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Das Amsel-Einerlei und der unerforschte Amselwal

Ich weiß ja nicht, ob es da draußen außer mir irgendjemanden gibt, der den Amseln so aufmerksam beim Singen zuhört wie ich. Vor ein paar Jahren hab ich das hier ja schon einmal zum Thema gemacht. Manchmal denke ich, was, wenn von den orangeschnabeligen Federhirnen allerorts Tag für Tag die Weltformel von den Bäumen gepfoffen würde, und keiner merkt’s?

Oft freue ich mich beim Lauschen über die Kreativität der Strophen, den spontanen Wechsel der Laute in einer festen Struktur der Strophe, über den oft plötzlich auftauchenden Shuffle-Groove, das Wiederholen einer besonders gelungenen Phrase – oder war sie besonders ungelungen und wird deshalb nochmal geübt?

Heuer allerdings fällt mir auf, dass es offenbar so etwas wie Frühjahrs-Hits gibt bei den Amselgesängen (immer schön mit Bindestrich, die Frühjahrs-Hits, gell?). Vielfalt und Kreativität schrumpfen, der Anteil an Einerlei steigt. Erinnert mich ein wenig an einen gewissen heimischen Radiosender. Tag für Tag hämmert der mit den immergleichen sogenannten Hits eine Scharte in den Äther des Massenbewusstseins, bis er auf blankes Metall trifft, dass die Funken nur so fliegen, was dazu führt, dass man schon bei den ersten Takten eines solchen Songs zappelig und lila wird auf seiner jeweils aktuellen Sitzgelegenheit.
Oder kurz gesagt: Songs totspielt.

Das Auftreten solcher Tothör-Erscheinungen bei den Amselgesängen betrübt mich zwar, ich stelle aber trotzdem ganz objektiv fest, dass heuer gewisse Phrasen erstmals beginnen, mir auf die Nerven zu gehen. Amselgesänge sind für mein Gehör zumeist in drei Abschnitte pro Strophe unterteilt, A, B, C. Manchmal auch nur A, B. Mitunter A, A. Manchmal nur A.

An nervigen Hits wäre zuallererst der Strophenabschnitt “Alarmanlage” zu nennen (meistens als C, manchmal A). Ich nehme an, dass Amseln Alarmanlagen nachahmen. Natürlich könnte es auch sein, dass Alarmanlagen Amseln nachahmen, aber da Amselgesänge nicht sonderlich abschreckend auf Autodiebe wirken dürften, halte ich diese Theorie für weit weniger wahrscheinlich. Ich höre diesen Strophenteil pro Tag ohne Übertreibung derzeit sicher hundertmal. Es gibt ihn seitens der Amsel in einer schnellen und einer langsamen Variante. Hier die langsame. (Verzeiht bitte das Rauschen, das ist eine Handyaufnahme!)

      Etosha_Amsel-H20130302-Alarm.mp3


Weiters gibts da so eine Art Hund-komm-her-Pfeifen im Abschnitt C (-_-_-__), davon hab ich leider momentan keine Aufnahme parat, nervt aber mittlerweile auch ein bisschen.
Mir kommt vor, dass die Amseln im allerfrühsten Frühjahr am kreativsten sind. Da denken sie sich ganz eigene, neue Songs aus. Vielleicht nur die ganz Jungen, aber immerhin.

Hier ist ein Ströphchen, an das ich mich sehr lebhaft aus meiner Kindheit erinnern kann, in meinem Dachbodenzimmer bei offenem Fenster hab ich das recht oft gehört. Ich habe etwas Ähnliches im alten Eintrag veröffentlicht, dieses ist ein bisschen anders, aber irgendwie auch näher dran. Gab es sie also auch damals schon, die Frühjahrs-Hits?

      Etosha_Amsel-5-3 -20110509.mp3


Was mich aber nach wie vor erfreut, ist das Kichern, das oft eine Strophe abschließt- als würde der Vogel über den eigenen Witz lachen, den er gerade gemacht hat. Oder über mich, wie ich da stehe mit meinem Recorder.

      Etosha_Amsel-H20130302-Kichern.mp3


Extrem interessant ist es, sich die Gesänge in gesenktem Tempo und Pitch anzuhören. Hier die obigen zwei Kicher-Phrasen nochmal in 0,19-fachem Tempo. Klingt tatsächlich wie Walgesänge. Das volle Ausmaß der Modulationen im zweiten Gelächter kann man im normalen Tempo mit dem schnöden Menschenohr gar nicht richtig auflösen.

      Etosha_Amsel-H20130302-Kichern-Slow.mp3


Hier auch nochmal der Alarm in der tieferen, langsameren Form:

      Etosha_Amsel-H20130302-Alarm-Slow.mp3


Uh-wiii-uh-wiii!

Diese Strophen…

      Etosha_Amsel-9-2_3 -20110512.mp3

      Etosha_Amsel-SMS-9-8 3sec -20110512.mp3


…finde ich auch in der Walgesang-Variante äußerst spannend:

      Etosha_Amsel-9-2_3 -20110512 SLOW.mp3

      Etosha_Amsel-9-8 -20110512 SLOW.mp3


Ich hab aber auch etwas weniger verrauschte Amseln, die ersten paar Aufnahmen oben stammen wie gesagt vom Handy, die Nachfolgenden aus dem Zoom-Recorder. Falls also jemand einen SMS- oder Klingelton möchte, bittesehr:
(Der Player zum Probehören, die Links unmittelbar danach für den Rechtsklick & Download)

Ringtones:

      Etosha_Amsel-RT-8-3 29sec -20110512.mp3

Etoshas Amsel-Ringtone 8-3 (mp3, 29 Sekunden, 435 KB)

      Etosha_Amsel-RT-10-1 27sec -20110518.mp3

Etoshas Amsel-Ringtone 10-1 (mp3, 27 Sekunden, 404 KB)

SMS:

      Etosha_Amsel-SMS-7-4 3sec -20110509.mp3

Etoshas Amsel-SMS 7-4 (mp3, 3 Sekunden, 45 KB)

      Etosha_Amsel-SMS-9-3 3sec -20110512.mp3

Etoshas Amsel-SMS 9-3 (mp3, 3 Sekunden, 44 KB)

      Etosha_Amsel-SMS-9-8 3sec -20110512.mp3

Etoshas Amsel-SMS 9-8 (mp3, 3 Sekunden, 43 KB)

Nutzungsbedingungen: Bei anerkennenden Bemerkungen aus dem Freundeskreis: stets freundlichste Belobhudelung meiner Person und meines Blogs samt Aufdrängung meiner URL. Oder Spende. :D Schickt einfach all euer Geld dorthin:


…—… Himmelherrgottfixnomoi, ist denn hier kein vertikaler Abstand reinzukriegen? …—…

Habe mich bei der Verlinkung der richtigen mp3s äußerst bemüht – falls trotzdem irgendwas nicht funkt oder nicht zusammenpasst, bitte melden!
[Player ausgetauscht. Funzt jetzt auch auf iOS-Geräten. Danke EGM! 1 broken Link korrigiert. Dank an Deh Geh!]
Bei mir in der Preview lässt sich jeder Player nur einmal abspielen – ich hoffe, dieser Bug wohnt nur bei mir! Vielleicht hab ich ja auch wiedermal nicht die allerbrandneueste Flash-Version, die Updates kommen ja mittlerweile alle zwei Stunden.

