Etosha auf Probefahrt: Nissan Juke

Es scheiden sich die Geister beim Juke. Die einen finden ihn furchtbar kindisch, die anderen witzig kreativ. Ich gehöre zu Letzteren. Er sieht ein bisschen aus, als hätte man den Micra an den unmöglichsten Stellen aufgeblasen. Heute war ich dank meinem alten Freund Roman und dem Verkäufer Steve von Honda Stahl in Wien 20 mit so einem Gefährt unterwegs. Diesmal konnte ich mir leider nicht mehrere Stunden Zeit dafür nehmen, der Mensch muss ja auch zwischendurch was arbeiten und kann leider nicht den ganzen Tag mit fremden Boliden spazierenfahren.

Der probegefahrene, dunkelrote Juke ist ein 1.5 dCi mit 110 PS in der Acenta-Ausstattung. Das Auto macht nicht nur von außen gute Laune. Sitzt man drin, dann sitzt man oben! Man fühlt sich endlich mal ein bisschen weniger wie ein Zwuck. Manch einer mag jetzt “Pah!” machen und das eh schon seit Jahrzehnten so gewöhnt sein von seinem Niveauschlitten, der alles vereinigt, die Unannehmlichkeiten des SUV (alles riesig) mit den Nachteilen der Limousine (kein Allrad), aber für mich ist das was Neues. Beim späteren Umsteigen zurück in meinen Peugeot habe ich das Gefühl, mit dem Hintern auf dem Straßenbelag zu schleifen. Wo genau der Juke zu Ende ist, hat man nicht auf Anhieb im Gefühl, man kommt sich sehr groß und breit vor. Einparken probiere ich nicht, und ich sag’s ganz ehrlich, das hatte mit fehlendem Mut zu tun. Ich hab normalerweise keine Federn vorm Einparken, aber ich mit dem Juke – ch-ch-chicken.

Das Hunzi müsste freilich künftig auf der Seite einsteigen, die hintere Ladekante schafft die mittlerweile Zwölfjährige nie und nimmer. Mit umgelegten Rücksitzen erhält man aber eine schön ebene Ladefläche, auf der auch Frau Hund glücklich wäre. Klappt man sie wieder auf und setzt einen Mitfahrer hinten rein, dann sollte man sich tunlichst einen Zwuck aussuchen, größere Leute tun sich bestimmt am Kopf weh.

Vom Fahrersitz aus kann man die Oberseite der Glubschaugen vorne sehen, gerade und seitlich nach hinten sieht man nicht so viel, weil die Dachlinie nach hinten abfällt, was die hinteren Fenster verkleinert, und weil die Heckscheibe recht schräg ist. Die Fensterlinie protzt nicht mit ganz so viel Höhe relativ zur Sitzposition wie beim Hyundai i30, aber im Vergleich zu älteren Autos ist sie doch merklich weiter oben. Man hat also vielleicht eine kleine Chance, sich kein unfreiwilliges Zweiwege-Gelenk zu holen, wenn man das beim i30 besprochene Parkticket in den Automaten schieben will. Eventuell muss man aber überhaupt aussteigen, schließlich ist man ein gutes Stück weiter oben als der angepeilte Schlitz. Oder gibt es womöglich zwei Schlitze am Parkautomaten, von denen mir der obere bislang mangels Fahrzeug- und Körperhöhe einfach noch nicht aufgefallen ist?

Was ich im Cockpit gleich mal überhaupt nicht finde, sind die Eumel zum Verstellen der Außenspiegel. Irgendwo müssen sie wohl sein, die aktuelle Einstellung passt aber zufällig. Zum Glück. Nochmal aussteigen und fragen hätte mich ja als das Weib dastehen lassen, das ich nunmal bin. Har!

Könnten wir dann bitte mal den Motor starten? Ah! Ruhig klingt er, dafür, dass ich gelesen zu haben glaube, wie laut… oh! Nun, wenn man aufs Gas steigt, hört sich das gleich anders an. Das blecherne Röhren klingt wie von einem Mini-Propellerflieger und scheint irgendwie von rechts vorne zu kommen, als lägen die Zylinder direkt auf dem rechten Vorderrad. Fährt man mit konstantem Tempo dahin, dann hört man das Flugzeug nicht, aber bei Beschleunigung hat man sofort wieder dieses Bild vor Augen.

Das wäre nervig, würde sich nicht unterm Hintern ein durchaus üppiger Vorwärtsdrang bemerkbar machen, der das Geräusch ein wenig rechtfertigt. Er geht gut, der Juke! In den niedrigen Gängen und Drehzahlen geizt er nicht mit seiner Kraft, und auch mit der Sechsten bei 140 will er noch schneller, das kann ich deutlich spüren. “Also, ich könnte noch”, röhrt er mir zärtlich zu. Nur die Wartezeit auf das Ansprechen des Gaspedals beim Hochschalten lässt mich ebenso wiederholt wie unverhofft nach vorne plumpsen, weil die Beschleunigung endet und nicht gleichzeitig mit dem Fuß wiederkommt, sondern erst elektronisch ein Sekündchen drüber nachdenkt. (“Sind Sie sicher, dass Sie jetzt beschleunigen wollen? Wirklich sicher? Möchten Sie einen Freund anrufen? Nein? Na gut, dann leite ich das jetzt an den Motor weiter. Wirklich! Okay?”) Call me oldfashioned, aber ich mochte es, als das Gas noch direkt am Motor hing.

