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Kritisches Denken

Dieser Artikel ist Teil 4 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

Im Zusammenhang mit Verschwörungsmythen (VeMy) behaupten deren Anhänger gerne, sie würden eben “kritisch denken”, “nicht alles glauben” und sich der “Indoktrinierung von oben” widersetzen.
Was ist Kritisches Denken – und was nicht?

Historisch
Die grundlegende Notwendigkeit, das menschliche Denken zu strukturieren, zu schulen und dafür Kriterien und kritische Fragen zu etablieren, begann in der Philosophie der Antike mit den Logikern Sokrates und Platon – nicht zuletzt aus dem Anliegen, sich effektiver gegen unfaire Rhetorik zur Wehr setzen zu können, die nur ihre eigenen Interessen kennt und dabei vorgibt, “logisch” zu sein.

Die Grundprizipien haben sich gehalten, über weitere unzählige Denkapparate wie den von Aristoteles, Thomas von Aquin, Erasmus, Kepler, Newton, über die von Ockham, Luther, Francis Bacon, quer durch die DenkerInnen der europäischen Aufklärung, über Kant bis hin zu Darwin, Freud und Marx. Die Prinzipien wurden von ihnen und zahllosen weiteren Hirnen unterschiedlicher Disziplinen angewandt, hinterfragt und damit weiter verfeinert und komplettiert.

Daraus hat sich ein unabhängiges, selbstkontrollierendes Kritisches Denken (KD) entwickelt, das sich an intellektuellen Normen misst und das objektiven, zwingenden Kriterien folgt, mit festen Regeln und Qualitätsmerkmalen.

Die vollständigen Kriterien kann man sehr gut im Netz nachlesen, und auch die Eigenheiten von Verschwörungsmythen haben kluge Menschen zusammengefasst: Quellennachweise und Links zu Artikeln und Handbüchern finden sich allesamt am Ende dieses Artikels.

Definition
Als ideale Grundlage für Bildung und Forschung ist KD eine etablierte und dennoch unabhängige Kontrollinstanz für eigene und fremde Thesen:

Nach Peter Facione [1 CT] umfasst KD die “bewusste, selbstregulative Urteilsbildung, die Interpretation, Analyse, Bewertung und Schlussfolgerung beinhaltet”. Wichtig dafür ist vor allem die Fähigkeit, selbstständig und ohne Kognitive Verzerrung (bias) nachzuforschen, also ohne (u.a.) Informationen zu bevorzugen, die der eigenen Meinung entsprechen (confirmation bias), und ohne Gegenpositionen abzuwerten (myside bias). [2 Wi]

Kritisches Denken passiert also nicht, indem man einfach behauptet, man würde es betreiben. Es bedeutet auch nicht, gegen alles zu sein oder andere Standpunkte aus Prinzip zu kritisieren. Es ist eine geistige Fähigkeit, die man in all ihren Facetten erlernen muss, damit sie zur geistigen Angewohnheit wird.

Selbst eine Person, die gute Kenntnisse in KD hat, wird nicht als gute:r kritische:r Denker:in angesehen werden, wenn sie diese Kenntnisse nicht auch entsprechend anwendet. [1 CT]

Kritische Denker:innen hinterfragen Aussagen, Folgerungen und Standpunkte. Sie streben danach, sich klar, zutreffend, exakt und relevant auszudrücken. Sie schürfen in die Tiefe, gehen logisch vor und bleiben fair. [3 KD]

Wenn wir kritisch denken, bedeutet das, wir werden zu wachsamen Hütern und Hüterinnen der Qualität unseres eigenen Denkens. [4 GR]

Nicht zuletzt flossen in das KD auch die tiefenpsychologischen Erkenntnisse mit ein, wie gern der menschliche Geist sich selbst täuscht, von Vorurteilen geleitet projiziert, vorschnell leugnet und Sündenböcke verantwortlich macht [3 KD], statt sich einem längeren Denkprozess zu widmen, der in seinem Ausgang offener ist.

Auch Akademiker glauben an VeMy! Nein!? Doch! Oh!!
Oft berichtet man uns ganz überrascht, dass VeMy keine Frage der (mangelnden) Bildung seien, weil “auch viele Akademiker:innen” unter den Gläubigen sein sollen. Daraus folgt allerdings nicht, dass an den VeMy doch irgendwas dran sein müsste, denn auch Akademiker:innen sind nicht von Natur aus frei von Denkfehlern.

Freilich sollten Akademiker:innen einst gelernt haben, was KD ist, welche strengen Kriterien dabei einzuhalten sind, und wie man sicherstellt, dass die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen und Denkfehler die Argumente oder Ergebnisse von Denkvorgängen nicht beeinträchtigen.
Aber je nach Studienrichtung werden diese Kriterien sicherlich unterschiedlich intensiv behandelt. Und je nach psychischer Schwierigkeit der Lebenssituation werden sie nur jenen zuverlässig zur Verfügung stehen, denen sie schon vorher in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Es ist also eine Frage des geschulten und geübten Intellekts.

Und: Bildung und Intellekt lassen die Bedürftigkeit einer Psyche ja nicht einfach verschwinden.
Vielleicht sogar im Gegenteil – manch studierter Mensch hatte wenig Gelegenheit, sich mit seinen inneren Vorgängen auseinanderzusetzen. Und vielleicht auch wenig Drang dazu, denn wie erwähnt sind gerade die Naturwissenschaften durchaus dazu angetan, Komplexität zu reduzieren – und werden daher auch jene Seelen anziehen, die sich nach dieser Reduktion sehnen.

Eine schwache Psyche ist egoistisch genug, erstmal ihre Grundbedürfnisse abzudecken. Die Vernunft muss sich dann hinten anstellen. Der bewusste Geist samt seinem Intellekt herrscht nicht über tiefenpsychische Dynamiken – sonst müsste es uns allen einfach immer nur super gehen, einfach weil wir es wollen. :)

Kriterien und Normen
Am Ende des Artikels mache ich mir den Spaß und gleiche die Charakteristika von VeMy kurz und unkommentiert gegen ein paar Prinzipien des KD ab. Wie gesagt, Links zu umfassender Lektüre ebenfalls ganz unten.

Ein paar Grundsätze des KD möchte ich aber herausgreifen und den Kontrast zu VeMy-Eigenheiten kommentieren:

• EGOISMUS ÜBERWINDEN
Ein wichtiger Grundsatz im KD ist, sich über seinen “angeborenen Egoismus” zu erheben [3 KD]. Wie eingangs schon angedeutet, fallen darunter auch tiefenpsychologische Phänomene, wie ich sie in den vorigen Folgen beschrieben habe. Gerade Abwehrmechanismen, deren Muster dermaßen automatisch ablaufen, sind aus dem Denken schwer wegzudenken (hihi) – genau das verlangt das KD aber.

