Bosnien

Heute gibts einen Beitrag meiner lieben Schwägerin Anita, die Ende 2006 im Rahmen ihres Studiums in Bosnien war.

Aktualisiert: Einige Bilder zum Artikel.

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Geteilte Wege zum Frieden

Wie Figuren auf einem überdimensionalen Schachbrett erheben sich im Nebel die Wohnblocks aus dem Boden, zwischen denen im rötlichen Morgenlicht Vögel ihre ersten Runden drehen. Dazwischen immer wieder Moscheen und – weniger häufig – Kirchen; auch einige Gründerzeit-Gebäude, wie sie in Wien stehen könnten. Wüsste man nicht, wo man sich befindet, wäre es schwer, den Ort aufgrund des Stadtbildes eindeutig zu erraten. Die Straßenbahnen, etwas ältere Modelle, tragen deutsche Aufschriften, und ab und zu stechen Namen bekannter Versicherungen und Banken in Leuchtschrift aus der morgendlichen Dämmerung. Doch kann es nur ein Ort sein: Sarajevo ist eindeutig durch Gegensätze definiert.

Bosninen und Herzegowina (BiH im internationalen Ländercode) und seine Hauptstadt Sarajevo sind näher, als man vielleicht meinen möchte. In 14 Stunden kann man mit dem Bus vom Wiener Südbahnhof in die europäische Balkanstadt fahren. Was einigen hier gegensätzlich erscheinen könnte, ist es in der Praxis durchaus nicht: Sowohl die geografische Lage als auch die Organisation der Gesellschaft sprechen für die Zugehörigkeit BiHs zu Europa. Gleichzeitig gibt es Dinge, die eher ungewohnt erscheinen, wie die Kyrillischen Schriftzeichen, die allgegenwärtig sind auf der Durchfahrt durch Banja Luka, der De-Facto-Hauptstadt der Republika Srpska; die Gebetsaufrufe der Muezzine, die fünfmal pro Tag von den zahlreichen Minaretten Sarajevos erklingen; oder die zugespitzten weißen Grabsteine der muslimischen Friedhöfe, die den Hügeln um die Stadt deutlich den Stempel der Vergangenheit aufdrücken. Und nicht zuletzt all die anderen Spuren des Krieges, dessen offizielles Ende erst zehn Jahre zurückliegt – etwas, das wohl kaum in unser Konzept von einem vereinten und friedlichen Europa passt.

Rückblende. Im April 1992 wird Sarajevo angegriffen. An den Fronten: die JNA – die Jugoslawische Volksarmee unter Slobodan Milošević – und die paramilitärischen Kräfte der SDS – der Serbischen Demokratischen Partei unter Karadžićs Führung, die eine gleichnamige Schwesterpartei in Kroatien hatte und auch direkt mit Milošević verbunden war. Eine gewaltträchtige Reaktion auf die Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas und für viele Zivilisten unerwartet, hatte sich der Konflikt doch schon seit Jahren angebahnt. Verstärkt an die Oberfläche traten die post-Tito Spannungen in der parlamentarischen Krise in Bosnien Anfang der 90er Jahre, gefolgt durch militärische Angriffe der JNA auf Slowenien und in der Folge auf Kroatien im Jahr 1991. Dunkel in Erinnerung sind uns die Bilder aus den Fernsehberichten, die nur einen kleinen Ausschnitt aus den furchtbaren Geschehnissen während des mehr als drei Jahre dauernden Krieges widerspiegelten. Kaum fassbar sind die Mittel und ‘Taktiken’ der Kriegsführung: Konzentrationslager, Erschießungen, Massenvergewaltigungen und Verschleppungen – und das Ende des 20. Jahrhunderts mitten in Europa. Das Stichwort ‚Srebrenica’ löst Abscheu und Betroffenheit aus, und steht gleichzeitig für die Kaltblütigkeit der Verbrechen (etwa 7800 Zivilisten wurden nach Angabe des Fischer Weltalmanachs ermordet) als auch für das teilweise fragwürdige Vorgehen im Einsatz der internationalen Blauhelme (das Massaker fand in der Anwesenheit und unter der offensichtlichen Duldung der dänischen Truppen statt).

