Ich war heute mal Sachen machen. Konkret hab ich mich schockfrosten lassen. Und das kam so: Man erzĂ€hlte sich schon öfter im Rundfunk, dass KĂ€ltetherapie gegen Rheuma helfen kann. Lange ging mir der Gedanke im Kopf herum, aber gĂŒnstigerweise immer erst dann, wenn ich schon im Bett lag oder sonstwie gerade nicht nahe genug an der nĂ€chsten Suchmaschine dran war. Ich nehme an, mein Körper wehrte sich eben auf seine Art gegen die hirnrissige Idee. Doch eines Tages ĂŒberlistete ich meine Ă€ngstliche Physis und schrob mir einen formlosen Brief, der mich dazu veranlasste, doch einmal Gedanke und Suchmaschine zu verbinden. Ich fand unter anderem einen Artikel eines netten Herrn in der Welt, der mir zugleich Mut und Angst machte. Jetzt Tapferkeit zeigen und mutig weitergoogeln! Ein Kurzentrum mit KĂ€ltekammer ist schnell gefunden hier in der Thermenregion sĂŒdlich von Wien, und mein Todesmut geht sogar so weit, dass ich da schnurstracks anrufe und mir die Rahmenbedingungen erklĂ€ren lasse: Minus 110 Grad, drei Minuten - im Badeanzug, HĂ€nde, FĂŒĂe und Kopf werden zusĂ€tzlich geschĂŒtzt.
Nachts darauf trĂ€umte ich von meinem begehbaren Kleiderschrank, ich wĂŒhlte in der Kiste mit meinen Bikinis auf der Suche nach einem Badeanzug mit Rollkragen! Mein Körper sann also nach meiner perfiden Ăberlistung bereits auf neue Strategien zum Schutz vor seinem drohenden Erfrierungstod (oder zumindest dem meines Halses). Den Worten "Badeanzug mit Rollkragen" wachsen seit kurzer Zeit kleine FlĂŒgelchen in meinem Freundeskreis.
Gut, sagte ich mir, mein Körper fĂŒrchtet sich, ich such mir einen Mitgeher. Mitgeher sind hoch geschĂ€tzt in der Welt, da sie die Unliebsamkeit von Erledigungen auf ein ertrĂ€gliches MaĂ senken, darĂŒber hinaus haben sie manchmal sogar selbst was davon. Ich fragte herum, erntete aber einige Absagen, die manchmal nach Zusage klangen ("Gern nicht, aber wenn's sein muss"), mitunter aber auch mit skeptischen ĂuĂerungen in Bezug auf meine geistige Gesundheit einhergingen ("Spinnst jetza komplett?"). Doch dann erwischte ich meinen Vater, eiskalt quasi, wie er davon schwĂ€rmte, sich nach der Sauna im Schnee gewĂ€lzt zu haben - und so waren wir schon zwei. Und heute gondelten wir gemeinsam nach Bad Vöslau.
Die Frau Doktor, die uns bei der Voruntersuchung Fragen aus dem gleichnamigen Bogen stellt, macht uns Mut, indem sie andeutet, dass die TĂŒren in der KĂ€ltekammer etwas schwierig zu bedienen sind und manchmal, naja... (den Satz fĂŒhrt sie nicht zu Ende). Aber zum Ausgleich hĂ€ngt ihr nach dem Aufstehen der Hintern ein bisschen aus der Hose, das finden wir sehr zum Kichern.
Und dann gehts in den Vorraum der Kammer, wo sich soeben eine fröhliche Dreiergruppe hineinbegibt in die KĂ€lte. Der junge Betreuer sagt ihnen halbminĂŒtlich durch ein Mikrofon die Zeit an, im Hintergrund lĂ€uft "I'm a believer", und in Nullkommanix sind sie wieder drauĂen, sehr guter Laune, und verkrĂŒmeln sich. Wir werfen uns in die Bademode, in MĂŒtze, Handschuhe und kĂ€ltefestes Schuhwerk. Ich behalte als Rollkragenersatz eins meiner BaumwolltĂŒcher um den Hals, damit mein Körper mir nicht nachtrĂ€gt, dass ich seine VorschlĂ€ge ablehne. Dann werden unsere beiden BlutdrĂŒcke gemessen, mein Vater hat zu hohen und muss nochmal, dann passt aber alles, wir kriegen die TĂŒren erklĂ€rt, noch einen Mundschutz verpasst, und dann gehts los. Durch zwei Kammern und Schleusen mĂŒssen wir durch, wo es schon eine KĂ€lte hat, der kein vernĂŒnftiger Mensch sich nur mit Badekleidung stellen wĂŒrde, bis wir in der winzigen Kammer ankommen, in denen die bereits mehrfach genannte Untemperatur herrscht.