An dieser Überwindung scheitern die VeMy bereits. Wie viele egoistische=psychische Bedürfnisse die VeMy gleichzeitig befriedigen, geht auf keine Kuhhaut. Und das, ohne dass sie daraufhin von ihren Anhängern zumindest umso kritischer hinterfragt würden; es stört dabei anscheinend auch nicht, wenn sie Widersprüche beinhalten, eben weil sie diese erste große Aufgabe – psychische Lücken füllen – dermaßen gut erledigen.
Schon am Verstoß gegen diesen ersten Grundsatz, der Befriedigung egoistischer Agenda, wird klar: VeMy sind kein kritisches Denken im Sinne der Definition.

Vielmehr regieren “psychologische Normen” das Hirngeschehen des oberflächlichen Denkens [3 KD] wie zB:

“Es ist wahr, weil ich es glauben WILL.”
Angeborenes Wunschdenken: Ich halte für richtig, was mir gut tut, was mich in meinen Ansichten bestärkt, was keine markante Änderung meines Denkens erfordert und was vermeidet, dass ich einen Fehler zugeben muss. [3 KD]

Diese und weitere egoismusbasierte Absichten und Fehleinschätzungen (“Biases”) erstmal auszuräumen, bevor man sich mit weiteren Untersuchungen befasst, ist Grundprinzip des KD.
Dass “was mir gut tut” mit einem VeMy zu tun haben kann, ging aus meinen letzten Artikeln hervor: Er erfüllt psychische Funktionen, und es wird deshalb verkrampft daran festgehalten, weil die Psyche ihn braucht. Selbst dann, wenn es die betroffene VaFoF-Person letztlich ihr bisheriges menschliches Umfeld kosten wird. Allerdings war vielleicht auch genau da zuvor eine Lücke entstanden, an der der VeMy sich einschleichen konnte?

Ich las vor längerem, es sei für machtgewöhnte, privilegierte Männer wohl sehr ungewohnt, wenn Staat oder Gesellschaft ihnen plötzlich vorschreiben wollen, wie sie sich kleiden müssen, oder ihnen andere Vorschriften über die korrekte Platzierung ihrer Körper im öffentlichen Raum macht.

Weitere simple egoistische Motive lauten hier vielleicht:
“Ich will mir keine Vorschriften machen lassen.”
“Ich will keine Maske tragen müssen.”
“Ich will keinen Abstand halten.”
“Ich will mir nicht die Hände waschen müssen.”
Oder auch:
“Ich möchte keine Angst haben müssen.”

Widersinn: Wäre es das eigene vorbeugende Denken, das zur Vorsicht mahnt, dann wären die Maßnahmen leichter zu akzeptieren (“War meine eigene Idee!”). So aber wird die initiale Angst zu Bockigkeit, zu “von außen oktroyiert”, zu etwas, gegen das man sich wehren kann (und muss, schon aus Trotz!).
Solche egoistischen Motive brauchen den VeMy geradezu zu ihrer Bemäntelung – anders wäre die enthaltene Unreife allzu offensichtlich, und genauso offensichtlich, aber mit noch mehr Scham verbunden: die Angst.

Zufällig sind es größtenteils Männer, die in Deutschland als Scheinexperten und Meinungsmacher die VeMy propagieren, vorantreiben, verbreiten und zum eigenen Vorteil nutzen, wie ein sehr ausführlich recherchierter Correctiv-Artikel zum Thema aufzeigt. [5 CN]

Zufällig gelten für diese Art von Recherchen – Faktenchecks und Richtigstellung von Fake-News – Vorgaben und hohe Standards, ähnlich wie beim KD. Es gibt auch eine Zertifizierung für Faktencheck-Organisationen. [6 CF]

Exkurs: Korrelation und Kausalität
Apropos Zufälle: Eine wichtige Unterscheidung in der Wissenschaft generell ist die zwischen Korrelation und Kausalität – und innerhalb letzterer wiederum die zwischen Ursache und Wirkung. Klingt banal, ist es aber gar nicht: Geschehnisse, die gleichzeitig auftreten, sind erstmal nur das: korrelierend. Während ein ursächlicher Zusammenhang nicht einfach angenommen werden, sondern erst erwiesen werden muss, und auch die richtige Abfolge. Auch klar, sonst könnte man, wie im Film “Phenomenon” so wunderbar dargelegt, auch einfach behaupten: “Wind entsteht, weil sich die Bäume schütteln”.

Die Überbewertung von Zufällen ist eines der Charakteristika von VeMy. [7 VM] Zufall?

• SCHLUSSFOLGERUNGEN HINTERFRAGEN
Sich zu fragen, ob eine bestimmte Schlussfolgerung wirklich zwingend aus einer Aussage oder einem Ereignis folgt – auch das ist ein Prinzip des KD. Wenn man sich vor Augen hält, dass die meisten Menschen sich heutzutage nichtmal mehr in die Situation ihres Nachbarn versetzen wollen, bevor sie ihn als Trottel einstufen… Das beweist nicht zwingend, legt aber nahe, dass es eventuell mit der sicheren Beurteilung einer Schlussfolgerung nicht weit her sein könnte, genau wie mit der Bereitschaft zum Hineinversetzen in die Lage anderer – was überraschenderweise ebenfalls eine Vorgabe im KD ist.

Ironie beiseite – unsere geistigen Schnellschüsse sind haufenweise von kognitiven Verzerrungen beeinträchtigt. Geschultes Denken vermindert diese Effekte.

Emotionen haben eine schnellere neuronale Verbindung zu den Aktionszentren im Gehirn als das methodische Entscheiden mit logischen Mitteln (LeDoux, 1986, 1992). KD bedeutet nicht gleich, dass man seinen Gefühlen gar keine Aufmerksamkeit mehr schenken dürfte. Beides sind wichtige Zutaten zum Menschsein. [4 GR]
Es erklärt aber, warum man seine logischen Fähigkeiten erst entwickeln muss, und dass es Geduld und Selbstbeherrschung braucht, um kritisches Denken einem Affekt vorzuziehen.

• INTELLEKTUELLE NORMEN
Es gibt im KD universelle Normen, um die Qualität eines Gedankengangs zu beurteilen. Diese Normen heißen:
Klarheit, Richtigkeit, Exaktheit, Relevanz, Tiefgang, Vernetzung und Logik. [3 KD]
Die wenigsten von uns prüfen wohl regelmäßig, ob eine Behauptung, eine Argumentation, eine “Theorie” wohl alle diese Kriterien erfüllt, sodass sie uns überzeugend erscheinen darf.

