Gesteuertes Entschlafen

Beim sonntäglichen Grillnachmittag machten wir eine (weitere) sprachliche Beobachtung:
Wenn eine Wohnung oder ein Haus infolge des Todes seines Besitzers oder Mieters frei wird, wenn man also vielmehr von der freigewordenen Immobilie spricht als vom soeben Verschiedenen, dann sagt man hierzulande, derjenige sei aussegschduam (‚hinausgestorben‘).
Das Subjekt im Satz ist zwar bigotterweise der ehemalige Mieter, der Satz aber dreht sich tatsächlich um die Immobilie. Klassischerweise ist er daher ohne Namensnennung zu hören: Do is ana aussegschduam.

Seltsamer Vorgang eigentlich, dieses Raussterben. Denn genau genommen würde jemand das nur dann tun, wenn er exakt im Augenblick seines Dahinscheidens zur Haustür hinaustaumelt oder -getragen wird. (Wörtlich typischer Fall von aussegschduam).
Ansonsten ist er in der Immobilie verstorben und später, womöglich gar gegen seinen früheren Willen, fortgeschafft worden (also drinnan gschduam und oghoid wurn). Oder aber er war im Moment des Verbleichens gar nicht daheim (ausweats gschduam).

Zugegeben, ich bin selten unter Totengräbern, aber mir wäre nicht bekannt, dass ein sprachliches Pendant auf dem Friedhof zu vernehmen wäre: Is des Grab no frei? Naa, do is letzte Wochn ana einegschduam!
Der Sprachgebrauch im Himmel, wenn jemand kürzlich auf Wolke Nummer 9 eingezogen ist, ist mir ebenfalls nicht bekannt. Kann man in Wohnwolken eineschdeam? Man weiß es nicht.

Auch über jemandes Wohnungseinzug in lebendigem Zustand sagt man nicht, er sei eineglebt – auch wenn nach obigen Ausführungen die Versuchung groß sein mag, dem Hinaussterben ein Hineinleben gegenüberzustellen. Eineglebt werden nur Fotos in Alben, und sogar die werden eigentlich eipickt.

Genau wie man, den Besitz einer Behausung vorausgesetzt, ständig wohnt, ohne tatsächlich irgendeine konkrete Handlung dafür zu vollbringen (Was machst heut? Ah, i werd heut amoi a bisserl wohnen. *wohn-wohn*), ist man als ein seine Wohnung aus Verreckensgründen unfreiwillig Aufgegebenhabender aussegschduam im Sinne des Immobilienstatus. Leichen wohnen nicht.

Raussterben – ein ösitanisches Unikum? Ausdruck des beinah vertraulichen, oft als Pietätlosigkeit missverstandenen Naheverhältnisses des Wieners zum Tod, das es ihm erlaubt, eines Mitbürgers Entschlafen aus Sicht der Immobilie zu betrachten?
Oder sagt man sowas auch in deutschsprachigen Nachbarländern?


Übrigens: Dass Dialekt eine unscharfe Sprachform wäre, kann man im Hinaus-Fall nicht behaupten. Er verzichtet nicht auf eine klare, wenn auch winzige, weil einbuchstabige Unterscheidung zwischen hinaus und heraus.
Bist du draußen und rufst jemanden zu dir heraus, so verlangst du: Kummst amoi aussa? Wogegen du von jemandem sagst, der hinausgegangen ist, während du selbst dich weiterhin im Warmen befindest: Der is ausse ganga.
Wir nehman’s nämlich scho genau, wemmas genau nimmt!
Selbes Prinzip bei hinein und herein: eine und eina, bei hinauf und herauf: auffe und auffa, bei hin- und herunter: owe und owa.

Sollte also, wenn du bereits tot bist, jemand aus deiner Verwandtschaft nachfolgen und auf deiner Wolke einziehen, dann wäre er einagschduam. Oder vielleicht auch auffagschduam; je nach beider Benehmen zu Lebzeiten mitunter auch owagschduam. In letzterem Fall allerdings handelt es sich mutmaßlich nicht um eine Wolke. Aber das nur nebenbei.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ah, sterben mit Richtungsangabe, interessant …

    „Da hat sich einer davongestorben!“ oder vielleicht am Telefon terminplanend: „Am Dienstag? Nein, das geht nicht, uns ist hier einer dazwischengestorben.“

    Hier in CH pflegt man Telefonieren mit Richtung: „ufflüte“ („hinaufläuten“) und „abbelüte“ („hinabläuten“), allerdings sind mehrstöckige Gebäude erforderlich. Immer lustig, wenn der Hinaufgeläutete gerade unten in der Kantine ist.

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  2. Wer weiß, vielleicht ist „hineinsterben“ (Schriftdeutsch ist schon was Furchtbares) ja eine Marktlücke. Ein findiger Mensch könnte ja Erdwohnmöbel entwerfen, sozusagen die Wohnung danach, eine Gruft, die sich der Kunde zu Lebzeiten noch nach Gusto einrichten kann und in die er, nach dem er „hinausgestorben“ ist, „hineinsterben“ kann.

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  3. [Exkurs]
    Für des Bairisch-Österreichischem nicht Mächtigen so wie mich gibt es übrigens eine schöne Anleitung, wie man sich diese merkwürdigen Präpositionen ins Hochdeutsche übersetzt.

