Gestern ist morgen

Musik kann in mir annähernd das vollbringen, was Geruch vermag: Situationen ins Leben zurückzurufen, als wären sie nie vergangen, mehr in Farbe und Form und Gefühl als in Gedanke, Gespräch oder gar Tatsache.
Gerade eben fiel mir Milvas Version von ‘Johnny Guitar’ ein. Das Lied ließ den Herbst da draußen mitsamt seinem rauhen Wind und seinem Krähengeschrei mühelos und innerhalb eines Augenblickes verschwinden. Und während der sich stetig drehende Plattenspieler in meinem Kopf das Lied weiterspielt und Milvas tiefe Stimme vor minimalistischer Begleitung klagt, tauchen vor mir Gespinste aus meiner Kindheit auf, reine Sinneserfahrung, völlig frei von linkshirnigen Daten wie Jahreszahlen oder Ortsnamen.

Sommerurlaub im Süden. Duftendes gegrilltes Brot, das knusprig knirscht, während es mit dunkler, klebriger Hagebuttenmarmelade bestrichen wird. Das abendliche Zikadenkonzert richtet sich nicht nach dem Rhythmus der Musik. Es dringt in meine zufriedene Schwere, ansatzweise erkenne ich darin eine Art Unabhängigkeit. Kerzenschein beleuchtet einen Campingtisch, streift immer wieder einen Korken und das dunkel darin eingesogene Rotweinmosaik, flackert über weite, leichte Kleidung in tiefroten und orangefarbenen Tönen.

Meine Kinderhaut mit den Meersalzkrusten wird gestreichelt von warmer Abendluft, die nach Kiefernnadeln und Rosmarin duftet. Völlig unpassend, aber eng damit verwoben steigt von der Luftmatratze, auf der ich schlafe, jener intensive Gummigeruch auf, von dem ich bis heute nicht weiß, ob ich ihn auf perverse Weise angenehm oder aber ganz furchtbar finde.

Die Moll-Akkorde und vor allem Milvas Tonfall an der Stelle ‘und ich nannte ihn…‘ dringen warnend an meine Instinkte und lassen mich etwas erahnen, das mir zu diesem Zeitpunkt noch fremd ist, das noch keine eigenen Erinnerungen auslöst, und das für mich so wenig bedrohlich und wahr ist wie der Wolf im Märchen, wie eine Geschichte aus einer nicht so heilen, aber weit entfernten Welt. Ich kann spüren, dass das Leben wohl zuweilen etwas Schweres, Verzweifeltes haben muss, oder aber etwas verzweifelt Glückliches, das festzuhalten und später wieder hervorzuholen jedenfalls nur mit einem Lied gelingen kann.


Edit:
Schöne Idee von der Nachtschwester, ein Stöckchen draus zu machen: Welcher Song aus welcher Zeit ist untrennbar mit welchen Eurer Kindheitserinnerungen verbunden?
Sie hat schon mit kräftigem Arm in die Runde ausgeteilt, Merlix und Ole wären bei mir wohl auch dabeigewesen (letzterer allein schon wegen seiner musikalischen Affinität) – und wer möchte noch? Monsieur baumgarf vielleicht, mkh kann das sicher sehr schön (es ist ja auch kein ‘richtiges’ Steckerl), dieJulia freilich, mein Bruder natürlich auch und vielleicht Frau percanta? (Alle Links auswendig! Ha! :)
Und wer sonst noch möchte, natürlich, bedient euch und hinterlasst einen Link (händisch bitte, Trackbacks sind off)!

33 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schöne Kindheitserinnerungen :-)
    Allerdings drängt siebengscheit nutzloses Schlagerwissen aus mir hervor: der Song (und die Version), die du meinst, war von Daliah Lavi. Von Milva gibts zwar eine Aufnahme, aber die ist auf italienisch.
    Sobald ich meine LPs wieder aus den Umzugskisten geholt hab, kannst die Original-Childhood-Daliah-Lavi-Version als MP3 haben :-)

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  2. Eine fuchtelndene Unterweisung ‘die bekanntesten derzeit sichtbaren Sternbilder inklusive Nordstern’, und einen Plejaden-Sammelpass. Aber nur, wenn kein Mond is :)

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  3. Na dann schau ich mal, dass ich bald alle drei sTernDerLN zusammen habe, um damit in den Genuss des sicherlich siebenteiligen Siebengestirnsammelpasses zu kommen! Sternbilder bitte sowohl astro- als auch astrologisch erläutern. Und ich hoffe auch, endlich eine Erklärung zu bekommen, warum man den Nordstern so gut sehen kann! Den Mond schieben wir notfalls etwas beiseite. Wie lautet die nächste Aufgabe???

