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Mal politisch, ausnahmsweise

Wenn man sich mit Politik beschäftigt, der Politik, die nach außen hin, dem Bürger ins Gesicht, gemacht wird, stellt man bald ein paar Dinge fest, die sich immer wiederholen. Vor den Wahlen schreiben sich die Parteien allerlei Errungenschaften auf die Fahnen, die sich mit ihren tatsächlichen Leistungen nicht so recht decken oder gar welche, gegen die sie noch vor ein paar Monaten im Parlament gestimmt haben. Es gilt das Motto: Schuld sind immer die anderen, und das waren sie auch in dieser Angelegenheit. Das tun sie völlig ungeniert, als hielten sie uns für blöd und unsere Gedächtnisleistung für eine, die jener einer gewöhnlichen Stubenfliege nicht unähnlich ist.

Nach den Wahlen sind sie wieder genauso kleingeistig, konservativ und verhandlungsunwillig wie vorher, und besonders erlahmt wirkt jener, der den begehrtesten aller Sitzplätze erjagt hat: Den Kanzlersessel. Das Möbel muss ja so unfassbar bequem sein. Nicht, dass man darin eine Macht besäße, die man tatsächlich zu nutzen plant. Es ist offenbar mehr das Sitzen an sich.

Dann kommt eine Steuerreform. Es werden Steuern abgeschafft, dass man denken könnte, wir würden im Geld schwimmen, und Absetzbeträge und Freibeträge aus dem Hut gezaubert, die jede Steuererklärung noch ein bisschen aufregender machen – anstatt frühere Beschränkungen in Absetzbarkeiten mal wieder aufzuheben und das zu vereinfachen, was schon vor Jahrzehnten zu kompliziert war und seither nicht eben besser wurde. Es sollen ja die Formulare nicht leerer werden und die Steuerberater sich nicht langweilen. Außerdem will die Wirtschaft zur Investition stimuliert und die Kinderkrieger belohnt werden.

Und dann passiert es, plötzlich und zur kolossalen Verblüffung aller: Es geht am Arsch die Haut net zsamm, und zwar hinten und vorne gleichermaßen, und das meine ich rein finanziell. Seit Neuerem wird diese Tatsache hilfsbereiterweise auch von außen in Form von diversen AA-Kriterien taxiert. Unglücklicherweise wird ein Sparpaket nötig. Nicht das erste in der Republik, und ganz bestimmt auch nicht das letzte. Wir wollen uns die nächste Reform ja auch noch leisten können.

Daher werden die zuvor abgeschafften Steuern wieder eingeführt, oder es wird lange darüber diskutiert, ob und wie man das könnte, Dinge, die schon tausendmal diskutiert wurden, für unser Geld Verhandlungsstundensätzen, wohlgemerkt. Oder noch besser, man denkt sich einfach ein paar neue Manöver aus, die den Menschen genau das aus der rechten Hosentasche ziehen, was man ihnen gerade erst in die linke gesteckt hat. Dazu behauptet man, Xy käme ganz bestimmt nicht, sodass das ahnungslose Bürgerohr sich schonmal an den Begriff Xy gewöhnen kann.

(Und nebenbei, um es hier mal ganz klar zu sagen, bei allem Verständnis für den Neid auf die „Besserverdiener“: Vermögensteuern besteuern Geld, das bereits versteuert ist. Wenn man gegen Schwarzgeldverdiener vorgehen will, muss man das anders anpacken: Erleichtern, wo Gewerbe-, Sozialversicherungs- und Steuerrecht einem Selbständigkeitswilligen die Zukunft verbauen, nicht hinterher Dinge besteuern, die man sich von bereits verdientem und (allenfalls) versteuertem Geld leisten konnte.)

