Erwachsener Trotz?

Ich greife das Thema Trotz spontan auf, weil ich es interessant finde und mir darüber in letzter Zeit ebenfalls Gedanken gemacht habe. Nicht so sehr über den Kindheitstrotz allerdings.

Was ist los mit einem Menschen, der Mainstream-Filme um jeden Preis meidet, genau weil die “alle Leute gut finden” und daher nur Mist sein können? Er ist und bleibt vom Mainstream beeinflusst, er zementiert also die Herrschaftsverhältnisse – und damit hat er genau das erreicht, was er mit seiner vermeintlich alternativen Haltung um jeden Preis vermeiden wollte. Wenn einer mit 18 noch so ist – verziehen. Später im Leben sollte man aber bereits die Gelegenheit gehabt haben, genauer hinzuschauen.
Die angepasste Reaktion (unreflektiertes Erfüllen von Erwartungen) und die Trotzreaktion (sich in Widerstand verbeißen, das Gegenteil tun) sind zwei Seiten einer Medaille.

Zu Beginn des Lebens ist Abgrenzung einer der wichtigsten Schritte. Der kleine Mensch stellt recht bald fest, dass er gar nicht, wie bisher erlebt, Eins ist mit seinen vertrautesten Menschen, sondern vielmehr ein ganz eigenes Wesen! Das ist eine Überraschung. Die Schritte, die wir Menschen von diesem Punkt aus unternehmen, sind ein Hin und Her zwischen Neugier und Angst, zwischen den Bedürfnispolen Autonomie und Sicherheit. Die von @RafaelBuchegger erwähnte Selbstvergewisserung: “ich bin ich und nicht du” ist für ein Kind also angemessen und zielführend, weil diese Tatsache im Empfinden des Kindes tatsächlich noch bezweifelbar ist!

Wenn man es ganz simpel ableiten will: Wird von den Eltern das Sicherheitsbedürfnis des Kindes häufig vernachlässigt, entsteht Angst. Wird sein Autonomiebedürfnis unterdrückt, entsteht Trotz. (… und ebenfalls Angst, aber das ist eine andere Geschichte.)
Eine halbwegs ausgewogene Kindheitserfahrung setzt also die ersten Schritte für die gelungene Entwicklung von Reife und eines gesunden Selbstvertrauens.

Bei erwachsenen, reifen Menschen, die ihre Strategien nicht aus einer Not in der Kindheit mitgebracht haben, funktioniert Abgrenzung gegen andere, gegen die Erwartungen anderer Menschen, anders als im Kindesalter:

  • Erstmal die vielleicht nur gefühlten Erwartungen der anderen verifizieren und deren Wichtigkeit ermitteln. Nachfragen hilft!
  • Sich selber spüren (lernen):
  •     ~ Wo sind meine Grenzen? Was empfinde ich? Wo ende ich, wo beginnt der andere?
        ~ Will ich die Erwartung erfüllen, oder will ich etwas anderes?
        ~ Was genau will ich denn, wonach ist mir?
        ~ Wie wichtig ist mir das in diesem Moment wirklich?
        ~ Wie gut verträgt es sich mit der Erwartung von außen?
        ~ (Und vielleicht: Spüre ich das Widerstreben nur, weil eine Erwartung von außen kommt?)
        ~ Kann mein Bedürfnis warten? Wie lange?
        ~ Kann ich einen Kompromiss eingehen, ohne mir selbst zu schaden?
        ~ Wann hat der andere zuletzt seine Bedürfnisse für meine zurückgestellt? Bin ich an der Reihe?
        ~ Oder setze ich diesmal besser meinen Willen für mich durch?

  • Dann erst wird man reagieren.

Im Gegensatz zu:
Ich muss das Gegenteil des Erwarteten tun oder muss das Erwartete unterlassen, um zu beweisen, dass ich nicht muss.

Die Widersprüchlichkeit ist erschlagend augenscheinlich. Ich muss, damit ich nicht muss. Ich muss beweisen. Wem?
Solche Reaktionen, wenn sie automatisiert seit jeher ablaufen, sind sicher schwer ins Bewusstsein zu holen. Wenn es dennoch gelingt, kann eine neue Reaktion eingeübt werden.

Gelebte menschliche Autonomie ist eine Gratwanderung, wenn man es mit Menschen zu tun hat und auch weiterhin zu tun haben möchte. Kompromisslose Autonomie geht nur allein. Kompromisslosigkeit aus Trotz entspringt einer nie abgelegten Strategie aus der Kindheit, einer unreifen Reaktion, die im Erwachsenenalter nicht mehr angemessen ist – und auch nicht mehr zielführend.

Eine zwischenmenschliche Dynamik, der vielleicht mit reiferen Strategien der Wind aus den Segeln genommen werden kann, klingt so:
“Deine Erwartungen erdrücken mich!”
vs
“Deine Zurückweisung tut mir weh!”

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