VeMy scheitern ja oft schon an der Klarheit. Oder an der Logik – und es wirkt dann seltsam, dass ambiguitäts-intolerante Menschen ausgerechnet bei den Widersprüchlichkeiten der VeMy Zuflucht finden, wo sie dann gleichzeitig die Opfer und erleuchtete Helden darstellen, Kämpferinnen für den Frieden… Das ist ja wie Vögeln für die Jungfräulichkeit, sagt man.

Ein VeMy kann freilich auch klar und exakt und höchst relevant für die aktuelle Problematik sein – aber nicht zutreffend.

Beim Tiefgang wird’s allerdings ganz eng (also seicht) für die VeMy, weil sie die Komplexität von Systemen, Entwicklungen, Krisen und wirtschaftlichen Dynamiken nicht reflektieren möchten und daher negieren.
Komplexe Zusammenhänge zu beleuchten und die Anspannung darin ohne die egoistisch-psychische Krücke von Sündenböcken und Aggression auszuhalten, das erfordert von Menschen eben nicht nur intellektuelle Stärke, sondern auch seelische.

Eine “gute Theorie” erfüllt alle diese Kriterien. Sie protzt und blendet nicht nur mit ein paar davon, während sie den Rest unter den Tisch fallen lässt und sich ersatzweise selbst auf die Schulter klopft.

Kritische Denker:innen prüfen die Quellen der Information (…) und recherchieren selbst. Kritisches Denken ist von Logik geleitet. Man fragt sich stets, welcher Teil ist noch unklar, unverstanden oder unbekannt. Das ist der erste Schritt, denn man kann zu keiner qualitativ hohen Beurteilung kommen, wenn man etwas nicht versteht oder kennt. [4 GR]

VeMy wollen nicht weiter hinterfragen, was unklar, unverstanden oder unbekannt ist, sondern genau diese Unsicherheiten ein- für allemal ausräumen, indem sie einen Fertiggedanken verkaufen, der kein weiteres Hinterfragen mehr zulässt. Sie haben also an kritischem Denken kein Interesse; sie erlauben sich aber dennoch ein Urteil, und was für ein umfassendes!
Glauben kann natürlich auch eine wichtige Sache im Leben eines Menschen sein, aber man sollte ihn nicht mit Denken verwechseln.

Alles Lug und Trug? Fehlende Normen.
In vielen VeMy lautet die oberste Maxime, die “offizielle Darstellung” würde auf Täuschung beruhen. [7 VM]
Mit diesem Kniff…
– rechtfertigt der VeMy seine Deutungshoheit
– negiert er alles von außen Kommende
– macht er seine eigenen Widersprüche unsichtbar.

Er bescheinigt sich selbst die einzig wahre Wahrheit. Hier wird der VeMy zum exakten Spiegel des egoistischen Individuums, das sagt: “Es ist wahr, weil ich es WILL”. Er ist eine Kolonie von Mikro-Egoismen, die sich selbst nie in den Griff bekommen haben.
Von Kritischem Denken ist er damit sehr weit entfernt.

Tweet-Zitat von @Volksverpetzer:

Liebe es, wenn Pandemie-Leugner oder Nazis auf unsere langen Recherchen, mit Quellen, Belegen, Videos und Fotos einfach mit Beschimpfungen und “Stimmt nicht!!” oder “Du lügst!!” reagieren.
Ja, dann…!

Der pfiffigen Maxime “alles Täuschung” wird also offenbar weit gefolgt, weil es so einfach ist – denken darf man dabei eigentlich gar nicht, sonst würde man merken, dass sie bei einigen der oben genannten KD-Normen hinkt:
Sie ist nicht exakt; für jeglichen Tiefgang ist sie zu oberflächlich und pauschal, indem sie Komplexität abwenden will: Welche Darstellungen, was genau fällt unter “offiziell”? Alle Medien? Alle Politiker? Alle Wissenschafter? Oder überhaupt alles, was online erscheint? Also auch die eigenen Pamphlete und Videos? Postings, Tweets von wem und wem nicht? Wo ist die Grenze? Und wie will man die ohne Differenzierung erkennen?

Medienkompetenz kann sich aus so oberflächlichen Maximen auch nicht entwickeln – im Gegenteil, Differenzierung und Recherche ist ja nicht erwünscht. Die Strafe dafür folgt auf dem Fuße, wenn in einer Satirezeitung über ein VeMy-Meinungsmacher-Idol zu lesen steht, dass er von Frau Merkel bezahlt würde – und seine Anhänger prompt einen Shitstorm gegen ihn starten. [9 ST]
Satire kann eine immense Täuschung sein, wenn man dafür kein Gespür hat – der Meldung wurde trotzdem geglaubt.

Echtes neues Urvertrauen in Idole oder Maximen entsteht in den VeMy also nicht.
VeMy sind definitorisch statt diskursiv. Weit über der Maxime “alles Täuschung” scheint die Vorgabe zu stehen, ohne Bemühung von Denkvorgängen auf den erstbesten Affekt zu reagieren, der sich regen mag. Und das ist im VeMy nunmal die sorgfältig gerichtete Aggression der Anhänger, die sich dann jäh dreht.

Dabei steht beim KD auf der “Checkliste für das Argumentieren” [3 KD]:

Spüren Sie die Auswirkungen und Konsequenzen auf, die – gewollt oder ungewollt – aus Ihrer Argumentationsweise hervorgehen.

Gemeint ist damit wohl: Während Sie ihre Argumentation prüfen, noch bevor Sie sie in der Welt verbreiten.

Der Maxime “alles Täuschung” fehlt aber insbesondere die Norm der Vernetzung:

“Wie sieht die Angelegenheit aus einer anderen Perspektive aus?” [3 KD]

Und womöglich: “Da ich diese gar nicht betrachten will, sondern leugnen – sind womöglich egoistische Interessen im Spiel?”
Hier schließt sich wohl der Kreis der exzessiven Projektion der VeMy auf einzelne Machtmenschen, die angeblich der Welt ihre üblen und egoistischen Absichten aufzwingen wollen. Der Egoismus ist tief verwurzelt in den VeMy und wird knackscharf nach außen auf die Sündenböcke projiziert.

Die Normen des KD sind ja durchaus auch definitorisch – aber ihre Anwendung führt in Diskurse und fortgesetzte Denkprozesse, nicht in geistige Sackgassen.