Wird einem Politiker im TV eine Frage gestellt, dann antwortet er stets recht ausweichend und lenkt das Thema gar nicht unauffällig auf etwas völlig anderes, am liebsten auf das, was die gegnerische Partei sich an Unterlassungen geleistet hat und… siehe oben. Sieht man allzu oft bei solcherlei Befragung zu, führt das zu Aggressionsschüben oder Traurigkeit, und zum Gefühl, dass man als Bürger für die Wahrheit nicht für wertvoll genug gehalten wird. Vulgo: „Verarscht doch wen anderen, ihr Deppen, ich dreh jetzt ab.“

Für all diese Leistungen wird der Politiker fürstlich entlohnt und sieht daher keinen Grund, sich anständig zu benehmen in seinen Äußerungen und Behauptungen, oder gar selbst mal ein wenig zurückzustecken, was seine Bezüge oder Sonderleistungen betrifft. Oder sich einfach mal verständlich zu äußern und eine Frage direkt zu beantworten.

Sparen heißt in der Politik, mehr Geld hereinzuholen als vorher, das ist mit der überaus schwierigen Entscheidung verbunden, an welcher Stelle man sich am meisten unbeliebt machen möchte. Das ist nicht die wörtliche Bedeutung von Sparen, die uns beigebracht wurde. Für den Bürger heißt es vor allem, den Gürtel enger zu schnallen. Sparen ist, liebe Politiker, wenn ich weniger ausgebe und mir daraufhin Geld übrig bleibt, das ich in mannigfachen Sparformen oder kunterbunten Kopfkissenbezügen anlegen kann.

Nach einigen Jahren gibts dann – Achtung, völlig neue Strategie! – eine neue Steuerreform. Für alle Steuerzahler, die nicht gerade erst aus dem Ei geschlüpft sind, haben die angebotenen Zuckerln einen ungemein bitteren Nachgeschmack. Sich solchermaßen verarscht zu fühlen führt dann ganz natürlich dazu, dass man sich nicht mehr mit Politik beschäftigt. Ich persönlich bin nicht politikmüde. Ich bin tot.

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Freiheits-Fragen

Ich habe soeben eine Umfrage zum Thema Freiheit ins Netz gestellt. Das schließt an meinen Eintrag zum Thema Freiheit an. Die Antworten sollen auszugsweise in die dort erwähnte Ausstellung einfließen.

Bitte keine testweisen Aufrufe ohne ernsthafte Absichten, ich hab nur 25 freie Teilnehmer, danach wirds kostenpflichtig.
Wenn Ihr also gern ein paar Fragen frei beantwortet, bitte hier lang!

Bin schon sehr gespannt! Vielen Dank fürs Mitmachen!

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Weihnachtsschnorcheln in Ägypten (2)

Ich sah nachts die Sterne der südlicheren Gefilde, den Phoenix mit seinem Hauptstern Ankaa, und wie der Nachthimmel ohne Ursa major, die große Bärin, aussieht, die ja bei uns immer zu sehen ist, stattdessen mit einem kompletten großen Hund bestückt, der bei uns im Winter tief im Süden nur zum Teil auftaucht. Ich sah die Milchstraße so hell und schön wie schon lange nicht mehr. Und ich sah an zwei Abenden noch vor Einbruch der Dunkelheit Sternschnuppen über den blassblauen Himmel zischen.

Einen großen Raubvogel sah ich, einen, der am Meer lebt und jagt, weiß mit schwarzen Flügeln, großen Klauen und elegantem Flug. Einmal schaute ich ihm zu, als er lautlos über den Strand segelte. Ein andermal sah ich ihn ganz aus der Nähe, und er fühlte sich von mir zu Recht überhaupt nicht bedroht, wie er da auf einem ausgedienten Laternenmast saß und mit hellen, stechenden Augen den Strand und das Riff überblickte. Zu zweit nisten sie in einer dieser künstlichen Palmen, die, vom pfeifenden Wind über den Hotelmauern völlig ungebeugt, mit roten Lichtern von ihren Spitzen eine Warnung vor ihrer eigenen Höhe in die Gegend blinken.

Beim Rückflug sah ich, wie die Sichel des zunehmenden Mondes Venus den Rücken zukehrte, in einem Meer aus rotem Licht, das der verschwundenen Sonne nacheilte, so prächtig und leuchtend, wie nur echte Augen es wahrnehmen können. In der Dunkelheit sah ich Kairo und Alexandria friedfertig zu mir heraufleuchten. Ich sah viele kleine, kompakte Spinnweben aus Licht, die einzelne kleine Lichter über einen ihrer Stränge in ihre Eingeweide saugen und sie an anderen Ausläufern wieder in die Zwischenräume aus Nacht hinausspucken.

