Kinderglaube

Für ‚misheard lyrics‘, also falsch verstandene Songtexte, gibts ganze Websites, und dass man in Weihnachtskrippen oft einen freundlich lächelnden Unbekannten vorfindet, der sich auf Nachfrage als der Owi entpuppt, gehört auch schon bald zum Allgemeinwissen. Schließlich heißt es ja in ‚Stille Nacht‘: Alles schläft, Owi lacht.

Merkwürdig, dass man als Kind für manche sprachlichen Konstrukte so gar kein Gefühl hat. Gewisse Hirnwindungen sind in dem Alter vielleicht einfach noch nicht angelegt? Ich weiß noch, das ich das ‚Gingallein‘ in ‚Hänschen klein‘ für eine Art Trallala hielt, für ein Füllwort ohne Bedeutung, und brachte ihm, dem Gingallein, daher eine gewisse Floccinaucinihilipilification entgegen. Dass der ganze Satz dadurch zerstückelt war, das Konstrukt ‚in die weite Welt hinein‘ ähnlich allein dastand wie Hänschen, fiel mir zwar auf, ließ mich aber meinen Irrtum nicht erkennen.

Dass Bäume angeblich ausschlagen, findet man als Kind auch durchaus verstörend, überhaupt, wenn man gelegentlich mit Pferden zu tun hat.

Man wird als Kind aber auch wirklich überfordert mit gar eigenthymlichen Liedertexten. Was bitte soll man beispielsweise mit einem solchen Satz anfangen: ‚Nimm du brauchst nicht Gänsebraten mit der Maus vorli-hi-hieb.‘ Wie meinen? Würde man Ähnliches nur wenige Jahre später in einen Schulaufsatz krakeln, ‚Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt‘, Satzstellung!, es schlügen Lehrer und Eltern die Hände über den Köpfen zusammen: Was haben wir nur falsch gemacht?

Irgendwann im letzten Jahr hatte ich eine zwar völlig folgenfreie, aber große Erkenntnis in Bezug auf den Text des schon als Volksweise zu bezeichnenden ‚Schnucki, ach Schnucki‘, was ich damals in meinem Text für mindestenshaltbar festhielt:

Unlängst, nach einem Tagesohrwurm von ‚Schnucki, ach Schnucki‘, einem alten Wiener Kabarettlied, traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Dass nämlich ein ‚wüder Tippisch‘ nicht etwa eine Sonderbezeichnung für einen wilden, etwas übergewichtigen Indianer von kleinem Wuchse ist, der einer Squaw nachschleicht, wovon ich bis zu jenem Ohrwurmtage überzeugt war, seit meiner Kindheit, die – wie in diesem Land vielerorts üblich – bis zum zehnten Lebensjahr relativ dialektbefreit abgelaufen war. Nein, es handelt sich vielmehr um das Wort ‚typisch‘ in seiner Dialektform, wodurch auch plötzlich das Adverb nicht mehr fehlte in dem Satz ‚Das ist, sprach sie drauf schnippisch, für so an Wüden tippisch.‘ Toll!

Bis vor einer Minute dachte ich auch noch, das Männlein, das im Walde steht, wäre ein Fliegenpilz. Jetzt muss ich erfahren, dass es sich um eine Hagebutte handelt. Ich bin schockiert und ernüchtert. Als Rechtfertigung für meinen Irrtum kann ich nur vorbringen, dass die zweite Strophe bei uns nicht vorkam. Außerdem steht eine Hagebutte nicht allein im Walde auf einem Bein, aber bitte.

Auch bemüht sich das hochdeutschgewohnte Kinderhirn stets, Dialektworte richtig in die Schriftsprache umzuwandeln. Mein Vater hatte einen Freund, der uns manchmal besuchte, und der war Polizist. Nun heißt der Freund und Helfer im Wiener Dialekt ‚Kiewara‘, demnach war dieser Freund offiziell tituliert als ‚der Kiewara-Bertl‘. Ich jedoch war noch im dialektfreien Volksschulalter und entwarf eine hochdeutsche Entsprechung, die als ‚Küberer-Bertl‘ bei den Erwachsenen großes Gelächter auslöste.

Außerdem schrieb ich mal in einen Aufsatz, wir hätten ‚Kelch‘ zu Mittag gegessen. Das Dialektwort für Kohl lautet ‚Kööch‘, was sich aber wahrscheinlich eher von ‚Kochsalat‘ ableitet. Da es jedoch gleich gesprochen wird wie das Dialektwort für einen Kelch (den mit dem Elch), war ich mir keiner Schuld bewusst.

Mein Vater hat mir schon oft erzählt, dass er völlig ratlos war, wenn er von seiner Mutter eine ganz bestimmte Antwort bekam. Für ihn implizierte diese Antwort, und das konnte er sich nicht erklären, dass eine bestimmte Handcreme eine effektive Barriere für die Hühner im Garten zu bilden in der Lage sei, sodass die Federviecher nicht an seiner Mutter hochspringen. Auf seine wiederholte Frage nämlich, warum seine Mutter so häufig Creme benutzen würde, hörten seine Kinderohren die Antwort:
‚Damit mir die Hendi nicht aufspringen.‘

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. sieh an sieh an, man lernt nie aus. auch ich war der festen meinung es würde sich um einen fliegenpilz handeln. das kommt davon dass suggestivfragen a la „Sagt, wer mag das Männlein sein“ über 3 jahrzehnte unbeantwortet im raum stehen gelassen wurden.

    ob die werten leser hier mit dem sidekick „mit dem Elch“ etwas anfangen können? die Auflösung gibt’s hier oder hier .