Einige Begriffe bedürfen eindeutig einer Klärung, wenn man von Bosnien spricht. Diesen Staat als eine Nation mit einem Volk und einer Identität zu sehen ist nämlich nicht möglich, kann BosnierIn zu sein doch sehr Verschiedenes bedeuten. In der Volkszählung unterscheidet man BosniakInnen, SerbInnen und KroatInnen – dass zwei dieser Gruppen sich teilweise mit anderen Staaten identifizieren, zeigt bereits eine der Wurzeln der Konflikte. Zu der ethnischen Komponente kommt noch die Religion hinzu. So sind nach ihrer Konfession die KroatInnen hauptsächlich KatholikInnen, die SerbInnen Orthodoxe. Die Muslime, etwa die Hälfte aller BosnierInnen, werden als Bosniaken bezeichnet. Der Islam etablierte sich in Bosnien unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches, doch schon zuvor dürften wandernde Derwische diese Religion dort verbreitet haben. Die Bosniaken definieren sich jedoch nicht mehr nur über die Religion, sondern betrachten sich ebenfalls als ethnische Einheit. Eine vierte Gruppe, die der Juden und Jüdinnen, ist seit dem zweiten Weltkrieg nur mehr im Promillebereich vorhanden: die Synagoge in Sarajevo ist Zentrum für etwa 1.300 Juden und Jüdinnen – das ist etwas weniger als ein Zehntel der jüdischen Bevölkerung Bosniens vor dem Holocaust. Ein sichtbares Produkt dieses Gemisches an ethnischen Ursprüngen, nationalen Loyalitäten und religiösen Zugehörigkeiten ist die sprachliche Unterscheidung. Was an der Universität in Wien als BKS – Bosnisch, Kroatisch und Serbisch – zusammengefasst wird, unterscheidet sich linguistisch nur minimal, wird aber dennoch zum Streitpunkt. ‚Es gibt keine bosnische Sprache’, deklariert ein Mitreisender im Bus nach Wien. Zwischen der Definition als Dialekte und der Abgrenzung als komplett verschiedene Sprachen gibt es hier, wie auch bei der Wahrheit über den Krieg, vermutlich so viele Ansichten wie es BosnierInnen gibt.

Den Rückblick auf den Krieg fortzusetzen und die komplexen Schachzüge und Positionen der Fronten darzulegen, in die sich im Laufe des Krieges noch verdichteten, würde hier den Rahmen sprengen. Doch sein Ende sei hier als Anknüpfungspunkt wieder aufgegriffen: Keineswegs gelöst, aber zum Stillstand gebracht, wurde der Krieg durch die Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton am 14. Dezember 1995 in Paris. Das bürokratisch hochdiffizile Dokument war das Ergebnis von Überlegungsprozessen zur optimalen diplomatischen Lösung der Krise, die die internationale Gemeinschaft parallel zu den Gewalttaten über einen ausgedehnten Zeitraum hinweg führte. Eine der Konsequenzen des Daytoner Abkommens waren die Teilung des Gebiets Bosnien und Herzegowinas in die gleichnamige Föderation BiH und die Republika Srpska (RS); beide sind flächenmäßig etwa gleich groß (je etwa 25.000 km²), und spiegeln in ihren Trennlinien die ethnische Zusammensetzung wieder. Die 2,5 Millionen Einwohner der Föderation Bosnien und Herzegowina sind zu 80% Bosniaken, zu etwa einem Achtel Kroaten, und zu 4% Serben – im Gegensatz zur RS, in der die Serben 90% der Bevölkerung ausmachen und die Bosniaken mit 7% in der Minderheit sind. Obwohl beide Teilgebiete in vielen Punkten autonom entscheiden können, hat nur der Gesamtstaat internationalen Rechtsstatus.

