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Überwachung und Befürchtung

privacy Man möchte offenbar den Massen gerne und leichtverständlich eine völlig willkürliche Verknüpfung in den Kopf setzen: zwischen Menschen, die sich mit Überwachung unwohl fühlen, und allerlei zwielichtigem Gsindl¹, das sich nicht anständig, i.e. gesetzeskonform, benehmen kann.

Diese Art von Weismachung geschieht gern auch seitens der Presse. Das sieht dann so aus:

Wirkt unfair – ist es auch.
(Die Schlagzeile „Das Lieblingsbuch…“ gibts in der Onlineversion des Artikels der WELT am Sonntag übrigens offenbar nicht.)

Genau wie dieser Satz, der mir heute wieder unterkam: „Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten.“
Mit dieser scheinbar logischen Herleitung blanken Unsinns versucht man seit Jahren, ÜberwachungskritikerInnen zum Schweigen zu bringen. Allein: Der Satz ist gequirlte Kacke.

Er tut nur so, als würde er irgendeine Art von absoluter Wahrheit kundtun. In Wirklichkeit versucht er, sich selbst und sein Anliegen auf zweifelhafte Weise zu legitimieren:
Zunächst unterstellt er, wir hätten gar kein Recht auf diese Art von Privatsphäre, und lenkt damit einigermaßen erfolgreich von der fragwürdigen Gesetzeskonformität staatlicher Überwachung ab.
Dann lässt er anklingen, wer durch Überwachung irgendetwas (völlig Irrationales) befürchte, müsse ohnehin etwas zu verbergen haben, eventuell gar in kriminelle Handlungen verwickelt sein. Und damit wiederum wirft er ÜberwachungskritikerInnen² mit übrigen Verdächtigen in einen Topf. Was doch wiederum eine engere staatliche Überwachung umso nötiger macht – da sind wir uns doch alle einig – oder?

Der Umkehrschluss des Satzes lautet: „Wer etwas zu verbergen hat, der hat etwas zu befürchten.“
Wir alle haben jedoch durchaus etwas zu verbergen, das niemanden etwas angeht – und das dennoch nicht gegen das Gesetz ist: Wo wir hingehen, mit wem wir am Telefon reden oder uns treffen, was wir mit diesen Menschen besprechen, was wir kaufen/downloaden/ansehen/anhören, wem wir was mailen und wohin wir online surfen, wen wir lieben.
ES. GEHT. NIEMANDEN. WAS. AN.
Doch dieser Fall von Graustufe ist in der schwarzweißen Polemik dieses Satzes schon nicht mehr vorgesehen. Die Graustufe fällt schon unter verdächtig, und dafür werden Sanktionen angedroht.

Man ist also entweder unbescholten, ergo muss einem doch jegliche Durchleuchtung uneingeschränkt recht sein – spätestens, wenn das Deckmäntelchen der Sicherheit darübergebreitet wird! Wer könnte da noch dagegen sein? So jemand macht sich doch verdächtig und ist letztlich mutmaßlich kriminell, und das ist auch schon der Beweis: seine Überwachung ist damit angemessen. Das erinnert mich in puncto Fairness ein wenig an die Hexen-„Gutachten“ im Mittelalter: Werft sie ins Wasser! Ertrinkt sie, war sie keine. Ein Glück für sie, denn ertrinkt sie nicht, ist uns das Beweis genug – sie wird verbrannt.

Ich möcht auch mal „Polemischer Umkehrschluss“ spielen: Hat denn der Staat in Bezug auf seine Überwachungsambitionen nichts zu verbergen? Dann hat er ja von Überwachungsgegnern auch nichts zu befürchten! \o/ Da ist die Freude doch sicher groß! Ansonsten muss der Staat sich damit abfinden, dass ihm bei seinem Vordringen in unser Privatleben weiterhin ganz genau auf die Finger geschaut werden wird – und daran ist absolut nichts Verwerfliches oder Verdächtiges. Auch dann nicht, wenn Terror noch so schön jegliche Form von Privatsphärenverletzung zu rechtfertigen scheint.

Ich muss das aber gar nicht weiter selbst ausführen, lieber möchte ich nochmal einen Heise-Artikel von Michael Lohmann verlinken. Wiewohl sehr lang für heutige Aufmerksamkeitsspannenverhältnisse und schon aus dem Jahr 2006, hat er nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt. Wie schön, dass er immer noch online ist! Er zerrupft die obige Polemik so umfassend in ihre Bestandteile, dass am Ende nur ein WTF übrigbleibt.

Aus dem verlinkten Artikel zitiert:

Hat der Bürger ein Geheimnis, hat er ein Risiko, hat er kein Geheimnis, gibt es keine Gefahr. Hinweise auf mögliche Gefahren aufgrund staatlichen Verhaltens bekommen wir dagegen nicht. […] Problemfelder wie Machtmissbrauch sind in dieser Aussage ausgeblendet. Auch ist die Frage nach Rechtsgrundlagen und Kriterien des staatlichen Machteinsatzes kein Thema. Thema ist allein das Wohlverhalten des Bürgers. Der Bürger erscheint hier als Untertan des Staates. Wer die Kontrolleure kontrolliert, ist in der benannten Aussage irrelevant.