Falls einer von euch weiß, warum die Paypal-Buttons seit Jahr und Tag so viel Abstand nach oben generieren, bitte ich sehr herzlich um Erleuchtung!
[Ebenfalls erledigt. Danke EGM und Deh Geh. Zu doof aber auch! Simple Zeilenumbrüche in WordPress werden halt in Abstand umgewandelt. Isso. Auch Zeilenumbrüche innerhalb von form-Code. Hihi.]

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Sammelsurium

Zettel-& Notizen-Ausmist-Tag! Heute, ich. Viel Mutter-Content. Aber auch viel anderes.


Wortkreation

Tableal – ein beim Heimwerken mangels Lineal zuhilfe genommenes Tablett von ausreichenden Ausmaßen.



Zitate, aufgeklaubt:

We will either find a way or make one.

Besser kann man Entschlossenheit nicht ausdrücken.

Support bacteria – it is the only culture we have left.

Denk ich manchmal auch. Meistens bin ich aber gnädiger.


Aus der Wuchtelsammlung:

Beim Anschauen eines Videos mit superkuscheligsüßen Tieren im Freundeskreis zur Vertreibung der inneren Kälte im Februar:

A: Und die Bären, na sind die geil?
E: Nein, ich glaub, die spielen nur.

Am selben Abend:

A: Muss der Kater immer so miauen in der Früh?
E: Ja, was sagt er denn?
D: Er freut sich, dass der Tag da ist. Carpe Diem sagt er, so einen exklusiven Kater haben wir!
A: Ja – und dann schläft er den ganzen Tag!?
E: Eben! Und wie er den Tag nutzt!


Uncredited:

Ein ausgeschlitztes Kochohr.

Hunde, die fressen, bellen nicht.

Es wird Frühling, die Mopeds summen schon.

Er arbeitet sich nach hinten vor.


Eine meiner Lieblingswuchteln, in die ewige Bestenliste und mittlerweile auch in den aktiven Wortschatz eingeflossen:
Meine Freundin N., in den Schubladen ihres Sprachschatzes auf der verzweifelten Suche nach dem Wort für das Gerät, mit dem die Farbe auf die Wand kommt:

der WALLROLZER

Selbe Schöpferin, selber Weg der Wuchtel – von einer Erzählung über das Gut Aiderbichl in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen für alles, was Spenden braucht oder sonstwie ärmlich dreinschaut.

Erbarmungswürdige Esel aus Spanien…

Und, wie wir bei einem unserer denkwürdigen Gespräche feststellten, als uns klar wurde, dass manch andere uns ihre eigene Unfreiheit aufdrängen wollen:

Wir schöpfen wiedermal aus dem gemeinsamen Schatz der umwerfenden Intelligenz.


Frau Sero im Chat, vor Mooonaten:

Ich habe zu danken, für die Musik, nicht wahr. (Oh, wie cheezy, ein ungewollter Abba-Verweis!)
Man hält ja sowas immer viel zu selten fest, bei aller inflationellen Aufnahmegerätvorhandenschaft.


Deh erzählt im Bandforum, was sich in der Firma tut – auch schon ein Weilchen her:

hektisches Warten auf Rückmeldung aus Deutschland

Bandprobe 22.1.13:

Ess: Habts ihr zufällig letztens im TV gsehn…
Deh: Nein.
Ceh: Ich schau nicht so viel.


Man kann meine Mutter getrost eine Lachwurzn nennen. Letztens rief ich sie an, und sie hob sogar ab, hatte allerdings gerade so einen Lachkrampf, dass sie einige Minuten brauchte, bis sie zu einem normalem Gespräch fähig war. Sie hat dann so kehlige Anfälle wie Poldi, der Hund, falls sich an den noch jemand erinnert. Sehr ansteckend! Was soll man auch sonst inzwischen tun? Sie war beim Klingeln aufgehüpft, hatte “Das ist jetzt die Liane!” gerufen und auf der Suche nach dem klingelnden Telefon in vollem Karacho an ebendiesem vorbeigelaufen, bis hinüber in ein völlig anderes Zimmer, und fand sich, so ein wenig von außen betrachtet, offenbar wahnsinnig komisch.

Meine Mutter im März zu mir:

Willst du oben im Zimmer schlafen? Da leuchtet das G3 (das neue Shoppingcenter) jetzt aber ziemlich rein. I fürcht bei dein’ Fenster warats helativ rell.

Ich zu meiner Mutter, selber Tag, anderes Thema:

Das hat mich recht unvorbereitet getroffen – nein, wie heißt das Wort? *Denkpause* Unvermuttelt!

Am nächsten Tag backen wir gemeinsam einen Geburtstags-Riesenpunschkrapfen für meine Freundin N. Allein dieser eine Nachmittag und Abend der Herstellung kostet uns so viele Lachtränen, dass wir kein Lachyoga nötig haben. Wir lachen über die Abgehobenheit der Kochbuchformulierungen zum Zuckerspinnen (bis zur kleinen Perle, oder doch bis zur großen?), wir lachen beim Eieraufschlagen, beim Herzenpinseln mit dem Butterpinsel aufs Backblech. Wir kochen uns zwischendurch was, und wir lachen, weil sie mich die Knoblauchpresse suchen schickt, indem sie mir nur kalt, kälter, warm und wärmer als Hinweise gibt, und das in einer Küche, die gefühlte tausend Schubladen hat. Wir lachen aus Gründen, die mir zu schnell wieder entfallen. Beim Herstellen der Glasur über die Menge Rotwein, die tatsächlich nötig ist, um die Glasur auch nur halbwegs pink zu kriegen, bei deren Herstellung man angeblich “sehr aufpassen muss, dass sie nicht zu rot wird”, über die Hässlichkeit des armseligen, frisch glasierten Probeküchleins, und am Schluss beim Glasieren des eigentlichen Riesenpunschkrapfens fehlt uns schließlich die Glasurmenge für die vierte Seite. Ich stelle fest: “Das Glasieren der vierten Seite ersparen wir uns, wenn wir den Kuchen einfach an die Wand stellen.” Zugegeben, es waren allerhand Rumdämpfe im Spiel.


