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Fremdcontent

Wohlgedichtete Mails in der Inbox erhellen das Leben auf mannigfaltige Weise. Und stets sind es freilich die ganz essentiellen Dinge des Lebens, über die man sich auf diese Weise austauscht. So schrob mir unlängst Herr G. Schwätz:

ich muss gestehen, dass ich bipa oder dm schon irgendwie faszinierend finde. was es da an wässerchen, cremen und masken gibt, ist sensationell. man fühlt sich richtiggehend ungepflegt, wenn man sich nur schnöde mit seife, shampoo und rasierschaum beschäftigt.
so sind beispielsweise so fundamentale dinge wie eine „gurkenkern replenish peeling-maske mit aloe vera für mittel-gereizte haut“ oder die „augenfältchen-pflegesalbe mit speckragout an fruchtspiegel“ praktisch spurlos an mir vorübergegangen. und trotzdem bin ich so schön. das leben ist voller wunder.

In der Tat! Das ist es. :)

(Gebloggt natürlich mit ebenso freundlicher wie ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers.)


Meine Galerie hat offenbar angesichts des Schneefalls eine Winterdepression aufgerissen und zeigt konsequenterweise nur eine schneeweiße Seite. Der wahre große, weiße Platz ist daher derzeit dort zu finden. *g* Was meine letzten, bereits vollmundig angekündigten Photoshop-Basteleien betrifft, muss ich euch daher nochmal vertrösten.

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Aufschäumen

Ein aktueller TV-Werbespot preist eine bestimmte Espressomaschine an, deren spektakulärstes Feature offenbar die integrierte dampfbedüste Milchschaum-Anfertigungsvorrichtung ist. Dazu flötet eine Stimme aus dem Off: ‚Ohne lästiges Aufschäumen.‘

Also erstens, meine Herrschaften, ist Aufschäumen nicht lästig. Jahrelang hat man mir als Kind einen strafenden Blick und ein patziges Gehbitte auf den Pelz geätzt, wann immer ich mich anschickte, mithilfe eines Strohhalmes Blubberblasen in mein Getränk zu gurgeln – der völlig einleuchtenden Tatsache zum Trotz, dass das nunmal so ziemlich das Unterhaltsamste ist, was man mit einem bestrohhalmten Getränk machen kann!

Und jetzt, da meine metaphorische Kuschelbehaarung nicht mehr pädagogisch bedroht wird, und ich mich seit Jahren an meinem batteriebetriebenen Luft-unter-warme-Milch-Sprudler erfreue, der sich so munter dreht wie eine zwergwüchsige Schiffsschraube und dazu ein hinreißendes Summgeräusch macht, da kommt dieser Spot dahergestrahlt und will mir das Aufschäumen madig machen?

Müsste ich in einem Altwiener Kaffeehaus zweihundertvierzig Melange am Tag aus dem Ärmel schütteln, dann würde ich der vibratorischen Variante eventuell eine gewisse Langwierigkeit beimessen. Aber lästig? Wie in ‚Gnaaa, jetzt muss ich wieder die Milch aufschäumen, das is sooo lästig‘?

Zivilisatorischer Schmonzes, dekadenter! Wenn man der blutsaugenden Krabbeltierchen nicht mehr Herr wird, die sich in jenem Verschlag tummeln, den man sich kurz vor dem ersten Schnee aus durchweichten Kartons und vom eisigen Wind herangewehten Plastiksackerln unter der Reichsbrücke gebaut hat, nachdem einem die Notstandshilfe gestrichen wurde – das ist lästig!
In einer warmen Wohnung sitzen und mithilfe eines Minimixers Blubberblasen in gewärmte Kuhmilch zaubern, um diese dann mit frisch duftendem, heißen Kaffee zu vermischen, das kann unmöglich lästig sein.

Zweitens, wenn man es genau nimmt – und dazu tendiere ich bekanntlich – ist es eher ungeschickt, das Aufschäumen an sich als lästig zu bezeichnen, weil auch die Tätigkeit ‚mit meiner revolutionären Home-Espressomaschine Luft in die Milch düsen‘ nunmal generell unter Aufschäumen fällt. Lästig bleibt lästig.

