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Corona – acht .. Alles Trotteln, außer ich

Dieser Artikel ist Teil 8 von 18 in der Serie "Corona" ...

Es ist alles sehr ungewiss heute, und was heute gewiss erscheint, wird morgen schon wieder ungewiss sein.
Fix ist nur eines: Wir sind alle Trottel. Du auch!

Egal was wir tun oder meinen – es wird sich jetzt garantiert jemand finden, der das deppert findet:

Unausgeglichen, weil du zuhause bleiben musst? Trottel! Einsam? Trottel. Überfordert von der Arbeit? Trottel. Angst vor einer Infektion? Trottel. Bist gegen Lockerungen? Trottel. Für Aufhebung der Einschränkungen? Trottel. Für schrittweises Vorgehen? Trottel. Scherst dich nicht um die Maßnahmen? Trottel.
Allein mit Maske im Auto gesehen worden? Trottel. Ohne Maske im Supermarkt? Trottel. Willst deine Kinder nicht mehr daheim betreuen? Trottel. Sie nicht wieder in die Schule schicken? Trottel.

Du findest, Risikogruppen gehören abgeschottet? Oder eher durchseucht? Trottel.
Findest, die Luft sei jetzt sauberer? Den einen Artikel gelesen, aber den anderen nicht? Findest, Wissenschafter wären unglaubwürdig, weil sie ihre Meinung ändern? Oder sollen das, weil Wissenschaft, evidenzbasiert und so? Trottel, Trottel, Trottel.
Alle Artikel gelesen? Nichts gelesen und stattdessen abgeschottet? Bist dem Verschwörungsgeschwurbel aufgesessen? Trottel.
Hast dich empört? Dich nicht genug empört? Willst zum Masseur? Zu deiner Freundin? Zu deinem Papa im Pflegeheim? Jemanden, der sich kümmert? Einfach deine Ruhe? Trottel.
Hast gelesen, dass Nikotin gegen Corona hilft? Trottel. Bist Raucher? Trottel. Nichtraucher? …

Aus dem direkten Gegensatz gesehen ist alles sehr extrem. Jemand, dessen Vater morgen von der Beatmung genommen wird, schiebt Hass auf die, die endlich wieder (völlig unnötig natürlich) ausgehen wollen. Jemand, der endlich wieder zu seiner Familie will, schiebt Hass auf die, die sich (völlig unnötig natürlich) weiterhin nicht anstecken wollen.

Schließlich wird das eine verleugnet, das andere nicht anerkannt.
Und wo endet das? Was für eine „Menschheit“ wollen wir sein, wenn wir keinen Mittelweg finden in unseren neuronalen Netzen, die wir so hochtrabend „Denkapparate“ nennen?

Solange das alles nicht in Anzeigen oder Gewalt oder Willkür mündet, ist es vielleicht auch völlig in Ordnung, was weiß ich. Aber ist es notwendig? Ist es die ständige Spalterei, die uns von oben vorgetanzt wird, wirklich wert, nachgeahmt zu werden? Muss man jeden Halbsatz in jeder Pressekonferenz durch Zustimmung, Ablehnung oder Nachahmung adeln?

Es wird voraussichtlich noch etwas länger zwischen Einschränkungen und Lockerungen herumgeeiert werden. Weil man sehen muss, was passiert. Weil der Messias auch keine Antworten hat außer „die Wirtschaft soll nicht weiter leiden“.

Wie wollen wir dem begegnen? Mit einem halben Herzkaschperl angesichts jeder Situation oder Meinung, die von unserer eigenen abweicht? Als wie fix wollen wir unsere eigene Meinung betrachten? Wie viel Information haben wir objektiv beurteilt, verinnerlicht, und können wir weiterhin aufnehmen, sodass wir behaupten könnten, unsere „Meinung“ wäre mehr als ein erfühlter Glaube aus den zu Gemüte geführten Informationen, aus unserer eigenen Situation heraus?

Deine Situation ist nicht die einzige auf der Welt, und die der anderen ist eben anders. Man kann nur sicher sein, dass jede andere Haltung einer anderen Situation entspringt. Und selbst wenns nur Dummheit ist – sogar das ist vermutlich, gewissermaßen, eine belastende Situation.
Aber fragt ihr euch auch mal, wenn ihr ständig auf einen Trottel herunterlächeln müsst, um euch erhaben zu fühlen, was mit eurem Selbstwert los ist?

Manche wehren sich gegen das eine, manche gegen das andere, je nach Vergangenheit, Prägungen, Erlebnissen.
Manche sind allergisch gegen Bevormundung, andere gegen Eigenverantwortung. Manche wollen unbedingt raus, andere wollen nicht, wenn Rausgehende sich benehmen, als wäre die Pandemie für sie beendet. (Trotteln?)
Manche sind immunsupprimiert, haben aber gegenüber einem Körper, dessen voll intaktes Immunsystem den Virus noch nicht kennt, vielleicht gar keinen initialen Nachteil. Gehören aber zur Risikogruppe. (Trotteln?)
Manche haben Vorerkrankungen, andere wissen nicht, dass sie welche haben, und kennen ihr Risiko gar nicht. (Trotteln?)
Manche nehmen die Maske im Auto nicht ab, weil sie nur 200m zum nächsten Zwischenstopp fahren und sie nicht unnötig berühren wollen – auch euch zuliebe. (Trotteln?)

Muss man wirklich jemanden anstecken, nur weil man selber der „Meinung“ ist, das wär (für einen selbst) „eh gscheiter“? Aus seiner kleinen, beschränkten Situation heraus kann man beurteilen, was das für andere bedeutet oder bedeuten könnte? Die man gar nicht kennt?
Muss man jemanden dran hindern, genau das zu tun?
Muss man jemanden daran hindern, zu glauben, nur weil man nicht alles glauben kann, könnte man gar nichts mehr glauben?

Wofür spricht das alles? Für so viele Verbote wie möglich? So viel Kontrolle wie möglich? So viele Strafen wie möglich?
Oder für so viel Mitdenken, Mitfühlen und weiterhin Rücksichtnehmen wie möglich, einfach weil man nicht der einzige Mensch auf der Welt ist – und das auch nicht werden möchte?

Der Druck, sich (schnell!) zu positionieren und (irgend)eine Meinung zu haben, ist seit Social Media generell gewachsen, hat sich mit Corona aber offenbar nochmal vervielfacht. Ich neige dazu, mich diesem Druck widersetzen zu wollen. Wir sind keine Experten, und wir werden auch keine mehr. Wir können nur unserer Verantwortung zur umfassenden Selbstinformation so weit wie nur möglich nachkommen und uns so rücksichtsvoll wie möglich benehmen. Manchmal auch gegen die Empfehlungen oder Meinungen anderer, aber wenn’s geht, nicht aus reinem Trotz. Es ist nicht der Zeitpunkt für fatalistische Standpunkte, solche sollten mit einer sehr eingehenden und langjährigen Meinungsbildung einhergehen – wodurch sie sich von selbst erübrigen (würden).

Leute wollen wissen, wann sie ihre Freunde wieder besuchen dürfen. Ihr dürft! Das Betreten privater Räumlichkeiten kann man euch nicht verbieten. Und das Betreten öffentlicher Orte, das dazu nötig ist, ist auch ohne triftigen Grund erlaubt. Außerdem ist liebevoller Kontakt zu anderen Menschen durchaus zur Deckung eines „notwendigen Grundbedürfnisses des täglichen Lebens“ angetan, wenn man mich fragt. Und es besteht Gefahr für Leib und Leben, wenn man heftig einsam ist.
Abwägen muss man selbst.

Grenzen setzen und Grenzen akzeptieren musste man auch früher schon. Gut wäre gerade jetzt, diese Themen offen und aktiv anzusprechen und Modalitäten auszuhandeln – Berühren oder Umarmen oder nicht, Maske oder nicht, draußen oder drinnen – das musste man früher nicht (so sehr – wer kein Bussi-Bussi wollte oder Gezerre an einer Hand, die wehtut, musste auch früher schon bei einfachen Begegnungen Grenzen setzen).

Wer dazu in der Lage ist, sich zu sammeln, zu erklären und zuzuhören, statt den anderen seine Haltung von „is doch alles total übertrieben“ bis „meine Angst über alles“ zu oktroyieren, ist wohl deutlich besser dran. Auch wenn es darum geht, Menschen in Risikogruppen zu schützen, ist es mitunter wesentlich, diese Menschen auch mal zu fragen und nicht einfach über ihren Kopf hinweg das eine oder andere für sie zu entscheiden.
Tatsache ist weiterhin, dass der gewinnt, der Nein sagt. Für dieses Patt gibts keine nichttoxische Lösung.

