Unterwegs

Mittwochs bin ich immer unterwegs. Ich fahre Auto, erledige Dinge, bringe dieses dahin und hole von dort jenes, und ich kaufe ein.
Wer unterwegs ist, sieht viel. Einiges davon tritt a) wiederholt auf und ist b) einfach nur zum Kopfschütteln.

Man kann zum Beispiel, um dem autofahrenden Nebenmann spontan an Tourette erinnernde Reaktionen zu entlocken, auch noch mit dem kleinsten Pkw vor dem Linksabbiegen weit nach rechts ausscheren, ganz so, als wäre man ein verzauberter Sattelschlepper. Man muss aber nicht.

Man kann auch ein fettes, sauteures, möglichst schwarzes Angeberauto besitzen, das daheim immer nur am sonderbreiten Garagenplatz steht. Es muss dem derart Betuchten keineswegs peinlich sein, dass er selbiges Gefährt in der freien, städtischen Wildbahn auch nach mehreren Versuchen mangels Übung einfach nicht eingeparkt kriegt. Der Hintermann an sich ist ja stets jemand, der seinen Tag gerne in engen Gassen mit der Beobachtung von scheiternden Einparkversuchen zubringt, wichtigere Belange verschiebt man da natürlich gerne.

Weiters ist es meinen Beobachtungen zufolge für die pensionierte Hausfrau von heute unverzichtbar, ihre Einkäufe genau dann zu erledigen, wenn Bauarbeiter ihre Frühstückspause haben und Büromenschen sich vor der Arbeit noch schnell Frühstück holen wollen. An der Kasse wird erstmal dem obligatorisch umkrallten Einkaufskorb schon vor dem Befüllen des Förderbandes die Brieftasche entnommen. Nur auf diese Weise nämlich ist gewährleistet, dass das Aus- und wieder Einräumen quälend langsam vonstatten geht, weil die Frau dafür nur eine Hand frei hat – mit der zweiten muss sie doch das Portemonnaie festhalten. Dabei darf sie mit dieser einen Hand Warenstücke nur einzeln ergreifen. Wer von den senilen Bettflüchtigen die meisten hörbaren Seufzer erntet, hat gewonnen.
Und wer mindestens einmal wöchentlich einer von vielen einarmigen Banditinnen beim Verstauen von zwanzig Joghurtbechern zuschauen muss, wird Blogger.

Außerdem musste ich heute wieder mal die Feststellung machen, dass unsere Krankenkassenbürokraten keine drei Deka weit denken. Ein ungeschickt ausgesteltes Rezept vom Facharzt für Antibiotika, sieben Tage je zwei Stück, auf dem nicht explizit ’14-Stück-Packung’ vermerkt ist, wird in der Apotheke nicht unter zwei Packungen à 10 Stück bestraft. Man bekommt nämlich stets die kleinste Packungsgröße.
Bedeutet: Eine Rezeptgebühr pro Packung (macht seit 1.1.07 € 4,70 x 2 = € 9,40) sowie sechs Tabletten, die unverdaut in den Müll wandern. Das Rezept einfach in der für Staat und Patient billigsten Variante umzusetzen, das kommt für den Apotheker nicht in Frage, sonst muss er sich nämlich vor der Krankenkasse für widerrechtliches Mitdenken verantworten.

Alternativ dazu hätte ich auch das Rezept bei meinem Hausarzt umschreiben lassen können, macht zweimal 15 Minuten Fahrt plus 30 Minuten Wartezeit und eine weitere Fahrt zur Apotheke. Ob ich mir dadurch 4,70 erspare, wage ich zu bezweifeln.
Und dann soll ich auch noch durch weniger Autofahrten den Feinstaub vermindern helfen? Mir persönlich würde es schon helfen, wenn ich vom Staat nicht dazu verdonnert werde, zwischen Sonderfahrten und Sondergebühren zu wählen.
Eine Überarbeitung des stellenweise wirklich hirnrissigen Systems würde nicht schaden, bevor man Erhöhungen der SV-Beiträge und der Rezeptgebühr beschließt.