Ich sah vorm Wegfahren ein aufgeräumtes Haus. Viel Wäsche war noch gewaschen worden. Das Geschirr war gespült und weggeräumt. Der Kühlschrank war ausgemistet, damit da nichts wächst, wo nichts wachsen soll, und der Müll wurde selbstverständlich noch rausgebracht.
Angesichts des Obstmangels beim Urlaubsfrühstück wollte ich mir heute früh zum ersten Frühstück nach der Heimkehr ein Stück kühlschrankkalte Mango in der Mikrowelle ein bisschen anwärmen, zehn Sekunden, damit mir nicht die Zähne ausfallen. Hinter der Tür des Gerätes traf ich ein Schüsselchen mit einem Deckelchen an, das genauso überrascht war wie ich. Ich guckte hinein und sah wundersame Schimmelgewächse. Es handelte sich um ein Restchen vormaliger Baked Beans, das ich am Abreisetag zum Frühstück essen wollte, damit auch wirklich nichts übrig bleibt.
Das unbestimmte Gefühl, irgendwas Wichtiges vergessen zu haben, hatte ich beim Wegfahren übrigens nicht.

Inhaltsverzeichnis Ägypten 2011

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Weihnachtsschnorcheln in Ägypten (1)

„Ich habe gesehen – etwas.“ Ein Zitat aus dem PC-Spiel „Dark Project“, das mein Mann und ich seinerzeit gemeinsam zu spielen pflegten. Er lief, duckte sich, drückte sich im Schatten rum, und ich bediente die Waffen. Das war gute Arbeitsteilung, machte Spaß und war überaus sozial, gemessen am allgemeinen Sozialfaktor der Tätigkeit Gambling, der ja sonst eher ärmlich ausfällt, weil die Tätigkeit generell eher still und einsam vor sich geht, während der geliebte Partner, mit dem man ab und zu etwas Zeit verbringen sollte, ebenso still und einsam einfach irgendwas anderes macht.
Manchmal kommt mir dieser Satz in den Sinn. Eine der metallenen Wachen, die es im Spiel zu umgehen galt, ohne aufzufallen, sagte das oft, wenn man sich beziehungsweise den Helden zu sehr exponierte, auf sehr metallene, steife Art und Weise, wie Roboter eben so sind. „Ich habe gesehen – etwas.“

Ich habe auch etwas gesehen in der letzten Woche. Beim Hinflug sah ich den ehrwürdigen Nil und das Einzugsgebiet seiner Fruchtbarkeit, ich sah eine Wüste mit endlos leeren, gelben Händen nach dem grünen Luxor greifen. Die Häuser an der Flugbahn haben keine Dächer, nur Dachböden mit Tieren oder Un- und Hausrat. Davor finden sich allerlei Rechtecke im Sand, Lehmziegel werden dort getrocknet. Ich sah die ausladenden Hotelstrände von Hurghada, an denen man sicherlich, wenn man nur mal schnell zur Strandbar wollte, hinterher ein Weilchen suchen muss, um unter den hunderten Windschutzkojen jene wiederzufinden, in der sich der eigene Partner in der Sonne räkelt und nicht irgendein fremder sonnenmilchglänzender Mensch.