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Inkonsequenz und rechtliche Konsequenzen

Gerade setze ich geistig zu einem wohlformulierten Schreiben an den Fertiglaberllieferanten Nr. 1 im Ösiland an, weil ich mich zum x-ten Mal ärgere über

  • a-tens: Die ebenso gedankenlose wie beharrliche Angewohnheit des Drive-In-Schalters, mir in meinen papierenen Junkfood-Sack genau eine Serviette zu geben, nämlich jene, mit der die Pommes eingewickelt sind. Diese Serviette ist einer späteren bestimmungsgemäßen Verwendung von Natur aus abhold. Nicht dass ich die perfekt wasser- und saucenabweisenden Servietten dieses Restaurants zu meiner Nummer Eins in Sachen Mäulchen- und Pfotenreinigung erklärt hätte, aber sie sind immer noch besser als gar keine.
  • b-tens: Die schon sprichwörtliche Diskrepanz zwischen dem anschmachtungswürdigen Sollzustand des Produktes (as seen there) und dem jämmerlichen Istzustand, as seen here:
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Über diese Diskrepanz wundert sich wohl kein Mensch mehr wirklich, aber ich persönlich möchte bei aller Bescheidenheit bitte Tomate und Salat in meinem Laberl haben, wo doch Tomate und Salat sogar Namensbestandteil des Produktes sind, wenn auch in verschleiernder Initialform („TS“).
Was ich nicht möchte, ist Stückchen von Fitzelchen von der Tomatenoberseite mit der Stielvertiefung, und ich möchte auch nicht elf Stück durchscheinende, labbrige Salatstreifen, deren Identität ich nur daran erkenne, dass sie weder Zwiebelstücke noch Tomaten sind. Das wäre dann nämlich ein Burger namens ‚SVFVTOS(mdSV)&11DLS‘. Und den hab ich, trotz gelegentlicher geistiger Verwirrung, sicher nicht bestellt.

Im Begriff, meinem Ärger Luft zu machen, durchforste ich die entsprechende Website und finde in den dortigen Website-Bedingungen natürlich in erster Linie Copyright-Hinweise in nicht unerheblicher Anzahl sowie die vollmundige Ankündigung von einschränkungslosem Durchsetzen des Schutzes der eigenen Schutzrechte.

Darüber hinaus jedoch steht im Punkt III./4. ein Absatz, den hier exakt wiederzugeben mir laut diesen Bedingungen ebenfalls nicht gestattet ist, der aber im Großen und Ganzen besagt, dass erstens alles, was ich an den Schachtelwirt leichten Sinnes maile oder ihm gutmütigerweise sonstwie mitteile, nicht vertraulich behandelt wird; so weit, so unspektaktulär.
Bemerkenswerterweise steht da aber auch, dass biddezwotens der Inhalt solcher Mitteilungen ratzfatz zum geistigen Eigentum des Empfängers wird. Das betrifft auch Ideen, Konzepte, etc., die mit diesen Nachrichten daherkommen. Der Empfänger darf sich sodann in uneingeschränkter Weise an meiner spontanen Weisheitseruption ergötzen, indem er sie vervielfältigt, veröffentlicht, wiedergibt oder bereitstellt, oder auf ihrer Basis Produkte entwickelt, herstellt oder vertreibt, oder was ihm sonst noch dazu einfällt.

Das erregt mein missfälliges Erstaunen samt entsprechender augenbraueninvolvierender Mimik. Dagegen waren die Alchimisten oder gar der alte Zeus himself hinsichtlich ihrer Transmutations- respektive Verwandlungskünste wohl jeweils so verschwindend klein wie eine Blähung extra corporis in einem baumbestandenen Landstriche.

Da überleg ich mir das mit dem Absetzen eines wohlformulierten Schreibens doch nochmal. Call me old-fashioned, aber ich bevorzuge, mein geistiges Eigentum generell und soweit möglich eher in meinem Besitz und Eigentum zu bewahren, wenn es auch nur um einen mehr oder weniger geschliffenen Text geht.

Wenn es allerdings per se eine Idee oder ein Konzept darstellt, den Gast etwas in seiner Futterschachtel vorfinden zu lassen, das in Form und Gestalt völlig überraschend eine entfernte bis verblüffende Ähnlichkeit hat mit jenem Abbild, das dem Gast zuvor von 1a-Foodstylisten, Fotografen und Werbegenies zum Zwecke der Schmackhaftmachung präsentiert wurde, und wenn ich weiters diese meine Idee ihm (dem Restaurant zum goldenen Bogen) jetzt absichtlich nicht übermittle, kann ich dann im (zugegebenermaßen unwahrscheinlichen) Fall, dass sie sie (die Idee) in ferner Zukunft tatsächlich umsetzen, ein (saftiges) Konzepthonorar einklagen?