Und wie sie herrscht. Von drinnen spĂŒren sich drei Minuten völlig anders an. Sie sind gefroren. Gefrorene Zeit, sowas gibts - starre, völlig unnachgiebige Sekunden. Man geht in der Kammer im Kreis herum, soll sich dabei "ganz normal bewegen" und "ganz normal atmen". Die erste halbe Minute geht ganz gut. Man hat noch etwas RestwĂ€rme von drauĂen. Danach gehts aber ans Eingemachte. Um die pure HartnĂ€ckigkeit, um die Sturheit. Die Haut an meinen Unterschenkeln schmerzt höllisch, besonders vorne, fast von Beginn an. Nach einer Minute wechseln wir die Richtung, man hat ja sonst nichts zu tun. Ein Mitgeher ist gut, wirklich gut, man hĂ€tte sonst zuviel Angst vor den TĂŒren, womöglich ganz allein da drin. Ein Papa ist noch besser. Welche Musik lĂ€uft, nehme ich nur am Rande wahr, ich kenne den Song nicht, er nervt ein bisschen, zu viele Gitarren, aber das ist mir scheiĂegal, mir ist einfach nur kalt. Jeder Schritt tut mir weh und kostet mich Ăberwindung, doch stehenzubleiben wĂ€re eine ganz andere Herausforderung.
Mir fĂ€llt auf, dass ich in den HĂ€nden und FĂŒĂen gar nicht friere, doch die Haut, die der KĂ€lte schutzlos ausgeliefert ist, nimmt einen Zustand an, den man so noch nicht erlebt hat. Alles schmerzt und kribbelt, das Hirn schaltet sich ab, denken ist Luxus, den man sich bei KĂ€lte nicht leisten kann. Die Zeit zur nĂ€chsten Ansage vergeht quĂ€lend langsam, eigentlich ĂŒberhaupt nicht. Einmal verstehe ich die Zeitansage nicht wirklich und bin verwirrt. Und dann endlich: "Halbzeit!" Hurra! Oder? Was, nochmal so lange? Ich sterbe. Mein Mitgeher ist verschwunden, obwohl er da ist und mit mir im Kreis lĂ€uft, ich nehme ihn nicht wahr, bin ausschlieĂlich auf mich selbst konzentriert.
Nach zwei Minuten fragt mein Vater, ob wir rausgehen sollen. Ich brĂŒlle: "Nein! Das halten wir aus!". Und wir halten es aus. Und aus. Und aus... Wir wechseln wieder die Richtung, ich sehe, höre, schmecke und rieche nur noch weiĂe, eiskalte Luft. Und vor allem spĂŒre ich sie. Zweieinhalb Minuten. Die letzten dreiĂig Sekunden sind die lĂ€ngsten. Ich versuche, meinen Oberkörper mit den Armen zu schĂŒtzen, die schmerzenden Beine sind zu weit weg. Doch die AuĂenseite der Handschuhe spendet nicht die erhoffte WĂ€rme, das weiche Leder ist genauso eiskalt wie die Luft, nur dichter. Kalte Luft strömt zwischen meinen BrĂŒsten hinab, der Unterschied zwischen anliegender Baumwolle und nackter Haut ist unfassbar groĂ. Und dann, endlich, die erlösende Ansage - geschafft! Drei Minuten durchgehalten! Ich will raus, aber ich kriege die TĂŒr nicht auf. Panik erfasst mich. Mein Hirn hat sich nicht gemerkt, was ich tun muss. Mein Vater ruft "DrĂŒcken, drĂŒcken!" Ach ja, drĂŒcken! Wie ging das schnell? Dann hab ich's, ich ĂŒberlasse meinem Vater das SchlieĂen der TĂŒr, wir mĂŒssen noch durch die Schleusen, immer noch kalt, kalt, kalt, und dann schwappen wir endlich aus der TĂŒr, gemeinsam mit einem Meer aus eiskaltem Nebel zu unseren FĂŒĂen.

Ich höre meinen Vater sagen: "So eine GĂ€nsehaut hatte ich noch nie", und beginne: "Ich hab gar keine...", doch dann fĂ€llt mein Blick auf die HĂ€rchen auf meinem linken Unterarm, die erbittert um einen Stehplatz kĂ€mpfen, und ich beende den Satz nicht. Meine Haut ist eiskalt - doch nichtmal eine Minute spĂ€ter ist sie glĂŒhend heiĂ geworden. Das Blut kehrt in die Ă€uĂeren Hautschichten zurĂŒck - was fĂŒr ein GefĂŒhl! Beim Anziehen ist die Haut abwechselnd heiĂ und kalt, je nach Körperhaltung, und ich fĂŒhle mich, als hĂ€tte ich gerade den Everest bestiegen - nackt.
In den ersten Minuten nach dem KĂ€lteschock schmerzt beim Bewegen nur mein rechtes Schultergelenk ein bisschen - aber das war noch heute frĂŒh so schlimm, dass es mich MĂŒhe (und TrĂ€nen) kostete, die Teekanne anzuheben. Der Schmerz im Brustbein beim Atmen, den ich sonst immer spĂŒre, ist jedoch fĂŒr ein paar schöne Minuten völlig weg.
Hinterher ist man glĂŒcklich, aber auch sehr mĂŒde. Auf eine angenehme Art mĂŒde. Und unglaublich gelassen. Die Gelassenheit gefiel mir am besten. Mein Vater sagte, er fĂŒhle sich "erfrischt". Dieser Formulierung verleihe ich hiermit den Titel "Understatement des Jahres".