Finale Gegenüberstellung

V: Die Merkmale des Verschwörungsdenkens [7 VM]
K: Vergleich mit einem Prinzip des Kritischen Denkens [3 KD]

V: Widersprüchlichkeit in der Argumentation
K: Logische Fehler bearbeiten und ausräumen, ggf Argumentation neu entwerfen

V: Generalverdacht (nihilistische Skepsis)
K: Hinterfragen mit Vertrauen auf Vernunft (gesunde Skepsis)

V: Üble Absichten unterstellen
K: Vorurteile aufspüren und ausräumen

V: Alles Täuschung; etwas stimmt nicht (und wenn nicht das, dann sicher was anderes)
K: Gesamtschlussfolgerung bleibt veränderbar

V: Opferrolle
K: Schwächen der menschlichen Natur aus dem Beurteilungsprozess eliminieren

V: Immun gegen (anderslautende) Beweise
K: Neue Information initiiert neue Denkprozesse

V: Zufälligkeiten uminterpretieren
K: Mit Relevanz und Logik interpretieren

Und sonst noch?
Es wird freilich auch andernorts versucht, sich mit dem Wort Denken über die eigene Gruppe und die der anderen zu erheben. Etwa ließ ein rechts verorteter Politikus in den letzten Jahren via Wahlplakat verlauten, man wäre nun “Vordenker” für die hiesige Gesellschaft. Das gesuchte Wort für “in anderen hauptsächlich Affekte provozieren und negative Emotionen anstacheln” lautet allerdings Hetze. Sich dafür mit dem Verb “denken” zu schmücken ist Hochstapelei. Falls darin ein Denken liegt, dann das an die eigenen Vorteile und das ideale Selbst.

Um Widersprüche in VeMy aufzudecken, eignen sich ironische Analogien natürlich auch gut. Hinreichend bekannt und auch naheliegend ist ja die Frage, wie armselig eine geheime Verschwörung sein muss, wenn jeder über YouTube oder WhatsApp ganz einfach davon erfahren kann.

Eine weitere hübsche Analogie besagt, dass jemand, der tatsächlich daran glaubt, Menschen könnten so perfekt im Hintergrund die Fäden ziehen, wohl noch nie im Projektmanagement gearbeitet hat.

Nicht weiter verwunderlich: Das Handbuch über Verschwörungsmythen [7 VM] kommt zu dem Schluss, dass beim Aufdecken von tatsächlich realen Verschwörungen in der Welt die konventionelle Art zu denken dem Verschwörungsdenken weit überlegen ist.
Und das wird sie wohl auch immer bleiben.

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Quellen und Links:

[1 CT] American Philosophical Association:
Critical Thinking: A Statement of Expert Consensus for Purposes of Educational Assessment and Instruction, Executive Summary “The Delphi Report”
von Dr. Peter A. Facione, Santa Clara University 1990

[2 Wi] Wikipedia:
1. Vernunft
2. Kritisches Denken

[3 KD] Foundation for Critical Thinking ~ criticalthinking.org :
Leitfaden: Kritisches Denken Begriffe & Instrumente
von Dr. Richard Paul und Dr. Linda Elder

[4 GR] With Good Reason: A Guide to Critical Thinking
von Gloria Zúñiga y Postigo, James Hardy, Christopher Foster, Ashford University 2015

CORRECTIV Recherchen für die Gesellschaft ~ correctiv.org:
[5 CN] Im Netz der Corona-Gegner
Artikel von Till Eckert, Matthias Bau, Alice Echtermann 8/2020
[6 CF] Warum Demokratie Faktenchecks braucht
Artikel von Alice Echtermann, Till Eckert 7/2020

[7 VM] George Mason University Center for Climate Change Communication:
Das Handbuch über Verschwörungsmythen
von Stephan Lewandowsky und John Cook

[8 VV] [9 ST] ” title=””>Der Volksverpetzer ~ volksverpetzer.de
Fake! Keine Erklärung vom Verfassungsgericht Karlsruhe über Demo-Auflösung
So rechtsextrem war Berlin 29.08.

[9 ST]
1. Unglaublicher Verdacht: Wird AttiIa HiIdmann von Merkel bezahlt, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen?
Original-Artikel im Postillon 1.9.2020
2. HiIdmann als Merkel-Marionette
Stuttgarter Zeitung 4.9.2020 über AttiIa und Postillon

….

Pro Truth Pledge ~ protruthpledge.org
The Truth-Seeker’s Handbook: A Science-Based Guide
von Dr. Gleb Tsipursky 2017

Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. ~ gwup.org/:
“Skeptiker”-Sonderheft Corona-Mythen (kostenpflichtig, € 3,99 als e-Paper)

Artikel

Wie VeMy die Lücken nutzen und füllen

Dieser Artikel ist Teil 3 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

In der letzten Folge hab ich ein bisschen beschrieben, wie unsere Psyche mitunter mit schwierigen Inhalten umzugehen versucht.
Viele haben in der Krise abrupt den Boden unter den psychischen Füßen verloren und brauchten schnell ein Rettungsfloß, wie immer es auch aussehen mag.

Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit
Der Wunsch nach eindeutigen Aussagen und Verhältnissen, besonders in schwierigen Situationen, dürfte so alt sein wie die Menschheit selbst – aber er ist eben auch sehr unreif. Eine höhere Ambiguitätstoleranz ist hingegen ein Zeichen geistiger Reife. Wir verlernen als Individuen und als Gesellschaft aber zusehends, mit einer widersprüchlichen und mehrdeutigen Welt umzugehen. Das tägliche Angebot der Konsum-Wunderwelt an ihre Kunden lautet ja schließlich auch, Situationen zu liefern, die möglichst frei von Irritation sind: “Diese Serie könnte Ihnen auch gefallen!”
Ihre Algorithmen sind dazu gemacht, uns eine unendliche Vielfalt vorzugaukeln, wo in Wahrheit immer nur dasselbe alte Angebot von gestern in ein neues Mäntelchen gekleidet wird.

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Ein paar psychologische Grundlagen

Dieser Artikel ist Teil 2 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

Worum es hier geht, steht ausführlich in der ersten Folge dieser Serie.
In Kürze: Die psychologischen Aspekte von Verschwörungsmythen (“VeMy”) sollen umrissen werden, um daraus Verständnis für verschwörungs-affine Angehörige und Freunde (“VaFoF-Personen”) abzuleiten – und eventuell sogar die eine oder andere Strategie, wie man bei ihnen intervenieren könnte.
Eure Mitarbeit ist immer noch erwünscht! Dazu bitte die erste Folge nachlesen bzw. ganz unten im ersten Artikel gucken.

Wer hingegen alle in einen Topf werfen und als Idioten abschreiben möchte, ist hier schlicht falsch -> hier ist der Ausgang.

Psychologische Grundlagen
Ein paar davon brauchen wir erstmal, damit ich die psychischen Aspekte der VeMy dann an etwas anknüpfen kann.

