A-6b C.i. obliviscens: Fallbeispiele

Dieser Artikel ist Teil 9 von 11 in der Serie "Schweinehunde" ...
Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!
Weitere Ausprägungen und Fallbeispiele

Schlüssel, Sonnenbrillen, Geldbörse – nicht nur neigt so mancher Schweinehundewirt dazu, sie irgendwo liegenzulassen, auch ist der nicht gelingenwollende Abruf des entsprechenden Aufenthaltsortes ein häufiger Anlass zum Verfluchen des Vergessers. C.i. obliviscens lässt dich mitten in einer Handlung einen tranceähnlichen Zustand erreichen, sodass du später nicht den geringsten Tau hast, wo du das eine oder andere abgelegt haben könntest. Zeitdruck ist in einer solchen Situation nicht unbedingt eine Hilfe. Da kommt der Wunsch nach einem leibeigenen Hypnotiseur auf, der in deinem Unterbewusstsein nach den Informationen gräbt, die dir bewusst nicht mehr zugänglich sind. Ich habe schon Schlüssel im Eierfach der Kühlschranktür wiedergefunden. Natürlich nicht beim Suchen, sondern beim anschließenden Frustfressen. Auch ließ ich früher, als ich mit meinem Mann noch in Wien wohnte, wiederholt meinen Schlüsselbund am Briefkasten im Erdgeschoß stecken, was mir erst auffiel, als ich ihn an der Wohnungstür nicht finden konnte. Dritter Stock, Altbau.

Hat in einem Zuhause ein beliebiger Gegenstand einmal einen angestammten Platz, so wirst du ihn immer dort suchen. Je länger er dort verbleibt, desto fixer ist dieser Aufenthaltsort, zumindest im Geiste. Sabotiert wird solcherlei Ansinnen einerseits von weiteren im Haushalt lebenden Menschen, die zwar stets wissen, wo sie diesen Gegenstand finden können, ihn aber nie dorthin zurücklegen. Oder du selbst öffnest dem Vergesser Tür und Tor, etwa indem du in einer großen Umräumaktion vielen Dingen gleichzeitig einen neuen Platz zuweist. Meine Mutter hat eine große Tabelle angelegt: “Gegenstand, alter Platz, neuer Platz”. Denn wenn ein Fotoalbum zwanzig Jahre lang an einem bestimmten Platz war, wo suchst du es dann? So eigenhändig kannst du das Album gar nicht umgeräumt haben, dass du es auf Anhieb wiederfändest. Im Extremfall machst du dich auf, um es in einem bestimmten Schrank zu suchen, der, wie du bei der Ankunft am entsprechenden Platz feststellen wirst, an dieser Stelle schon seit Jahren nicht mehr steht.

Auch vollkommen sinnfreie Handlungen gehen auf das Konto des Vergessers. Warum nicht in der alltäglichen Routine den einen oder anderen Punkt überspringen und das ganze als Effizienz tarnen? So kann man nach dem Befüllen des Wasserkochers den Teebeutel an der vorbereiteten Teekanne vorbeischmuggeln und ihn mitsamt seiner bereits aufgerissenen Umverpackung seiner finalen Bestimmung im Müll zuführen. Nicht nur erspart man sich die Ziehzeit und das Teetrinken selbst, auch das anschließende Spülen von Teekanne und Tasse entfällt. Der Vergesser schickt dir auch gerne einen mitteilsamen Gesprächspartner, der dir beredt, aber trotzdem kommentarlos dabei zusieht, wie du dreißig Schnitzel panierst, ohne dazu auch nur ein Tröpflein Ei zu verwenden.

Wie schon kurz angedeutet, sorgt der Vergesser in großen Häusern, womöglich mit mehreren Stockwerken oder Räumen auf verschiedenen Ebenen, gerne für die Fitness seines Wirtes, was bei anderen Schweinehunden relativ selten ist. Willst du beim nächsten Hinaufgehen etwa das soeben gekaufte Brot mitnehmen, dann musst du es schon mitten im Weg platzieren, beispielsweise auf der Treppe. Ein schnödes Sammeln von Mitraufnehmzeug an einem Platz in der Nähe der Treppe hat in der Geschichte der Menschheit nur selten dazu geführt, dass etwas tatsächlich mit nach oben genommen worden wäre.
Aber auch hier ist kein endgültiges Vergessen drin; man will ja frühstücken, und nichtvorhandenes Brot lässt sich oben, auf der Maschine in der Küche, relativ schlecht schneiden. Die Scheiben werden dann so dünn. Um das Benötigte zu holen, an dem du soeben mit leeren Armen, sprich: mit 100% Mitnehm-Kapazität, vorbeigegangen bist, musst du also nochmal runterstapfen, und bist dabei so mit Kopfschütteln beschäftigt, dass du natürlich auch vergisst, dir wenigstens gleich das gesammelte Mitrunternehmzeug aufzuladen.

Mit-nach-oben-Nehmen ist wirklich ein schwieriges Kapitel. Ich vermute, dass auch viel mehr Menschen nach ihrem Ableben in den Himmel kommen hätten sollen.

Brot ist übrigens eine Leibspeise des Vergessers. Er verhindert, dass es abends austrocknungsresistent verpackt wird, und sorgt so am nächsten Morgen für lange Gesichter angesichts der erhärteten Tatsachen.