Weil ich nach dem Einkaufen normalerweise immer nur motze, wollte ich schon lange mal auch was Positives loswerden.
Über die Firma Schirnhofer nämlich, jene Feinkost- und Gebäckkette, die sich hierzulande mit Zielpunkt verheiratet hat. Das weltbeste Semmerl gibts nämlich bei Schirnhofer. Es wird dort frisch gebacken und ist außen knusprig, innen saftig und weich, und nicht – wie herkömmliche Semmerln – bei Gebisskontakt spontan daumengröße Krustenstücke abwerfend, die zwischen die Zähne dringen, um dort das Zahnfleisch scharfkantig zu ohrfeigen – und dafür innen knochentrocken.

Das Fleisch ist stets frisch und hübsch anzusehen, das Almochsenbeiried ein Gedicht. Wo gabs letztens diese wurstige Diskussion, bei blue sky? Es ging um die in Germanien offenbar übliche Diskrepanz zwischen erwünschter und erhaltener Wurstscheibendicke. Auch das ist bei Schirnhofer anders: Man kriegt genau das, was man will, in genau der Dicke, in der man es gerne hätte; ein Probeschnitt wird dem Kunden gar zur Begutachtung gezeigt!

Das Angebot ist regional unterschiedlich, so gibt es beispielsweise das von mir so tief verehrte schinkenspeck-ähnliche Lendbratl in den niederösterreichischen Filialen nicht, in Wien aber gewöhnlich schon, wenn ich auch in manchen Wiener Filialen schon die Auskunft erhalten habe, dass es zu wenig Nachfrage gebe und das göttliche Lendbratl daher nicht lagernd sei.
Begleitet wird die Qualität der Waren von einer Bedienung, die in Freundlichkeit, Flexibilität, Schnelligkeit und Kompetenz ihresgleichen sucht, und zwar filialenunabhängig.
Dachte ich bis heute.

Da begab es sich nämlich, dass ich in der Wiener Filiale Sechshauserstraße 48 frohen Mutes die Frage nach dem Lendbratl an eine der Mitarbeiterinnen richtete. Achduscheiße! Ihr Kopf nahm die typische ‘Hä!?!’-Haltung ein, eingezogener Nacken, Kinn nach vorne. Ein höheres Maß an süffisanter Borniertheit und Präpotenz in ihrem Gesicht wäre auch mit der Frage, ob sie vielleicht Hundefleisch führen, nicht zu erreichen gewesen. Oder ob sie vielleicht f*cken will.
Ihr Blick blieb, und erst eine halbe Ewigkeit später, in der ich dieses freche Gesicht anschauen musste, kam ihre Gegenfrage: ‘Wos soi des sei?!’

Ich elender, nichtswürdiger Kunde ich, ich Wurm! Wage ich es doch tatsächlich, in ihr Segment einzudringen und sie mit einem Wort aus ihrer eigenen Produktpalette zu konfrontieren, das noch nie zuvor ihren Gehörgang durchwandert hat. Ich mutiere dadurch, für mich übrigens völlig überraschend, zu einem Obervolltrottel ohnegleichen.
Das ist eine feste Regel im Leben: Wer bestellt, was es nicht gibt, ist automatisch der Idiot. Nicht etwa der inkompetente Verkäufer. Und dabei beschränkt ebendieser sich für gewöhnlich nicht auf das realitätsnahe ‘Führen wir nicht’ – nein, das Gewünschte existiert schlicht nicht, und zwar nirgendwo auf der Welt.

Natürlich hätte ich antworten können, Lendbratl sei eine aus Schweinekarreerose gewonnene, kalt geräuchterte Rohpökelware mit 5% Fett und 180 kcal pro 100g, die sehr fein aufgeschnitten sowohl roh als auch in gebratenem Zustand eine unbeschreibliche Gaumenfreude darstelle.

Mir war mehr danach, über die Theke zu springen, Madame Praepotentia an den Haaren zu Boden zu reißen und ihren Gesichtsausdruck durch Dekoration mit großen Wurstscheiben zu optimieren. Weil ich aber gut erzogen bin, gab ich ihr die Auskunft, dass es sich bei Lendbratl um eine Schirnhofer-Spezialität und bei dieser Aufklärungsarbeit nicht direkt um meine Aufgabe handle.