In irgendeinem Chat behauptete ich einst:

Ich schreibe ja heute schon das, was die Leute erst in vier, fünf Jahren interessieren wird. Dadurch kann ich sicher sein, dass der Allgemeinheit meine letzten Gedanken nicht vor Verwesungsfrist bekannt werden.


E: Wie heißt Ihr Parfum, wenn ich fragen darf?
Kellner: One Million!
A: Ohje, das klingt teuer!


Wuchtel aus “Grey’s Anatomy:

Arzt1: Das hier wird Ihnen gefallen! Poledance-Unfall! Er hat abdominelle Druckschmerzen von einem stumpfen Bauchtrauma.
Patient-Ehemann: Sie ist abgerutscht, ich hoffe sie hat nichts Schlimmes!?
Arzt2: Von einer Stange?
Patient-Ehefrau: Ja, heute ist unser Hochzeitstag! Sie wurde direkt in unserem Schlafzimmer aufgebaut. Es sollte eine Überraschung werden!
Patient-Ehemann: Das war es auch! Ich dachte, ich krieg ‘n iPad.


Und jetzt ein paar Fluchtmöglichkeiten:

Kennt ihr eigentlich schon die durchaus furchtlosen Fotos der Jun Ahn? Unbedingt anschauen!
(via Zeitungsausschnitt von meiner Mutter)


Habt ihr schon mal gesehen, dass man sich in Finnland Glas-Iglus mieten kann, um die Nordlichter zu beobachten? Ist aber nicht ganz billig.


Nichts Neues, aber was Schönes: Hilfe fürs Brainstormen, oder sich nur so durch schön aufgemachte Tagclouds klicken, die mit Flickr-Fotos verknüpft sind: Taggalaxy.com.


Wenn ihr euch stattdessen lieber mit luzidem Träumen, Traumerinnerung und Traumbewusstheit beschäftigen wollt, könnt ihr euch hier hinfortklicken.


Im Dialektatlas kann man sich ausgiebig mit deutschen Dialekten befassen, samt Hörbeispielen. Sehr ausführlich!


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Segeln 3

Es ist ein chronologisches Hin- und Hergespringe hier derzeit, ich hoffe, ihr kennt euch noch aus. Hier kommen nun nämlich nach einigen technischen Verzögerungen, wie versprochen, die Fotos von Grgur, der zweiten ehemaligen Gefängnisinsel in der Adria. Es ist der letzte Segeltag, nach ein paar durchwachsenen Tagen ist es strahlend sonnig und warm.

Während die anderen schon vorausstapfen zu den alten Gebäuden und deren Überresten, faszinieren mich die unzähligen Schmetterlinge und Eidechsen auf der Wiese davor.

Schmetterling auf Grgur Eidechse auf Grgur

Auf Grgur gibt es weit weniger Gebäude und Industriekomplexe als auf Goli, und die Natur ist in Sachen Zurückeroberung schon weiter vorgedrungen.

Grgur Grgur

Hier ein altes Hauptgebäude; muss ein Aufsehergebäude gewesen sein, aufgrund der erhöhten Lage und der luxuriösen Ausstattung – im hinteren Bereich des Gebäudes findet sich ein Wohnzimmer mit einem großen Ofen.

Grgur

Erklimmt man die Anhöhe hinter den Gebäuden, dann erreicht man den verschlossenen Eingang zu einer alten Zisterne. Sie hat etwa 20 Meter Durchmesser und wurde in den ansteigenden Hügel hineingebaut. Der Eingang liegt an der Basis. Ein Stück an der Zisterne vorbei, den Hügel hinauf – dort liegt ein riesiges, gepflastertes Wassersammelfeld…

Grgur

…und die betonierte Leitung zur Zisterne (deren Umrisse sieht man am unteren Bild rechts, mit den Stufen auf das Zisternendach).

Grgur

Alles wirkt verlassen und unwirklich, wie eine Szene aus dem Computerspiel Myst; auch auf Goli hatte ich schon diesen seltsamen Eindruck.

Am Dach der Zisterne befindet sich ein Einstieg, hinunter in das dunkle, feuchte Innenreich. Ich habe keine Angst, das Dach zu betreten, mein Bruder hat da etwas mehr Bedenken.

Grgur

Aber es lohnt sich – das Echo ist bombastisch! Singt man hintereinander drei lange Töne in diesen Einstieg, so kann man hinterher noch drei volle Sekunden lang den ganzen Akkord hören. Mein Bruder lässt sich nun doch breitschlagen, wenigstens für zwei gesungene Töne der Tragfähigkeit des Daches zu vertrauen.

Grgur

Ich beschwinge die Zisternenluft lange mit meiner Stimme, bevor wir die Anhöhe noch ein Stück weiterverfolgen, um Grgurs alte Gebäude von oben zu fotografieren.

Grgur

Die Insel Grgur ist unsere letzte Station, bevor wir wieder in die Marina Punat zurückkehren müssen. Ein bisschen Wind gibt es, ich dränge darauf, zum Abschluss noch ein Stück zu segeln. Allzuviel Segelwetter hatten wir ja davor ohnehin nicht.

Postkartensegelkitsch

Der Wind weht uns um die Nase, und das Wasser ist so blau, blauer gehts gar nicht.

Sooo blau!

Schließlich legen wir die “Lady F.” in ihrer Heimatmarina an, schaffen unser Zeug von Bord und werfen noch einen letzten Blick zurück in das Abendrot.

Marina Punat
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Türkei 2

Wir lernen auch ein bisschen türkisch, aber sehr viel weniger als erwartet. Einer der Animateure spricht mir einen flapsigen Satz vor, fürs Bestellen beim Barkeeper: “Moruk, bir vodka ver!” Er übersetzt “moruk” ins englische mit “dude”, und ich übersetze es meinen Leuten ins Österreichische weiter: “Oida”. (“Alter, einen Vodka gib!”). Mein Hirn ist aber kein große Leuchte beim Merken von nichtromanischen Sprachfetzen, Minuten später hab ich daher das türkische Oida-Wort bereits vergessen und äußere meine vage Vermutung: “marul”? Der Animateur ist begeistert und lacht, “Das geht auch – das heißt dann Krautsalat.”