Es gibt die eine Wahrheit nicht. Die gabs noch nie. Die Gratwanderung ist, Gefühle zu respektieren (aka „Meinungen“, siehe oben) – und sie trotzdem von Bullshit zu trennen, auf den man nicht eingehen will. Vernunft bewahren. Die eigene Emotion vor Angstmache schützen und sich selbst vor Verletzungen.
Den Mittelweg finden zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der anderen. Das war schon immer der schmale Grat, es zeigt sich jetzt nur deutlicher und vor allem öffentlicher, wie notwendig diese Fähigkeit ist. Und womöglich wird sich auch zeigen, wo wir landen, wenn wir das nicht beherrschen (lernen).

Es zeigt sich auch deutlicher und öffentlicher, dass der Tod ein Thema ist, um das wir zu lange herumgeschlichen sind, ohne uns darüber zu verständigen, wie wir dazu stehen oder damit umgehen wollen. Was er mit uns macht, wenn wir ihm geistig zu nahe kommen. Ob wir mal darüber ~rEdEn~ sollten? Ui!
Und jeder wird seine eigene Antwort auf die Frage finden müssen, was (und wann und wie lange und wie abwechselnd) wichtiger ist, Geld und eine funktionierende Wirtschaft… und Liebe, Respekt, Toleranz, Familie, Solidarität, Menschenleben. Trivial ist diese Frage nicht.

Es wäre wohl ein Fehler, allgemeingültig festzustellen, dass sich in der Krise der „wahre Charakter“ zeigen würde. Das ist genauso nur bedingt wahr wie, dass er das unter Alkoholeinfluss täte. Man kann daraus natürlich seine Schlüsse ziehen. (Trottel!) Aber ein bisher reflektierter Mensch wird später wieder reflektieren, selbst wenn er jetzt unter größerem Druck Unsinn redet und tut. Das sollte man nicht überbewerten und deshalb nicht jetzt langjährige Freunde aussortieren, weil sie grad (aus der eigenen Perspektive betrachtet) spinnen.

Wer bisher nicht reflektiert hat, wird jetzt wahrscheinlich nicht damit anfangen. Die Hoffnung, dass eine so lebensgefährliche Situation augenöffnend ändern wird, was schon in der Vergangenheit problematisch war, ist also leider eher gering.
Und damit habe ich einen Schlusssatz überschrieben, der weitaus weniger damenhaft war.

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Corona – sieben .. Bildausschnitt, politisch

Dieser Artikel ist Teil 7 von 18 in der Serie "Corona" ...

Versuch einer Beleuchtung, was mich seit einiger Zeit magerlt an der szenischen, inländischen Corona-Politik.

Ich sehe, höre und lese, wie sich da und dort punktueller Unmut regt über Puzzleteilchen 1, 2 oder 3. Verbinden wir ein paar Teilchen, shall we?

🧩 Reaktion des Herrn BK auf Kritik an Verfassungskonformität:
-> ~juristische Spitzfindigkeiten~~nicht überinterpretieren~

🧩 Das Bild vom ~GeFäHrDeR~:
-> Innenminister lässt ausrichten, alle, die sich nicht an Verordnungen halten, wären ~GeFäHrDeR~ und werden angezeigt und bestraft.

🧩 Oh, unterm Tisch ist noch ein angestaubtes Puzzlesteinchen gelandet:
-> Ischgl

🧩
Da wird uns das Bild vom ~GeFäHrDeR~ kredenzt, der quasi schon in den Startlöchern steht, um den schutzlosen Mitmenschis seine todbringenden Viren ins Gesicht zu husten. Die Aufmerksamkeit des Volkes wird auf Parkbankerlsitzer und Maskenverweigerer gelenkt, um es weiter in Gute und Böse zu zertrennen. Auf dass es sich fortan selbst weiter zertrenne, geblendet von der schillernden Rüstung seines Erretters.
(Und aus der Konnotation des ~GeFäHrDeRs~ iZm politisch motivierten Taten riechen wir hier nur ein Häuchlein, subtil zwischen den Zeilen wehend: subversiv.)

Die Drohung schwingt da schon mit gegen die, die sich kriminellerweise nicht an Verordnungen halten:
„… und wirst an den Pranger gestellt.“ Denn wir wissen so gut wie sie: Die Regierung ist nicht Jupiter, und eifrige Vollzugsgehilfen aus dem Volk sehen sich nie als Rindvieh. So lautet die Botschaft also: „Geheth hin und denunzireth alle, die sich unseren Verordnungen nicht beugen, sodass ihr zertrennend beschäftigt seith und nicht zu viele solidarische Gefühle entwickelth.“

Ein paar Tage später wird uns obendrein lapidar mitgeteilt, die Exekutive werde „Infizierte aufspüren“, diese „Glutnester, die gezielt gelöscht werden müssen“, und „die Infektionskette wie eine Flex durchtrennen“. (Oida?!)

Entlarvendes Wording im Grunde. Denn genau so spaltend werden hier der menschlichen Emotion die gewalttätigen Drohbilder der Reihe nach angesetzt. Jetzt aber schnell daheim verstecken, du ungehorsamer, infizierter Volkskörper!

🧩🧩
Kritik in puncto Verfassungsfragen soll also gar nicht erst (weiter) aufkommen. ~Spitzfindigkeiten~.

🧩 🧩🧩
Rücken wir das dritte Puzzleteil wieder zurück ins Bild, auf dem eine ganz bestimmte Politik erstmal den hundertfachen Export des Virus aus Ischgl in alle Welt ermöglicht haben dürfte, bevor diese Gefährdung ein Ende fand. Darf man sich dann fragen, wer hier wen ~GeFäHrDeR~ schimpft? Da müsste ein infizierter, noch nicht plangemäß niedergeflexter Parkbankerlsitzer und Maskenverweigerer aber sehr lange husten, um so ein Level zu erreichen.

🧩🧩🧩 Die Verkoppelung ergibt die Message:
„Ist doch jetzt nebensächlich, was in Ischgl passiert ist; ist doch jetzt spitzfindig, ob unsere Verordnungsregierung verfassungskonform ist. Aaaber! Wenn du dich nicht dran hältst, bist du ein ~GeFäHrDeR~ und wirst bestraft!“

Geht da eigentlich nur mir das G’impfte auf?
(pun intended)

Statt im vorhinein Menschen öffentlich zu brandmarken – und damit andere indirekt zu selbigem Vorgehen aufzufordern – sollte man erstmal mit der gebührenden Ernsthaftigkeit sicherstellen, dass die Einschränkungen überhaupt die Grundrechte angemessen achten. Sodass vor allem eines zu keinem Zeitpunkt gefährdet erscheint: unser Rechtsstaat.
Alles andere ist widersinnig und chronologieverdreht: Rechtliche Fragen zur jüngsten Gesetzgebung herunterspielen, und gleichzeitig auf die anderen zeigen und ihnen drohen, wenn sie sich nicht daran halten.

„Alles richtig gemacht“?
„Schuld ist der Gesundheitsminister“? Ausgerechnet derjenige, der offenbar als einziger die Kritik als Aufforderung verstand und umsetzte? Ein Biss in das grüne Wadl, den eine später demonstrierte Einigkeit nicht mehr recht zusammenzuflicken vermag.
Wer hier die Bevölkerung „in Unsicherheit“ ließ und „ein Maximum an Verwirrung“ gestiftet hat, war der Herr BK, der Verfassungskonformität für eine „juristische Spitzfindigkeit“ hält und uns das auch lächelnd im Fernsehen mitteilt.

Hier ist also der Bildausschnitt, der mich magerlt:
Eine vorgebliche Flucht nach vorne, die tatsächlich ein Angriff ist. Mit Angstmache und Drohung kombiniert. Während man Kritik wegwischt und die Verantwortung dafür von Untertan auf Untertan verschieben lässt. Und sich im selben Atemzug unermüdlich auf die eigene majestätisch perfekte Schulter klopft.

Es reicht aber nicht aus, im Wochenrhythmus vor dem immerselben Kulissen-Hintergrund dem Volke Sicherheit (nur wenn) und Fortschritte (nur wenn) vorzugaukeln, und ansonsten eine Angst zu erzeugen, die gleichzeitig als Nährboden für den Mythos vom Erretter dienen soll. Oder einfach in vielen Worten gar nichts zu sagen.
(Von Transparenz bei Entscheidungsgrundlagen fang ich gar nicht an, obwohl es den Bildausschnitt freilich noch erweitern würde.)

Da wird optischer Aufheller und FleckWeg eingesetzt, wo es nicht nur um Optik gehen darf. Wiewohl das einigen emotional auszureichen scheint, weil sie dieser Inszenierung glauben – und damit genau so funktionieren wie beabsichtigt. Und siehe da, 48% von 806 Befragten denken da: „Er sagt, er machts gut – nau, dann wird er’s schon gut machen. Er machts eh gut!“
Ihr 48% von 806, sorry, das ist kein „Denken“ – das ist „Aufnehmen“.