Vermutlich kennen die bekannt emsigen Werbefritzen dieses Konzept zwar ohnehin bereits, wenn auch nur in der Theorie. Trotzdem werde ich mich hüten, an die angegebene InfoÄT-Adresse auch nur ein Satzzeichen meiner epochalen Schreibkreativität zu schicken.

Rechtlich ist man dort offenbar ganz auf der sicheren Seite, steht doch im Absatz 1 des gleichen Punktes, der Websitebetreiber könne nicht zusichern, dass das auf seiner Website angezeigte Material nicht die Rechte Dritter verletze.

Schon klar, wer sich den lieben langen Tag um seine eigenen Rechte kümmern und Konzepte, Ideen, Verfahren und Know-how Dritter einsacken muss, kann nicht auch noch die Wahrung der Rechte anderer zusichern. Wäre ja auch wirklich ein bisschen viel verlangt.

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Unterwegs

Mittwochs bin ich immer unterwegs. Ich fahre Auto, erledige Dinge, bringe dieses dahin und hole von dort jenes, und ich kaufe ein.
Wer unterwegs ist, sieht viel. Einiges davon tritt a) wiederholt auf und ist b) einfach nur zum Kopfschütteln.

Man kann zum Beispiel, um dem autofahrenden Nebenmann spontan an Tourette erinnernde Reaktionen zu entlocken, auch noch mit dem kleinsten Pkw vor dem Linksabbiegen weit nach rechts ausscheren, ganz so, als wäre man ein verzauberter Sattelschlepper. Man muss aber nicht.

Man kann auch ein fettes, sauteures, möglichst schwarzes Angeberauto besitzen, das daheim immer nur am sonderbreiten Garagenplatz steht. Es muss dem derart Betuchten keineswegs peinlich sein, dass er selbiges Gefährt in der freien, städtischen Wildbahn auch nach mehreren Versuchen mangels Übung einfach nicht eingeparkt kriegt. Der Hintermann an sich ist ja stets jemand, der seinen Tag gerne in engen Gassen mit der Beobachtung von scheiternden Einparkversuchen zubringt, wichtigere Belange verschiebt man da natürlich gerne.

Weiters ist es meinen Beobachtungen zufolge für die pensionierte Hausfrau von heute unverzichtbar, ihre Einkäufe genau dann zu erledigen, wenn Bauarbeiter ihre Frühstückspause haben und Büromenschen sich vor der Arbeit noch schnell Frühstück holen wollen. An der Kasse wird erstmal dem obligatorisch umkrallten Einkaufskorb schon vor dem Befüllen des Förderbandes die Brieftasche entnommen. Nur auf diese Weise nämlich ist gewährleistet, dass das Aus- und wieder Einräumen quälend langsam vonstatten geht, weil die Frau dafür nur eine Hand frei hat – mit der zweiten muss sie doch das Portemonnaie festhalten. Dabei darf sie mit dieser einen Hand Warenstücke nur einzeln ergreifen. Wer von den senilen Bettflüchtigen die meisten hörbaren Seufzer erntet, hat gewonnen.
Und wer mindestens einmal wöchentlich einer von vielen einarmigen Banditinnen beim Verstauen von zwanzig Joghurtbechern zuschauen muss, wird Blogger.

Außerdem musste ich heute wieder mal die Feststellung machen, dass unsere Krankenkassenbürokraten keine drei Deka weit denken. Ein ungeschickt ausgesteltes Rezept vom Facharzt für Antibiotika, sieben Tage je zwei Stück, auf dem nicht explizit ’14-Stück-Packung‘ vermerkt ist, wird in der Apotheke nicht unter zwei Packungen à 10 Stück bestraft. Man bekommt nämlich stets die kleinste Packungsgröße.
Bedeutet: Eine Rezeptgebühr pro Packung (macht seit 1.1.07 € 4,70 x 2 = € 9,40) sowie sechs Tabletten, die unverdaut in den Müll wandern. Das Rezept einfach in der für Staat und Patient billigsten Variante umzusetzen, das kommt für den Apotheker nicht in Frage, sonst muss er sich nämlich vor der Krankenkasse für widerrechtliches Mitdenken verantworten.