Ich sah Wasser bis zum Horizont, ägyptisches Wasser. Ich habe Fische gesehen, und zwar unglaublich viele. Schnorcheln im Roten Meer ist ja wie in einem Aquarium herumzuschwimmen. Da sieht man die exotischsten Fische, prächtig bunte Exemplare, von denen einer sogar nach Picasso benannt ist, und das völlig zu Recht; wild gemusterte oder zart gescheckte Fische, Fische in schreienden Signalfarben oder in Pastelltönen, mit senkrechten oder waagrechten Streifen, vielen farbigen wie auf einem Pyjama oder nur einem einzigen breiten Streifen in Kontrastfarbe, Fische mit wundersamen Funkeleffekten an den Flossen, Fische mit langen Nasen und kleinen Augen, Fische mit flachem Kopf und Glupschaugen, Fische mit Stirnfortsätzen, die sie wie Einhörner wirken lassen, gut getarnte Fische, die wie Steine aussehen, zutrauliche Fische und vorsichtige, große, friedliche und kleine, die finster entschlossen sind, ihre Koralle unter Einsatz ihres Lebens durch blitzartige Angriffe zu verteidigen.
Kürzer gesagt, ich habe Doktorfische gesehen, Drückerfische, Falterfische, Kaiserfische, Schnapper, Barsche, Feuerfische, einen Steinfisch und einen Drachenkopf, einen Barrakuda, einen rotierenden Schwarm Makrelen mit weit geöffneten Mäulern, die in der Sonne wild aufblitzten, Kalmare mit großen Augen (sie; ich aber auch), tausende junge Quallen und wohl ebensoviele Korallen und einen Oktopus in voller Aktion. Ich habe einen Putzerfisch beobachtet, wie er kurzzeitig zur Gänze in der Kieme eines Kugelfisches verschwand. Ich habe Krebse beobachtet und Schlangenseesterne und blaue, gelbe und grüne gewellte Muscheln, die sich schließen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Allein der Teil des Urlaubs, der unter Wasser stattfand, füllt schon eine halbe Seite, selbst wenn ich einfach nur aufzähle.

Ich habe aber auch anderes gesehen. Ich sah Mülldünen an Stränden, Plastikflaschen und -becher, Marmeladegläser und deren verrostende Deckel, Glasscherben, alte Taue, dick und dünn, Transportkisten und Elektrokästchen, Kabel und Drähte, Blechbüchsen, Schuhe, ja, sogar eine halbe Flasche Motoröl fischte ich aus dem seichten Wasser, um sie in einem Mülleimer zu versenken, dessen Inhalt vermutlich irgendwann erneut an einem anderen Strand landen wird.

Ich sah ein ganzes Hotel, das nur erbaut wurde, um es dem Verfall zu überlassen. Fehlgegangen im Plan, es ist ja gar kein Strand vorhanden, der Besitzer des Nachbarhotels will seinen Strand auch nicht teilen, wie sich zeigt, diese ohnehin schon sehr kleine Ecke zwischen den geschützten Riffen; daher kein Betrieb möglich. Ich sah ein gefliestes Badezimmer, dessen Kopie und deren Kopien in x-facher Ausfertigung, die allesamt nie benutzt wurden, Badewannen voller Sandstaub, immergleiche Balustradenbalkone an spiegelgleichen Zimmern, eines glatt, eines verkehrt – aneinandergereihte Gefüge von schlichter Leere, mit denen man zwei dreistöckige Blocks zu füllen vermochte. Zwischen ihnen, wo der Pool hinsollte, gähnt gelangweilt ein Loch im Sand, dahinter verwesen Sonnenschirmgerippe in Reih und Glied, ausladend wie Antennen zu nie eingetroffenen Touristenscharen. Laternen umrahmen weite Terrassen, die unbeleuchtet bleiben. Ich sah geschreinerte Schrankecken, Hammam-Nischen, gemauerte Bars mit eingebauter Spüle in einer Diskothek in Blau-Gelb-Rot. Ich sah eine Hotellobby mit einem Boden aus Sand, übersät mit tausenden Fußspuren, die hauptsächlich von Vogelfüßen stammen. Gut und ungestört kann man dort wohnen, als Taube. Niemand sonst wohnt dort. Auch die Meeresschildkröten müssen ihre Eier jetzt woanders legen. Das völlig unnötige Vorhandensein von Struktur. Ich habe gesehen – etwas.

(Fortsetzung folgt)

Inhaltsverzeichnis Ägypten 2011

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Wunschkonzert

Meine lieben Leser, die ihr doch immer mehr seid, als ich glaube!

