er hätte dir doch daher aus Dankbarkeit Mangos anbieten müssen?
Wohl nicht. Das wäre ein absurder Anspruch.

All das würde wohl erst recht gelten, wenn der gedachte Verein nur aus zwei Leuten bestünde.
Wenn dir die Arbeit an Mangobäumen, die Bedingung für eine gute Ernte ist, gar keine Freude macht, dann solltest du deinen Wunsch nach der Mitgliedschaft in diesem exquisiten Club hinterfragen.

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Der Feminist, das unbekannte Wesen

Zur Spiegel-Kolumne „Wie kann ich als Mann Feminist sein?“ von Margarete Stokowski möchte ich ein paar Punkte hinzufügen.

(Via Twitter gefunden -> Hier hab ich Platz, hier darf ich schreibm. :)

Zur Frage „Warum sollte ich überhaupt einer sein wollen?“ eine provokative Überlegung retour: „Die wollen mir doch meine Rechte als Mann wegnehmen!“
-> Hm, bedeutet das nicht auch: „Fairness ist mir unwichtig, solange ich meine Rechte behalte“? Zu welcher Art Mensch würde Sie so ein Gedanke machen? Aus meiner Sicht jedenfalls zu einem, der sich, wenns mal in die andere Richtung unfair wird, auch nicht beschweren dürfte.
Ernsthaft, ich hab dazu schon so viel in der Schublade, hadere aber leider wie so oft mit mir wegen der Länge, in die ich so gerne gehe – und das nur, um in meinen eigenen Worten große Hintergründe zu beleuchten, die jede:r ernsthaft Interessierte mittlerweile genausogut oder besser anderswo nachlesen kann. Unter anderem in den Artikeln, die in der oben zitierten Kolumne verlinkt sind – darum: Lesebefehl auch für diese Artikel.
Ganz unten beleuchte ich aber noch ein paar Quadratzentimeter der Bestrebungen von Feminismus, und dass da auch Männerrechte ein großes Thema sind (woah!).

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Leistungskult

Ich hatte in letzter Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten den Leistungsgedanken auf dem Tisch. Wurde unter anderem gefragt, was daran so problematisch sein soll. Und: „Wenn ich jeden (Mitarbeiter) uneingeschränkt für sein Da-Sein wertschätze, unabhängig von seiner Leistung – wer soll dann die Arbeit machen?“

Niemand wird bestreiten, dass es Sinn ergibt, in jener Umgebung Leistung als Wertmaßstab anzulegen, in der es um Leistung geht – in der Wirtschaft. Doch selbst da wird unfair umgesprungen mit den Begrifflichkeiten. In unseren Breiten ist mit „Leistungsträger“ nur derjenige gemeint, der viel Geld verdient und daher „stark ist“, weil er ja „trägt“ – wohingegen all jene, die „nur“ viel leisten, aber wenig verdienen, in dieser Deutung schonmal durch den Rost fallen. Kein Träger, nicht stark, keine Leistung.

Womöglich muss man sich sogar fragen, ob der Kampf um gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, den Feministinnen seit Jahrzehnten führen, nicht ein aussichtsloses Kämpfen ist um einen Wert innerhalb eines Wertesystems, das von der privilegierten Gruppe geschaffen wurde, um genau solche Wertunterschiede herauszuarbeiten. Die Rechnung würde dann gar nicht aufgehen können, weil jedes Berufsfeld, das von Frauen erobert werden kann, als Antwort auch abgewertet werden kann.
Aber abseits von Frauen und Männern: die Wahrscheinlichkeit des sozialen Aufstiegs steigt generell mit den initial vorhandenen Privilegien. Es ist nicht für jede(n) Dahergelaufene(n) so, dass Leistung und Fleiß sich automatisch auch auszahlen.

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Handgemenge

Ich wurde gestern gefragt, warum die „linke“ Twitter-Bubble hierzulande sich intern derzeit so zerrauft, warum darin so viel Aggression und Streit herrscht. Ich habe erklärt, was ich für den Grund halte, und wurde daraufhin eindringlich gebeten, das zu bloggen. Also blogge ich es.

Es geht dabei nicht nur um Social Media, sondern um eine Gesellschaft. Twitter-Bubble kann hier stellvertretend für alle kleinen und größeren Gruppen stehen, schätze ich. Familien, Freundeskreise, Arbeitsgruppen, Vereine, vielleicht sogar Parteien… Die Wege sind dann vielleicht andere, das Prinzip bleibt vermutlich gleich.