Die Sicherheit, die ein Volk tatsächlich braucht, ist nicht nur die vor dem Virus, sondern auch die Sicherung seiner Grundrechte. Sodass diese während der Krise so weit wie nur möglich und nach der Krise verlässlich, vollständig und unangetastet zur Verfügung stehen. Und die Sicherheit, dass diesbezügliche Bedenken ernst genommen werden. Das ist keine Kleinigkeit, die man mit einem selbstgefälligen Lächeln und einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch wischt – nicht, wenn man derjenige ist, der einen Eid auf die Verfassung geschworen hat.

Verfassungskonformität und ‚richtiges‘ Vorgehen in der Krise – beides ist für Ottilie Volkskörper ähnlich schwer zu ermitteln und nachzuprüfen. Eine Differenzierung zwischen Empfehlung und Verordnung hätte geholfen. Andere Anhaltspunkte gibt es jedoch auch: Einen verantwortungsvollen Menschen und Politiker erkennt man vor allem daran, dass er die verdammte Verantwortung übernimmt. Jemand, der sie immer nur herumschiebt, sodass er selber sauber dasteht – der steht nicht sauber da. Würde man das selbst in seinem Erwachsenenleben so machen und sich immer nur abputzen, müsste man sich irgendwann den Konsequenzen stellen. Warum sollte man dann jemanden wählen, der so drauf ist? So jemandem gibt man keine Verantwortung mehr.

Oder darf man künftig erwarten, dass er sich verantwortlich fühlen wird für das, was er entschieden hat? Wird die Erzählung nicht eher lauten, dieses würde nicht in seinem Bereich liegen, oder jenes wäre vernachlässigbar? Weil es doch (sehet!) einen großen gemeinsamen Feind zu besiegen gilt! Ob der nun gerade ~Todesvirus~ heißt oder ~Flüchtlingswelle~.
Oder es wird heißen, es wäre vernachlässigbar, weils ja nur für kurze Zeit ist. ¹ Deren Dauer derzeit wohlgemerkt nicht absehbar ist. Auch wenn jetzt, ra-ru-rick, das Land langsam „hochgefahren“ werden soll – just saying: Die Covid-19-Gesetze haben derzeit Geltung bis 31. Dezember 2020.

Unsere Verfassung wurde in Krisenzeiten für Krisenzeiten geschrieben. Da muss dem aktuell Faktischen gar keine außerordentlich normative Kraft gegeben werden – die Verfassung ist das Faktische. Und sie war früher da als die neuen Tatsachen.

Lasst euch da bloß nichts anderes einreden! Und das ist diesmal nicht ironisch gemeint.

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¹
Kurze Infos zum KwEG hier.
Für ausführlich Interessierte verbirgt sich ein ganzer Tagungsband zum KwEG („‚Normsetzung im Notstand“) mit Geschichte und Hintergründen hinter diesem Link.

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Corona – sechs .. Bash the bash

Dieser Artikel ist Teil 6 von 18 in der Serie "Corona" ...

Was mir unheimlich gegen den Strich geht – und nicht erst seit heute – ist dieses allgegenwärtige Bashing von allem, was andere machen und du selbst nicht. Was andere haben und du selbst nicht. Was andere leben und du selbst nicht.

(Und ja, mir ist die Ironie des Bashing-Bashens durchaus bewusst, aber das hier muss jetzt endlich mal raus.)

Haus oder Wohnung?
Die während der Ausgangsbeschränkungen in Wohnungen festsaßen, waren es denen neidig, die Haus und Garten besitzen, weil „die können wenigstens raus“. Die mit Haus und Garten konnten nicht nachvollziehen, warum die in der Stadt „unbedingt raus müssen“, oder warum sie um die Schließung der Bundesgärten so ein Theater machen, weil zuhausebleiben für sie ja auch nicht so schlimm ist.

Vieles bleibt in der Phantasie- und Gedankenlosigkeit leider unsichtbar:

* Dass manche in ihrer Wohnung vielleicht ohne Grünblick wohnen oder nordseitig und den ganzen Tag nicht einen einzigen Sonnenstrahl abbekommen. Dass sie keinen Balkon haben, geschweige denn einen privaten Garten oder Feldwege zum Spazierengehen. Dass sie auf öffentlichen Raum und öffentliches Grün angewiesen sind und auch auf die Ruhe dort, weil in vielen Wohnhäusern die Nachbarn ständiger akustischer Teil des eigenen Lebens sind. Dass sie nicht deshalb in der Stadt wohnen, weil sie Grün nicht mögen würden, sondern weil es aus zig Gründen eben die passende Entscheidung war.

* Dass die mit dem Haus oft ein Leben lang sparen und jeden verdienten Euro in die Anschaffung und Erhaltung dieses Hauses und Gartens gesteckt haben, und auch jede freie Minute ins Selbermachen von Dingen, dass manche ein Haus haben, aber keinen Garten – das kann sich wiederum die Wohnungsfraktion in der Stadt nicht vorstellen. Für sie ist das alles eh nur ererbt und in den Schoß gefallen und erhält sich selbst – obwohl sie genau wissen, dass Wohnen niemals gratis ist, sobald man seine Kindheit mal hinter sich hat. Und wenn was nicht in Ordnung ist, sagt man es doch einfach dem Vermieter oder ruft Wiener Wohnen an, und fertig.

Ein Haus ist niemals fertig und bedarf einer Menge Instandhaltung, ständig. Es ist nicht nur viel mehr Fläche sauberzuhalten. Da ist die Dachrinne zu reparieren, sonst wird die Fassade nass und das Wasser spritzt zum Nachbarn rüber. Die Dachschindeln haben Schlupfwinkel, und Siebenschläfer rupfen dann Löcher in die Glaswolle, machen es sich dort bequem und kacken den ganzen Dachboden voll. Der Schnee muss weggeschaufelt werden. Der Sockel ist brüchig und Wasser dringt ins Gemäuer ein, Instabilität und Schimmel drohen. Im Keller sind Mäuse, in der Garage ein Heizkörper undicht. Ein Fenster hat sich ausgehängt. Eine Außenjalousie klemmt. Der Kanalabfluss muss von Blättern befreit werden, bevor es regnet, weil sonst die Garage unter Wasser steht. Ein Wespennest ist direkt vorm Fenster. Der Fußboden am Gang löst sich langsam auf.

Und während man das alles noch nicht erledigt hat, wuchert im ach-so-beneidenswerten Garten alles wie wild, wenn man da nicht sehr viel Arbeit reinsteckt und den Abfall, der dabei in großen Mengen entsteht, regelmäßig entsorgen fährt. Und der Frühling wartet nicht, bis man für das alles mal Zeit hat. Wenn man Gemüse im Garten will oder gar braucht, muss man Gemüse ziehen, Gemüse umpflanzen, Schädlinge bekämpfen, unerwünschte Triebe entfernen, Gemüse an Stangen binden.
Für das alles braucht man Material. Man hat viel im Haus, aber nicht alles, auch aus Kosten- und Platzgründen.

* Manche wohnen gar in einer Wohnung am Land! Die haben auch keinen eigenen Garten und keinen Balkon, zahlen aber genausoviel Miete wie in der Stadt. Dafür haben sie eben einen Spazierweg vor dem Haus, aber keinen Billa. Sie sind auf ein Auto angewiesen und stecken auch da viel Geld rein, um mobil und damit arbeits- und lebensfähig zu bleiben.

Stadt oder Land?
Pendler sind in der Stadt nicht willkommen, allein der ganze Verkehr, sollen doch am Land bleiben (wo es weniger Arbeitsplätze gibt), weil sie hätten ja nicht da hinziehen müssen (wo sie vielleicht schon aufgewachsen sind).

Die stadtflüchtigen Wochenendspazierer sind am Land nicht willkommen, weil da könnt ja jeder kommen und einfach das Grün genießen (das wir für uns gepachtet haben), weil sie hätten ja nicht da hinziehen müssen (wo sie vielleicht schon aufgewachsen sind).

Am Land zu wohnen und wohnen zu bleiben erfordert viel Verzicht und viel Aufwand, den man in der Stadt nicht hat.
In der Stadt zu wohnen erfordert viel Verzicht auf Ruhe und Raum und Grün, den man am Land nicht in Kauf nehmen muss.
Ja, wir könnten alle unsere Situation „halt einfach ändern“, aber sie hat eben auch ihre Gründe. Oder hat deine Situation vielleicht keine?

Kinder oder keine Kinder?
Die, die keine Kinder haben, bashen die, die jetzt mit ihren Kindern 24/7 zurande kommen müssen, seit die Schulen geschlossen sind – weil warum haben sie dann überhaupt Kinder, wenn sie keine Zeit mit ihnen verbringen wollen?
Die, die Kinder haben, bashen die ohne Kinder, weil die ja keine Ahnung haben, was Stress überhaupt bedeutet, und sie ja alle Zukunft der Welt wuppen, während die anderen sich ein schönes Leben machen.