Beginnen wir mit einer simplen Frage:
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Artikel

Das Verschwörungsvirus

Dieser Artikel ist Teil 1 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

Die Corona-Krise hat einen verhängnisvollen Nebeneffekt.
Es gibt eine Parallel-Pandemie, manche nennen sie “Infodemie”: Die Menschen, die sich mit dem Verschwörungsvirus infizieren, werden täglich mehr.

Das Problem läuft anscheinend aus dem Ruder
Vorab: Die sog. “Maskenverweigerer & Impfgegner” werden online oft als #Covldioten bezeichnet – damit ist echt niemandem geholfen. Spätestens, wenn einer deiner liebsten Menschen, die du hoffentlich bisher auch nicht als geistig behindert bezeichnet/beschimpft hast, mit dem Weiterleiten von zweifelhaften Videos und Postings anfängt, wirst auch du aufhören, diesen Begriff zu benutzen. Er ist ableistisch und sollte unterbleiben.

Ebenso menschenfeindlich ist für mich der Standpunkt “Die rotten sich doch eh über kurz oder lang selber aus”. Das möchte ich nichtmal bei einer anonymen Masse hinnehmen – dazu dient übrigens die oben beanstandete Bezeichnung: um per Framing aus Menschen eine Masse zu machen, mit der man dann folglich auch kein Mitgefühl mehr haben muss. Aber schon gar nicht würde ich das bei meinen Liebsten hinnehmen.
Zudem gefährden sie ja nicht nur sich selbst.

Die schiere Menge an Kommentaren von Angehörigen und Freunden, die sich derzeit der Problematik “verschwörungsgläubiges Familienmitglied” ohnmächtig gegenübersehen (beispielsweise in diesem Twitter-Thread), hat mich bewogen, einen Versuch zu starten:
Eine Artikel-Serie, in der ich mein Verständnis der vielfältigen psychischen Funktionen von Verschwörungsmythen mal zusammenschreibe und Ideen zur Intervention sammle, sichte und zur Verfügung stelle. Crowdsourcing, auf Neudeutsch. Es soll hier um die Situation von Angehörigen und Freunden gehen, darum, was sie versuchen könnten, wenn ihre Liebsten in Verschwörungsmythen abgleiten, diese weiterverbreiten und andere dazu bekehren wollen.
Wie ihr dabei mithelfen könnt, steht ganz unten in diesem Artikel!

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Balance

Ich habe das Folgende für einen Freund geschrieben, mit dem ich in schriftlichem Kontakt bin über Beziehungen, Gedankenwelten, Gefühlsbewältigung und Rollenverhalten.
Der Text ist spontan aus einem Gefühl heraus entstanden, dass manches Missverständnis in seinem Leben eventuell mit dieser Thematik zu tun haben könnte.

Ich hab oft das Gefühl, dass so mancher Mann (nennen wir ihn Typ-C11) das, was er an seiner Frau so mag, als naturgegeben empfindet:
Sie ist einfach so, und dabei spendet sie zB jede Menge Energie und Aufmerksamkeit und Anerkennung und Lebensfreude. Und deshalb fühlt er sich bei ihr wohl. Sie ist nährend, bunte Farben und Sonnenschein.

Tjanun.
Frauen* sind aber oft auch deshalb so, weil wir zu völlig anderen “Qualitäten” erzogen wurden als Typ-C11:
(Vor allem!) auf andere Rücksicht nehmen,
sie geduldig aushalten, auch wenn sie nerven,
nachgeben (weil: klüger!),
die eigenen Bedürfnisse zurückstellen zugunsten anderer,
nachfragen und Interesse zeigen,
andere ausreden lassen,
Fehler zugeben, um Verzeihung bitten
(Liste unvollständig ;)
Kurz: Es den anderen so bequem wie möglich machen.

Freilich auch bis hin zu selbstschädigenden Verhaltensweisen, nur damit die anderen auch wirklich kein Äutzerl Bequemlichkeit einbüßen:
Sich über die Erschöpfungsgrenze hinweg aufreiben mit nützlichen Tätigkeiten, sich keine Kritik mehr trauen, eigene Bedürfnisse gar nicht mehr wahrnehmen, sich auch entschuldigen, wenn man gar nichts falsch gemacht hat, die Schuld bei sich suchen, wenn man scheiße behandelt wird, etc.

Jedes Stück Authentizität, jede freimütig geäußerte Ansage, jede geäußerte Wut einer Frau ist freilich auch ein kleiner Sieg gegen diese zugeteilte Rolle. Aber wir schwenken auch wieder zurück und sind lieb und liebenswert. Als Frau spüre ich jedenfalls, dass diese Art von Sozialverhalten zumeist sehr gut funktioniert – auch und vor allem unter Frauen. Wenn man auf Menschen kommt, mit denen dabei die Balance stimmt, dann funktioniert das.

Es ist eine tiefgreifende Konditionierung, und vielleicht entspricht sie auch der weiblichen Wesensart tatsächlich mehr als ständiger Konkurrenzkampf und das Ansammeln von Statussymbolen. (Vielleicht entspräche es auch der männlichen mehr – also einfach der menschlichen Wesensart – so man Männer zu solchen Idealen erziehen würde? Kann ich nicht sagen, wär möglich, ich räume der Natur (was immer…) auch durchaus ihren Platz ein – solange Menschen aber nicht völlig “natürlich” und unbeeinflusst aufwachsen – was immer das konkret überhaupt bedeuten würde – wird sich das nicht final klären lassen.)

Aber es bleibt eine Konditionierung -> die eigenen Bedürfnisse gehen davon nicht weg, sie möchte selbst auch be-rücksicht-igt werden und dass bei ihr nachgefragt wird, sie will Anerkennung bekommen, etc. Besonders, wenn sie dasselbe von sich aus gibt, möchte sie das auch bekommen, ohne darum bitten zu müssen.
(Was wäre eine Aufmerksamkeit oder Anerkennung auch wert, um die man erst bitten musste? Man musste sie, die Frau, ja auch nicht darum bitten!)

Wie gesagt, Typ-C11 glaubt eventuell, sie würde diese Qualitäten(?) einfach freimütig und bedingungslos(!) geben, das wäre aufwandsfrei, eh kostenlos und quasi alles inklusive – und irgendwann glaubt er vielleicht sogar, dass ihm das alles auch zustehen würde – sonst würde er es ja nicht kriegen!

Und übersieht dabei das allmählich anwachsende Ungleichgewicht.