Den Schirnhofer-Slogan ‘Qualität mit Herz’ fand ich zur Abwechslung mal wirklich treffend und verbuche diesen Ausrutscher unter ‘Ausnahmefall’. Wenn’s aber nochmal is, darfs nimmer sein. Echt jetz. Dann werd ich nämlich richtig sauer.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Von fetten, schwarzen Angeberautos weiß ich nichts, aber diese roten, flachen italienischen Sportwagen bereiten, zumindest als Fußgänger, hin und wieder eine Freude sondersgleichen.
    Denn selbst wenn der Fahrer geschulter Natur sein sollte, so verlangt das Einparken dennoch eine Kunstfertigkeit, die in freier Wildbahn nur sehr selten anzutreffen ist. Denn konstruktionsbedingt (Motor) hat ein Ferrari (um das Pferd mal beim Namen zu nennen) keine bzw. nur sehr eingeschränkte Blickmöglichkeit nach hinten, wodurch sich der Fahrer beim Rückwärtsfahren entweder auf seine Außenspiegel verlassen muss, oder er öffnet die Fahrertür und lehnt sich hinaus, um einen besseren Blick nach hinten zu bekommen – um dennoch nach fünf Minuten, in denen er den Verkehr beiderverkehrsrichtungsseits aufgestaut hat, sich des Spotts der Zuschauer gewiss, mit röhrendem Motor von Dannen zu ziehen, wo auch immer ein innerstädtischer Parkplatz frei sein sollte, der sich für Ferrari geeignet zeigt.

    Bei den mühsam einkaufenden Hausfrauen fehlt übrigens noch das langsame, aber passende Auszählen des Kleingeldes, das mit den Worten “Moment, ich hab’s passend” eingeleitet wird und jedem normal Einkaufenden den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Herzinfarkt gibt’s dann bei “Ne, doch nicht, tut mir leid” gefühlte dreißig Minuten später.

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  2. W0rd!
    Die Fähigkeit des Fahrens/Einparkens scheint sich tatsächlich indirekt proportional zum Listenpreis des Fahrzeuges zu verhalten. Respektive dessen PS.

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  3. “Und wer mindestens einmal wöchentlich einer von vielen einarmigen Banditinnen beim Verstauen von zwanzig Joghurtbechern zuschauen muss, wird Blogger.” GÖTTLICHES ZITAT! Das könnte man als Werbeslogan für Blogger benutzen ;) Mit sehr schön spitzer Zunge alltägliche Quälereien treffend beschrieben. Frau Etosha, ich ziehe meinen Hut vor solch rhetorischer Glanzleistung.

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  4. Wer etwas bestellt, was es nicht gibt …

    Ich wollte vor etwa einem Jahr einen Schlafanzug kaufen, denn auch in Hyperborea muss man mal schlafen und. Einen mit knöpfbarer Jacke Hose, ich bin gewissermassen strukturkonservativ. – Gibt’s nicht mehr! Nirgends! Ich hab in sicher vier oder fünf sog. Kaufhäusern gefragt – “Sowas führen wir schon lange nicht mehr.”, “Wie, Sie meinen eine Jacke zum Knöpfen? Hahaha …”, “Das trägt man heute nicht mehr.” Argh! Ich steh grad vor ihr und frage danach, äussere also Bedarf, und die dumme Kuh sagt mir, das trägt man heut nicht mehr. Ich könnt die Krise kriegen …

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  5. baumgarf, und sich auf seine Außenspiegel zu verlassen, das kann man ja wirklich von niemandem verlangen. Dazu müsste man ja was im Kopf haben.
    Beim Kleingeld geht das bei uns anders: Hausfrau hält der Kassierin 1 Handvoll Münzen hin, diese bedient sich einfach. Find ich immer recht schnuckelig, weil so vertrauensvoll.

    janocjapun, jawoll, alles deutet darauf hin.

    Frau Rotfell macht mich wieder erröten und verlegen. :)

    TM, aber wirklich! Wie kannst du etwas wollen, was ‘man’ nicht mehr trägt? (Wer immer ‘man’ sein mag.) Du hältst dich doch nicht wirklich für den lebenden Gegenbeweis, oder? Wenn das Gewünschte nicht existiert, und zwar nirgendwo auf der Welt, dann existiert der Wünschende einfach ebenfalls nicht. So leicht ist diese Denkübung.
    Nö, ernsthaft, ich kann das gut verstehen. Auch da wird man zum Obervolltrottel degradiert, weil die Verkäuferin viel besser zu wissen glaubt, was man zu tragen hat und was nicht. Daran sieht man mal wieder sehr schön, dass nicht die Nachfrage das Angebot reguliert, sondern wir umgekehrt diktiert bekommen, wonach wir fragen müssen.

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