Steigerungslogik: Der Verdacht erfordert Überwachung. Die Überwachung gebiert den Folgeverdacht, dass sich die Überwachten der Überwachung entziehen.

Mit dem Satz „Wer nichts zu verbergen hat…“ wird die Beweislast umgekehrt. […] Der Verteidiger der Bürgerrechte muss beweisen, dass er zu Recht verteidigt, was doch eigentlich Status Quo und verfassungsmäßig verbrieft ist.

Weil die Kontrolle unabdingbar und deren Verhinderung als Ausbremsen des Staates bei der Erfüllung seiner Aufgaben angesehen werden, wird der Widerstand gegen die Aushebelung der Bürgerrechte selbst unter Verdacht gestellt.

Deshalb ist es eigentlich sinnvoll, jeden Protest vorsorglich unter Verdacht zu stellen. Ob diese Befürchtung dann berechtigt war, erweist allein der kontrollierende Zugriff des Staates.

Der rhetorische Kniff besteht […] in der zwischen den Zeilen formulierten Drohung, dass der Protestierer als verdächtig angesehen werden könnte.

¹ Gsindl: (von „Gesinde“): im übertragenen Sinn auf Ösitanisch Missetäter, Kleinkriminelle.
² „ÜberwachungskritikerInnen“ klingt so nach lauten, politischen AktivistInnen. Tatsächlich fallen unter diesen Begriff, der sodann mit Kriminellen in einen Topf geworfen wird, wohl aber auch gefühlt eher „unpolitische“ Menschen, die sich angesichts neuer Überwachungstendenzen vielleicht nur etwas irritiert fragen: „Gab’s da nicht mal sowas wie ein Gesetz oder so, das dem Bürger irgendsoeine Art von Privatleben zusichert? Bin grad nicht sicher, müsst man mal googeln.“

weltamsonntag-ueberwachung-20170827 Anhang: Screenshot der Schlagzeile für den Fall von Tweetschwund

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Weltgeschehen und Regenbögen

Bei der Fußball-EM in Frankreich schlagen sogenannte Fans einander die Zähne ein. In Wien demonstrieren die Rechten, die Linken stellen sich dagegen, die Polizei pfeffersprayt drauflos, und dann behauptet jeder, die anderen hätten angefangen. Eine britische Abgeordnete wird auf offener Straße ermordet. Journalistinnen und andere Frauen, die im Netz offen ihre Meinung kundtun, müssen sich gemeinsam wehren gegen die tägliche Flut an Hass, Gewaltdrohungen und Vergewaltigungswünschen. In Orlando schießt ein Mann auf die Besucher einer Schwulenbar, 49 Menschen sterben, 53 werden verletzt. Vieles davon ist offensichtlich politisch motiviert, dass es schon peinlich ist, wie störrisch die Vorfälle von offizieller Seite als „psychisches Problem eines Einzelnen“ dargestellt werden. Oder Betroffenen geraten wird, dieses oder jenes Phänomen „einfach zu ignorieren“.

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Versteh ich dich richtig?

Ich lese mir jede Twitter-Reply, die ich schreibe, vor dem Senden jetzt eh schon sieben Mal durch. Ich versuche, sie mit den Augen des Empfängers zu lesen und stelle dann oft fest, oh, das könnte man eigentlich auch genau gegenteilig verstehen. Dann formulier ich die Reply oft mehr als einmal um. Missverständnisse entstehen trotzdem.

Das sagte ein Twitter-Freund unlängst zu mir. Am Telefon, damit ich ihn nicht missverstehe.

Dazu kam der Vortrag der Frau Brodnig beim NetzPAT, den man jetzt auch nachlesen kann – ich empfehle das, es war sehr interessant.
Am Ende ihres Vortrages fragte sie, was man tun könnte, um das Diskussionsniveau im Netz zu heben. Meine persönlicher Beitrag zu einer Antwort steht am Ende dieses Artikels.

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Die Sau im Dorf lassen

Irgendwo im topaktuellen Internetgesetz steht geschrieben, dass du zu allem eine Meinung haben musst, und zwar sofocht – sonst kannst du diese ja nicht ebenso schnell der Öffentlichkeit kundtun. Manche Säue sind ja so schnell vorbeigetrieben, dass sich womöglich schon morgen oder in zwei Stunden keiner mehr für deine möglichst geschliffen formulierte Empörung interessiert!

Dass man jedoch zur Meinungsbildung über Informationen verfügen sollte, die in ihrer Ausführlichkeit über den Informationsgehalt eines Tweets deutlich hinausgehen, wird in der Hektik gerne übersehen. Heute sind zwar alle Informationen nur einen Klick entfernt, aber wohin klickt man bloß, und man hat ja  auch gar keine Zeit!