    1. Heller Endlaut (i oder e, je nach Region) ist die Verkürzung von „hin“, dunkler Endlaut (a, å, o, je nach Region) die Verkürzung von „her“.
    2. Reihenfolge umdrehen.

    Beispiele:
    ausse => „aushin“ => hinaus
    auffa => „aufher“ => herauf
    aba => „abher“ => herab
    eini => „einhin“ => hinein
    [/Exkurs]

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  4. Hier in Franken freut man sich, wenn es „nauswärts“ geht, der sterbende Winter also endlich dem Frühling Platz macht. Merkwürdigerweise geht’s im Spätherbst aber wiederum „nauswärts“ in die Winterzeit, wo es doch eigentlich und streng genommen „neiwärts“ gehen müßte… ;-)

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  5. Hihi, ‚dazwischengestorben‘ find ich gut! :))
    Wenn der Hinaufgeläutete unten in der Kantine ist, muss man nochmal anrufen? Gleiche Nummer, aber nach unten?

    Und was, wenn er schon in seiner Erdwohnung ist? Die Idee mit dem Ausgleich fürs Hinaussterben find ich nämlich to-tal super und auch gerecht. Wer rausstirbt, muss auch reinsterben. Erdwohnmöbel werden der Schrei im nächsten Herbst, da bin ich sicher! Auf Heizung und fließend Wasser kann man dabei getrost verzichten, vermute ich?

    Klarheit in der Nachtschwester zu schaffen ist natürlich was Wunderbares! ;) Aber was konkret verbirgt sich hinter diesem ‚vielen‘, das jetzt klarer ist?

    Eine sensationelle Eselsbrücke, Herr giardino! Ich werde mich natürlich sofort auf die Suche nach Ausnahmen machen! *hrhr*

    Und zwar neiwärts! Das ist zwar in schöner Natur leichter, aber prinzipiell von den Jahreszeiten zum Glück unabhängig! :)

    Ich schließe also aus dem Ausbleiben der Ichauchs: Das Raussterben wird in CH und DE nicht praktiziert?

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  6. Oh … funktioniert eh. (Eingraben könnt ich mich.)
    Da hammas wieder: Oft kriegt man gar nicht mit, dass man alles richtig gemacht hat. Oder, um es mit den Worten meines Tennistrainers zu sagen: „Susanne, deine heutige Leistung bestand aus reinen Zufällen.“
    :-)

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  7. Also: Aus meiner Erfahrung als „gelernter“ und später „ausgschduabaner“ Wiener(ausgewandert nach Tirol und Franken)möchte ich darauf hinweisen, daß dieses Wort den Ursprung darin hat, daß die Wohnungen früher meist überbelegt waren und daher – nachdem „aner aussegstuam“ is – mehr Platz in der Wohnung /dem Haus war!

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  8. Susanne, nachdem du deinen Aussagen zufolge noch lebst, ist eingraben nicht angezeigt. *g*

    Michael, schon klar, aber weder die Überbelegung von Wohnungen noch das Ausseschdeam wird sich räumlich auf Österreich oder seine Hauptstadt beschränkt haben. Warum also wird nicht auch aus deutschen Wohnungen rausgestorben? Oder aus englischen? He died out of his appartment.

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  9. Also ich frag mich ja, warum generell nicht mehr gestorben wird. Es ist irgendwie unpopulär. Aber es ist eben wie so oft im Leben: was nicht vorgelebt wird, nehmen die Jungen auch nicht an. *fragendguck*

    P.S.: Ich las letztens das Wort Leichweite, vor allem interessant in der sehr kreativen Interpretation des zweiten Kommentars. Dieser konkrete Fall müsste genaugenommen ein Wort wie „umhergestorben“ erfordern, was man vielleicht noch auf Austrisch übersetzen könnte.

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  10. Ts, TM *gg* Natürlich ist es unpopulär. Hat ja auch noch keiner konstatiert, dass du cool bist, wenn du’s tust.
    Schöner Link, den du mir da hinterlassen hast! Das muss ich mir bei Gelegenheit mal alles genauer zu Gemüte führen.
    Leichweite im Sinne von ‚Genießen Sie das Wandeln in der luftigen Leichweite Ihrer neuen Erdwohnung?‘ Die adäquate austrische Übersetzung des Umhersterbens wäre natürlich ummadummschdeam.

    Martin: Musik, zum Eineschdeam schee?

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  11. @Tosherl: Na sang sie mal! Sterben ist sogar ur-cool! Oder zumindest das wesentlich Ergebnis-orientiertere Totsein. Nicht umsonst schmücken sich Generationen von Pop- (Elvis, Jimi, Falco) und Filmstars (Marilyn, James, River) mit diesem Gütesiegel. Und ganze Jugendkulturen beschäftigen sich auch damit. Schließlich kann ja wohl niemand behaupten, die lebensbejahende Szene der Krocha wäre cooler als die Goths *gg* ;).

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  12. manchen wünscht man´s halt. im buddhismus ist´s allerdings so,
    dass die leut recht viel umadumsteam, mal da, mal dort in ein vogerl oder sauerrampferl einisteam.
    grundsätzlich muss aber festgehalten werden, dass viel zu viel gstuam wird.

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