Alternativ dazu hätte ich auch das Rezept bei meinem Hausarzt umschreiben lassen können, macht zweimal 15 Minuten Fahrt plus 30 Minuten Wartezeit und eine weitere Fahrt zur Apotheke. Ob ich mir dadurch 4,70 erspare, wage ich zu bezweifeln.
Und dann soll ich auch noch durch weniger Autofahrten den Feinstaub vermindern helfen? Mir persönlich würde es schon helfen, wenn ich vom Staat nicht dazu verdonnert werde, zwischen Sonderfahrten und Sondergebühren zu wählen.
Eine Überarbeitung des stellenweise wirklich hirnrissigen Systems würde nicht schaden, bevor man Erhöhungen der SV-Beiträge und der Rezeptgebühr beschließt.

Weil ich nach dem Einkaufen normalerweise immer nur motze, wollte ich schon lange mal auch was Positives loswerden.
Über die Firma Schirnhofer nämlich, jene Feinkost- und Gebäckkette, die sich hierzulande mit Zielpunkt verheiratet hat. Das weltbeste Semmerl gibts nämlich bei Schirnhofer. Es wird dort frisch gebacken und ist außen knusprig, innen saftig und weich, und nicht – wie herkömmliche Semmerln – bei Gebisskontakt spontan daumengröße Krustenstücke abwerfend, die zwischen die Zähne dringen, um dort das Zahnfleisch scharfkantig zu ohrfeigen – und dafür innen knochentrocken.

Das Fleisch ist stets frisch und hübsch anzusehen, das Almochsenbeiried ein Gedicht. Wo gabs letztens diese wurstige Diskussion, bei blue sky? Es ging um die in Germanien offenbar übliche Diskrepanz zwischen erwünschter und erhaltener Wurstscheibendicke. Auch das ist bei Schirnhofer anders: Man kriegt genau das, was man will, in genau der Dicke, in der man es gerne hätte; ein Probeschnitt wird dem Kunden gar zur Begutachtung gezeigt!

Das Angebot ist regional unterschiedlich, so gibt es beispielsweise das von mir so tief verehrte schinkenspeck-ähnliche Lendbratl in den niederösterreichischen Filialen nicht, in Wien aber gewöhnlich schon, wenn ich auch in manchen Wiener Filialen schon die Auskunft erhalten habe, dass es zu wenig Nachfrage gebe und das göttliche Lendbratl daher nicht lagernd sei.
Begleitet wird die Qualität der Waren von einer Bedienung, die in Freundlichkeit, Flexibilität, Schnelligkeit und Kompetenz ihresgleichen sucht, und zwar filialenunabhängig.
Dachte ich bis heute.

Da begab es sich nämlich, dass ich in der Wiener Filiale Sechshauserstraße 48 frohen Mutes die Frage nach dem Lendbratl an eine der Mitarbeiterinnen richtete. Achduscheiße! Ihr Kopf nahm die typische ‚Hä!?!‘-Haltung ein, eingezogener Nacken, Kinn nach vorne. Ein höheres Maß an süffisanter Borniertheit und Präpotenz in ihrem Gesicht wäre auch mit der Frage, ob sie vielleicht Hundefleisch führen, nicht zu erreichen gewesen. Oder ob sie vielleicht f*cken will.
Ihr Blick blieb, und erst eine halbe Ewigkeit später, in der ich dieses freche Gesicht anschauen musste, kam ihre Gegenfrage: ‚Wos soi des sei?!‘

Ich elender, nichtswürdiger Kunde ich, ich Wurm! Wage ich es doch tatsächlich, in ihr Segment einzudringen und sie mit einem Wort aus ihrer eigenen Produktpalette zu konfrontieren, das noch nie zuvor ihren Gehörgang durchwandert hat. Ich mutiere dadurch, für mich übrigens völlig überraschend, zu einem Obervolltrottel ohnegleichen.
Das ist eine feste Regel im Leben: Wer bestellt, was es nicht gibt, ist automatisch der Idiot. Nicht etwa der inkompetente Verkäufer. Und dabei beschränkt ebendieser sich für gewöhnlich nicht auf das realitätsnahe ‚Führen wir nicht‘ – nein, das Gewünschte existiert schlicht nicht, und zwar nirgendwo auf der Welt.

Natürlich hätte ich antworten können, Lendbratl sei eine aus Schweinekarreerose gewonnene, kalt geräuchterte Rohpökelware mit 5% Fett und 180 kcal pro 100g, die sehr fein aufgeschnitten sowohl roh als auch in gebratenem Zustand eine unbeschreibliche Gaumenfreude darstelle.