Frau* hingegen hat mitunter bald das Gefühl, dass von ihm nicht viel zurückkommt. Das ist jetzt nicht allein als “sein Fehler” gemeint – siehe oben, nicht alles an diesem Verhalten ist gesund und das Ideal – aber sie hat da Qualitäten, die offenbar von ihm geschätzt werden und auch konsumiert werden, ohne dass er je auf die Idee käme, das als eine besondere Form von Zuwendung zu begreifen. Eine, die nicht jeder von ihr kriegt, und die für sie auch spürbare(!) Kosten bedeutet. Sich zurückzunehmen zB bleibt immer spürbar. Nährend sein kostet uns etwas.

Typ-C-11 kommt leider auch nicht auf die Idee, dass man sowas (oder ähnliches) auch mal zurückgeben könnte. Auch nicht durch die simple Tatsache, dass es doch so angenehm ist, es zu empfangen! Vielleicht, weil er es irrtümlich für eine natürliche Ordnung der Dinge hält?

Aber dass sie es zulässt, dass er öfter in den Vordergrund rückt (als sie/als andere), heißt nicht, dass ihm das auch ständig zustünde.
Es ist ein Vorschuss! Wir betreiben “do ut des” – und erwarten quasi in unserer herzseitigen Balance-Abteilung den Eingang eines Ausgleichs. Eines Ausgleichs auf der Beziehungsebene – keine Geschenke oder Mitbringsel.

Was Typ-C11 daher eventuell für natürliche Liebenswürdigkeit hält, ist tatsächlich ihre jahrelange (und tägliche) Arbeit daran, ein aufmerksamer, halbwegs selbstloser, verständnisvoller, verträglicher und toleranter – und vielleicht zufällig weiblicher – Mensch zu sein. Auch schlicht deshalb, weil dadurch die Chancen steigen, kein einsamer Mensch zu werden.

Es wäre unfair, “do ut des” zu einem “Aufrechnen” umzudeuten. Wer gibt, möchte auch was bekommen, außer es handelt sich um Jesus. Forschungen an Empathie und Altruismus bestätigen das. Man tut es um der anderen willen, aber auch um seiner selbst willen – auf dass einem selbst auch so geschehe.
Die goldene Regel, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, befolgt man schlicht für funktionierende soziale Beziehungen, wie man sie eben gelernt hat und spüren möchte – Beziehungen, in denen im Idealfall für alle gleichermaßen gesorgt ist.
Auch indem man auf manches verzichtet, und beim nächsten Mal eben jemand anderer dasselbe tut.

Mit manchen Menschen fühlt man sich allerdings irgendwann ausgebeutet, weil man gefühlt nur gibt und kaum was zurückkriegt. Oder die “falschen” Dinge = oft käufliche, glitzernde, florale, essbare oder sonstige “Freikaufungen”. Leider nicht zusätzlich zur ebenso benötigten zB echten Aufmerksamkeit, sondern stattdessen. Oder es kommen fünf Zurückweisungen auf eine Aufmerksamkeit, statt umgekehrt.

Mit anderen Menschen funktioniert diese Balance ganz natürlich, ohne dass beide dabei overgiving werden und sich gegenseitig überbieten müssten. Vielleicht mit Menschen, die es ähnlich gelernt haben.
Man bietet an, was man hat, um das Leben des anderen schöner zu machen – freut sich, wenn’s klappt, und tut es auch in der Gewissheit, dass das irgendwann mit Gleichem beantwortet werden wird. In guten Beziehungen ist das auch an keine bestimmte zeitliche Frist geknüpft, sobald einmal das Vertrauen da ist, dass es prinzipiell funktioniert.

Vielleicht stimmt auch das oft: Wir geben das, was wir uns wünschen.

Take what resonates and leave the rest.
* Bitte keine Kommentare a la “Nicht alle Frauen / nicht alle Männer”, “Ich bin doch nicht kOnDiTiONiErT!” oder “Die Rollen können aber auch andersrum gelagert sein”. Ja, ist alles klar. Ich formuliere, wie ich es empfinde und schon oft empfunden habe – das sind keine Ausschließlichkeiten, sondern meine persönliche Betrachtung.

Artikel

Resonanz

Ergänzend zum vorigen Artikel möchte ich hier ein Thema und einen Podcast empfehlen.

Zur Resonanz kommt es, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet. (Hartmut Rosa)

In unserer “Welt in Reichweite”, in der alles auf Knopfdruck funktionieren muss, geliefert werden muss, alles immer prompter verfügbar gemacht wird und sein muss, entwickeln wir auch einen dazupassenden, recht aggressiven Anspruch auf Sofort, Gezielt und Wie-Gewünscht – und damit auch auf Geplant. Verfügbarmachung, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Wir verplanen uns damit auch selbst.

Wir sind weniger offen für das und erleben immer weniger von dem, was uns doch die Welt um uns in der lebendigsten Art spüren lässt: die spontanen Geschenke des Lebens, die wir nicht bestellt haben – und die sich auch nicht bestellen lassen: Eine Begegnung in der Natur. Ein freundlicher Blick. Oder auch eine überraschende Eingebung. Das, was passieren muss, damit die erwähnte Resonanz entsteht. Eine Resonanz in unseren tiefsten inneren Schichten, nach der sich wohl viele sehen, die Konsum aber nicht erzeugen kann. Seelen-Nahrung!

Dafür braucht man nicht nur die nötige Aufmerksamkeit und Geduld, und ein etwas demütigeres Mindset als für die mittlerweile entstandene, erpichte Attitüde “sofortige Verfügbarkeit”. Sondern auch offene Zeit, die nicht bereits durch Vorausgeplantes, Vorbestelltes belegt ist. Die Bereitschaft, Zeit und Welt auf sich zukommen und wirken zu lassen – und sich darauf einzulassen. Manche brauchen mittlerweile sogar jemanden, der sie dorthin mitnimmt, weil sie selbst gar keinen Zugang mehr haben.

Mit unserer Verfügbarmachung der Welt geht uns also unsere eigene Verfügbarkeit (ha!) für diesen Zustand, das Geschehen dieser Resonanz flöten.

Die sehr anregenden und weitreichenden Überlegungen dazu hat Alexandra Tabor in diesem Podcast wunderbar ausgebreitet:
“In trockenen Büchern – Unverfügbarkeit” – anhand des Essays “Unverfügbarkeit” von Hartmut Rosa.

Alexandra Tabor sagt in diesem Podcast:

… dass sich durch die neuen Möglichkeiten des Verfügbarmachens unsere Haltung, unsere Beziehung zur Welt stark verändert hat. Es macht einen Unterschied, ob ich alles, was nicht in den Plan oder ins gesellschaftlich erwünschte Schema passt, sofort beseitigen will, oder ob ich versuche, auf etwas, das sich querstellt, zu hören und zu antworten.