Ich wünsche Euch von Herzen schöne Feiertage, lasst es Euch gutgehen, esst auf keinen Fall zu wenige Kekse, und lasst Euch nicht von familiären oder anderen Sonderbarkeiten ins Bockshorn jagen. Mögen die Tage langsam vergehen, wenns grad nett ist, und sich sputen, wenns grad nervt. Vor allem aber denkt daran, dass ihr es immer selbst in der Hand habt. Alles andere ist soo yesterday. ;) Atmet tief, seid einfach ihr selbst, und alles wird gut.

Ich freu mich auf ein neues Jahr mit Euch, mal fleißig, mal auf Sendepause, aber stets die Eure!

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Wo ist der Trost?

Ich bin immer wieder entsetzt, was für eine überaus trostlose Angelegenheit ein katholisches Begräbnis ist. Entstehen Religionen nicht vor allem aus der Not des Menschen, die Sterblichkeit allen Lebens irgendwie bewältigen zu müssen? Daher erhofft man sich doch von einer Religion, gerade wenn man einen geliebten Menschen verloren hat, noch am ehesten Nähe, Wärme, Trost, Verständnis, Menschlichkeit. Stattdessen wird man mit endlos heruntergebeteten Litaneien abgespeist, die bei jeder Wiederholung etwas mehr ihres Sinnes entleert werden, und mit dem Hinweis, man möge doch an ein Leben nach dem Tod glauben, um Erleichterung zu erfahren, und statt dass man sich gräme lieber dankbar sein, dass man den verstorbenen Menschen überhaupt bei sich haben durfte.

Dieser Mensch, der wahrscheinlich jemandes Mama oder Papa war, jemandes Oma oder Uropa, jemandes Bruder oder Schwester oder Kind, jemandes bester Freund, wird darin zwar ab und zu erwähnt, dabei wird er jedoch mit einem Vornamen tituliert, mit dem er im Leben von niemandem angesprochen wurde, oder gar mit einem unpersönlichen Herr/Frau Nachname. Dieser Mensch, dessen Gesicht für immer verschwunden ist, lebte ein ganzes Leben; darüber wird beim Begräbnis nicht gesprochen. Nicht über seine Berge und Täler, nicht über seinen Mut oder seine Hartnäckigkeit, seinen Stolz oder seine Treue oder seine Schrulligkeit, nicht über die Liebe, die er geben und erfahren durfte, oder die Spuren und Prägungen, die er hinterlassen hat. Wer nicht bereits das Glück oder Pech hat, gläubig zu sein, lernt es bei einem solchen Begräbnis sicher nicht. Die Gläubigen fühlen sich von dem armseligen Rest, der nach all dem Ungesagten übrig bleibt, vielleicht tatsächlich getröstet; ich persönlich kann diesen distanzierten Phrasen allerdings nicht den geringsten Trost abgewinnen. Noch die zurückhaltendsten protestantischen Begräbnisse stellen die katholischen in einen Schatten, der nicht viel mit einem liebenden, gütigen Gott zu tun hat.

Meine eigene Trauer mal beiseite genommen – für meine Freunde bin ich ohnehin selbstverständlich da, wenn sie jemanden verloren haben; für Bekannte aus Kindheitstagen, aus dem Heimatdorf sieht das aber oft anders aus. Es betrübt mich, dass mein Erscheinen bei einer so unterkühlten Veranstaltung die vielleicht einzige Möglichkeit ist, meine Anteilnahme zu zeigen. Irgendwie habe ich dabei das Gefühl, betrogen werden und selbst zu betrügen, als würde ich mich damit den Hinterbliebenen gegenüber auf denselben Standpunkt stellen wie die katholische Kirche – oder vielmehr gestellt werden. Ein kleiner Trost: Es ist wohl etwas mehr wert als ein Nichterscheinen.

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Neues von der Band

Blacktime Bird – Fading Memory – unsere neueste Bandkreation. Der Song von Ceh, die Fotos von mir, das kreative Video von Deh. Also ich bin sowas von stolz.
Entstanden aus Cehs Weihnachtswunsch. Die Version mit diesem schönen Gesang wollten wir nicht im virtuellen Regal verstauben lassen, auch wenn sie rauscht und nicht so perfekt ist. Er hatte den Song mal ganz roh aufgenommen, der Rest war Band Zwonull – also dropboxen, draufsingen, draufbassen, zurückschicken. Ceh wünschte sich ein Video dazu. Und brave Mitbänder, die wir nun mal sind, haben wir uns sofort an die Arbeit gemacht und Weihnachten auf den 28.11. vorgezogen. Here goes. Merry Christmas!