Mir war mehr danach, über die Theke zu springen, Madame Praepotentia an den Haaren zu Boden zu reißen und ihren Gesichtsausdruck durch Dekoration mit großen Wurstscheiben zu optimieren. Weil ich aber gut erzogen bin, gab ich ihr die Auskunft, dass es sich bei Lendbratl um eine Schirnhofer-Spezialität und bei dieser Aufklärungsarbeit nicht direkt um meine Aufgabe handle.

Den Schirnhofer-Slogan ‚Qualität mit Herz‘ fand ich zur Abwechslung mal wirklich treffend und verbuche diesen Ausrutscher unter ‚Ausnahmefall‘. Wenn’s aber nochmal is, darfs nimmer sein. Echt jetz. Dann werd ich nämlich richtig sauer.

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Dresscode: rural

Ich gebe niedere Empfindungen, wenn überhaupt, ja nur sehr widerwillig zu, aber in dem Fall bin ich wirklich vor Neid grün wie Spaniens Blüten. Im Fall der verehrten Frau Modeste nämlich, die sich auf wundersame, ja magische Weise eine Familienhochzeit erspart hat. Und meine beschriebene, naturkolorierte Untugend bezieht sich dabei wohlgemerkt nicht auf die zugegebenermaßen beneidenswerte, sehr charmante Erzählweise der Frau Modeste, sondern vielmehr auf den modesten Gewinn in der Schicksalslotterie.

Noch grüner bin ich, seit ich heute morgen in der Post die nachträgliche schriftliche Einladung zu einer Familienhochzeit fand, nachträglich deshalb, weil deren Stattfinden und Termin uns schon länger bekannt ist, und wir unser Beiwohnen bereits zugesagt haben:
‚Wir freuen uns, euch zu unserer Hochzeit, blabla, die am … um …, blabla, Festessen, blabla…‘ So weit, so unspektakulär.

Dann jedoch bleibt mein Auge plötzlich auf einem ganz speziellen Satzfragment hängen. Weiterlesen

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Sinnfrei

Unlängst gab sich der verehrte Herr Winder in seinem Wörterbuch zur Gegenwart im Standard die Ehre zum Thema Inhaltsstoff-Freiheit:

Beim Greissler und im Supermarkt greift eine, mit Verlaub, trottelhafte Mode um sich, nämlich die, mit Hilfe diverser Zusammensetzungen mit dem Adjektiv „frei“ anzupreisen, was in Lebensmitteln nicht drin ist. Dass sich die an Zöliakie Leidenden über glutenfreie Produkte informiert werden wollen, leuchtet ja noch ein; dass pflanzliche Öle mit dem Vermerk „cholesterinfrei“ versehen werden, schon weniger.

Ein nur im Tierreich vorkommendes Lipid kommt per definitionem nicht in Rapssamen oder Erdnusskernen vor, sodass der Hinweis auf 100 Prozent chlolesterinfreie Erdnuss- oder Rapsöle ebenso sinnvoll sind wie auf kernlose Erdbeeren oder erdölfreie Limonade.

Die Menschen, denen man ihren eigenen Körper betreffend ein X- für ein O-Bein vormachen kann, sterben trotzdem nicht aus. Ich bin jedenfalls sicher, es gibt mehr Leute, die aufgrund des cholesterinfreien Hinweises akut kaufgefährdet sind, als solche, die sich drüber wundern. Denn kaum einer zerbricht sich den Kopf darüber, ob Cholesterin denn nun tierischer, pflanzlicher oder außerirdischer Herkunft sei.
Zugegeben, das ist bitter für jene, die über ein gewisses Grundwissen in Biologie verfügen. Aber – jede Wette – für die Werber ist diese Kleingruppe von Querulanten vernachlässigbar und wird sich daher weiterhin regelmäßig zumindest ein klein wenig verarscht fühlen.

Die amerikanische Lake Superior State University, die alljährlich eine Referenzliste von „missbrauchten, zuviel gebrauchten und komplett sinnlosen Wörtern“ herausgibt, berichtet, dass in den USA Lebensmittel inzwischen auch schon zu mehr als „97 % fat free“ beworben werden. Wenn sich das bei uns herumspricht, werden wir es auch bald mit Fastenjoghurts zu tun bekommen, die 99,9 Prozent fettfrei sind. Wetten dass?