Um nun diesen roten Faden mit meinem vorigen Artikel zu verknüpfen:
Die beschriebene Attitüde, die Veränderung des Selbst durch die Anziehungskraft der allzu konsum- und planungsfreudigen Gegenwart, zieht uns nach außerhalb von uns selbst, und sie suggeriert obendrein durch ihre Verfügbarkeit wohl auch den leichteren Zugang. Leichteren Zugang als zu uns selbst.
Dazu passt auch der selbst-entfremdende Impuls, Gefühle wegzuschieben und sich nichtmal mehr auf das, was in uns selbst vorgeht, spontan einlassen zu können/wollen, selbst wenn uns das so viel weiter bringen könnte als der nächste “Jetzt bestellen”-Button.

Artikel

Das tut nix, es ist nur ein Gefühl!

Sinnvolles Bewältigen von großen Emotionen ist, sie wahrzunehmen, bei ihnen zu sein, sie zu spüren, zu trösten, zu umarmen, zu akzeptieren, sie nicht alleinzulassen – und damit sich selbst nicht alleinzulassen.

Reinspüren. Aufspüren. “Ich hör dich. Ich seh dich. Ich bin da. Ich bleibe da, auch wenn’s schwierig wird. Es ist ok. Woher kommst du? Seit wann bist du da? Was willst du mir erzählen?”
Dortbleiben. Seine eigene Beschwichtigerin, Trösterin, Mama sein. Zuhören. Fokussiert. Zugewandt. Erzählen lassen. Tränen zulassen. So lange, bis das Gefühl angenommen ist.
Immer wieder.
Reflektiertes Bewältigen bedeutet, sich zu akzeptieren.
Sich selbst auszuhalten.

Dagegen ist sofort ausagieren, wüten, Schuld zuweisen müssen keine Bewältigung, sondern Verdrängung.
Dass andere das nicht gutheißen werden, versteht sich eigentlich von selbst. Vor allem welche, die für sich selbst bereits die Verantwortung übernommen haben.

Wozu bewältigen?
❥ Um die eigenen Gefühle wiederzuerkennen, zuzuordnen, zu benennen, aushaltbar zu machen.
❥ Um mit sich eine Verbindung einzugehen und verbunden zu bleiben, egal, was außen passiert.
❥ Um Blockaden zu lösen und sich weiterzubewegen, emotional und körperlich.
❥ Merken, wann man Ruhe braucht, bevor es zum Overload kommt. Spüren, wann man mit seinem Gefühl genug bei den anderen war und wieder zu sich selbst und seinen Quellen zurückmuss, um Energie zu tanken und alles in Ruhe einzuordnen. (Auch und gerade für Hochsensible)
❥ Um sich weniger alleingelassen zu fühlen, denn dieses Gefühl wird man so lange im Außen wiederfinden, wie man es innerlich mit sich herumträgt.
❥ Um nicht dem Auslöser die Schuld zuzuschieben, weil er jedesmal wieder mit dem wahren Ursprung verwechselt wird.

Manche glauben ja, mit dem Wissen um eine alte Verletzung wäre sie auch gleich gelöst. Aber da beginnt die Arbeit erst. Sich selbst und seine Gefühle zu kennen bedeutet freilich auch, leichteren Zugang zu finden, neue Situationen schneller einordnen zu können, denn unsere Gefühle sind ein Fortsetzungsroman. Der Effekt “ich erkenne das wieder” mag ähnlich klingen wie der rein intellektuelle Irrglaube “bewusst = gelöst” – ist aber doch etwas völlig anderes. Es gibt keine Umleitung über den Intellekt. Nur wer die Gefühle der ersten Folge kennt, bewältigt sie auch bei der Fortsetzung leichter.

Leider wird den wenigsten von uns zeitgerecht beigebracht, wie das geht – bei sich sein. Für sich verantwortlich sein. Negative Gefühle ok finden, aushalten, bewältigen.
Gefühlsabwehr ist die unwürdige, aber am meisten verbreitete Ersatzstrategie. Panisches Wegschieben jedes Unwohlfühlens und schwerpunktmäßige Übertünchung der dunklen Farbe mit rosaroter Feelgood-Ablenkung: Wellness, Arbeit, Alkohol, Serien und Schoki. Die dunkle Farbe kommt aber wieder durch. Die Mauer an unbewältigtem Gefühl wird so immer dünkler.

Dem modernen Imperativ der Masse nachzugeben, was zu erleben, den Tag zu nutzen oder auch etwas zu leisten, ist eine artverwandte und gern genommene Ausweichroute, aber selten gleichbedeutend mit “mir selbst gut tun”. Man nimmt damit nur das enthaltene, verführerische Angebot an: “Solange muss ich nicht dort hinschauen, wo es wehtut”. Und: Wenn ich fertig bin, ist es vielleicht weg.

ES ist nie weg. Es löst sich nicht einfach auf. Es zieht in die Mauer ein, lässt darin die dunklen Stellen weiter anwachsen, und beeinträchtigt so allmählich die Stabilität. Bis die Mauer kollabiert.

Viele haben Panik vor negativen Gefühlen und finden’s gefährlich, etwas zu spüren, müssen das Gefühl umgehend verscheuchen, irgendwie agieren, andere mit hineinziehen – Hauptsache ganz schnell wieder super fühlen, zurück zur gesellschaftlich oktroyierten Default-Einstellung “Happy”, ohne Rücksicht auf Verluste. Und empfehlen dieses Vorgehen auch anderen, wollen mit deren Gefühlen nicht in Berührung kommen, weil sie dabei ihre eigenen spüren müssten.

Dabei geht im besten Fall die Verbindung zu sich selbst flöten, im schlechtesten geht viel kaputt, innen wie außen.

Auch „Mein Geist ist stets Herr über meine Emotionen“ ist ein nachvollziehbarer Wunsch, aber eben nur Wunschdenken. Je weniger Verbindung zum eigenen Gefühl, desto unbewusster sind uns die Auslöser des eigenen Handelns. Dabei entsteht leicht die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben, eine Zeit lang. Und währenddessen suchen wir weiter im Außen, woran es uns innen mangelt: Verständnis. Verbindung. Bedindungslosigkeit.

Es ist aber nicht die Aufgabe des Außen, unsere Gefühle für uns zu bewältigen oder jedes unreflektiert ausagierte Gefühl bedingungslos zu akzeptieren. Wer das glaubt, hat Liebe missverstanden.