Dass andere vielleicht auch gern Kinder gehabt hätten, aber keine bekommen konnten oder verloren haben; dass sich kein*e geeignete*r Partner*in gefunden hat; dass Krankheit ihnen eine Zukunft mit Kindern verwehrt hat – geschenkt.
Dass nicht alle ihr Wunschkind bekommen haben – sowohl in puncto Anzahl als auch Persönlichkeit, dass Alleinerziehende keine*n Partner*in haben und alles allein schultern müssen – geschenkt.

Selbstständig oder Angestellt?
Dasselbe mit der Arbeitssituation.
Die von daheim arbeiten können, haben keine Vorstellung davon, dass es Arbeiten gibt, die man vor Ort erledigen muss.
Die angestellt sind, haben keine Vorstellung von Unternehmerrisiko oder fehlender Arbeitslosenversicherung. Von der Zeit und der Mühe und der Verantwortung, die Unternehmer in ihre Firma stecken, auch um die Arbeitsplätze genau der Angestellten zu erhalten, die genau diesen Unternehmern jeden Euro neiden, der aus staatlicher wirtschaftlicher Hilfe kommt.
Die Unternehmer haben keine Ahnung mehr, wie es ist, in einer Hierarchie nicht ganz oben zu stehen und sich ausgebeutet zu fühlen, ohne was mitzureden zu haben – obwohl das für viele überhaupt erst der Grund war, sich selbstständig zu machen.

Einfache Hackler glauben, die Unternehmer hättens alle so gut, wären reich und würden vom Finanzamt alles zurückkriegen, was sie ausgeben – weil sie ja „alles absetzen“ könnten. Das ist Unsinn. Aber man weiß es eben nicht besser und erzählt einander lieber weiterhin unwahre Geschichten, die in die vorhandene Kerbe schlagen und die Kluft so ständig vertiefen.
„Die anderen habens besser als ich.“

* Dass Unternehmer mitunter Material brauchen, um ihre Aufträge fertigzustellen und überhaupt eine Rechnung legen zu dürfen, mit deren hoffentlicher Bezahlung sie die nächste Kühlschrankfüllung finanzieren, kommt in anderen Lebenssituationen einfach nicht vor, also ist es jenseits aller Vorstellbarkeit.

*Dass man privat vielleicht seit Wochen in einer Baustelle sitzt, seit die Geschäfte schließen mussten, und nichtmal fließendes Wasser hat, oder es durch ein Fenster reinzieht, das nicht mehr fertig eingeschäumt werden konnte, dass ganze Räume nicht benutzbar sind, dass eine halb-umgebaute Küche ohne Herd nicht gerade für Behaglichkeit sorgt während einer Ausgangssperre. Jenseits aller Vorstellbarkeit.

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Und das alles nur, weil man selber eh so bequem zu Hause sitzt und derzeit ja nichts tun muss, wenn man nicht will? Wo man dabei doch so viel Zeit zum ~Nachdenken~ hat?

Gesehen werden
Armutsbetroffene werden nicht gesehen. Wogegen sie zu kämpfen haben, wie schwer es ist, der Armutsfalle wieder zu entkommen, weil man vieles verliert, was für andere ganz selbstverständlich ist. Die Unwissenheit über den Verlust dieser Annehmlichkeiten machts, dass Nichtbetroffene sich nicht vorstellen können, dass gedachte Hilfestellungen aus der eigenen Situation wie Überziehungsrahmen (etc. etc.) einfach nicht dafür sorgen können, dass man „wieder auf die Beine kommen“ müsste, weil sie nicht mehr da sind! Könnt ihr euch nicht vorstellen.

Verführerische selektive Wahrnehmung
Aber andere Realitäten werden genausowenig gesehen.
Es wird niemand mehr wirklich gesehen.
Die Nachteile und Schwierigkeiten jeder*s einzelnen werden unter den Teppich gekehrt. Es wird selektiv gesehen, welche Annehmlichkeiten sie oder er hat – und seien sie erfunden, s.o. – und dann wird auf sie eingedroschen – aus Neid auf etwas, das in dieser Form oft gar nicht existiert oder nicht ausschließlich. Und wenn’s eine Armutsbetroffene ist, dann unterstellt man ihr einfach, sie hätte doch ein feines Leben in der sozialen Hängematte und ohne Arbeit. Die Hausbewohner hätten ein feines Leben mit Haus und Garten, was reines Vergnügen bedeutet. Die Wohnungsmenschen hätten ein feines Leben in der üppigen Infrastruktur.

Das beginnt ja schon da, wo die Lebensrealität einer Frau einem Mann nie richtig zugänglich wird, außer er verkleidet sich als eine und lebt ein paar Wochen so. Weil er nie dabei ist, wenn eine Frau allein der übrigen Welt begegnet. Weil seine pure Anwesenheit diese Begegnung verändert. Kann alles nicht sein, weil nicht existiert, was er nicht wahrnimmt? Aber wir sind ja so aufgeklärt!

Man muss anderen auch glauben, was sie erleben.
Oder es sich einfach vorstellen können. Dann muss man auch nicht alles selbst erlebt haben, um Verständnis aufzubringen. Sofern man das eigene hochdramatische Mimimi mal kurz beiseite lässt.

Gerade auf Social Media steht eben nicht die gesamte Lebenssituation in jedem Posting, sondern nur ein Ausschnitt aus dem jeweiligen Denken, das daraus entspringt und darauf gründet! Man darf also dennoch davon ausgehen, dass es diese Lebenssituation gibt, und dass man sie nicht allumfassend kennt, manchmal sogar einfach gar nicht. Es gibt also keinerlei Beurteilungsgrundlage.

Was man einzig beurteilen kann, ist ob jemand seine fehlende Beurteilungsgrundlage wahrnimmt oder nicht.

Und heute früh sehe ich, jetzt wollt ihr die Leute für deppert hinstellen – sie gar „besachwaltern lassen“ (srsly?) – die sich heute am ersten Tag der Öffnung bei den Baumärkten anstellen.
Ihr dürft ruhig auch mal davon ausgehen, dass man sich das eher nicht geben wird, wenn man nicht muss.

Was dieses Bashing wirklich aussagt ist:
„Ich hab nicht die geringste Ahnung von der Realität anderer Menschen, und sie interessiert mich auch nicht.“ Wie viele von den Schlechtmachern und FürDeppertErklärern wohl die eigenen Annehmlichkeiten schlicht nicht zu schätzen wissen und/oder unter den Tisch fallen lassen, damit sie nicht so ignorant wirken, wie sie eventuell sind?

Bequemer ist: Schuld am eigenen Nichthaben und Nichtsein sind natürlich die anderen, die haben und sind. Man kann einfach irgendwas ~glauben~, was sich grad anbietet. Und wenn diese anderen dann Dinge tun, die man selbst nicht täte, oder wenns ihnen womöglich dreckig geht – dann aber, auf sie mit Häme! „Das habt ihr jetzt von eurem Anderssein, ihr Deppen. Wärt ihr doch so gscheit wie ich, dann hättet ihr euch das erspart.“
Wenn sie schon offen zeigen oder sagen, dass es ihnen dreckig geht, und sie sich damit auch verletzbar machen? Wirklich?

Othering
Es gibt dafür einen Begriff – man nennt es Othering. Das „Andersmachen“ von allem Menschlichen, was von der eigenen Wirklichkeit abweicht. Das erklärte Endziel von Othering ist übrigens, feindliche Lager zu schaffen, die „Einen“ (die Guten natürlich!) über „die Anderen“ zu erhöhen, was ein wenig künstlichen Selbstwert stiften soll – und letztlich alle Empathie zu töten. Denn wer anders ist, kann nicht dazugehören und muss daher ausgeschlossen und letztlich auch ausgerottet werden.
Und das geht nur ohne Empathie und mit deutlicher Erhöhung der Einen gegen die Anderen.
Und das wollt ihr wirklich mitspielen? Es beginnt im Kleinen und wird dort etabliert, jeden Tag.

Phantasielosigkeit und Gedankenlosigkeit, Ungerührtheit, Ignoranz, Unkenntnis – und Unkenntnis über diese Unkenntnis. Keine gute Kombination. Aufwachen!

Vielfalt!
Wenn alle so wären wie du, nur damit du sie besser verstehen kannst, dann würden alle DEINEN Job wollen, und du würdest keinen mehr kriegen. Alle würden DEINE Wohnung wollen und die Miete wäre doppelt so hoch. Alle würden das kaufen wollen, was DU kaufen willst, und es wäre teurer oder nicht mehr erhältlich. Alles andere, was die Welt jetzt noch bunt und lebendig macht, würde im Desinteresse eingehen und verschwinden.