Wir liegen gut auf der Straße, ich bin durchgehend hurtig durch die Kurven unterwegs, freilich ausschließlich zu Testzwecken, und das macht der Aufgeblasene alles anstandslos mit, kein Übersteuern, kein Schieben. Es pustet ein ordentlicher Wind heute, aber das stört den Juke überhaupt nicht, es beutelt uns nicht durch. Es ist aber ein trockener und sonniger Tag, und die 215/55/17-Patscherln tragen sicher auch zur Stabilität bei. Das sieht fett aus, lässt aber die Kosten für ein solches Patscherl von meinen derzeit bescheidenen 60 € beim 206er auf 140 € explodieren. Im Moment würde mich das noch nicht kümmern, 8-fache Bereifung ist im Angebot mit dabei. Und was soll ich mich um morgen sorgen?

Die A-Säule hat eine leichte Biegung von unten nach oben und ist bei der Sicht in Kreisverkehren etwas gewöhnungsbedürftig, und insbesondere der fette Außenspiegel stört dabei ein wenig mehr als gewohnt. Die Fenster rundherum zu öffnen ist ohne spontane Schäden an einem oder mehreren Trommelfellen möglich. Die Federung ist eher ruppig und erinnert mich an den 206er, es ist kein so flauschiges Dahingleiten wie mit dem i30 oder gar mit dem Skoda Superb. Rechts hinten knarzt irgendwas, wenn man über Unebenheiten hinwegpoltert.

Es gibt USB- und AUX-Anschluss und auch Bluetooth-Streaming im Juke. Aber ach!, wie im i30 gelingt es mir nicht, meine iPhone-Songs im Mix abzuspielen, es ist wie verhext. Das System des Juke ist darauf kapriziert, den Podcast abzuspielen, den ich zuletzt auf dem Handy gehört und unterbrochen hatte. Ich drücke diverse Knöpfchen und lande in einer Art Endlosschleife, aber eine Play/Pause/Next/Tudochwas-Taste scheint nicht dabei zu sein. Vielleicht stimmt ja mit meiner Intuition was nicht. Ich halte zwar eigens an, um nicht knöpfchendrückenderweise unkonzentriert dahinzuglühen, aber nach ein paar Minuten gebe ich auf, fahre wieder weiter und höre Radio. Im Falle eines Ankaufs: RTFM. Auch das vorhandene Navi ist ein wenig frickelig und wehrt sich, ich brauche drei Anläufe, bis endlich das Touch-Display anhand meines Fingerdrucks die gewünschte Postleitzahl übernimmt.

Eine Sache, die ich bei allen Autos teste, weil sie mich bei meinem Auto ärgert: Von oben zurückschalten auf den zweiten Gang, einkuppeln, Motorbremse. Bei meinem 206er gibt es einen Ruckler, wenn ich die Kupplung loslasse, egal wie sanft, langsam und gefühlvoll oder schnell und gnadenlos ich das mache. Skoda Superb – kein Ruckeln. Hyundai i30 – kein Ruckeln. Juke – es ruckelt auf die vertraute Art. Weniger stark, aber spürbar. Nervig ist das deshalb, weil es eindeutig nicht an mir liegt, und weil mir weiches, am besten gar nicht wahrnehmbares Schalten sehr wichtig ist. Ist auch so eine Art Sport. Man hat ja sonst nichts.

Mein Hauptproblem mit dem Juke aber lautet: Die Sitzfläche ist zu lang, dadurch entsteht in den Kniekehlen ein Druck auf die Waden. Das wird mit der Durchblutung nicht hinhauen. Prompt schlafen mir nach 20 Minuten die Beine vom Knie abwärts ein. Der Rücken fühlt sich ok an, aber die lange Sitzfläche ist ein Drama. Ja, man könnte sich ein Kissen hinter den Rücken stopfen, sogar ein superspezielles Lordosekissen anschaffen, wenn man das wollte, aber erzeugen wir dann nicht wieder eine Knie-Konsolen-Situation wie beim i30? Und möchte man das – im neuen Auto im Originalsitz nicht sitzen können?

Die Crossover-Linie gefällt mir. Es ist aber jammerschade, dass die Allradvariante des Juke so viel teurer ist als der 2WD. Würde Spaß machen, wenn er dann auch im Winter so unbesiegbar wäre, wie er aussieht.

Leider bin ich immer noch nicht unsterblich verliebt. Schade.

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