In der Kommunikation mit anwesenden Gästen und Angestellten werfen wir mit allem um uns, was wir in unserem Hirn auch nur irgendwie gespeichert haben, mit internationalen Wörtern, mit Händen und Füßen, vor allem aber mit Englisch. Wir übersetzen über drei Stationen, man wendet sich englisch an mich, ich übersetze auf deutsch für meinen Vater und L., er übersetzt es seiner Frau ins Tschechische. Ob da noch viel echte Information ankommt, darf getrost bezweifelt werden, es ist oft wie beim Stille-Post-Spielen. Trotzdem schaffen es ein paar Witze bis zum Endkunden. Und im Notfall spricht ein freundlich-ratloses Gesicht auch für sich. Nach dem Heimkommen bleibe ich verbal allerdings für einige Zeit leicht verwirrt.

Auf dem Markt werden wir in unterschiedlichen Sprachen angesprochen – L. wird für eine Russin gehalten, was sie sichtlich ärgert. Ein türkischer Ladenbesitzer spricht mich in tiefstem ur-steirisch an und erklärt, sein Vater sei Türke, seine Mutter aus der Steiermark, und das Wetter in Österreich sei scheiße. Er bellt so, dass ich ihn schlechter verstehe als so manch anderen Türken. Einer der Verkäufer spricht mich auf schwäbisch an. Einer hat rotes Haar und sieht immens irisch aus, ist aber Türke. Ein anderer wieder spricht das schönste Deutsch, das man sich vorstellen kann – er hat in Deutschland Literatur studiert und verkauft jetzt Schmuck in Alanya.

Mahmutlar

Sobald sich aber herausstellt, das wir aus Österreich sind, kommt überall auf dem Markt, wie das Amen im Gebet, ein “Servus!” – und wenn man deutsch spricht, wird man gefragt, “Darf ich dir etwas andrehen?” Die wirklichkeitsgetreu-paradoxe Komik darin ist den Marktschreiern aber möglicherweise unbekannt – sie bringen sich diese Phrasen untereinander bei, sie werden zum bedeutungslosen Selbstläufer. Trotzdem falle ich beim ersten Hören des Andrehen-Spruches vor Lachen fast aus den Schuhen.

Es handelt sich dabei, apropos, um ein ungleiches Paar Crocs, Batik-Style, einer rosa-weiß, einer lila-weiß, und diese Kombination zieht überall Aufmerksamkeit auf sich. (Schon beim Segelstop auf Rab lockte ich damit Straßenverkäufer aus der Reserve, sogar ein altes Mütterchen mit Kräutern am Straßenrand sprach mich lachend darauf an.)
Und auch auf den Märkten in Mahmutlar und Alanya grinsen mich alle an, ungezählte Menschen deuten auf meine Schuhe, zeigen mir Daumen-hoch oder fragen mich, warum meine Schuhe ungleich sind. Ich frage zurück, warum ihre denn gleich seien, darauf wissen sie nur selten Antwort.
Sollten also nächstes Jahr in Alanya zwei verschiedene Crocs an den Füßen der letzte Schrei sein – dann war ich wohl der Trendsetter.

Man kann dort shoppen, was das Zeug hält – wenn man möchte, allerdings kann ich schon nach kürzester Zeit keine Shirts und Pullis mehr sehen. Ist alles nicht mein Geschmack, ich bin keine wandelnde Werbetafel und mag Markenaufschriften nicht. Ich kaufe auch nur wenig, ein bisschen Schmuck für meine Lieben daheim und als Geburtstagsgeschenk, ein Badetuch, einen neuen Billigtrolley, Zigaretten. Das ewige Feilschen ist mir zu mühsam, es läuft meinem Naturell zuwider und kommt mir immer respektlos vor. Mir ist es generell lieber, wenn Dinge kosten, was sie eben kosten, und jeder ein bisschen was davon hat. Feilscht man dort aber nicht, zahlt man völlig überzogene Preise, manchmal werden diese Situationen auch unangenehm, auf die eine oder andere Weise – Küsschen werden als zusätzliche Bezahlung gefordert, oder der Verkäufer dreht sich einfach mit saurem Gesicht weg und winkt ab. Auch das Zusehen beim Feilschen zählt nicht zu meinen liebsten Urlaubsbeschäftigungen, aber ich begleite L. trotzdem oft, damit sie am Markt nicht ganz alleine ist.

Mahmutlar

Der Urlaub war durchwachsen, die Situationen mit beznessmäßigen Bemühungen waren schräg und verwirrend, man weiß nie so recht, woran man ist; man benimmt sich wohl in den Augen der fremden Kultur auch selbst daneben und merkt es erst hinterher. Manchmal war’s auch sehr nett, einfach nur gesellig oder auch rasend witzig. Vieles prägt sich nur optisch ein – wie L. und der Barkeeper aus der Ferne “miteinander tanzen”, sie am Tisch sitzend, er hinter der Bar stehend, mit Handbewegungen vor dem Gesicht, es ist jedesmal zum Schreien komisch.

Einer der einprägsamsten Anblicke wird für mich aber der untersetzte Animateur aus Kasachstan bleiben, der mit ultracoolem Kopftuch, in Cargohosen und Playboy-T-Shirt zur Kinderdisco-Abendanimation antritt – und dabei mit ihnen Hands-up, Hokey-Pokey und schließlich den Vogeltanz tanzt.

Die Tage in der Sonne taten mir, meinen Knochen und meiner Stimmung gut, die Rückkehr in die graue, kalte Heimatluft allerdings weniger.

Mein Lieblingswitz aus diesem Urlaub: Zwei Zahnstocher gehen einen hohen Berg hinauf und sind davon schon fix und fertig. Da kommt ein Igel vorbei. Sagt der eine Zahnstocher zum anderen, “Siehst du, ich hab dir doch gesagt, es geht noch ein Autobus!”

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Türkei 1

Meine Fotogalerie funktioniert leider im Moment nicht so, wie sie soll, drum kann ich derzeit mit Türkei-Fotos leider nicht dienen, ebensowenig wie mit Teil 3 des Segelberichtes. Ein paar hübsche Türkeibilder sind aber in einem Facebook-Album gelandet, wer schauen möchte, ist herzlich eingeladen, mich zu “adden”, wie das so schaurigschön neudeutsch heißt.

Nja, dann erzähl ich euch halt so ein bissl was. Schräge Erlebnisse gabs ja genug, mal sehen, wieviel davon ich noch hervorzaubern kann.