Ich persönlich leiste mir den Luxus, zu vielen Dingen keine Meinung zu haben.  Ich verstehe aber den Ärger und die Sorge des Herrn jawl, und ich spüre das auch. Die Konsequenzen, die so ein vorschnelles Urteilen für die involvierten Menschen haben kann, sind furchterregend und können ganze Leben zerstören. Das sollte man bedenken, bevor man sein Urteil online verkündet. 

Im Zweifelsfall kann man auch vorher flugs einen prüfenden Blick vor die eigene Tür werfen, ob da nicht dringender Kehrbedarf besteht. Fegen entspannt, und man kann sich dabei geistig mit den Dingen befassen, von denen man sich sonst durch das Tagesgeschehen nur allzu bereitwillig ablenken lässt.

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Aufs Stichwort! Projekt *.txt

PICT8890 Der Dominik Leitner aus St.Pölten von Neonwilderness.net, der da auch als @dmnkltnr twittert, hatte da eine Idee: Gemeinsames Bloggen auf Zuruf eines Stichwortes.

Sein Projekt heißt *.txt – für alle Nicht-Nerds: Das steht für eine Textdatei (.txt) mit einem Platzhalter für den Dateinamen (*) – so eine Kombination benutzt man für die Suche nach allen Textdateien auf einer Festplatte. Im übertragenen Sinn könnte es aber auch für die noch unbekannte, weil unbenannte Spielart einer schriftlichen Schöpfung stehen.

Zum Ablauf des Projektes schreibt Dominink:

Alle drei Wochen wird ein Wort “gezogen” und alle teilnehmenden Autorinnen und Autoren nutzen dann die 21 Tage, um einen Text zu veröffentlichen. Ob nun eine Geschichte, einen Brief, ein Gedicht, ein paar Zeilen. Zumindest irgendetwas. […]

*.txt wird auf dieser Seite betreut (eine Übersichtsseite, alle drei Wochen ein Beitrag über die “Ziehung”), die Beiträge erscheinen dann aber auf deinem eigenen Blog, hier werden sie nur gesammelt und verlinkt.

Tolle Idee, dachte ich, und fand vor allem den Dreiwochen-Rhythmus sehr gut gewählt – das schlägt nämlich meiner offenbar hormonell bedingten Wortfindungsstörung ein Schnippchen, chr chr – und schrieb ihm sogleich einen Kommentar zur Projektanmeldung, der dort prompt nicht erschien und stattdessen in den Tiefen des www einen unerhörten Abgang machte.

Heute aber bemerkte ich dies und schaffte es doch noch, mich zu diesem Projekt anzumelden. Im Jahr 2015 wird hier also alle drei Wochen ein Text zu *.txt erscheinen. Das Projekt hat von mir hiermit eine eigene Kategorie bekommen, über einen Klick darauf wird man alle meine Beiträge dazu aufrufen können.

Links zu den Beiträgen der anderen teilnehmenden Autoren findet man dann bei Neonwilderness.net.

Ich bedanke mich schonmal bei Dominik für die freundliche Akzeptanz meiner Anmeldung, und natürlich auch dafür, dass du dir die viele Arbeit aufhalsen willst, die sicher damit verbunden sein wird. Und vielen Dank an Herrn Kofler, der mich mit seinem Retweet auf das Projekt aufmerksam gemacht hat. Ich freu mich drauf!

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Update

Vom Gewässerschutz hab ich bis dato keine Ergebnisse erfahren. Man hat mir aber angekündigt, mir neue Proberöhrchen vorbeibringen zu wollen. Was das nun genau heißt, weiß man nicht, man kann sich nur etwas zusammenreimen. Und ich bin gerade nicht in Dichterlaune.

Ich bin jetzt stolze Einloggerin in einen Netflix-Account und habe mich in diesem Zusammenhang in allerlei Neuland herumgetrieben – nicht nur filmguckerisch, sondern auch technisch. Weil aber der von mir neu entdeckte Raphael Schön das alles schon so umfassend erklärt hat, hab ich mir wieder was erspart. Sonst hätte ich vielleicht demnächst mit einem ähnlichen, aber wahrscheinlich weit subjektiveren Bericht aufgewartet.

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SYSK!

From the SYSK Podcast episode How Animal Domestication works:

Zebras account for more injuries to zoo keepers than any other animal at the zoo! – Man, that is one pissed off stripey horse!

And:

An animal that does follow a social hierarchy is basically prearranged to be domesticated. ‚Cause you just take that alpha male, you punch him in the face a couple of times in front of everybody, make ‚em cry, and then now you’re the alpha male! And you say, „Start laying eggs!“ And they listen to you! And then they’re domesticated. – After you have punched the chicken?

You really should listen to Stuff you should know. (Podcast on iTunes) It’s great fun!
I also highly recommend the episode How the Human Microbiome Project works.

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