A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler

Dieser Artikel ist Teil 6 von 11 in der Serie "Schweinehunde" ...
Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler

‘Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis.’

Das behauptet er – ohne allerdings je tatsächlich die Erkenntnis anzustreben. Da kannst du noch so lange im Wartezimmer sitzen. Aber er kann dir zu Erkenntnis verhelfen – wenn du die Dinge selbst in die Hand nimmst.

Der Zweifler-Schweinehund ist eng mit dem Verächter, C.i. despiciens, verwandt, agiert jedoch wesentlich subtiler. Er stiehlt dir das Vertrauen – in die Welt, in dich selbst, in andere. Nicht, dass er damit etwas anfangen könnte. Er will dir nur weismachen, dass du keinen Zugang zu deinem Vertrauen hast.

Wenn du erfolgreich und vielleicht sogar spontan aus dem Bauch eine Entscheidung getroffen hast, und sei sie noch so belanglos (“Ich nehme Schnitzel mit Salat!”), erwacht der Zweifler und hebt aufmerksam den Kopf. “Oh, ein Beschluss? Moooment! Nicht mit mir!” Dann setzt er sich ein Hütchen auf seine Schweinsohren und gibt sich als deine Intuition aus; dabei klingt er zwar ein wenig, als würde er in einen Blechkanister husten, aber er selbst hält sich für einen spektakulären Intuitionsimitator.

Doch er findet nicht nur die aktuelle Entscheidung schlecht, er hält Entscheidungen generell für überbewertet. Darum setzt er eines der perfidesten Mittel auf dich an, die Schweinehunde draufhaben: den Zweifel. Er verstreut ihn wie Konfetti, lässt ihn in jeden Winkel kriechen, wenn du es zulässt, und unterwandert und infiziert damit dein ganzes Denken und Empfinden.

Das gute, glatte, sichere Gefühl, das du eben noch hattest, verzieht sich, und zurück bleibt ein Häufchen unentschlossenes Elend. Er löst in dir das aus, was im österreichischen Sprachgebrauch auch als “Hirnwichsen” bekannt ist: Hin-, Her- und Im-Kreis-Gedenke quer durch ausgemalte Situationen. Was ist, wenn sich die Entscheidung später als falsch erweist? (Um Himmels Willen, dann müsstest du dich mit einer panierten Schuhsohle und lappigem Salat auseinandersetzen, und mit deinem Impuls, deinem Gegenüber dessen Teller zu entreißen! Der Salat auf der anderen Seite ist aber auch immer grüner!)

Auf deinen Glauben hat er es ebenfalls abgesehen. Und wenn du dich gerade noch so wohl damit gefühlt hast, er dir Kraft und Zuversicht gegeben hat – im nächsten Moment schüttelt Dubitans den Kopf, stellt all das mit einer kleinen Zweifelskonfetti-Einstreuung infrage und dich systematisch als naiven Idioten hin.

Denn: Was ist, wenn das, was ich glaube, doch nicht der Wahrheit entspricht? Wenn alles bloß ein Luftschloss war, das dann in sich zusammenstürzt und mich mitreißt? Was ist, wenn ich mich mit meiner Bauchentscheidung oder meiner Überzeugung zum Affen mache, wenn ich mein Ansehen verliere, meine Freunde, mein Geld, mein Leben?
Was ist, wenn? Was ist, wenn?

Mit Komplimenten braucht deine Umwelt dir auch nicht zu kommen, wenn du den Zweifler im Gepäck hast. Wehe, wenn er eines mitkriegt! Dann hatte der Charmeur doch bestimmt ein durchtriebenes Motiv dafür, dir so freundlich zu kommen! Es gilt nur rauszufinden, welches! Was will dieser Mensch wirklich von dir? Das Kompliment konnte ja wohl nie und nimmer ernst gemeint sein und von Herzen kommen.

Dubitans bezweifelt, dass dein Schnuckelputz dir tatsächlich treu ist. Er hält es für reichlich unwahrscheinlich, dass deine Geldanlage eine richtig gute Idee war. Er versieht jeden noch so gelungenen Abend im Nachhinein mit einem schalen Nachgeschmack. Er färbt dir die Brille schwarz mit seinem Pessimismus und prädestiniert dich damit für finstere Erlebnisse, die er hernach als Beweis für seine vermeintliche Allwissenheit ausgibt und dir damit vor der Nase rumwedelt (“Hab ich dir doch gleich gesagt!”).
Er ist der Teufel im Schweinehundepelz.

In einer argumentativen Auseinandersetzung mit dem Zweifler kannst du schon deshalb nicht gewinnen, weil er nur so tut, als würde er deine Entscheidung zugunsten einer anderen bekämpfen. Tatsächlich lässt er gar keine Entscheidung zu. Denn auch an der nächsten, die du dir noch schwerer abgerungen hast, und die auch nicht mehr ganz so authentisch ist, hat er garantiert etwas auszusetzen. Was ist, wenn? Damit hält er seine Macht über dich aufrecht. Er will, dass du dich mit dieser Frage identifizierst, dass du all diese Zweifel, die er sich extra für dich ausgedacht hat, für deine eigenen hältst.

Wenn du sein Hadern, Zweifeln und Zögern bemerkst und betrachtest und schließlich erkennst, dass sie von ihm stammen und nicht aus deinem innersten Kern kommen, verkümmert der entlarvte Zweifler wie eine ungegossene Pflanze – du entziehst ihm seine Nahrungsquelle. Du benutzt ihn als Startrampe in ein bewussteres Leben.

Wichtig ist daher gar nicht so sehr, welche Entscheidung du triffst, weil letztlich jede getroffene Entscheidung dich und dein Sein in Bewegung hält. Wichtig ist vielmehr, dass du überhaupt eine triffst. Und nie wieder anderen die Entscheidungen über dein Leben überlässt – schon gar nicht ihm, dem Zweifler.


Im nächsten Teil: C.i. prohibens: Der Verbieter

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Schweinehunde".<< Zum vorigen Teil: "A-3. C.i. exagitans / hystericus: Die Hysteriker-Fraktion"Zum nächsten Teil: "A-5. C.i. prohibens: Der Verbieter" >>

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