Wir haben natürlich wieder einiges gelernt, weil wir ja stets lernwillig und -fähig sind. Ich war in einem Hotel in Mahmutlar in der Nähe von Alanya, mit meinem Vater, seiner Frau und einer Freundin der beiden, hier L. genannt, alle drei sind in den 60ern. Trotzdem war ich oft früher im Bett als sie, auch aufgrund der Verkühlung, die mich an den ersten Urlaubstagen geplagt hat.

Die Kleinstadt Mahmutlar gab es vor sechs Jahren in der heutigen Form noch gar nicht. Es wurden dort innerhalb kürzester Zeit unzählige Appartmenthäuser aus dem Boden gestampft, in der Hoffnung auf den großen Boom durch den geplanten Ausbau des Flughafens Gazipaşa in der Nähe von Alanya für internationale Flüge – der nun doch nicht realisiert wird – und auf Immobilienkäufer aus Russland und Europa. Sehr oft sieht man die Worte kiralık, satılık – zu vermieten, zu verkaufen. Viele Wohnhäuser stehen leer.

Panorama Mahmutlar bei Tag

Gebaut wird auf eine andere Art als hier; vierzig oder sechzig Balkone an einem Wohnhaus werden nacheinander verputzt, indem ein oder zwei Arbeiter auf einer einzelnen, wenige Meter breiten Plattform arbeiten, die von Balkon zu Balkon weitergezogen wird. Ganze Gebäude in Gerüsten sieht man nicht. Die Wohnhäuser sind vielleicht nicht gerade für die Ewigkeit gemacht, aber sie sind hübsch anzusehen, außen sehr liebevoll dekoriert, jedes ein bisschen anders. Gelegentlich findet sich zwischen den Häusern noch ein übriggebliebenes Bananenfeld oder eine Wiese mit einer einsamen Kuh.

Mahmutlar

Die Innengärten der Appartmentanlagen für Touristen sind wunderschön, gepflegt und mit üppigen tropischen Pflanzen bewachsen, die Straßen und Gehwege breit und großräumig gepflastert, die Mittelstreifen begrünt, alles sieht sauber und ästhetisch aus.

Mahmutlar

Den gelegentlichen Löchern, wo das Pflaster langsam im sich absenkenden Untergrund verschwindet, lernt man auszuweichen. Am Ende der Saison und nachts prägen streunende Hunde das Straßenbild.

Mahmutlar

Als erstes hab ich gelernt, dass man bei der Verifizierung der kolportierten Existenz einer Straßenunterführung vom Hotelgarten zum Strand diese nach tatsächlichem Auffinden nicht nachts und nach heftigen Regenfällen frohgemut betreten sollte, wenn man nicht bis zu den Knien in einer Kombination aus Regenwasser, Matsch und Müll stehen will, die man hierzulande auch “Slört” zu nennen pflegt. (Nur bei trockener Witterung und guter Sicht betreten!)

Mahmutlar

Weiters achte man in fremden Ländern darauf, dass es am Bankautomaten mitunter eine Kartenrückgabefunktion gibt. Will heißen, die Karte kommt
a) eventuell wie bei uns üblich vor der Geldausgabe wieder raus
b) eventuell erst nach der Geldausgabe wieder raus
c) eventuell aber auch gar nicht wieder raus, wenn man nicht den entsprechenden Knopf drückt.
Hirngerecht ist ausschließlich die Variante a). Du kommst ja wegen Geld zum Bankautomaten. Hast du dieses Geld erstmal in Händen, dann ist die Aufgabe geistig erfüllt, du bist schnell die Fliege und bemerkst unter Umständen erst Tage später den dir leerschwarz entgegengähnenden Kartensektor in deiner Geldbörse.
Der Vorgang am Bankautomaten sei also stets und bis ganz zum Schluss von lückenloser Geistesgegenwärtigkeit erfüllt – ansonsten man sich, mit viel Glück, am übernächsten Tag in der Bank belustigt angrinsen lässt und seine Karte nach Vorweis eines Passes zurückbekommt. Das Vertrauen in die Welt ist wiederhergestellt.

Gar nicht soo eine gute Grundlage, wie sich zeigt – in der Türkei ist nämlich alles “echt”. Die Mode von Versace und D&G, die Handtaschen von Prada und Gucci, “genuine fake watches” von Rolex, der Aldi-Markt… :))

Mahmutlar

– natürlich auch die spontan entbrennende, tiefe Liebe des einzigen Tourismusangestellten, der kein “Beznesser” ist – und Red Bull. Es ist eine österreichische Adresse auf der Dose abgedruckt, der Inhalt schmeckt jedoch so widerlich, dass ich für den restlichen Urlaub darauf verzichte. Wer mich kennt, weiß, welch immense Entbehrung das für mich bedeutet.

Auch “all inclusive” ist total echt, wenn man es gutmütig als “few included” interpretiert. Schlüssel für Zimmersafe für zwei Wochen: 20 Euronen. Die Liegen und Schirme am Strand: inkludiert. Die Auflagen für diese Liegen, damit man sich nicht unter stundenlanger Gravitationseinwirkung seine Hämmorhoiden in die Halsschlagader drückt: 1 Euromaus am Tag. Nur alkoholfreie Getränke an der Beach-Bar – gut, denkt man, dann erreicht wenigstens keiner das delirium tremens unter knallender Sonne am Strand. Alkoholische Getränke gibt es allerdings dort schon – gegen Bares, genau wie die Imbisse.
Getränke an der Poolbar: inkludiert. Aber nur “nationale Getränke”, wie im gesamten Hotel. Keine Cocktails oder ähnlicher Luxus. Wodka, Raki, Bier, Wein, Limonaden, Soda, Kaffee aus dem Automaten – und Konzentratsäfte aus ImKreisPumpSpendern, die zusammengerechnet in einer Saison ganze Lichtjahre zurücklegen dürften. Getränke an der Poolbar nach 23h: gerne, gegen Bezahlung. Natürlich muss man immer dagegenhalten, was man für den Urlaub bezahlt hat, und in unserem Fall war das echt nicht viel Geld, insoferne war es also im Grunde angemessen. Ich stoße mich nur an der Bezeichnung “all inclusive”.

Inkludiert hingegen ist die ausdauernde Beschallung mit nervtötender Rapmusik aus mäßig funktionsfähigen Boxen an der Poolbar (laut, aber schlechter Sound), die auch im Zimmer bis in die Nacht hinein gut hör- und spürbar bleibt, durchsetzt vom wummernden Blabla des Animateurs, der ins Mikrophon plärrt; Straßenlärm von vier Spuren; und inkludiert ist auch das nächtliche Dauergebell von Maya, der nur einige Monate alten Rottweiler-Dame, die, nebenbei bemerkt, als Folge ihres Kettendaseins als Hotelhund bereits deutliche Fehlentwicklungen in ihrer Muskulatur zeigt.