Wenn keiner mehr am Land leben würde, müssten alle in die Stadt ziehen. Es wäre voller, lauter, die Mieten wären noch höher, die Öffis wären überlastet, der Verkehr unerträglich. Verbindungen nach draußen gäbe es nicht mehr – wozu Infrastruktur, wenn da keiner mehr wohnt?

Wären alle Angestellte und Arbeiter, gäbs niemanden mehr, der das Risiko eines Unternehmertums auf sich nähme, und damit keine Arbeitsplätze mehr, für niemanden. Wären alle Unternehmer, könnte niemand die Sicherheit eines Arbeitsplatzes samt der zugehörigen festen Zeiten und arbeitsrechtlichen Absicherungen genießen. Nun, das Verständnis würde eventuell steigen. Die Konkurrenz aber auch!

Augen auf
Lasst euch doch nicht vom täglichen Othering der populistischen Extremisten und den wiederkäuenden Medien diese hirnrissige Schwarzweißsicht der Welt aufdrängen und einimpfen, in der alles schwarz sein muss, was nicht weiß ist – wo ihr doch genau und besser wisst, wie bunt die Welt ist!
Lasst euch doch nicht ständig gegeneinander aufbringen! Wofür denn? Mit welchem Ziel? Eine Einheitlichkeit, die niemandem was bringen würde und für niemanden wünschenswert ist? Alles, was an euch selbst bunt und anders ist, würde dem zum Opfer fallen.

Es gibt auch noch andere Denkweisen, freundlich changierendes Buntstufen-Gewaber.
Verständnis entsteht, wenn man sich für die Lebensrealitäten anderer interessiert, ohne sie vorzuverurteilen, nur weil man auf das erste „Hä?“ reinfällt, das die fremdenängstliche Ecke des Urwaldgehirns ausspuckt.
Idealerweise beruht das Interesse auf Gegenseitigkeit. Jemand muss damit anfangen. Du kannst kein Verständnis erwarten, wenn du selbst keines aufbringst. Wir sind nicht im Kindergarten.

Wenn du also nächstens Aversionen verspüren solltest gegenüber irgendjemandem mit einer anderen Lebensrealität als du – versuch es als Zeichen dafür zu sehen, dass du zu wenig darüber wissen könntest. Statt dafür, dass die anderen fix deppert sein müssen, weil du es nicht nachvollziehen kannst.

Du willst was Besonderes sein? Dann lass die anderen auch besonders und anders sein, und akzeptier sie, so wie du akzeptiert werden willst. Es gibt immer eine zweite Seite – oder meistens sogar noch mehr.
Innehalten. Nachfragen. Informieren. Interesse!
Solange du diese Seiten nicht entdeckt hast – weitersuchen. Dann erst schimpfen oder schadenfroh jubilieren.
Falls es dann noch angebracht scheint.

Artikel

Corona – fünf .. Was wird bleiben?

Dieser Artikel ist Teil 5 von 18 in der Serie "Corona" ...

Was lernen wir aus der Corona-Krise? Was hat sich geändert, was wird davon bleiben? Diese Fragen drängen sich auf, wenn man sich so umschaut.

Es sind weite Felder, und bei aller Länge dieses Artikels erhebe ich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit der Licht- und Schattenseiten. Gern könnt ihr drunterschreiben und ergänzen! Schreibt auf, was ihr gelernt habt und nicht vergessen wollt, hier bei mir oder zumindest für euch selbst!
Denn die Dinge verändern sich schnell, hin und auch wieder zurück. Wie ein Gummiringerl schnalzt alles womöglich bald wieder in seine gewohnte Position, und im Nu ist alles so wie vorher (und man selbst genauso doof).

Das Bittere zuerst
Was wird bleiben? Meine Vorhersage lautet: nicht viel. Dazu sind die Etablierten im System zu etabliert und die kurzfristig Relevanten zu schnell wieder unsichtbar.

Erstmal ist es so: Ein guter Teil der hiesigen Wirtschaft hatte jetzt ein ganzes Monat lang keinen Umsatz. Es wird also von euch erwartet werden, dass ihr hinterher drölfmal so schnell konsumiert wie sonst, um den Rückschlag aus dem ersten Quartal im zweiten wieder aufzuholen. Und das wird eine sehr dringliche Dynamik ergeben.

Mehr als nur „bemerkenswert“
Dennoch ist es außergewöhnlich, was sich in den letzten Wochen alles getan hat:

* Corona hat in kurzer Zeit geschafft, wozu eine Gesellschaft oft Jahre oder noch öfter Jahrzehnte braucht. Umso mehr, wenn diese Gesellschaft große stur-konservative und daher träge Anteile hat, die sich schon aus Prinzip jeder Veränderung widersetzen.
* Corona hat manches gnadenlos offengelegt, was bisher unbemerkt* vor sich ging – und das just, während gerade so viele Menschen Zeit zum Hinschauen haben.
* Da ist „unbemerkt“ nicht ganz das richtige Wort; wer möchte, kann einen Vorschlag für ein Adverb einbringen, das eine gute Mischung ist aus „verstohlen“ und „von großem äußeren Desinteresse betroffen“.

Die Irrelevanz hat sich abschnittsweise verschoben – weg von denen, die bisher von der Gesellschaft gerne übersehen wurden, hin zu manchen, die sich bislang für wichtig hielten. Da werden Menschen plötzlich nicht mehr in Flieger gesetzt, weil sie das „über Zoom ja wohl genausogut können“. Da werden Menschen plötzlich gesehen, die bisher zur Einrichtung zu gehören schienen.

Doch klar – nur vorübergehend. Und ich fürchte leider, das wird für beide Aspekte gelten – für „geschafft“ und für „offengelegt“.

Überall alles anders
Trotzdem – haben wir jemals in der jüngeren Geschichte innerhalb weniger Wochen einen so rasanten Wandel erlebt?
⦿ Veränderung beim Verhalten: zwischenmenschlich, innerfamiliär, nachbarschaftlich.
⦿ Beim CO2-Fußabdruck; wirtschaftlich und medizinisch – neue Ideen werden geboren und rasant umgesetzt, Workarounds gefunden, helfende Hände hochgeschätzt.
⦿ In der Bildung, politisch, in der Bürokratie.
⦿ Persönlich: Bei der Lebenssituation – die für viele jäh eine andere geworden ist. Beim Abstand zu anderen (wie schon in einem der früheren Artikel unter „Coronabewusstsein“ erwähnt – bleibt uns das?)
⦿ Beim Medieninteresse, bei Körperbewusstsein, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Wertschätzung.
⦿ Nicht zuletzt: Wertewandel. Ein Wandel im Denken. Viele haben Zeit zum Nachdenken. Sich und die Welt zu hinterfragen. Und hinzuschauen.

Alles das war kein Umschwung, sondern ein Ruck, auch kraft der blitzartigen Gesetzgebung.
Und über jedes einzelne Stichwort ließen sich lange Absätze schreiben.

Wir wussten ja gar nicht mehr, wie wunderbar eine Welt ohne Fluglärm ist. Wie blau der Himmel und wie klar die Luft sein kann. Plötzlich geht das, was vorher für Kondensstreifen gesorgt hat, auch online. Bürokratie wird abgebaut. Medikamente bestellen kann man endlich telefonisch, oder sich krankschreiben lassen – was besonders am ersten Tag oft eine zu große Hürde dargestellt hat, weil „ob ich jetzt zum Arzt check und dort zwei Stunden sitze oder gleich krank in die Firma fahr, is auch schon wurscht“. Und nein, es ist nicht ok, krank in die Firma fahren zu müssen.

Plötzlich kann man vieles auch online erledigen, wofür man vorher zumindest die Zugangsdaten in persönlicher Vorsprache beantragen musste, oder auch die Leistung selbst. Die Schule ist online, Lehrer*innen und Direktor*innen finden neue Methoden. Einige Handels- oder Gastro-Betriebe steigen auf Zustellung um, und plötzlich ist nur noch ein Fahrzeug unterwegs statt n Fahrzeuge für n Kunden an diesem Tag.
Alles das mussten Menschen in sehr kurzer Zeit anpacken, schultern und in Bewegung bringen.

Doch vieles davon geht auch nur, weil alle Welt jetzt gleichzeitig zurückstecken muss. Es fällt nicht so extrem auf, dass man kurzfristig nicht 100% konkurrenzfähig ist, wenn viele andere es gerade auch nicht sind. Als Dauermaßnahmen für ein einzelnes Land gehen sich etwa Fahrt- oder Flugbeschränkungen (oder, oder, oder…) eben einfach nicht aus, weil: „Die anderen machens ja auch weiterhin, wir können sonst nicht mithalten“. Der Markt regelt das.