Mir tut jetzt schon weh, dass bestimmt einige Leute glauben, sie müssten nur 0,1% des Fastenjoghurts unverzehrt im Becher zurücklassen, um sich sogar völlig fettfrei ernährt zu haben.
Der Effekt jedoch bleibt der selbe: Die einen laufen und kaufen, die anderen schütteln den Kopf und verbrennen eben auf diese Weise ein paar Kalorien.

Die Werbeindustrie sorgt gerne für Knalleffekte mit ihrer einzigartigen Zahlenmagie, weil wir uns davon so zuverlässig beeindrucken lassen:
Einundsiebzigmal mehr Ausdruckskraft für Ihre Mitesser. Zehn von neun Testern sind überzeugt.
Die anderen grübeln noch an ihrer Rechenaufgabe.

Den geschätzten Lesern wird ja vielleicht auch noch das eine oder andere Beispiel von sonderbaren Lebensmittelfreiheiten einfallen.

Auf die vermeintliche Kernfreiheit der Vergleichserdbeeren sind wir ja schon im Standardforum eingegangen, und mit meiner überaus wichtigen Anmerkung, dass Erdbeeren koffeinfrei sind, hab ich meinen Teil beigetragen.

Aber man gibt ja gerne: Werbung – 97% hirnfrei.

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Für jeden was dabei

Ich vermute, es gibt bei jedem Fernsehsender einen Menschen, der für die Reihenfolge der Werbespots in den Blocks zuständig ist. Bestimmt ist das ein Job wie jeder andere, jedoch muss so ein Mensch zu abstraktem Denken fähig sein, zum Erkennen sowohl subtiler als auch augenscheinlicher Zusammenhänge.

Unlängst, ich hatte gerade meinem Fernseher den Rücken zugekehrt, weil ich mit der fachgerechten und effizienten Befüllung der Spülmaschine befasst war, hörte ich einen Werbespot für eine Antifaltencreme für ‚die sehr reife Haut‘, was heißen soll: ab 60.
Jahren, nicht Uhr. Doch, das gibts. 60 Uhr wäre, wenns nach zweitägigem Durchmachen wieder genau Mitternacht ist.

Anyway, die reife Dame mit der reifen Haut strahlte hörbar und meinte: ‚Ich bin 68! Nicht schlecht, was?‘
Danach gabs ein winziges Weilchen Musik, und dann kam die Stimme aus dem Off: R0wenta Advancer! Beseitigt selbst hartnäckigste Knitterfalten.
Na, wenn das keine durchdachte Reihenfolge ist! Wenn das eine nicht klappt – versuch einfach das andere!

Warum nicht gleich mehrere Produkte in einem Spot kombinieren? Ich hätte da ein paar Ideen.
Letztens kreuzte eine Mineralwasserflasche meinen Weg, auf der geschrieben stand, die eigentlich größte Gefahr beim Sport sei der Flüssigkeitsverlust, und nur das Trinken von Mineralwasser könne einen vor diesem teuflischen Schicksal bewahren. Lasst uns doch einen Spot für dieses Mineralwasser mit Werbung für Inkontinenzeinlagen verbinden – wenn der Flüssigkeitsverlust hier nicht gestoppt wird, dann mit Sicherheit da.

Oder die Werbung für den neuesten Cabrioflitzer mit einer Unfallrente. Einen Moul!nex-Pürierstab mit Sprühpflaster! 6ardena-Gartenbewässerung mit Lieferbeton.

Ein weites Feld! Natürlich könnte man auch anders kombinieren: Nicht entweder/oder, sondern sowohl/als auch. Wie wärs mit Hot-Salsa-Sauce, feuchtem Toilettenpapier und Imod!um akut? Kaugummi und Haftcreme? Es ginge auch Bier und Zahnpasta. Spray gegen Fußgeruch und wasserfeste Wimperntusche. Oder Fußball-WM und ein Partnerschaftsinstitut.

Nur in der richtigen Reihenfolge erkennt man: Werbespots sind nicht so zusammenhanglos, wie man meinen möchte.

Apropos zusammenhanglos:
Beim wohlklingenden Namen 0pel Zafira drängt sich mir immer auf, dass es sich um den dialektischen Imperativ der Woche handelt: ‚Zafira dein neichen 0pel, wiaso vasteckst eam denn?‘