Es gibt natürlich auch viele positive Aspekte, Sonne, Sand und Meer natürlich…

Mahmutlar

Das Personal ist freundlich und hilfsbereit, alle Anfragen werden bestens erledigt, eine Decke und ein zusätzliches Kopfkissen bekomme ich im Laufe eines Tages – nur beziehen muss ich mir das Kissen selbst. Der Cremekuchen am Buffet ist eine Wucht, daran kommen wir nie vorbei. Manchmal gibt esauch undefinierbares Essen, aber es schmeckt eigentlich immer.

Wenn man in einem fremden Land ist und fremden Menschen begegnet, dann braucht man als Gedächtnisstütze irgendwelche Anhaltspunkte an Bekanntem, um fremden Gesichtern etwas Vertrautes zu schenken – und um über Menschen sprechen zu können, sodass jeder in der eigenen Gruppe weiß, von wem die Rede ist. Manche Namen von Hotelangestellten erfahren wir gar nicht, andere können wir uns nur schwer merken; trotz Lernwilligkeit hat man im Urlaub ja selten Papier und Stift dabei. Einer der Portiere sieht aber einem Bekannten aus dem Ort meines Vaters ähnlich, daher tauft L. ihn kurzerhand “NeudeggerBertl”. Einmal sitzen wir mit deutschen Gästen an einem Tisch, die den herannahenden Oberkellner als “Hoffmann” titulieren – denn: “Der sieht aus wie unser Nachbar!”.

Einer der Kellner im Restaurant, einer mit (laut L.) “faszinierendem Hintern”, hat bei Gottes Verteilung der Stimmbruchgefälle-Intensität offenbar sehr weit hinten gesessen, ihn nennt mein Vater intern “Nuchi”.
L. (64) flirtet oft augenzwinkernd mit Nuchi, und er ruft ihr sein “Ei lav juh” zu. Sprachlos und mit offenem Mund erlebe ich L. nur einmal: Als er ihr seinen Ausweis überreicht, in dem sein Geburtsdatum anzeigt, dass er erst 19 ist. Und es steht nicht Nuchi in seinem Ausweis, sondern Huseyin.

Andere Hotelmitarbeiter haben – ich sags nur ungern, aber man weiß ja, wie Urlaubsschmäh manchmal funktioniert – bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Tieren, manche nicht nur optisch, sodass der Barkeeper an der Beach-Bar zum “Kroot” wird (neumittelniederösterreichisch für “Kröte”). Er selbst stellt sich als Helmut vor, weil Süleyman sich offenbar erfahrungsgemäß auch niemand merken kann. (Dabei kennt man doch als TV-Addict zumindest Süleyman und Süleyhund. (Ich finde dazu aber kaum Web-Referenzen. War das bei Erkan und Stefan? Bei Kaya Yanar?))

Nicht nur fremde Menschen, auch fremdartige Dinge brauchen Namen, damit man weiß, wovon man spricht. Die in Honig getunkten kleinen Kuchen, die regelmäßig am Nachspeisenbuffet auftauchen, macht mein Vater daher zu “Trenzwuchteln” (Sorry, ihr Bundesdeutschen, Übersetzung schwer möglich).

Der oben erwähnte Hoffmann, der graumelierte Oberkellner, ist bei mir intern aber “das Puffmütterchen”, weil er dauernd kuppelt und stichelt, was das Zeug hält. L. wird schließlich von H., einem der Kellner, zu einem Motorradausflug eingeladen, und ich erfahre über die interne Hotelküche der Gerüchte sogar früher als sie, dass der eigentliche Grund für den Ausflug der ist, dass L. in der Kleinstadt, in der das Hotel steht, ein Appartment kaufen will. Offiziell dient das natürlich nur als Ausrede, um mit ihr Zeit verbringen zu können, dann kann man behaupten, man wolle ihr ja nur helfen – man dürfe doch mit Gästen nichts anfangen! Verboten! Dieser Behauptung zum Trotz wird sie dann aber tatsächlich zu einem Maklerbüro gebracht und erlebt dort und in einer zu besichtigenden Wohnung diverse grüne und blaue Wunder. Ihre Rachephantasien in Bezug auf eine Revanche an Herrn H. in der Variante “Altfranzösisch” (L. hat nur noch einen echten Zahn) führe ich hier aus Pietätsgründen nicht näher aus. Aber wir haben sehr gelacht.

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Und schon wieder wech

Ihr Lieben, so gerne wollte ich noch Teil 3 der Seglerei online stellen, bevor ich in meine zweiwöchige Sommerverlängerung starte! Aber ich habs nicht geschafft. Dazu wäre die Mitarbeit einer elektronischen Instanz namens Partition C nötig gewesen, die leider vorige Woche völlig unvermutet von mir gegangen ist.
Wie das denn passiert sei, was ich denn gemacht hätte, fragte mein Mann. Mit theatralischem Unterton erzählte ich die peinliche Wahrheit: ‘Ich habe eine DVD eingelegt!’. Er meinte, ‘Na, DANN! DAS darfst du natürlich nicht. Wie kommst du denn auf DIE Idee?’

Mittlerweile läuft das Betriebssystem wieder, ohne Neuaufsetzen, weil ich das hasse, und etwas später habe ich auch meinen Bildbetrachter wieder zum Leben erwecken können – aber es dauerte eben ein paar Tage, und die fehlen mir hier und jetzt. Aber der Teil 3 wird natürlich nachgeholt, wenn ich wieder da bin.

Ich wünsch euch eine schöne Zeit!

BisBald

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Diensthabender Aspekt: Narr

Den lieben langen Tag bin ich hier allein, spreche maximal mit meiner Hündin, deren passiver Wortschatz zwar erstaunlich groß ist, aber eben auch endenwollend, oder, seltener, mal mit der Nachbarin, auf deren Wortschatz ich hier nicht näher eingehe. Den Großteil der Wochentagszeit aber bin ich allein, ich frühstücke, arbeite, schreibe, fotografiere, surfe, mache ein Schläfchen oder hol mir im Garten schwarze Fingernägel – alles allein.