Vieles wird sichtbar
Wie egal die Gesundheit des einzelnen ist, solange es um den Gesamtumsatz einer Wintersaison geht. Wie gerne manche Politik glaubt, alles richtig gemacht zu haben, wenn sie nur ihre Klientel erwartungsgemäß bedient hat. Wie furchtbar sich Privatisierungen und Sparkurse auswirken, und dass sich das überraschenderweise doch noch innerhalb der Lebensspanne der verantwortlichen Politiker*innen zeigen kann.

Es fällt stärker auf, wie viele Frauen Systemerhalterinnen sind. Allein im Gesundheitswesen sind zwei Drittel Frauen.

sichtbar. Gewaltschutz
Da wird so ein Staat jetzt besonders gut achtgeben auf diesen Teil der Bevölkerung – oder nicht?
Nicht für jede Frau ist Daheimbleiben eine gemütliche Abwechslung, wenn sie dort einem gewalttätigen Mann ausgesetzt ist und dieser Situation jetzt noch schwerer entkommen kann.
Doch während die Regierung der Wirtschaft millardenschwere Pakete mit dem Samtbändchen schnürt, wird das Frauenbudget mit Peanuts abgespeist. Im Lichte der offensichtlich so systemrelevanten Frauen ist das schon auffällig zynisch. Werden schon die Wirtschaftsmilliarden irgendwie dafür sorgen, dass er bald wieder was anderes zu tun hat als seine Frau zu verdreschen? Hoffentlich?

Das Budget für Fraueninitiativen wurde 2019 zusammengekürzt, mit der Begründung, es werde Geld in den Gewaltschutz umgeschichtet; man hat also den Frauenorganisationen die Mittel gekürzt, um beim Gewaltschutz die jährliche Inflation zu decken, statt beiden das Budget endlich mal ordentlich zu erhöhen. Es braucht mehr Geld für Gewaltschutz und Prävention, und das nicht erst seit gestern.

Die Regierung hat im Vorjahr beim Ersinnen ihrer „Maßnahmen“ für das „Gewaltschutzpaket“ die Expertinnen aus Gewaltschutzorganisationen außen vor gelassen, und so arbeitet man an Sinnhaftem vorbei, für den schönen Schein, ohne Expertinnen, und knausert weiter mit dem Geld. PR-Gags zum Weltfrauentag reichen aber nicht aus!

Aber klar, wenn dann etwa die Frauenhelpline aus finanziellen Gründen bald nicht mehr ganztägig erreichbar sein kann, weil ein paar tausend Euro fehlen, wird das bestimmt letztlich auch die Anzahl an Frauen sinken lassen, die Hilfe und Schutz vor Gewalt suchen. Auf dem Papier. Und wenn sie dann ermordet wurden, werdens noch weniger. Sehet, die Kurve!
Wenn ihr was tun wollt – beim Frauenvolksbegehren kann man Mitglied werden. Die Frauenhäuser freuen sich über Spenden, die Frauenhelpline ebenso.

sichtbar. Expertise
Was weniger auffällt – aber auch wenig erstaunlich ist, wo man doch schon in Frauenfragen Frauen nicht fragt – ist auch, wie sehr in dieser Krise fast ausschließlich auf Männer gehört wird, wenn es um Expertentum geht – Virologen, Forscher, Ärzte, Politiker – ohne *innen.
(Und bei letzteren, abgesehen von der roten Opposition, scheinen einige *innen nur Pappfiguren mit vorgegebenem Text zu sein. Man hört eventuell auf Frau Rendi-Wagner, aber man gibt es nicht zu.)

Schon seltsam, wie in einer Krise nur Männern die nötige Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird, um Sicherheit zu vermitteln, während innerlich alle nach ihrer Mami rufen.
Und vielleicht ist genau das unser Problem in dieser männerhörigen Gesellschaft. Wir suchen nicht an allen zur Verfügung stehenden Stellen. Outcome dann, wie zu erwarten: 50 von 100.

sichtbar. Zurück?holen, aber flott! Rausholen, warum?
Man merkt auch, wie viele Ausländer*innen uns fehlen, wenn sie „raus“ sind. Dabei war das Wort „Pflegenotstand“ schon vor Corona ein (deutscher) Begriff. Und jetzt? Schickt man ein Flugzeug, um die Pflegerinnen aus dem östlich benachbarten Ausland zurückzuholen. Ja, genau die Pflegerinnen, denen man in der Regierung Kurz I ab vorigem Jahr die Familienbeihilfe „indexiert“ hat, also auf ausländisches Maß zusammengekürzt. Frauen, die eh nur neun Hunderter im Monat verdienen, und die dafür sehr viel von dem verpassen, was daheim bei ihrer Familie täglich passiert, weil sie „im Radl“ tage-/wochenlang im Ausland sind. Oder glaubt vielleicht jemand, dass die 24h-Pflege so heißt, weil sie nach 24h abgelöst würde?

Diese Aktion mit dem „Zurück(!)holen der Pflegekräfte“ empfinde ich als gesellschaftliche und politische Peinlichkeit erster Güte. (Und stelle mir unwillkürlich vor, wie viele von diesen Frauen wohl zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug saßen.) Man möchte meinen, dass von der Regierung zugleich erwogen würde, die Kürzungen bei der Familienbeihilfe wieder rückgängig zu machen – jetzt, wo die Relevanz dieser Arbeitskräfte auf so blamable Weise deutlich geworden ist. Wird es aber nicht. Wozu auch, wenn man sie eh in ein Flugzeug packen kann? Als wären es geflohene Leibeigene.
Als hätten wir noch nicht genug Schaden angerichtet, siehe Ischgl. Verwunderlich, dass uns diese unfassbare Arroganz nicht auf den Kopf fällt, aber wer weiß, wie lange noch.
(Und ich schäme mich dafür, dass es dann im Ausland heißt „Die Österreicher haben…“.)

Vor diesem menschlich kontrastarmen Hintergrund fällt dann auch stärker auf, wie leicht man ein Flugzeug schicken könnte, um Geflüchtete aus einem überfüllten Lager in Griechenland zu retten, wenn man wollte. Aus Moria. Und wie willkürlich es ist, es nicht zu tun. Wie leichtfertig da von einem – ererbten, nichtmal selbst erwirkten – Oben herab andere Menschen in Wertigkeiten eingeteilt werden, die sich je nach Situation drehen lassen, wie es gerade opportun ist – und das nur aus einem Grund: weil man dafür reich genug ist.
Gleichzeitig gibt es eine Menge Asylwerber, die bereits hier sind, die befähigt wären, die aber nicht arbeiten dürfen – in der Pflege, am Feld, you name it. Es ist absurd.

An all diesen Stellen wäre der Perspektivwechsel gefragt, der Wandel im Denken und im Handeln! Und was tut sich da? Nix.
„Die Österreicher“ bleiben so arrogant wie eh und je. (Man stelle sich nur das Geschrei vor, wenn „de Auslända“ uns nicht nur die Arbeitsplätze wegnehmen, sondern auch noch eine – wieder gleich hohe – Familienbeihilfe und die Intensivbetten!)

Oder dieser Mangel an Erntehelfern jetzt. Es kursiert ein Meme mit dem Titel „Scheiße, die Ausländer geben uns unsere Arbeitsplätze zurück!“ Zihihi. Auch da sollen jetzt welche eingeflogen werden, hört man.
Für Jobs, die für so wenig Geld doch hierzulande oder in DE oder einem anderen reichen EU-Land kaum wer machen will. (Nicht unbedingt, weil die Leute zu faul wären. Sondern weil das Leben mit unseren Standards weit mehr kostet als das, was man dort verdient.) Wer ’stellt‘ sich für 8€ oä Stundenlohn hin (in gebückter Haltung) und erntet Erdbeeren oder Spargel? Und das, ähem, in einem Risikogebiet?

Würde man dort mehr verdienen, wäre auch die Ware für den Endverbraucher teurer. (Auch nicht unbedingt, weil das so fix sein müsste. Sondern wohl auch, weil von den Gewinnen, die zwischen Erzeuger und Endverbraucher entstehen sollen, niemand dazwischen was abgeben wird.) Damit steigen wiederum die Lebenshaltungskosten, zack, Endlosschleife.

Wir hecheln unseren eigenen Preisen und Standards hinterher. Es ist ein System, das auf Gewinne angewiesen ist, und zwar auf höhere als im vorigen Jahr. Eine Rolltreppe, die von denen angetrieben wird, die darauf laufen.

sichtbar. Der Welten Lohn
Mir kam auch zu Ohren, dass bei so manchem Supermarkt-Konzern ein Corona-Bonus für die Mitarbeiter locker gemacht wird. Und das mitunter in Form von… wait for it… Warengutscheinen! So bei 250€ sind wir da pro Nase. Pfu, da könnts euch jetzt aber was drauf einbilden.
(Ja, mir ist klar, dass die Zuwendung an Mitarbeiter zu diesem Zeitpunkt nur als Gutschein steuerfrei möglich war. Der Antrag der SPÖ auf steuerfreie Prämien am (iirc) 21.3. wurde abgelehnt und musste hernach erstmal türkis angemalt werden, bevor diese Befreiungen beschlossen wurden – auf „Gesetzesinitiativen des Finanzministeriums“. So läuft das eben. Erstmal rechnen. Lohnsteuer heikel weil viel!