Mich mit dem, was zu fremd ist und mich zornig macht, weiter abzugeben, kostet mich auf Dauer zu viel Zeit, Kraft und Nerven. -> Schotten dicht.
Die erste Auftrennung in Richtig und Falsch ist damit schonmal geglückt – wir verschließen unsere Bubble-Grenzen: Alles, was extrem rechts ist und hetzt oder provoziert, Grenzen verletzt, entwürdigend beleidigt und unverhältnismäßig attackiert, wird geblockt. Legitim, denn meine Bubble suche ich mir immer noch selber aus, auf Social Media ebenso wie im echten (Privat-)Leben.

Oft wird davor noch „diskutiert“ bzw „zurückgeschlagen“ – mit harten Bandagen, weil jeder weiß, dass mit ExtremRechts nur schwer zu diskutieren ist: Affekte wie Sorge und Angst werden da dreist zu politischen Argumenten aufgebläht, Menschenverachtung und Übergriffigkeit als freie Meinung kostümiert und die Aggression daraus unreflektiert auf gruppierte Ziele entladen. Man gewöhnt sich schnell an, darauf – wenn überhaupt – nur sehr harten Konter zu geben.

Völlig dicht ist die Bubble ja nie. Die Attacken gehen weiter, wenn auch aus anderer Richtung. Die zornige, aggressive oder oft auch hilflose Energie aus den übrigen Interaktionen brodelt in uns weiter – und wird entsprechend kommentiert. Sie wird damit ständig in die Bubble importiert und schließlich auf deren Mitglieder projiziert. Ausagiert wird all das innerhalb der weitgehend abgeschotteten Bubble. Grenzüberschreitungen und Methoden* aus dem Umgang mit ExtremRechts werden dabei mitunter 1:1 für Zwiste innerhalb der Bubble übernommen. Und der angewöhnte harte Konter lässt einen womöglich in der nächsten Diskussion mit einem Bekannten vergessen, wen man vor sich hat.
*Etwa „Anprangerungen“ wie Nonmentions und Screenshots statt Tweets mit Link, auf die der Gemeinte auch reagieren könnte.

Kurz gesagt, „friendly fire“ wird allzu unbedacht eröffnet, und Zack! Alles zersplittert. Und wie soll eine zersplitterte Gesellschaftsgruppe gemeinsamen Widerstand leisten?

Die linken Fraktionen fahren oft kein vehementes Programm, eines mit eigener Sprache und eigenen Werten, das sich Raum verschaffen würde, sondern liefern nur Kritik oder gar segmentweise Anbiederung an rechte Standpunkte – sie, die es doch besser wissen müssten und sowas beherrschen sollten! Daran stören wir uns!

Und wir schaffens im Kleinen genausowenig. Warum? Weil wir tagtäglich fremdes Gift von Außerhalb mit „nach Hause“ bringen, einerseits die fremdinitiierte Aggression, andererseits die fremden Denkmuster, an denen wir unsere Kritik festmachen – und mit der wir diese Denkmuster weiter verstärken!

Denn auch die toxischen, fremden Inhalte werden in die Bubble importiert – in Form von Zitaten, „Einzelfällen“, „Entgleisungen“, Artikeln, Schlagzeilen und deren Interpretationen.
Wie im letzten Blog-Eintrag ausgeführt, beeinflusst das ständige Wiederholen von vorgefertigten Deutungsrahmen/Frames* sowohl die Ausprägungen unserer neuronalen Netze als auch in weiterer Folge unsere schiere Wahrnehmung der Wirklichkeit! Wir nehmen buchstäblich die Wirklichkeit gefiltert wahr, gefiltert nach Rahmen und etablierten Denkmustern. Welche sich etablieren, bestimmt die Wiederholung. Welche Filter wirken dürfen, bestimmt nicht das logische Nachdenken!

Jeder kennt die beinah sprichwörtliche Aufforderung, jetzt nicht an einen rosa Elefanten zu denken, und weiß, wie wenig sie funktioniert. Auch Frames werden auf diese Weise im Hirn aktiviert – durch ihre schlichte Erwähnung. Da hilft kein „nicht“ und kein „kein“ davor, eine Negierung – wie stark sie auch immer sein mag – ist nicht in der Lage, die Aktivierung eines Frames zu verhindern. Daraus folgt: Selbst wenn wir eine Aussage empört wiederholen, verstärken wir damit die erleichterte Aufnahme der kritisierten Kacke in die Gehirne aller! Durch unsere Wiederholung und damit Aktivierung des abgelehnten Denkmusters in unserem eigenen Gehirn und in dem der Leser findet das Muster ganz von selber seinen Weg in die Normalität.
* Willkürliche Zusammenhänge, sprachliche Umdeutungen, Herabwürdigungen, absichtlich auf weitverbreitete Assoziationsketten abzielende Begriffe, insgesamt: Denkmuster.

