A-5. C.i. prohibens: Der Verbieter

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-5. C.i. prohibens: Der Verbieter

‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.’

Was dieser Schweinehund tut, ist leicht erklärt: Er kann dir die Freude am Leben gründlich versauen. Sein Werkzeug ist etwas, das er selbst in dieser Form gar nicht besitzt, das er jedoch in dir vorgefunden hat: Dein Pflichtbewusstsein. Er hat die konservative Prioritätensetzung aus deiner Erziehung übernommen und betet sie dir gnadenlos vor.

Du würdest gerne kreativ sein und das tun, was dir Spaß macht? Ha! Zu früh gefreut! Das sei zwar ein hehrer Entschluss, so lässt der Verbieter dich glauben. Beflüstert von diesem perfiden Schweinehund wären jedoch zuvor noch die Reifen zu wechseln, die Wohnung von oben bis unten zu swiffern, und war da nicht noch ein Berg gewaschener Socken, mit dem du Memory spielen solltest?

Für die Beschäftigung mit seelischen Angelegenheiten bleibt dir zu selten oder gar nie Zeit? Keine fünf Minuten dürfen vergehen, in denen du nicht effizient sein und etwas Sinnvolles tun musst – und dabei möglichst mehrere Dinge gleichzeitig, um etwas wert zu sein? Dann bist du mit Sicherheit vom Verbieter befallen.

Seine große Zauberformel lautet “Ich sollte”. Auch sämtliche “Wenn ich schon, dann kann ich auch gleich” gehen auf sein Konto. Er heizt dir ein, wenn du an einem Badewetter-Sonntag bei 35 Grad nach dem schweißtreibenden Zuschneiden und Befestigen der neuen Regalbretter im Wohnzimmer auch gleich sämtliche Kristallschalen auf dem Regal vom Staub befreien musst, außerdem hinter dem Regal staubsaugen, und wenn der Staubsauger schon mal da ist, auch gleich hinterm Sofa, und dort wie unter einem inneren Zwang auch endlich die Stelle mit der abgeblätterten Wandfarbe ausbessern. Er ist zugleich die treibende Kraft, wenn du keines dieser Vorhaben tatsächlich fertigstellst, weil dir auf deinem Weg durch die Wohnung noch dreiundzwölfzig weitere Tätigkeiten begegnet sind, in denen du dich erfolgreich verzetteln konntest, und das tunlichst, bevor du geduscht, dich anständig angezogen oder gar etwas gegessen hast.

Wenn du dann mit alledem (nicht) fertig bist, bist du ebendas: Fertig. Hungrig. Und mit einem verschwitzten und mit Farbspritzern dekorierten Nachthemd bekleidet. Jedenfalls gewiss nicht in der Lage, noch irgendwas Kreatives, Spaßbringendes anzufangen, wo du doch nichtmal mehr die Energie zum Wegräumen der benutzten Werkzeuge hast.

Zufrieden ist der Verbieter freilich niemals – er wollte ja auch gar keine Handlung anregen. Daher ist von ihm selbstverständlich auch keinerlei Lob oder Anerkennung zu erwarten. Hast du dich mit diesem befasst, bemängelt er, dass dafür jenes nicht erledigt wurde – und umgekehrt. Und hast du tatsächlich in einer unvorstellbaren Aufbietung von gehorsamer Energie alles von ihm Geforderte geschafft, kann er – ha, Trumpf! – immer noch behaupten, du hättest das schöne Wetter nicht genutzt. Punkt für Prohibens.

Antagonismus

Hier kommt erstmals ein antagonistischer Schweinehund ins Spiel: C.i. rebellans. Er gehört zur Klasse der C.i. compellans, der antreibenden Schweinehunde, die wir erst später ausführlich erläutern werden, ist aber hier eine Erwähnung wert. Denn er, der Rebell, ist es, der mit bockigem Gesichtsausdruck allem widerspricht und widersteht, wenn er einen guten Tag hat, sogar den Diktaten anderer Schweinehunde.

Du ‘wolltest’ eigentlich deiner Urstrumpftante Irmi zum Geburtstag gratulieren. Genaugenommen willst du mit Urstrumpftante Irmi freilich nicht telefonieren, denn sie ist schwerhörig, schreit deshalb furchtbar und hält dich am Telefon außerdem immer für ihren im Krieg gefallenen Pudel Sancho. Der Verbieter meint, du müsstest das erledigen, bevor du irgendwas anderes, Schöneres, anfängst, aber der Rebell ist dagegen, nicht aus bestimmten Gründen, sondern weil er das prinzipiell ist – also wartest du lieber noch ein Weilchen. So findest du dich am Tisch wieder, mürrisch eine Zeitschrift durchblätternd, die dich schon vor Wochen nicht interessiert hat. Bis schließlich die Zeit für dich entscheidet, denn wer ruft schon seine Urstrumpftante um ein Uhr früh an?
Und du glaubst, so dem Geheiß des Verbieters eins auszuwischen? Mit dieser Verschwendung von Lebenszeit und -kraft?

Solange du nicht auf der Energiewelle des Rebellen reitest und tust, was dir wirklich Freude macht, hat dennoch der Verbieter sein Ziel erreicht: Er hat dich von den schönen Dingen, von wertvollem und seelisch nahrhaftem Schaffen, abgehalten – und der Rebell dich von allem anderen.