Wie oft verfolgen wir uns selbst und unsere Wege zurück durch die Zeit, um herauszufinden, was uns gerade dazu angetrieben haben mag, den Raum zu verlassen, um kurz darauf in einem anderen völlig ahnungslos zum Stehen zu kommen? Wie viel Zeit verschwenden wir mit Hand-auf-die-Stirn und Zurück-zum-Start?

Ich weiß von einer Freundin, die nur zuhause und nur in einem gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und jeglicher Notierungsmöglichkeit in der Lage ist, die Erinnerung an versäumte Pflichten im Büro erfolgreich abzurufen. Sie nennt diese Ausprägung des Vergessers “fieser Saboteur”, und hier ist der von dir gewünschte Namenszusatz: ludificans maleficus. Ein Dämmerzustand ist im Büro ja nicht selten und dient vermutlich der psychischen Gesundheit (nicht umsonst heißt es “Augen zu und durch”), und der Schlaf zwischen 9 und 17 Uhr soll ja der gesündeste sein. Ich schicke mir selbst regelmäßig Mails von zuhause an meine Büroadresse und leite diese ein mit “Hier spricht dein Gewissen!”.
Ich weiß von einer anderen Freundin, die mit wohlüberlegt gepacktem Köfferchen zum Flughafen fuhr, ohne das daheim gut sichtbar auf dem Tisch liegende Päckchen mit Ticket und Reisepass mitzunehmen, und dann in einer hektischen Aktion nochmal den ganzen Weg zurückfahren musste. Und wieder hin, versteht sich.

Das Mitnehmen von Dingen zu einem Zielort außerhalb des Hauses – vulgo “Mitbringen” – ist aber auch gar nicht so einfach. Schaffst du es doch mithilfe trickreicher Selbstüberlistungen, etwas ins Auto mitzunehmen oder in die Handtasche zu packen, ist mit diesem Teilsieg gegen den Vergesser die Mitbring-Handlung für dein Gehirn auch schon abgeschlossen. Du vergisst später garantiert, es dort abzugeben, wo es sein Ziel hätte haben sollen. Und ich weiß, wovon ich schreibe. Nicht umsonst nannte mein Mann letztens meine privaten Aktivitäten “Zustellung von Kleinscheiß aller Art”.

Apropos Teilsieg: Dem Vergesser reicht es völlig, wenn du irgendwas in der Hand hast. Es muss nicht zwingend das richtige Utensil sein. Mit einem Hut, einer Sonnenbrille oder einem Feuerzeug kann man zwar keine Autotür wieder aufschließen, sie reichen jedoch völlig aus, dir das Gefühl zu geben, deine Hände seien voll und daher wäre alles in Ordnung, und mit diesem Gefühl die bereits abgesperrte Auto- oder Kofferraumtür guten Gewissens zuzumachen. Zum Glück sind neuere Autos heutzutage anders gebaut und verhindern solcherlei Schmach, die mir anno 1992 noch nicht erspart blieb, als ich mir von ein paar Rockern am Musikfest in Waidhofen an der Thaya das Kofferraumschloss knacken lassen musste, in dem mein Schlüsselbund lag. Kostenpunkt: Drei große Biere.

Ich kann auch fotografieren gehen, ohne die Kamera mitzunehmen, oder zu diversen einzigartigen Anlässen ohne das in langen Stunden vorbereitete und wunderschön verpackte Geschenk auftauchen – mit dem richtigen Schweinehund ist das alles kein Problem. Am schwersten ist der Befall durch Obliviscens für Perfektionisten oder vom Verbieter befallene Leute zu ertragen, denn diese Menschen leiden doppelt unter jeder versäumten Gelegenheit zur persönlichen Effizienz.

Eine der besonders unbrauchbaren Künste des Vergessers sind auch seine Reminder vor dem Einschlafen. Als könnte man zu diesem Zeitpunkt auch nur das Geringste erledigen! Meines Wissens sind Arztpraxen oder Kfz-Werkstätten zu dieser Zeit weder besetzt, noch freut sich die Urstrumpftante über einen nachmitternächtlichen Geburtstagsanruf. Darum sind Block und Kugelschreiber auch am Nachttisch unentbehrliche Utensilien, um nach dem Notieren dieser lebenswichtigen präsomnalen Eingebungen doch noch ein wenig Schlaf zu finden. Wer erst aufstehen muss, um an Schreibgerät zu kommen, kann schon froh sein, wenn er noch weiß, was er holen wollte, wenn er mit schmerzhaft verkleinerten Pupillen verloren in der hellerleuchteten Küche steht.

Fazit

Das Leben mit C.i. Obliviscens erfordert höchste Konzentration. Einen eingelullten Traummännlein-Zustand kann man sich als parasitbefallener Mensch nicht leisten. Die innere Stimme bemüht sich jedoch stets, den Vergesser zu überschreien. Beim Hantieren mit Brieftaschen, Schlüsseln und Sonnenbrillen brüllt sie ihren Weckruf stets aus vollem Hals. Lausche ihrem Ruf – und platziere deine Notizblöcke günstig, dann wird alles gut. Denn das Notieren führt dich im Kampf gegen den Vergesser in eine neue Dimension: Anstatt deine Zeit mit der Suche nach Gegenständen zu verplempern, suchst du in Zukunft nach Zetteln.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Schweinehunde".<< Zum vorigen Teil: "A-6. C.i. obliviscens: Der Vergesser"Zum nächsten Teil: "A-7. C.i. asocialis: Der Eremit" >>

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