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  4. Eh klar, völlogisch! ;)
    Jö, ein Sterngucker! Eine seltene Rasse! ;)
    Warum man den Nordstern so gut sehen kann? Vielleicht, weil von hier aus betrachtet er sich von allen Sternen da oben am wenigsten bewegt? ;)
    Die nächste Aufgabe? Ach, einfach weiterhin so schöne Texte schreiben – die Sternderln kommen dann von ganz allein. =)

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  5. Naja, von Ö´reich aus seht ihr den Nordstern wahrscheinlich eh nicht so scharf wie wir hier… Sterngucker nur in Maßen, bin da eigentlich eher unbedarft, aber seit ich Douglas Adams inhaliert habe, führe ich zumindest immer ein Handtuch mit mir, vorsichtshalber! Schöne Texte? Mal schauen, ob ich das hinkriege, ich arbeite dran, jetzt, wo ich eine Leserin habe! Und völlogisch schreibt man glaubich mit drei L, oder?

    8-)

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  6. Tiefstapler! :)
    Ach, die Schärfe von Stella Polaris.. mit ein bisserl Tabasco im Auge geht das scho. ;) Und das Handtuch ist auch dabei natürlich ungemein praktisch.
    Selbstverständlich schreibt man völllogisch mit mindestens drei L. Verzeih :)

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  7. Wegen Tabasco im Auge sollen manche sogar schon Schäfchen auf dem Mond gesehen haben, aufpassen!! Wenn du jetzt verstanden hast, was ich meine, kriegst du auch einen Stern von mir, und die verschenke ich wirklich nicht alle Tage. Klar, geht ja auch nur nachts, völllogisch! Verziehen.

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  8. Ich bin blockiert. Ich muss dauernd an Wallace&Gromit und ihren Mondflug denken, und an den fiesen Pinguin. ;) Aber beim nächsten Mal hol ich mir das Sternderl!

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  9. Ich habe gerade keinen Zaunpfahl mehr, aber warte erst mal, wenn dein Kopfweh wieder weg ist!

    Und? Austria im Tiefschnee versunken?!? Zeit für Kerzen im Cockpit?!?

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  10. Ach, ich kann auch ohne Kopfweh sehr ausdauernd auf der Leitung stehen. Ich bin nämlich waahnsinnig konsequent. ;)
    Der Zaunpfahl würde höchstens für eine Rückkehr der Kopfschmerzen sorgen. Ach, du wolltest damit WINKEN!? Na dann… ;))

    Kein Tiefschnee hier. Ich bin Flachlandindianer, es stürmt und regnet hier, aber kein Schnee. Auf der Fahrt ins Büro gestern Früh sah ich aber den hübsch angezuckerten Schneeberg, schneiende Wolken wie schimmernde Vorhänge vor den nahen Bergen des auslaufenden Wienerwaldes, und einen sensationellen doppelten Regenbogen.

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  11. Nein, ich nehme meine Kamera nur sehr selten mit, wenn ich ins Büro fahre. Manchmal habe ich das dringende Gefühl, ich müsste sie mitnehmen – und dann begegnet mir den ganzen Tag lang natürlich original nix Fotografierenwertes.
    Außerdem sind Regenbögen schwer einzufangen. Wer das Schauspiel in all seiner unglaublichen Pracht genießt, kann vom Foto nur enttäuscht sein.

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  12. Das stimmt schon, das mit der Enttäuschung und dem Originalgenuss. Dennoch versuche ich immer noch, ein wunderschönes Regenbogenbild mit meiner EOS zu catchen. Zum Beispiel: Regenbogen über Talaustritt vor der Ebene, Regenbogen über einem bestimmten Haus am Berghang usw… Irgendwann gelingts mir!

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  13. Oh, erst jetzt gesehen: Ein Musikstock!
    Nehme ich gerne und antworte, wie gehabt, sobald ich Zeit für mehr als einen Akkord habe.
    Erfreut! Percanta

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  14. Das Update ist fertig – der wichtigste Teil der musikalischen Erinnerungen erklärt ein bißl meine Vorliebe für Musik der beginnenden 80er.

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