Einordnung und persönliche Begegnungen

C.i. prohibens ist zwar ein Schweinehund aus der Gruppe der Vermeider und Unterlasser, er bringt dich aber natürlich durchaus dazu, etwas zu tun: Dinge, die du gar nicht tun wolltest. Welche, die einen gewissen Aufschub schönerer Beschäftigungen versprechen und/oder solche, die das Pflichtbewusstsein gebietet. Seine Maxime ist “Das macht man so, das gehört sich einfach, nur wenn du das erledigt hast, bist du ein guter und wertvoller Mensch. Andernfalls verfolge dich das schlechte Gewissen auf ewig, Elender!” Dabei kümmert es doch wirklich kein Schwein, wie es hinter deinem Sofa aussieht.
Weil sein Hauptziel aber ist, dich von wirklich wertvollem und erfüllendem Tun abzuhalten, ist er in der Gruppe der unterlassenden Schweinehunde (inhibens) und nicht in jener der antreibenden (compellans) zu finden.

Auch die verspätete Veröffentlichung dieses Werkes ist auf mein zeitweiliges Unvermögen zurückzuführen, dem Verbieter die Zunge rauszustrecken. Wiewohl diese Verspätung einem Leser, der das Werk zu einem späteren Zeitpunkt im Ganzen vorliegen hat, verborgen geblieben sein mag, stellt sie eine unleugbare Tatsache dar. Vor der ersten Veröffentlichung der Einleitung in meinem Weblog lag der Entwurf erstmal monatelang in einem generell recht angestaubten Archiv brach, während die Autorin in dieser Zeit wechselweise über völlig leere Schmutzwäschekörbe verfügte, über blitzsaubere Böden unterm Sofa, über aus den Fängen von ungezählten Spinnen zurückeroberte Raumecken und eine vorübergehend sogar tatsächlich funktionierende Innenbeleuchtung im Spülen-Unterschrank, Heimat der Reinigungsmittel. Soviel zur verbieterbeeinflussten Prioritätensetzung.

Sogar nach dem erneuten Hervorkramen des Textes musste ich seine Weiterbearbeitung häufig unterbrechen, um, was besonders dringend nötig war, die Minidisk-Sammlung einer thematischen und alphabetischen Neusortierung und Entstaubung zu unterziehen, oder unter unermüdlichem Einsatz der Pinzette meine Handflächen trotz rheumatischen Ausschlags schüppchenfrei zu kriegen. Letzteres kann man sogar gut direkt vor dem Notebook machen, wenn man eigentlich schon mit dem Schreiben beginnen wollte.

Du siehst also: ich weiß, wovon ich schreibe. Wie ich bereits sagte, die Kräfte der Schweinernis versuchten mit allen Mitteln, die Erscheinung zu verhindern – und sie versuchen es noch. Auch du kommst in die Gänge, wenn du erfährst, dass es dir an den Kragen gehen soll. Aber meine Artikel erscheinen. Und mit jedem einzelnen wird der Verbieter kraftloser und schrumpeliger.

Was tun?

Was die Bekämpfung dieses Schweinehundetypus anbelangt, so erinnere ich hier an die Bemerkung in der Einleitung, dass oft schon das bewusste Erkennen der Anwesenheit und des Diktates eines Schweinehundes eine deutliche Veränderung hervorruft, denn der Schweinehund schätzt es gar nicht, bei seinem Tun beobachtet zu werden. Sieht er eine Instanz offenen Auges neben sich stehen, dann zieht er oft den Schwanz ein und macht sich unsichtbar. Daher ist es allerdings oft auch nicht ganz einfach, ihn dingfest zu machen – richtet man den Blick direkt auf ihn, ist er plötzlich nicht mehr da.

Aber hier ist Schritt 1: Vertrau deinen Wahrnehmungen. Vertrau deiner Beobachtungsgabe. Such nach den anderen Stimmen in deinem Inneren, jenen, die verkünden, dass du ein guter und wertvoller Mensch bist, und dass du dein Bestes gibst – und misstraue jeder Stimme, die Abweichendes behauptet. Und vertrau darauf, dass für jede Tätigkeit die richtige Stunde kommt, in der du die Sollte-Dinge widerstandsfrei und voller Tatendrang erledigen kannst – und in der halben Zeit.

Schritt 2 ist, die Verantwortung und die Herrschaft im eigenen Haus wieder zu übernehmen. Dafür ist eine bewusste Entscheidung vonnöten, die mit einer klaren Aussage bekräftigt werden kann: “Ich bin hier der Chef, und hiermit verfüge ich: Jetzt wird geschrieben.” Diese Erklärung wird in deinem Inneren gehört.
Weitere Einwürfe des Schweinehundes werden schon dadurch entkräftet, dass du nun weißt, woher sie kommen – und trotzdem das tust, was du wirklich möchtest. Mehr und mehr wirst du im eigenen Haus die Antwort auf die eine Frage kennen: Wer spricht?

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Schweinehunde".<< Zum vorigen Teil: "A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler"Zum nächsten Teil: "A-6. C.i. obliviscens: Der Vergesser" >>

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