schaulustig

Gestern abend, auf der Heimfahrt von Kärnten nach Niederösterreich auf der Autobahn, werde ich – völlig gegen meine Überzeugung – zu einer Schaulustigen. Die Natur beschert uns nämlich eine Kulisse, wie sie abwechslungsreicher und wunderbarer nicht sein könnte.

Die tiefstehende Sonne beleuchtet drei Autobahnspuren von hinten, die Straße und die gelbgrün strahlenden Bäume, die ihren Verlauf begleiten, heben sich grell gegen die blauschwarze Wolkenwand ab, die vor uns über dem Horizont hängt. Ich zeige dahin und dorthin, und mein Mann sorgt am Beifahrersitz mit dem Klappen des Kameraspiegels für vertraute Geräusche.

Wir kommen dem Regen näher, schon zerplatzen die ersten schweren Tropfen auf der Scheibe, die Sonne in meinem Seitenspiegel begleitet jedoch beständig die Szene und lässt meine Heckscheibe seltsam gelb und undurchsichtig erscheinen. Vor uns werden die Fahrzeuge von Fontänen feinster Wassertröpfchen begleitet, und hin und wieder leuchten ihre Rückspiegel zeitgleich auf, wann immer sie in den entsprechenden Winkel zur Sonne geraten, wie übernatürliche Scheinwerfer in einem Konzert für die Sehenden.

Dann erhebt sich ein kräftiger, doppelter Regenbogen aus einer Wiese, er erscheint tatsächlich zwischen uns und dem nächsten Berg, sodass der Hang und die Häuser hinter ihm gefärbt erscheinen. Wäre ich dort auf dieser Wiese, so stünde ich in farbiges Licht getaucht mitten im Ursprung des Regenbogens.

Am Wechsel, jenem Berg, der die Steiermark von Niederösterreich trennt, regnet es dann nicht mehr. In den dunklen Nadelwäldern haben sich leichte Wölkchen verfangen, weiß sind sie, wo der dichte Wald und die Hügel sie in den Schatten verbannen. Wo aber das Sonnenlicht seinen Weg findet, erstrahlen sie wie aus eigener Kraft in warmem Orange. Über uns ein verzerrtes Mosaik aus Bruchteilen eines blauen Himmels und Wolken in sämtlichen Schattierungen, denn zu unserer Linken nähert sich die untergehende Sonne den Bergen in der Ferne, und entzündet dort, von Wolkenstreifen abgeblendet, ein atemberaubendes Feuer.

Bald vergessen wird der seufzende Verdruss des Fahrens auf dieser dreispurigen Autobahn sein, auf deren linker Seite stets drängelnde Ungeduld herrscht, weil üblicherweise die Existenz einer rechten Spur auch von den langsamsten Fahrern geflissentlich ignoriert wird.

Die Bilder jedoch werden bleiben.

EDIT: Die Fotos dazu gibts dorten.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Rotfell, das hier WAR doch ein Bild. Dachte ich. ;) Verdammt.

    Baumgarf, schaulustig bleibt schaulustig und führt in jedem Fall den Blick weg von der Straße vor mir.
    Ich weiß aber, was du meinst. Ist mir auch unbegreiflich. Die Folge-Auffahrunfälle an Stellen, die bereits Unfallorte sind, sind legendär. Bei uns ist es auch nicht besser. Auf gut Wienerisch: Lauter Trotteln! *g*

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  2. Den Abschuss hat mal ein Auto auf der Autobahn vor mir geliefert, das plötzlich (natürlich auf der linken Spur fahrend) abbremste, weil auf dem Standstreifen der Gegenfahrbahn ein Fahrzeug mit rauchendem Kühler stand. Manchmal wünschte ich mir blickdichte Leitplanken mit zwei Metern Höhe.

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  3. Das wäre in der Tat nicht schlecht. Abschnittsweise sind sie ja zumindest so hoch, dass man von gegenüber nicht alles sieht. Die Staus auf der Gegenseite bleiben auf solchen Abschnitten jedenfalls aus.

    Solche Fahrer kommen mir auch öfter unter; auch solche, die ganz links bremsen, weil rechts ein Auto auf der Pannenspur steht. Oder überhaupt einfach so, weil sie schon lange nicht gebremst haben, oder weiß der Geier. Würrrrgen könnt ma’s, die Deppen.

    Mein imaginärer Bumper-Sticker: Alle doof – außer mich.

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