Popelich, sag ich da! Was für ein Geiz. Da haben die allein beim Klopapier mehr Gewinn gemacht in den letzten vier Wochen. Dieser Warengutschein, so witzelten wir letztens zu zweit ein bisserl bös, das ist, als würde man Baumwollpflücker*innen für ihre wochenlange Mühe in einem verseuchten Gebiet einen Meter Stoff schenken. Statt sie ordentlich zu entlohnen, und das immer.

Aber sicher, schlimmer geht immer, manche kriegen für ihren Einsatz nichtmal einen feuchten Händedruck. Wie wirds im Gesundheitswesen ausschauen – in den Spitälern, bei den Ärztinnen, Krankenpflegerinnen, Reinigungs- und Transportkräften, Studentinnen, Helferinnen? (Männer sind mitgemeint ;)

„Aber ich bin systemrelevant!“ – „Jo, waaß i eh, und jetzt gusch und hackl weiter!“ Ich will ja nicht subversiv sein, aber der Zeitpunkt für einen Streik der sogenannten Systemrelevanten – der chronisch unterbezahlten Erlediger*innen von Oaschhackn aller Art – der wäre JETZT.
Und das sind alle, die sich für das seit Jahren und in den letzten Wochen Geleistete zu gering entlohnt fühlen; die schon davor – für den geringen Verdienst nämlich – die undankbarsten Arbeitszeiten hatten, und das mitunter (zB im Einzelhandel) obendrein unter zumindest druckintensiven arbeitsrechtlichen Verhältnissen.

Weil, hinterher so ein „Wir waren jetzt voll brav, weils nötig war, aber jetzt fordern wir…“? Das interessiert dann keinen mehr. Wenn der Hut nicht mehr brennt, sind die Feuerlöscher im Abverkauf.

Manchen kommt’s vielleicht sogar folgerichtig vor, dass jetzt diejenigen herhalten müssen, die gesellschaftlich sowieso schlechter gestellt sind. Ich mach’s kurz: Willkürliche gesellschaftliche Schlechterstellung ist per se nicht fair. Sie begründet niedrigere Entlohnung. Während diese wiederum als Nachweis für die Schlechterstellung selbst herangezogen wird. Man nennt das einen Zirkelschluss.

Weitere weite Felder
Neben diesem weiten Feld gibt es natürlich noch andere Felder der Veränderung und Erkenntnis. Etliche Leute werden in den letzten Wochen bemerkt haben, dass gewisse Tätigkeiten gar nicht so einfach sind, wie sie sich das gern vorgestellt haben. Daheimsein und auf die Kinder schauen. In der Schule sein und lernen. In der Schule sein und Kinder unterrichten. Täglich kochen und den Haushalt schupfen. Für Angehörige einkaufen, kochen, Dinge checken. Angehörige pflegen.

Oder von zu Hause aus arbeiten – doch nicht nur Party und Ausschlafen, man muss sich organisieren und motivieren; sich konzentrieren können, auch wenn andere frei haben; einen Teil seines Wohnbereiches opfern; man kommt nicht so leicht „aus der Arbeit“ wie bei echtem Heimgehen, und so müssen private Abende viel häufiger einem spontanen Weiterarbeiten weichen.

Wird aus alledem eine „neue Wertschätzung“ übrigbleiben? Mehr Verständnis?
Die Mehrheit wird wohl das Gespür dafür wieder verlieren, sobald es aus der unmittelbaren Gegenwart des Uff-ich-muss-plötzlich-selber verschwunden ist. Weil’s hinterher von außen immer noch genauso einfach aussieht wie vorher, wenn man dann wieder nur minutenweise zuschaut. Manchen wird diese Zeit aber bestimmt auch eine Lehre sein, die sie nie mehr vergessen werden, und sie werden wertschätzender mit denen umgehen, die bisher so unbemerkt so viel unter einen Hut gebracht haben, ohne jemanden zu vernachlässigen.

Doch letztlich muss Wertschätzung auch finanziell sein, damit innerhalb dieses Systems jemand dauerhaft und zuverlässig was davon hat. Manche könnten etwa für 24h-Pflege ihrer Angehörigen sicher auch mehr bezahlen, wenn sie wollten. Aber das werden sie nicht. Sie werden weiterhin so viel wie möglich für sich behalten wollen von dem, was sie dann in ihrem viel wichtigeren Job wieder leisten und verdienen werden, bei dem sie jetzt grad daheim vorm Laptop nasebohren. (Ich weiß, das ist sehr bös und plakativ, alle Zwischenversionen sind natürlich auch denkbar. Leute, die sowieso mehr zahlen. Ab jetzt mehr zahlen. Mehr Trinkgeld geben. Jetzt wegen Kurzarbeit weniger verdienen. Gekündigt wurden. Immer noch wichtig sind. Sich einen anderen Job suchen werden, weil sie gerne was Sinnvolleres täten als bisher.)

Schwarzweißgemalt wird ja viel in Zeiten von mangelnder Vielfalt wie unserer (wie heißt das, Awiglwogl, das Wort, geringe… Ambiguitätstoleranz?) Musste mich auf Twitter rechtfertigen, weil ich als Einzelerscheinung die Theorie untergrub, es gäbe jetzt nur noch Leute, die entweder gar nichts mehr zu tun haben oder aber unendlich viel. Diese Untergrabung wurde dann der Tatsache zugeschrieben, dass ich dann ja wohl keine Kinder zu betreuen hätte. (?)
Hab druntergeschrieben, nö, nur einen Hund. Hatte an vielen Tagen seit Krisenbeginn auch weit mehr Arbeit als Schlaf, aber dazwischen auch ein bisschen Zeit freigeräumt für Sonne oder Freunde. Und ja, für den Hund.

Von denen, die jetzt viel mehr Freizeit haben, sind die Menschen mit introvertierten Anteilen (vielleicht erstmals?) etwas besser dran. Ihnen wird auch nicht fad, wenn die Live-Bespaßungsindustrie wegbricht. Sie haben nicht das Bedürfnis, es müsse „was los sein“, damit sie sich spüren. Innen ist immer was los.
Wer hingegen bisher meinte, „wohin gehe ich aus und wen treffe ich da“ generiere oder definiere Persönlichkeit oder Lebensinhalt, der oder die findet sich womöglich jetzt in kargeren inneren Verhältnissen wieder.

Unter der Schließung von Bundesgärten in so mancher Großstadt leiden sie aber sicher gleichermaßen. Die Natur ist vielen Menschen Trost und Energiequelle, und das wissen wir sicher nicht erst seit ein paar Wochen.

Andere werden in ihrem ganz kleinen, privaten Rahmen erkannt haben, worauf sie wirklich zählen können, when the shit hits the fan. Dass gewisse Leute selbst in so einer Krise nicht für sie da sind. Andere dafür umso mehr. Dass sie ihren Partner nicht dauerhaft aushalten, oder ihre Kinder. Was Sicherheit bedeutet, körperliche, emotionale, soziale, berufliche, gesundheitliche. Was wirklich wichtig ist, und in welcher Reihenfolge.

Dass man manches nicht nachholen kann. Dass es unvorsichtig ist, keinen Kontakt zu jemandem zu haben, den man mag, weil man selbst oder auch diese*r Jemand schon morgen tot sein könnte.
Was eigentlich immer gilt und gelten sollte, umso mehr jetzt, ist dieses Vielleicht: Vielleicht sind es die letzten Wochen unseres Lebens – womit wollen wir sie verbringen?

Feststellen kann man auch, was eine Solidargemeinschaft im Kleinen, im Großen und im ganz Großen wirklich wert ist. Oder wie unerreichbar plötzlich alles ist, wenn Grenzen geschlossen werden, deren Offenstehen lange selbstverständlich war – für unsere Köpfe, die ja alles selbstverständlich finden wollen, was gerade mal ein paar Jahre überdauert hat. Im Verhältnis zur Geschichte der Zivilisation sind offene Grenzen und Reisefreiheit so kurze Abschnitte, dass sie auf einer Zeitlinie nichtmal Punkte wären – für die Köpfe dennoch zu lange?
Vielleicht ergibt sich ja daraus so manches Umdenken, von dem etwas bleibt.