Manche glauben wohl auch, man wäre leichter manipulierbar, wenn man “zu viel” spürt. Wenn man Mitgefühl hat. Aber Mitgefühl ist nicht gleich Mit-Leid und schon gar nicht (unverdiente) Zuwendung. Etwas zu spüren ist noch keine Handlung. Es ist erstmal nur ein Gefühl. Eine Wahrnehmung, die unsere anderen komplettiert. Nur wer gewohnheitsmäßig jedes ungute Gefühl sofort wegschiebt, nimmt auch nicht wahr, wenn etwas nicht stimmt.

Es ist gefährlich, sich nicht zu spüren. Sich nicht zu kennen. Diese klare Verbindung zu sich selbst, den Kontakt zu seinen Gefühlen nicht zu haben, die auch vor Manipulation warnt und mit kritischem Denken sehr gut Hand in Hand arbeitet – und nicht etwa dagegen.
Es ist im Übrigen gar nicht nötig, sich zu jeder Angelegenheit oder jedem Menschen rigoros schwarz oder weiß zu positionieren. Man kann Nuancen von Grau und Bunt wahrnehmen dürfen und dennoch ganz bei sich selbst bleiben.

Es ist deshalb gefährlich, weil Verdrängung nicht ewig funktioniert. Letztlich bekommt man alles auf einmal zu spüren, seelisch und auch als körperliche Manifestationen – dann aber schwerer bewältigbar. Oder gar nicht.

Wer sich selbst aushält, für sich verantwortlich ist und mit sich verbunden bleibt, kann sich auch mit anderen verbinden, dauerhaft, beiderseits zuträglich, fair und ohne Zuteilung unangemessener Verantwortlichkeit oder Schuld. Und das ist es, was die meisten von uns ihr Leben lang suchen, erhoffen und ersehnen – eine echte, schöne, tiefe Verbindung zu (einem) anderen Menschen.

Man kann diese Bewältigung mit sich allein machen oder mit professioneller Begleitung. Letzteres ist vor allem ratsam, wenn man dazu neigt, Gefühle im Verstand zu analysieren statt sie zu spüren, und das für Bewältigung zu halten. Damit meine ich nicht, dass Analysen wertlos wären. Aber Gefühlsanalysen sind keine wahrgenommenen Gefühle.

Auch um es zu erlernen und dabeizubleiben, kann Begleitung helfen. Mitgefühl zu spüren ist natürlich wichtig, Trost von außen heilsam und manchmal in akuten Situationen auch unersetzlich. Letztlich ist aber das Ziel, sich selbst diese Begleitung zu werden und zu sein.

Wichtig ist: Machen! Spüren. Mit sich verbunden sein.
Entspannter sein. Grenzen neu setzen. Besser leben. :)
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~ Siehe dazu auch meinen nächsten Eintrag “Resonanz” – mit Podcast-Empfehlung!
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~ Für J. und alle, die es gerade brauchen können.

Artikel

Süße Ernte

Gedacht sei ein exquisiter Mango-Club, der keinen finanziellen Beitrag verlangt, sondern einen persönlichen. Weil dieser Club nur dann funktioniert, wenn alle ihren Anteil leisten: Baumpflege, Gießen, Unwetterfolgen beseitigen, Schädlinge bekämpfen, Ernte, Schutz vor Frost.

Die Mangos sind mit Abstand die besten im Lande. Und sie sind nicht käuflich, sie werden nur unter den Mitgliedern verteilt.

Du willst unbedingt dort Mitglied sein, kannst aber diesen persönlichen Beitrag nicht oder zu wenig leisten. Weil man dich sehr mag, ruft man dich oft an, schreibt dir, lädt dich ein, und fordert dich schließlich zur Mithilfe auf. Du versprichst, in Zukunft deinen Beitrag zu erbringen, aber bei den nächsten paar Gelegenheiten hilfst du jedesmal ein bisschen weniger dort mit und schließlich gar nicht mehr.

Wenn du dann kommst und “deinen Anteil” an Mangos abholen willst und dort argumentierst, dass du ja auch einen Job zu machen hast, einen anderen Verein und eine Ehe zu führen, und dass man das ja auch verstehen muss, dann wird man dir dort sagen:

“Es sind deine Entscheidungen, die zu deinen Umständen führen. Dafür, wie du deine anderen Verpflichtungen verteilst, liegt weder die Verantwortung noch die Entscheidung bei uns. Deine Prioritäten musst du selber setzen. Wenn du dabei sein willst, dann gibt es dafür Regeln: Es muss dir wichtig genug sein, damit du den Beitrag hier auch leisten kannst und willst. Nur dann kannst nur deinen gesamten Anteil an Früchten mitnehmen. Die Pflege der Bäume aber ist keine Regel – sie ist eine Notwendigkeit.”

Würdest du dem Club vorwerfen, das wäre unfair, und er hätte dir alle Mangos geben müssen? Oder ihm vorhalten, du hättest soeben deine Ehe für ihn aufgegeben, und er hätte dir doch daher aus Dankbarkeit Mangos anbieten müssen?
Wohl nicht. Das wäre ein absurder Anspruch.

All das würde wohl erst recht gelten, wenn der gedachte Verein nur aus zwei Leuten bestünde.
Wenn dir die Arbeit an Mangobäumen, die Bedingung für eine gute Ernte ist, gar keine Freude macht, dann solltest du deinen Wunsch nach der Mitgliedschaft in diesem exquisiten Club hinterfragen.

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Der Feminist, das unbekannte Wesen

Zur Spiegel-Kolumne “Wie kann ich als Mann Feminist sein?” von Margarete Stokowski möchte ich ein paar Punkte hinzufügen.

(Via Twitter gefunden -> Hier hab ich Platz, hier darf ich schreibm. :)

Zur Frage “Warum sollte ich überhaupt einer sein wollen?” eine provokative Überlegung retour: “Die wollen mir doch meine Rechte als Mann wegnehmen!”
-> Hm, bedeutet das nicht auch: “Fairness ist mir unwichtig, solange ich meine Rechte behalte”? Zu welcher Art Mensch würde Sie so ein Gedanke machen? Aus meiner Sicht jedenfalls zu einem, der sich, wenns mal in die andere Richtung unfair wird, auch nicht beschweren dürfte.
Ernsthaft, ich hab dazu schon so viel in der Schublade, hadere aber leider wie so oft mit mir wegen der Länge, in die ich so gerne gehe – und das nur, um in meinen eigenen Worten große Hintergründe zu beleuchten, die jede:r ernsthaft Interessierte mittlerweile genausogut oder besser anderswo nachlesen kann. Unter anderem in den Artikeln, die in der oben zitierten Kolumne verlinkt sind – darum: Lesebefehl auch für diese Artikel.
Ganz unten beleuchte ich aber noch ein paar Quadratzentimeter der Bestrebungen von Feminismus, und dass da auch Männerrechte ein großes Thema sind (woah!).

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