Und nein, dagegen ist niemand immun. Du nicht. Und ich auch nicht. Auch politische Experten nicht.
Es ist uns auch ein bisschen peinlich, dass man (mithilfe von simplem „Priming“ zB) mit unseren Hirnen einfach so Sachen machen kann, ohne dass wir es wollen. Diese Mechanismen zu ignorieren und uns selbst eine freie Wahl der Denkmuster zu bescheinigen, ist weitaus leichter, als diesen Mechanismen ins Gesicht zu sehen. Das ist menschlich! Aber es muss uns zu allererst bewusst werden, dass jeder Pfad, der in unseren Gehirnen ausgeleuchtet und weiter ausgetreten wird – i.e.: unser Denken – extrem von außen beeinflusst ist, mit jedem Wort und jedem Satz, den wir hören und lesen. Und damit auch jeder Satz, den wir daraufhin ausspucken. Wenn wir das nicht (an)erkennen und unser Sprach- und Schreibverhalten danach drastisch verändern, fungieren wir als Multiplikatoren der anderen Seite, statt uns eindeutig zu positionieren. Und wir merken es noch nichtmal.
(Bitte lest dazu (nochmal) die ersten paar Kapitel von „Politisches Framing“! Bitte!)

Zur lösungsorientierten Überlegung trägt ein Gedanke wesentlich bei: Man erhält Antwort auf das, was man fragt. Im Vergleich zur Frage „Warum?“ erhält man die besseren Antworten auf die Frage: „Was?“
Was kann da helfen? Was kann ich selber tun? Was können wir dann gemeinsam tun?

Ich werfe mal ein bisschen was in die Runde: Erstmal Bewusstmachung!
Reflexion – Hinterfragen des eigenen Empfindens und Handelns. Selbstkritik. Affektkontrolle.
Wo kommt das her? Welchem Denkmuster entspringt es? Ist es eines, das ich transportieren und verstärken will? Wie verleihe ich mir am besten Ausdruck? Und wie nicht?
Zeitlicher Idealpunkt dafür: Vor der Interaktion mit anderen. Vor dem Abschicken eines Tweets, einer Reply, eines Mails.
Input-Management: Wie viel meiner Zeit und Aufmerksamkeit widme ich fremden Denkmustern, die ich mir freiwillig oder unfreiwillig täglich reinziehe? Wo liegen meine Grenzen? Was funktioniert am besten als Ausgleich?

Und auch: Wieder öfter das verstärken, was Aufmerksamkeit verdient hat.
Es ist ein alter Hut: Es gibt keine „schlechte Publicity“ – es gibt nur Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit oder eben keine Aufmerksamkeit. Freilich kann man nicht alles, was einem nicht passt, totschweigen. Aber auch nicht alles davon muss hervorgezerrt und kommentiert werden. Nicht, während wir immer noch zu wenig von dem dagegenstellen, was für uns tatsächlich von Wert ist.

Es liegt nicht daran, dass wir keine gute Streitkultur hätten. Es liegt daran, dass wir dem Wind, der uns zerzaust, ungeschützt ausgesetzt sind, ohne dass es uns überhaupt bewusst wird, und dass wir dagegen noch keine guten Strategien haben. Also tun wir weiter so, als wären wir unzerzausbar, während wir schon aussehen wie ein Mopp, mit dem man auch gut in die Ecken kommt. :)

-`ღ´–`ღ´–`ღ´–`ღ´–`ღ´-

Ich kann dazu gern noch weiter differenzieren und ins Detail gehen. Denn auch wenn es so wirken mag – ich meine es nicht schwarz-weiß. Es wird aber vielleicht schwarz-weiß interpretiert, weil alles derzeit gern schwarz-weiß interpretiert wird.

Allerdings war ich gestern in diesem Gespräch, das sich noch am Parkplatz fortsetzte, schon erstaunt von dem Statement: „Ich hab das so noch nirgends gelesen! Das müssten alle hören, schreib das!“. Sogar eine anonyme Zuhörerin hat sich aus dem Dickicht immer näher an das Gespräch herangepirscht und uns schließlich nach dem konkreten Anlass und mich nach dem Blog-Link gefragt.

Meine Einträge neigen bekanntlich aber ohnehin zu überbordender Länge. :) Also schick ich’s einfach mal so raus und schaue, ob das vorhergesagte Interesse tatsächlich eintritt – und auf welche Komponente(n) es sich richtet. Bitte sehr gern in die Kommentare damit! Auch Twitter-Kommentar, Twitter-DM oder E-Mail (etosha ÄT weblog.co.at) geht natürlich. Merci! <3

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Nein? Arschloch.