Und was ist mit unserer Freiheit?
Die politischen Gefahren, die sich aus der Gelegenheit zum Alleingang ergeben, wenn so eine Ausnahmesituation es zu rechtfertigen und auch die nötige Ablenkung zu bieten scheint – siehe Ungarn oder Israel; die vielen Gratwanderungen, die sich in puncto Gesetzgebung, Sicherheit, Überwachung und Datenschutz ergeben:
. dass Machtdemonstrationen seitens der Exekutive auch in Ausnahmesituationen wie dieser in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben
.. gerade, wenn Regelungen keinen Sinn ergeben und (auch daher) Unsicherheit darüber herrscht, was man denn darf, (auch weil) sich das wöchentlich ändert
. dass womöglich Kanäle geöffnet werden, über die
.. etwa dem Dienstgeber bekannt werden könnte, welche Erkrankungen oder Medikation seine Angestellten haben, um sie freizustellen; während für Angehörige „relevanter Berufe“ keine Freistellung vorgesehen ist, auch wenn sie zur Risikogruppe gehören
.. etwa der Regierung bekannt wird, wohin ich mich bewegt habe, warum und mit wem
.. Bürger*innen sich nicht nur freiwillig via App überwachen lassen, sondern sich und ihre Lieben davon auch noch „besser beschützt fühlen“ – der feuchte Traum jedes totalitären Bestrebens

Das alles würde den Rahmen hier endgültig sprengen.
Wir dürfen unsere Holzaugen keinesfalls schlafen schicken, auch wenn die neu gewonnene Freizeit (≠ Freiheit) manche dazu verlocken mag.

Ende der Durchsage
Ich persönlich hoffe, dass mehr Leute spüren, wie heilsam die Stille sein kann. Ich habs gerne ruhig im Homeoffice. Empfand es andererseits auch in einer der letzten Nächte als geradezu tröstlich, bei der Hunderunde von weitem wieder ein bisschen stärker die Autobahn zu hören – und damit, dass es doch einzelne Menschen gibt, die in dieser Nacht noch ein echtes Ziel haben, und vielleicht Menschen, auf die sie sich freuen.

Ich hoffe, dass in den letzten Wochen mehr Menschen gehalten wurden als fallengelassen.
Und ich hoffe, ihr habt es gut und gewaltfrei und bleibt gesund.

Was soll von der Veränderung, die für euch positiv ist, später bleiben? Was muss unbedingt wieder weg?

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Update: Eva Maria, die „Stadtstreunerin„, hat zeitgleich einen lesenswerten Artikel mit dem Titel „Stadtplanung per Virus“ in ihrem Blog veröffentlicht, wie immer mit leiwanden Fotos. Der ist so hübsch verschwestert mit meinem und wird daher hier verlinkt.

Artikel

Corona – vier

Dieser Artikel ist Teil 4 von 18 in der Serie "Corona" ...

Vermummter Warenerwerb
Ankündigung letzten Montag, dass ab Mittwoch Maskenpflicht herrschen wird. Witzig eigentlich, so eine Maskenpflicht neben dem Vermummungsverbot. Für mich persönlich aber eine kleine Sicherheit mehr. Daraufhin in den Supermarkt gewagt. In zwei sogar. Bis dahin bin ich aufmerksamerweise von meinem Bruder mit Lebensmitteln versorgt worden, weil: mit supprimiertem Immunsystem geht man nicht einkaufen.

Schon seltsam, ausgerechnet eine Menge bestimmter Menschen, die sich nie treffen, als Gruppe zu bezeichnen. Frühlingsprogramm Risikogruppe: Miteinander gefährlichen Hobbys frönen, wie Wingsuit Base Jumping oder An-Infizierten-Vorbeirunning.

Nein, kein Schutz der Gruppe, ich gehe allein. Mit einem Schlauchschal in weiß, für alle Fälle.

Beim Hofer wird man per Zange empfangen. Also, die Zange, mit der die zuständige Dame beim Eingang eine nagelneue Maske aus der Originalverpackung fischt und einem überreicht. Beim Eurospar hingegen liegen die Masken an diesem Tag unverpackt vor einem freundlichen Herrn auf einem Tisch zur Entnahme. Ob der da schon draufgehustet hat oder ob man das dann selbst machen muss, erfahre ich nicht. Nur dass mein Schlauchschal „eh auch okay“ wär, wenn ich wollte. Ich will.

Werde auch nicht zur Verwendung eines Einkaufswagens verdonnert. Ein Glück bei fehlender Diskussionslaune. Wer glaubt, dass Einkaufswagen für Abstand sorgen, war wohl noch nie selbst einkaufen. Offline meine ich. Ist ja nicht so, als würden dann alle brav hintereinander herfahren wie die Wagerln in der Geisterbahn. Wenn vor einem jemand stehenbleibt und mit aller Konzentration versucht, das Obst nicht zu berühren, muss man im Gang überholen. Und ohne Wagerl kann man sich dabei weitaus leichter auf maximalen seitlichen Abstand bringen.

Stelle fest: Maske rutscht nach dem Anlegen sehr schnell hinauf bis über das untere Augenlid. Meine Ohren als Befestigungsort der Gummibänder sind offensichtlich zu weit oben im Vergleich zum Durchschnittsohr. Weil man sonst nicht sieht, ob man genug Abstand hält, bzw einem von der Oberkante der Maske allmählich der Augapfel abgescheuert würde, fasst man sich daher zunächst drölfhundert Mal beherzt ins Gesicht, bis einem die Ironie auffällt. Später im Verlauf erlernt man autodidaktisch eine Bewegung des Kiefers, die die Maske wieder vom Augapfel trennt und nach unten zurückzieht.

Alle Kund*innen und Mitarbeiter*innen sind an diesem Tag aber vorbildlich vermummt, und die Abstände werden brav eingehalten, auch ohne Wagerl. Bei der Eurospar-Kassa gibt es dafür sogar neue Bodenmarkierungen für alle, die sich nicht vorstellen können, wie viel zwei Meter sind.
Fühle mich halbwegs sicher und kaufe eine Menge Kekfe und dazu ein Topfblümchen, das mich mit seiner nichtsahnenden, freigiebigen Schönheit inmitten der düsteren Perspektive des viralen Chaos zu Tränen rührt. Ungebremste Lebensfreude, dem Blumi iss‘ wuascht – guter Reminder für zuhause.

Kieferschmerz am Ende des Einkaufs beträchtlich.

Distanzierte Mitmenschen nun auch stumm
Was mir am Land bei der Hunderunde auffällt: Überraschend viele, die draußen in der Sonne unterwegs sind, scheinen Social Distancing vor allem so zu verstehen, dass man einander nicht mehr grüßen muss. Besser, den Mund geschlossen zu halten. Nicht, dass man sich noch von einem x-beliebigen vorbeikommenden Grüßgott-Trottel anstecken lässt. Sind ja lauter Virenmonster unterwegs da draußen, da wäre jede Höflichkeit ohnehin fehl am Platz.

Sehet, die Kurve!
Diskussionen über die Kurve – Neuerkrankungen, Todesfälle – habe ich bald nach Beginn der Krise wieder eingestellt. Es war etwas schwierig, mit dem Hinweis durchzudringen, dass eine Statistik allein auf Basis durchgeführter Tests doch ein weniglich zu stark von diesen Tests abhängig ist, über deren Policy (und auch wahre Anzahl, wie sich später herausstellte) man kaum etwas erfuhr, sondern höchstens ein wenig aus privaten Informationen ableiten konnte („Habe Symptome, aber keinen Aufenthalt in Risikogebiet, und Fieber leider unter 38°, wurde daher nicht getestet, soll nur daheimbleiben“).
Man weiß nur eines mit Sicherheit: Diese Kurve kann verlaufen, wie sie will, in die Nähe von „repräsentativ“ kommt sie dabei an keiner Stelle.

Schön aufgedröselt hat der Michael Matzenberger jetzt, wie das mit den Zahlen in unserer Kurve so ist und was für einen Blindflug es tatsächlich darstellt, auf Basis solcher Zahlen irgendwelche Entscheidungen für das Volk zu treffen zu sollen, oder gar Vorhersagen zu machen. Fragen nach der Zukunft, wie es weitergeht, wären seitens der Journalist*innen ja durch die Pauschalfrage „Besitzen Sie zufällig eine Kristallkugel?“ ersetzbar gewesen.

Warum dennoch von Beginn an unser aller Aufmerksamkeit vom kurzstudierten Bundesheiland auf diese Kurve gelenkt und da festgepinnt werden sollte, ist daher schwer nachvollziehbar. Schelme und -innen könnten denken, man möchte diese Aufmerksamkeit lieber auf sinnlosen Zahlen als anderswo, etwa auf den symbiotischen Verhältnissen zwischen Wirtschaft und Politik in Tirol. Bei jedem guten Zaubertrick gilt es, den Fokus dorthin zu leiten, wo sich gewiss nichts Aufschlussreiches über das tatsächliche Geschehen ablesen lässt. Man kann sich dabei doch nicht allein auf Masken verlassen, die bis über die Augen rutschen.