Teilungen bestehen aber weit tiefgreifender als nur auf formaler Ebene. Nicht nur national, sondern auch in vielen Städten gibt es Grenzen, Kluften zwischen den Volksgruppen. Viele RückkehrerInnen sind mit Diskriminierung konfrontiert. Ein Beispiel dafür ist Mostar, dessen weithin bekanntes Weltkulturerbe – die Brücke (stari most) – nach ihrer Zerstörung im November 1993 originalgetreu wieder aufgebaut und 2004 als Symbol der Versöhnung feierlich wieder eröffnet wurde. Die Brücke über die Neretva verbindet die zwei Stadtteile Mostars aber ebenso, wie sie sie teilt. Auf der einen Seite befinden sich Moscheen, auf der anderen thront ein Kreuz weithin sichtbar auf einem Hügel über der Stadt. Die Zerstörung der Brücke wird sich nach wie vor gegenseitig zugeschrieben. Die Situation gleicht einer Szene in Danis Tanovićs ‚No Mans Land’, Oscargewinner 2002, in der sich ein bosnischer und ein serbischer Soldat im Schützengraben gegenübersitzen: ‚Ihr habt den Krieg angefangen!’ – ein Streit der sich lange hinzieht…

Ein weiterer Punkt Daytons war die Gestaltung der Verwaltung: der Grundsatz der Mitsprache aller drei Haupt-Volksgruppen wurde in Form eines dreiköpfigen Präsidiums sowie einer 15-stimmigen Kammer der Völker umgesetzt. Hinzu kommt die oben genannte Autonomie der beiden Teilgebiete in vielen sachpolitischen Fragen. Das hatte eines der kostspieligsten Systeme Europas zur Folge; und dass die drei zur Zeit im Amt stehenden Präsidenten (Radmanovic/ Silajdzic/ Komsic) nicht durchwegs im friedlichen Miteinander regieren, ist kein Geheimnis: Am Nationalfeiertag, dem 25. November, zeigten Fernsehberichte im staatsweiten bosnischen Sender BHTV1 Kranzniederlegungen am ewigen Feuer in Sarajevo, gefolgt von nicht gar freundlichen gegenseitigen Worten in den Ansprachen der Präsidenten. Das trifft auch die Wahrnehmung der Situation, so wie sie Edis Kolar im Tunnel-Museum nahe dem Sarajevoer Flughafen sieht: Die Politiker sind das Problem, sagt der junge Mann, der an dem 800m langen Tunnel mitgegraben hat, der während der Besetzung Sarajevos der einzige Korridor nach außen war.

Bosnien geriet in den Jahren nach dem Krieg sukzessive ins Abseits des medialen Interesses, wurde durch die nächsten aktuellen Konflikte ersetzt. Doch es verdient nach wie vor unsere Aufmerksamkeit. Erst im August dieses Jahres schlossen die Gerichtsmediziner die Exhumierungsarbeiten an den auf mehrere Massengräber verteilten Leichen von Srebrenica ab. EUFOR Soldaten, seit 5. Dezember unter Deutschem Kommando, sitzen in den Cafés Sarajevos. Einschusslöcher an zahlreichen Häuserfronten der Stadt zeugen wohl auch von mangelnden finanziellen Mitteln, aber noch viel mehr von der noch nicht abgeschlossenen Verarbeitung des Krieges. Die Wunden sind sichtbar, und vielleicht ist noch nicht genug Zeit verstrichen, um sie verheilen zu lassen. Wie mit ihnen umgegangen wird, wenn Soldaten, die im Krieg getötet haben, nach einigen Jahren wieder aus dem Gefängnis zurückkehren, in das Umfeld, dem sie große menschliche Verluste zugefügt haben, bleibt abzuwarten. Trotz aller Wunden scheint Schockiertheit im Angesicht der nochmals nachgelesenen Kriegsgeschehnisse in der Begegnung mit BosnierInnen nicht angebracht. Das Leben geht weiter, und für uns unvorstellbare Geschehnisse müssen für die alltäglichen Dinge beiseite geschoben werden. Entlang der Straßen stehen neue Einfamilienhäuser neben verlassenen und ausgebrannten Gebäuden. Diese tägliche Konfrontation zu bewältigen zeugt von Stärke.