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  2. Hach, ich weiß ja, warum ich dich geheiratet habe. Bei den essentiellen Fragen des Lebens (Sagt, wer mag das Männlein sein?) sind wir uns einig. *lach!* Unsere Kinder werden die am falschesten informierten Besserwisser der Welt.

    Ich glaub, die Leute in unserem Alter dürften in ihrer Kindheit an Danny Kaye nicht vorbeigekommen sein. „Im Becher mit dem Fächer ist der Wein mit der Pille. Der Pokal mit dem Portal hält den Wein gut und rein.“ Erst als einer davon kaputtgeht, kommt der Kelch mit dem Elch ins Spiel. Glaub ich jedenfalls :)

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  3. der 10-Jährige lernt begeistert seine erste Fremdsprache, Englisch. Nach der entsprechenden Unterrichtsstunde folgt Deutsch, „Belsazar“ soll deklamiert werden….und wie der eifrige Schüler an die Stelle „Jehova, dir künd´ ich auf ewig Hohn“ gelangt, macht er ihn glatt zum König von Bebilon, in der ihm erscheinenden korrekten englischen Aussprache ;-)
    (meine 41 Klassenkameraden – man schrieb anno ´61 – hatten dafür etwas zu lachen)

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  4. *Zerkugel!* DER allerdings is super! :) Selbst gehört?
    Wie gehts weiter? ‚Dekolletée Reis im Sand?‘
    Willkommen in der Pfanne! Guter Einstand!

    Da fällt mir was ein, was ein Bekannter mal verzapft hat: ‚Recording a track – I can’t walk out – …‘

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  5. also „recording a track“ find ich wieder besonders super. das wäre ja sogar fast sinnvoll, eine art versteckter hilfeschrei des elvis, der vielleicht schon dringend aufs klo musste aber sein producer hats ihm verboten. „das nehmen wir noch fertig auf, vorher lass ich dich da ned raus!“

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  6. Gnihiihi :) ‚Aber ich muuusss schon so dringend!‘ – ‚Nix gibts!‘ – ‚Why can’t you see what you’re doin to me??‘

    Hab mal im TV gesehen, wie eine Teenie-Dumpfbacke nach einem Robbie Williams-Konzert interviewt wurde – ganz begeistert war sie und hochrot vor Aufregung. Sie wurde gefragt, was ihr Lieblingssong ist, und worum es darin geht, und sie meinte, er singe davon, dass er eine (englisch ausgesprochene) ‚Sabrine‘ liebt.
    Es ging um ‚Love supreme‘. (And all the places you have been trying to find a love supreme…)

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  7. verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf den Schriftsteller und Journalisten bei der Süddeutschen Zeitung, Alex H.

    Über dessen „weissen Neger Wumbaba“ habe ich viel lachen müssen.

    Ihr Beitrag (oder sagt man Blog) hat mich daran erinnert.

    Näheres z.B. hier.

    gruss aus der Stadt des neuen deutschen Pokalsiegers und der Bratwürste!

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  8. Der Verhörer vom ‚weißen Nebel wunderbar‘ zum ‚weißen Neger Wumbaba‘ muss uralt sein, ich hab das schon mal vor langer Zeit gehört und mich jetzt sofort dran erinnert! Danke für den Reminder! Das Buch ist sicher sehr unterhaltsam. :)

    Beitrag, Eintrag, Blog, Post, Text – ist alles ok.

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  9. Wenn man wo reinkommt muss man grüßen, und als wir noch klein waren, grüßten mein Bruder und ich eine zeitlang ständig mit „en chanté!„, was für eine kindliche Marotte gehalten wurde. Tatsächlich hielten wir es aber wirklich für einen Gruß, wir hatten es phonetisch so aufgeschnappt: unsere Mutter war mal weg gewesen und rief beim Heimkommen angesichts der Unordnung, die wir inzwischen im Kinderzimmer angerichtet hatten, was wir als Begrüßung missverstanden: „Wie’s da schon wieder ausschaut, he!„. Und von daher verstanden wir „auschauté!“ als Grußform, wenn man einen Raum betritt.

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  10. Eigenlob (stinkt nicht)

    hinweisen darf ich freundlich auf meine Wprzung vom 25. Mai, speziell die Grusszeile, verweisen möchte ich auf das allerortst bekannte Ergebnis.

    Ich gebe zu, es war ein Traum, aber auch Träume werden war.

    Für die Sportinteressierten verweise iche auf ….
    http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=652220&kat=31

    den zu verdanken haben wir Nämbercher diesen Traum nur Hans M E Y E R…

    shalalal…. FCN, FCN

    Gruss aus Franggen

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  11. Meine Freundin N. berichtet mir, dass nicht nur das Gingallein, sondern auch das Waldallein dazu neigte, in Kindheitstagen als sinnentleertes Trallala wahrgenommen zu werden.

    Außerdem im Lande der weich gesprochenen harten Konsonanten ein gängiger Kinderirrtum: Der Da-Dort. Dass der Da-Dort im Fernsehen lief, war klar. Aber war er tatsächlich Da und Dort gleichzeitig? So kann ein Tatortkrimi einem Kind Rätsel aufgeben, ohne dass es ihn je gesehen hätte.

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