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Der Hirsch ist tot

Mit dem Tod hat er sich vermutlich mehr beschäftigt als der durchschnittliche Mensch. Vielleicht gehört das aber auch zu Wien, wie er zu Wien gehörte und für mich auch weiterhin gehören wird. Mit einer Erkrankung wie seiner rückt das Thema auch nicht gerade ferner. Die Entscheidung darüber, wann es genug ist, selbst treffen zu können, ist vielleicht die einzige Freiheit, die einem in einer solchen Situation noch bleibt. Mich hat die Nachricht trotzdem sehr getroffen, dass Ludwig Hirsch sich heute in Wien in den Tod gestürzt hat.

Ein gefühlvoller und mutiger Liedermacher war er. Seine Platte „Dunkelgraue Lieder“ haben wir, mein Bruder und ich, in unserer Kindheit auf und ab gespielt, bis wir sie auswendig konnten, und danach noch weiter. Nun könnte man meinen, das sei aber etwas schwere Kost für Kinder, und damit mag man nicht ganz falsch liegen. Doch mich hat der Herr Hirsch als erstes Aufmerksamkeit gelehrt (Was singt der denn da eigentlich?), er lehrte Mitgefühl („Der Wolf“), Vorsicht („Der Herr Haslinger“) und die Gültigkeit von ambivalenten Gefühlen („Die Omama“), aber auch das Lachen über schräge Zeitgenossen und Begebenheiten („Liebeslied“) und grenzwertige Unanständigkeiten („Geh spuck den Schnuller aus“) – aber vor allem viel Gänsehaut (bei fast allen Stücken, vor allem „Der Dorftrottel“).

Meine Tränen kommen mit 100%iger Sicherheit bei drei seiner Songs, „I lieg am Ruckn“, „Der Wolf“ und „Komm, großer schwarzer Vogel“. Damit bildet er die einsame Spitze, vor Bobby Goldsboros „Honey“ und Esther Ofarims „Kinderspielen“, wenn meine Mutter es singt.

Erst vor Kurzem gab es eine Radiosendung mit ihm, da wurden Hirsch-Lieder gespielt und… ich hab auf den nächsten Senderknopf gedrückt, als „I lieg am Ruckn“ begann. Wie gesagt, nur in den seltensten Fällen halte ich ein ganzes Hirsch-Stück ohne Tränen durch; ich hör nur die Instrumentierung, und es beginnt schon zu fließen. Und da war mir gerade nicht nach Weinen.
Jetzt schon. Vielleicht sickert ane, a klane, zu dir durch, Ludwig Hirsch.

(Texte)
(Wiki)
(youtube)

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Freunde

Ich habe einen Brief bekommen. Einen richtigen, echten Brief, in dem eine richtige, echte Handschrift acht Seiten füllt. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen handgeschriebenen Brief bekommen habe. Was ich noch weiß ist, von wem ich ihn bekommen habe, doch das muss schon Jahre her sein. In einer Zeit, in der selbst im Rahmen der elektronischen Post nur noch jede zweiundzwanzigste E-Mail von einem richtigen Menschen direkt an einen anderen gerichtet ist, mit Anrede und persönlichem Inhalt, und der Rest aus automatisch generierten Inhalten für automatisch generierte Leser besteht, hat die Ankunft dieses Briefes mein Herz hüpfen lassen. Doch in den Minuten zwischen Briefkasten und Brieföffner hatte ich auch die Befürchtung, es könnte was ganz Schreckliches drinstehen, etwas, das man nicht einmal einer E-Mail anvertrauen wollen würde.