Abgesehen von den gelegentlich heranknospenden Tagen, an denen ich schon mit einem Mordsgrant aufstehe, der sich dann meist den ganzen Tag über nicht richtig legt oder bei Bedarf sogar noch ausbaufähig ist, bin ich in meinem Inneren stets ich, so scheint es mir – immer gleich, immer das gute alte Tosherl. Ja, ich sehne mich nach diesem oder fühle mich nach jenem, nicht alles ist stets in greifbarer Nähe, die Laune steigt und sinkt, und ich würde mein Inneres nicht unbedingt mit dem Wort gleichförmig beschreiben, aber da ist eine gewisse Zuverlässigkeit in meinem inneren Sein.

Allerdings ist die Facette der sozialen Interaktion aus diesem Sein anscheinend völlig ausgeklammert. Ich weiß aller inneren Zuverlässigkeit zum Trotze nie, wer ich heute bin. Erst in der Interaktion mit anderen zeigt sich meine soziale Tagesverfassung – beinah so, als wäre es gar nicht nötig, eine Tagesverfassung zu haben, solange man nur niemandem begegnet.

Im entspannten Miteinander, aus dem sowohl mein Arbeits- als auch mein Privatleben größtenteils besteht, ist es so: Bemerkungen und Antworten entschlüpfen mir mehr, als dass ich sie planen und vorformulieren würde, und erst aus ihnen erfahre ich, manchmal blitzartig, manchmal allmählich, wie ich an diesem Tag ticke. Dann höre ich, was ich sage, und denke mir was dazu, zetbeh “Puh, Antworten ist abe heuter eztrem xäh, die Laute in welche Feihenrolge schnell gehören mochnal?”, oder aber auch “Holla die Waldfee, heut bin ich ja witzig!”. Ja, fürwahr, ich denke mir “Holla die Waldfee!”, zuweilen. Klar mir. Wem sollte ich es auch sonst denken?

Zwischen diesen Extremen gibt es noch so manche Abstufung. Man möchte meinen, das wäre fast so schwierig wie sich selbst zu kitzeln, aber: ich überrasche mich selbst.

An manchen Tagen kommt wirklich je-des-mal, wenn ich den Mund aufmache, etwas Absurd-Treffendes pfeilschnell hervorgeschossen, ohne dass ich meinem Hirn irgendeine Vorarbeit angemerkt hätte. Die Menschen in meiner Umgebung kennen mich so natürlich auch, aber nicht ausschließlich so – und sie schütteln sich vor Lachen, und manchmal auch ihren Kopf.

Beim Schreiben gehts mir ähnlich. Manchmal weiß ich bereits aus der oben beschriebenen Interaktion, dass ich es am aktuellen Tag mit Worten nicht so habe. Da fallen mir schon beim Reden nur die Zweittreffendsten ein, und beim Schreiben wirds nicht gerade besser, was zur Folge hat, dass ich mit mir selber Wortschatzkramen spiele und über sinnlose Assoziationen, die immer weiter vom Thema abführen – abführen, hihi, Wortverstopfung – und mich darauf bringen, dass ich noch mit dem Hund gehen wollte, weil morgen die Müllabfuhr kommt, hä?, meist den Faden völlig verliere.
Dann aber wieder möchte ich nur ein kurzes E-Mail schreiben und kann nicht mehr aufhören, weil der Unsinn, der mir aus den Tippfingern fließt, so charmant und geschmeidig und melodisch daherkommt, dass ich ihn nicht unterbrechen will, um dem Zauber so lange wie möglich sein buntes Glitzern zu entlocken. Und gar nicht so selten erfahre ich auf diese Weise auch, was ich wirklich denke.

Dem aufmerksamen Leser entgeht natürlich nicht ein gewisser Widersinn, der sich daraus ergibt, dass man auch E-Mails meistens dann schreibt, wenn man alleine ist. Ich aber sage euch, Mailen ist soziale Interaktion. Witzigen Menschen kann ich auch witzige Mails schreiben, bei unwitzigen Menschen gelingt mir das nur höchst selten. (Ich fürchte mich schon jetzt vor der mutmaßlichen Perzeption jedes E-Mails, das ich von heute an verschicke. “Bin ich unwitzig, weil sie mir so ein unfassbar fades Mail schickt?” Ok, ist nur ein Leitsatz, das Ganze. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und Angeschriebene sind immer ausgenommen. =)

Es ist jedenfalls ein interessantes und erstaunliches Phänomen, wie zuverlässig ich über mich selbst immer nur die Hälfte weiß, solange ich alleine bin. Es kommt mir vor, als wäre in mir ein Segel aus glänzender Seide gespannt, das jeden Tag eine andere Farbe annimmt, ein Segel mit unterschiedlichen Bereichen der Reflexion, die immer andere Fragmente meiner Umgebung einfangen, tönen und zurückwerfen. Als übernähme täglich ein Aspekt von mir die Führung, den auch ich selbst erst dann wiedererkenne, wenn er den Mund aufmacht. Bis dahin weiß ich nicht, wer heute Dienst hat – ist es der Narr? Der aufbrausende Großkotz? Meister Scheißminix? Der Schöpfer oder der Erschöpfte? Oder ist es gar ein Debütant?

Wie stellt man also fest, wie man zu einem konkreten Zeitpunkt gelaunt ist? Man treffe jemanden und höre sich selbst zu, was man sagt, und wie man es sagt. Das Phänomen ist auch und gerade deshalb so spannend, weil man nicht die volle Kontrolle darüber hat.

Man höre also nicht nur in sich hinein, sondern manchmal auch aus sich heraus.

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Segeln 1

So. Puh! Ich würde mehr fotografieren, wäre da nicht hinterher das elende Sichten, Vergleichen und Löschen und… aber das Gejammer kennt ihr ja schon. Viel Fotosichtung hab ich noch nicht geschafft, ich musste nämlich meine Wegwerfstimmung nutzen. Die, in der man am liebsten alles Klumpert wegschmeißen würde, das man daheim so hortet. Die Stimmung hat man (=ich) nämlich nicht alle Tage. Daher musste ich heute verschiedenes entsorgen, Après-Lotion aus dem Jahr 2004, zahnluckerte Kämme, einen Radiowecker, dessen penetrant hellgrüne Leuchtziffern mich schon seit Jahren beim Schlafen stören, sodass ich sein Display immer mit der Schlafmaske zudecke, die davon schon ganz staubig ist… und sowas alles eben.

Hier kommen nun aber die ersten Fotos vom Segeltörn. Besonders wortgewaltig fühle ich mich zur Zeit nicht, aber ich versuch halt mal, mir zu den Bildern ein paar Worte abzutrotzen.