Macht einen Nein-Sagen gleich zum Arschloch?
Eine eingehende Sichtung von Nettigkeit und Nachgiebigkeit, von Grenzsetzung und Gefühlsabwehr.

Ich hab „Widerworte“ gelesen, die „Emanzen-Kolumne“ auf kupf.at von Jelena Gučanin, die sich darin auf die Psychologin Jacqui Marson bezieht. Sie richtet sich gegen anerzogenes Nett-Sein und plädiert für häufigeres Nein-Sagen.
Titel: „Mehr Arschlochfrauen“.

„Das Ideal der netten Frau verneint ihren Selbstwert, ihre Würde, ihre Intelligenz und ihre Selbstliebe. Denn die Botschaft ist: Frauen sind da, um anderen zu gefallen.“

schreibt Jelena Gučanin in der Kolumne.
Und das stimmt völlig.
Und es kann weg.

Was in dem Artikel als Arschloch-Verhalten gedeutet wird, ist jedoch nichts weiter als gesunde Grenzsetzung, legitime Abgrenzung und faire Verteilung der Verantwortlichkeiten, was wohl viele Frauen rein deshalb schon als Arschlochsein abnicken, weil ihnen ein faires 50:50 konsequent aberzogen wurde.

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Teilen: Leben, Weisheit, Meinung

Heute werde ich nicht den Staub meiner grenzenlosen Weisheit über eure Hirne und Herzen pusten.
Heute möchte ich subjektive Meinung lesen. Eure!

Meine Frage lautet:
Wie teilt man ein Leben miteinander?

Was sind für euch die wesentlichen Aspekte dabei? Wie bezieht man den anderen mit ein? Wie hält man einander auf dem Laufenden? Und worüber – was wollt ihr erfahren, und was nicht unbedingt? Oder anders: Was teilt ihr mit, was behaltet ihr für euch?
Verliert man den Kontakt leichter, wenn man nicht zusammen wohnt oder sich selten sieht? Wie bietet ihr eure Hilfe an, und wie oft bittet ihr selbst direkt um Hilfe?
Wie verschafft ihr euch Alleinzeit? Wie erhält man die gegenseitige Wertschätzung aufrecht?
Worauf kommt’s eurer Meinung nach an?

Es geht natürlich um Partnerschaft, aber nicht nur. Auch um Freundschaften, letztlich um jede ernstgemeinte Teilnahme am Leben anderer – und um die Einladung anderer in euer eigenes Leben. Meine Fragen sind nicht als strenger Rahmen zu verstehen, nur als Anregung.

Natürlich hab ich dazu eigene Überlegungen. Aber mich interessiert, wie ihr das seht und handhabt – und statt erstmal Output zu liefern und dann zu schauen, was kommt, bitte ich heute mal ganz dreist um Input.
(Darf von BloggerkollegInnEn auch gerne als Stöckchen mitgenommen werden – bitte um Trackback.)

Danke für eure Mühe!

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Von Hirnen und Menschen (3)

8. WEM DER SCHUH PASST…

Die Verhaltens- und Denkweisen in diesem Video mögen recht verbreitet sein, und es finden sich offenbar auch viele darin wieder. Die Menschen lachen. Das ist gut. Vereinzelt sieht man im Publikum aber auch welche, die sich ohne ein Lächeln etwas verloren am Kopf kratzen.
Gar nicht mehr lustig ist es, wenn die Bestätigung dieser Verhaltensweisen dazu führt, dass sie alternativlos bleiben und in jeder Beziehungssituation angewendet werden mit der fundamentalen Begründung „isso“. Auch dann, wenn sie sich auf die Beziehung ungünstig oder sogar zerstörerisch auswirken.

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Von Hirnen und Menschen (2)

7. EXKURS: WAS DAS PATRIARCHAT MIT DEN MÄNNERN MACHT
(Teil eines noch ausführlicheren Textes, den ich schon sehr lange in Arbeit habe. Ich versuche hier, zusammenzufassen bzw. nur einen Teilbereich davon zu beleuchten.)

Reden wär schön. Nicht nur, weil das Teilen von innersten Geheimnissen für die Nähe in einer Beziehung so wichtig ist. Nicht nur, weil diese Frau mit dem so andersartigen Gehirn sich das eben wünscht, weil sie dieses innere Bedürfnis nach vertrauensvollen Momenten und Intimität spürt – und sich beim Stillen dieses Bedürfnisses nicht auf die rein körperlich-sexuelle Ebene beschränken (lassen) will.

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