Es ist eine rechte Sauklaue, die sich mir darin in den Weg wirft, aber es ist eine kreative Sauklaue, meiner eigenen Handschrift gar nicht so unähnlich. Ich hatte jahrelanges Sauklauenentzifferungstraining in meiner Lehrzeit und danach, als ich beim Steuerberater händisch adaptierte Briefe und Vorjahresvorlagen in die EDV „einzuklopfen“ hatte, wie man damals so schön sagte. Jeder Sachbearbeiter hatte seine eigene, und über die Jahre mutierte ich zur Meisterin aller Schriften und Glyphen. Nicht nur konnte ich über die Handschrift auch anhand ein, zwei kurzer Worte den Verfasser identifizieren, sondern auch alle kryptischen Einzelfälle lösen, ohne nachfragen zu müssen. Später wurde ich zum Ghostwriter; ein Kollege, der mittlerweile leider schon verstorben ist, wollte seine diktierten Briefe nur noch von mir tippen lassen, weil sie eleganter und punktgenauer formuliert in seiner Mappe landeten als er sie jemals diktiert hatte.

Es stand nur sehr wenig Schreckliches drin, in dem Brief, den ich bekommen habe. Mehr Persönliches, viel Zeitgeschichtliches, und ein paar der Eigentümlichkeiten, für die ich den Verfasser so mag, wie ich ihn eben mag. Ganze Bücher könnte ich lesen in diesem Stil, in dem er seine Worte abzufassen pflegt, und das weiß er auch. Die richtig guten Leute werden leider oft nicht verlegt.

Ich habe auch eine Ansichtskarte aus Las Vegas bekommen, etwas früher in diesem Jahr. Auch diese Ansichtskarte enthielt eine persönliche Anrede und richtige Handschrift. Ich verstand sie als eine Art Dank, der passiert, wenn man teilt, was man hat, weil jemand anderer auch gern hätte, was man hat. Ein Teilen, das keinen etwas kostet, aber beiden Beteiligten Freude bereitet. Was ich mit der Absenderin ebenfalls teile, ist die Liebe zum geschriebenen Wort und die Auftragsschreiberei. Als ich letztens ein akutes Problem in diesem Bereich zu lösen hatte, ließ sie sofort alles liegen und stehen, genehmigte sich noch einen Koffeinschub und war dann via Skype mit allerlei Vorschlägen für mich da. Für solcherlei Geschenke zeige ich mich gerne erkenntlich, und ich hatte noch in der gleichen Woche dazu die Gelegenheit, wenn auch nicht in gleichem Ausmaß. Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich.

Ich fühle mich diesen Menschen verbunden, die mein Leben auf so wunderbare Weise bereichern. Es sind Menschen, die mir eine Freude machen wollen, die mir Geburtstagsgeschenke schicken, Bücher, die mich nach einem Spitalsaufenthalt trösten sollen, Briefe und Ansichtskarten und E-Mails, postalische CarePakete mit Schokolade, die hierzulande aus dem Sortiment genommen wurde, ja, Menschen, die mir sogar Internetbestellungen weiterschicken, die nur nach Deutschland versendet werden, und das, ohne dafür auch nur das Geringste zu verlangen, nicht mal eine Portovergütung. Ich fühle mich wirklich reich beschenkt und bin dafür ungemein dankbar.

In beiden Fällen, die ich oben erwähnt habe, Brief und Ansichtskarte, sind das Menschen, die ich nie persönlich getroffen habe. Mit manch anderem, dessen Geschenk im letzten Absatz vorkommt, hatte ich ebenfalls erstmals online das Vergnügen. Wenn Internet- oder SocialMedia-Verweigerer mir mit ihren undifferenzierten, oft nachgeplapperten Platitüden kommen, erwähne ich diese Menschen immer. Zugegeben, nicht jeder „Freund“ ist wirklich ein Freund heutzutage. Ich reihe auch nicht alle Bekanntschaften, die ich im „richtigen“ Leben habe, in diese besondere Kategorie von Menschen ein. Der exzessive Austausch von Oberflächlichkeiten findet auch offline statt, wie wir alle wissen. Für eine Freundschaft ist das nicht ausreichend.

So ist aber auch nicht jeder, den man „nur übers Internet“ kennt, zwangsläufig kein Freund.