Wir starten am Sonntag früh von der Marina Punat auf Krk. Erstes Ziel: Goli Otok, eine von zwei ehemaligen Gefängnisinseln – diese war die Insel für politische Gefangene männlichen Geschlechts. Die Inseln Goli Otok und Sveti Grgur, die Gefängnisinsel für die Frauen, wurden 1988 aufgegeben, die Güter wurden geplündert, die Gebäude dem Verfall preisgegeben. Für mein Fotoauge ist das genau die richtige Szenerie, wenn auch das emotional-geistige Auge dort eher unschöne Szenen visualisiert.

Goli Otok

Von hier aus geht rechts nach oben eine schnurgerade Straße entlang, an der verfallene Fabriksgebäude liegen, Stromverteiler und Lagerhallen. Links hinter dem großen Gebäude am linken Bildrand findet man den Steinbruch. Das ehemalige Gefangenen- und Zwangsarbeitslager ist unglaublich weitläufig, wir schaffen in eineinhalb Stunden nichtmal die Hälfte des Areals.

Goli Otok

Was für eine Funktion auch immer dieses Gebäude hatte, es sieht sehr seltsam aus. Es steht am Rande des Steinbruchs. Hinweise willkommen!

Goli Otok

Allzu gut lebt sich’s dort auch heute nicht.

Goli Otok

Das Betriebsgelände von etwa halber Höhe aus, nach unten fotografiert…

Goli Otok

… und nach oben.

Goli Otok

Eine der Hallen von innen. Was genau sie für eine Halle war, lässt sich nicht mehr sagen.

Goli Otok

Es war schwer, mich für ein paar wenige Bilder zu entscheiden. Mehr Infos dazu und Bilder von Goli: Virtueller Rundgang auf der Insel, älter als meine Fotos und daher auch noch in etwas besserem Erhaltungszustand.
Goli-Forschung.
Goli-Dokumentation.
(Links: thx to EGM)

Ich sehe allerdings, dass der Steinbruch selbst auf goli-otok.com nicht vorkommt – zumindest hab ich ihn nicht gefunden. Oder hab ich’s überblättert? Ich kann noch Fotos nachliefern, wenn’s jemand sehen möchte.

Schade, dass wir uns nur so wenig Zeit genommen haben, es hätte noch viel mehr zu sehen gegeben. Aber die Erfahrung war deprimierend genug, also schippern wir in die nahegelegene Bucht ‘Sahara Beach’ und testen dort erstmals das Wasser. Es ist eiskalt, aber salzig, wie es sich gehört. Und wunderschön.

Sahara Beach

Die Nacht verbringen wir auf Rab in der Supetarska Draga beim Stiegenwirt. Wir zahlen keine Liegegebühren und verspeisen dafür ein feudales Mahl bei Ivan, dem Besitzer des Gasthauses am Hügel. Die Aussicht ist phantastisch!

Abend in Supetarska Draga / Rab

Danach betrinken wir uns sinnlos – manche mehr, manche weniger – und schockieren wiedermal das kroatische Volk, indem wir Kruškovac mit Milch bestellen. Dabei schmeckt das sooo gut! Erst testen, dann motzen!

El Hase inspiziert Kruškovac mit Milch

Es zeigte sich schon zu Beginn des Törns, dass unser Tiefenmesser recht phantasievolle Zahlen anzeigt, wir motoren also Richtung Šilo auf Krk, wo ein Techniker sich die Sache ansehen will. Auf dem Weg dorthin ankern wir in einer Bucht, deren Name ich vergessen habe; dort wird die Crew lukullischer Zeuge meiner sensationellen Kochkünste wird – es gibt Spaghetti und kreatives Salatdressing ohne Essig.

El Hase versucht sich auf der Fahrt als Galleonsfigur und als Steuermann.

El Hase ist vorn dabei El Hase ist aber auch 1 guter Steuermann

Der Techniker kommt tatsächlich, kann aber keine Fehler in den Leitungen finden, der Defekt dürfte also das Gerät selbst betreffen. Zur Behebung muss das Boot aus dem Wasser – aber erst nach unserem Törn. Seichte Buchten sind daher für uns in weiterer Folge leider tabu.

Wir essen in Šilo zu Abend und freuen uns, dass wir noch schnell die Luken dichtgemacht und Regenjacken vom Boot geholt haben, denn der stundenlange Wolkenbruch, der unser Abendessen und die Stunden danach begleitet, ist sintflutartig. Die Befestigung der Sprayhood bei der Rückkehr zum Boot gerät aber zum kalten Vollbad.
Der nächste Morgen allerdings ist ein gar prächtiger. Alle Regenwolken sind über Nacht verschwunden, und der Ausblick ist bereits vom Niedergang aus atemberaubend.

Morgengrauen in Šilo

Auch der kleine Strand nördlich der Mole liegt da, als würde er auf Postkartenfotografen warten.

Morgengrauen in Šilo

Der Felsen erinnert mich an ein bis zum Hals im Treibsand der Schotterbucht versunkenes Schaf.

Und dann endlich geht die Sonne auf. Sie scheint die Wolken vor sich herzutreiben.

Sonnenaufgang in Šilo

Nach dem Knipsen gehe ich Brot und Eier fürs Frühstück kaufen, im Supermarkt treffe ich Crewmitglied und senil bettflüchtigen Navigator K., und wir karren gemeinsam Essbares für 180 Kuna zur Kasse, immerhin 25 Euronen. Wir befragen einander gegenseitig, ob der andere Bordkassageld dabei hat. Nein, nur privates Geld, naja, macht nichts, das rechnen wir dann später ab. Er glaubt, ich bezahle, ich glaube, er bezahlt, und die Kassierin glaubt ihren Augen nicht, als wir mit verpacktem Einkauf durch die Tür marschieren wollen – ohne dass einer bezahlt hätte. Ihr herzliches Lachen begleitet uns nach dem Begleichen der Rechnung noch zur Tür hinaus.


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Trübe Aussichten

Mit Restverkühlung an tristen Regentagen langweilige Arbeit erledigen. *gähn-gähn* Ich plädiere für sofortige Einstellung des Regens, schon weil meine Blumen draußen bereits mehr als ausreichend unter Wasser stehen. Und weil ich in den letzten Tagen von drei Hundespaziergängen, gestartet während kurzer Regenfrei-Phasen, dreimal völlig gebadet zurückgekommen bin – vom Hund ganz zu schweigen. Man könnte es in gewisser Weise also durchaus als stabile Wetterphase bezeichnen.
Aber wenigstens haben wir keinen überschwemmten Keller.

Is bei euch irgendwas Erzählenswertes los?