Dass noch eine Menge Friedensarbeit zu leisten ist, ist vielen BosnierInnen klar. Die Art und Weise, wie mit der Vergangenheit umgegangen werden soll, und der Weg, der zu einem Zusammenleben in gegenseitiger Toleranz eingeschlagen wird, ist jedoch unterschiedlich. Hunderte lokale NGOs, von denen viele in Sarajevo basiert sind, arbeiten schon seit den Kriegszeiten, vermehrt noch seit Kriegsende, an dem Projekt Frieden und Wiederaufbau in Bosnien; jede auf ihre Weise. Viele sehen die junge Generation als den Schlüssel zur Zukunft und fokussieren die Erziehung der Kinder zu Toleranz als den wichtigsten Bestandteil einer positiven Zukunft. Wie soll jedoch diese Erziehung das erreichen, was sie sich zum Ziel setzt, wenn die LehrerInnen selbst Zeitzeugen des Krieges sind? Viele Schulen, die während des Krieges zerstört wurden, wurden mit ausländischer finanzieller Hilfe und von der Weltbank vergebenen Krediten wieder aufgebaut; die Schulbücher mussten neu geschrieben werden. Wie wird jedoch die neuere Geschichte in die Bücher aufgenommen, aus denen die Kinder aller in den Konflikt involvierten Parteien annehmbare Wahrheiten lernen sollen? Wie eine Professorin für Didaktik an der Fakultät für Islamische Studien in Sarajevo erklärt, wurde die Lösung dieses Problem auf später verschoben: Das letzte Kapitel der Geschichtsbücher endet vor dem jüngsten Krieg.

Wieder andere NGOs haben den interreligiösen Dialog auf ihre Flaggen geschrieben und versuchen, durch ökumenische Gebetsveranstaltungen und Workshops mit Angehörigen der verschiedenen Konfessionen Akzeptanz auszubauen. Die sichtbarste Konfliktlinie in Bosnien und Herzegovina, wie auch anderen Staaten, wird zum Arbeitsbereich jener, die die Gemeinsamkeiten ihrer Religionen unterstreichen. Welche Rolle die Religion wirklich spielt, ist schwer abzuschätzen. Einerseits bedeutet die erst seit 1994 bestehende Religionsfreiheit sehr viel in einem Land, in dem die kommunistische Führung Religion stark regulierte. Andererseits lassen sich Glaubensunterschiede auch für politische und ideologische Zwecke instrumentalisieren. Die Verknüpfungen zwischen Politik und Religion werden auch in der Bildung deutlich, ist doch der Religionsunterricht Sache der einzelnen Kantone bzw. Gemeinden. Das führt dazu, dass teilweise gar kein, teilweise konfessioneller Religionsunterricht angeboten wird.

Viel wird diskutiert, viel überlegt. Während dessen geht in den Strassen von Sarajevo das Leben weiter. Der Muezzin ruft zum Abendgebet, die beiden Soldaten vor dem Grab Alija Izetbegovičs sehen auf die in Abendsonne getauchte Stadt hinunter. Die Kupferschmiede-, Teppich- und Souvenirläden in den Gässchen der Altstadt schließen, deren Namen Österreichern ein Zungenbrecher ist – Baščarcšija. Die zahlreichen Bars füllen sich, die jungen BosnierInnen genießen das Nachtleben Sarajevos. Sie genießen das Leben. Trotz und mit allen Unterschieden.

Anita Gritsch

BiH

Quelle: CIA Factbook – Bosnia and Herzegovina

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. gar ned mal so schlecht der bericht oda was ds sein soll. ich selber komm aus bosnien oda bzw. meine eltern und so bin ich auch auf die seite gekommen . naja viel glück no bei deiner page. ciaole

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  2. Ich mag ja Menschen, die so großzügig umgehen mit ihrem Lob, oder was das sein soll. ;) Ich werd’s ausrichten. (Bericht war Fremdcontent.)

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