Weltgeschehen und Regenbögen

Bei der Fußball-EM in Frankreich schlagen sogenannte Fans einander die Zähne ein. In Wien demonstrieren die Rechten, die Linken stellen sich dagegen, die Polizei pfeffersprayt drauflos, und dann behauptet jeder, die anderen hätten angefangen. Eine britische Abgeordnete wird auf offener Straße ermordet. Journalistinnen und andere Frauen, die im Netz offen ihre Meinung kundtun, müssen sich gemeinsam wehren gegen die tägliche Flut an Hass, Gewaltdrohungen und Vergewaltigungswünschen. In Orlando schießt ein Mann auf die Besucher einer Schwulenbar, 49 Menschen sterben, 53 werden verletzt. Vieles davon ist offensichtlich politisch motiviert, dass es schon peinlich ist, wie störrisch die Vorfälle von offizieller Seite als „psychisches Problem eines Einzelnen“ dargestellt werden. Oder Betroffenen geraten wird, dieses oder jenes Phänomen „einfach zu ignorieren“.

Zerbombte Häuser, tote Menschen, Unfreiheit, Vergewaltigung und Verfolgung in Syrien, in Afghanistan, im Irak, in Nigeria und den angrenzenden Ländern. Flüchtende ertrinken im Mittelmeer. Und zwischendurch immer wieder Fotos – in Fußballstadien, auf der Straße, auch bei uns in Wien – von Menschen mit erhobener rechter Hand. Hasserfüllte Gesichter, mehr als früher. Europäische Länder kämpfen gleichzeitig gegen Flüchtlingsströme und für eine bessere Positionierung am internationalen Waffenmarkt. Das ist an Zynismus kaum zu überbieten.

Meine Aufnahmefähigkeit für News aus der Welt ist von Natur aus eingeschränkt, ich kann vieles nicht so gut und so schnell verarbeiten, wie andere das offenbar können. Doch was ich mitkriege reicht, um entsetzt zu sein über die Welt und ihre Menschen in den letzten Wochen und Monaten. Mir widerstrebt die heftige Polarisierung zutiefst, wie unbarmherzig neuerdings die Anzahl der Schubladen für Situationen und Menschen reduziert wird – man hat das Gefühl, es gäbe in allen Bereichen nur noch genau zwei davon. Freund oder Feind. Inländer oder Ausländer. Mannschaft oder Gegenmannschaft. Links oder rechts. Mann oder Frau. Christ oder Moslem. Gut oder böse. Liebe oder Hass.

Es wird hier gerade eine Unzufriedenheit zum Lebensgefühl hochgejubelt, zu der wir keinerlei echten Anlass haben. Es wäre ein Fehler, die Demokratie in diesem Land für eine Selbstverständlichkeit zu halten. Politische Stabilität ist offenbar einlullend, sie ist jedoch nur ein fragiler, winziger Punkt auf der Zeitachse der Menschheit, auf den jeder Einzelne gut achtgeben muss. Ebenso ist es keine Selbstverständlichkeit, dass wir alles haben, was wir brauchen; dass wir keinen täglichen vierstündigen Marsch für zwei Krüge Wasser machen müssen, und der Strom aus der Steckdose kommt, dass die Supermärkte voll sind; und dass uns niemand abholt oder einfach erschießt, weil wir nicht zur richtigen Gruppe gehören oder nicht die richtige Einstellung haben.

Das alles ist bei uns nicht etwa deshalb so gelagert, weil wir alle so außergewöhnlich fleißig und super sind und uns das daher rangmäßig zustehen würde, sondern weil wir beim Geburtsort viel Glück hatten, und eine demokratisch gewählte Regierung, die ihre Arbeit in der Handvoll Jahrzehnte seit 1945 nicht allzu schlecht gemacht hat. Ja, ich will damit tatsächlich diesen Satz sagen: Etwas mehr Demut und Zurückhaltung stünde uns allen gut zu Gesicht.

Hier bitte zur gefälligen Ansicht aus dem sicheren Wohnzimmer die Liste der Kriegsländer 2016. Ich bin dankbar, dass mein Land nicht aufgeführt ist. Wer noch?

Differenziertes und reflektiertes Denken ist wichtiger denn je. Und sich nicht anstecken zu lassen von dieser lawinenartigen Vereinfachung der Welt. Es kann niemals nur zwei Schubladen geben. Es gibt keine simplen Lösungen für globale Problemthemen, auch wenn es noch so glaubhaft versichert wird. Und es gibt demnach auch keine Gruppe, die an allem schuld ist.

Angesichts all dieser herzverkrampfenden Vorgänge ist es umso schöner, dass die Regenbogenparade in Wien gestern so bunt und laut gefeiert wurde. Es gab wohl im Vorfeld Berichte über Beschimpfungen und Angespucktwerden und den Versuch eines „Fußballfans“, eine Regenbogenfahne anzuzünden – eine, in die sich zwei Menschen eingewickelt hatten.
Doch wo Schatten, da auch Licht: Es ist ein Durchbruch, dass erstmals ein österreichischer Bundeskanzler die Eier hatte, dort so zu sprechen, wie Christian Kern das gestern tat. Der designierte Präsident des Bundesrats Mario Lindner (SPÖ) outete sich auf der Bühne als schwul. 130.000 Menschen aus dem fließenden Spektrum zwischen Mann und Frau wurden in Wien gesehen und gehört. Einer von diesen Menschen war ich.

Andere Menschen sind auch Menschen, sie haben Gefühle, Ängste und Hoffnungen. Sie sind alle anders, und den einen Lebensentwurf, der für jeden von ihnen funktionieren würde, gibt es schlicht nicht. Bitte benutzt weiterhin euer eigenes Hirn und Herz, haltet inne, fragt nach, lasst euch nicht mitreißen, und lasst euch eure Empathie und Herzlichkeit nicht von Schwarzweiß-Vordenkern wegpolarisieren.

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Ich war voll und ganz anwesend. :)

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Hier noch das Album zum Durchblättern, falls irgendwas nicht klappt:

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schön hast Du das (mir aus dem Herzen) geschrieben.
    Aber wie wir aus unserer nächsten Umgebung erlebt haben, gibt es Menschen, die lieber Hass verbreiten, als liebenden Menschen ihr Glück zu gönnen.
    Es ist doch viel besser, wenn zwei Menschen sich lieb haben (egal ob Männlein oder Weiblein) als sich gegenseitig zu verletzten, zu bedrohen, seelisch fertig machen, oder gar zu töten.
    Es ist schön zu lieben, aber grausam und herzlos deshalb von anderen verachtet zu werden.

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  2. Absolut. Mir geht’s haargenauso. Ich übernehm das mal so ins Facebook, damit meine Blase was Schönes zu lesen hat :).

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    • Na, da bin ich aber gespannt! Danke fürs Kommentieren! Dass wir sehr ähnlich ticken, weiß ich ja schon, aber ich freu mich wirklich sehr, wenn auch Echo kommt.

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  3. Freu dich, hier kommt Echooooooo aus dem Akustikwunder Cathedrale de Amiens, die hat mir neben denen von Chartres und Reims noch „gefehlt“…………du hast wie immer ansprechend formuliert und die unzähligen Probleme angesprochen, die uns heute beherrschen und an denen wir manchmal verzweifeln, du hast zum (Nach)Denken angeregt und zum Kampf gegen Borniertheit, Intoleranz und Radikalismus aufgerufen, mögen diese deine mots trés importants nicht ungehört verhallen.

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