Cerebraler Strudel mit Ei

Bei so hohen Temperaturen wie gestern tut mein Hirn nicht immer ganz genau, was es soll. Wenn einer verrückt wird, fällt es ihm ja auch nicht notwendigerweise auf. Ich halte das für einen Nivellierungsmechanismus des Gehirns – so ähnlich, wie der durchschnittliche IQ stets 100 beträgt, auch wenn die Menschen im Schnitt immer schlauer werden – nur eben von innen organisiert.

Gleich einer Regierungsbehörde, die das dumme Volk vor herben Realitätskollisionen bewahren soll, täuscht das Gehirn also rege Geschäftigkeit vor und erhält den Schein aufrecht.
Damit mir etwa ein Ausfall meiner dreidimensionalen Vorstellungskraft verborgen bleibt, simuliert mein Gehirn sozusagen den Normalzustand, bis der Schaden behoben ist oder aber eine Gewöhnung stattgefunden hat.

Weil wir, seit das Wetter so schön ist, am Wochenende immer grillen, uns jedoch Grillfleisch und auch Grillfisch mittlerweile schon zum Halse raushängen, sollte es gestern ein Strudel werden, gefüllt mit ein wenig Faschiertem, Karotten und Porree. So dachte mein Mann und kaufte selbige Zutaten ein, nicht wissend, dass ich Porree nicht so gut vertrage und auch nicht besonders mag, wobei ein kausaler Zusammenhang in beiden Richtungen denkbar ist.

Kein Problem, denke ich, und bereite die Fülle eben bis zum Schluss ohne das ungeliebte Stangengemüse zu: Zwiebeln anrösten und ablöschen, faschiertes Fleisch dazu, etwas Senf und frischen Majoran und Oregano aus dem Garten, geriebene Karotten, und unser geliebtes Gold: Oro di Parma, das Tomatenmark mit Basilikum aus der Tube. Nach Zugabe von Pfeffer und Rosmarin duftet die Fülle ganz herrlich. Der Strudelteig liegt bereit, und das Backrohr ist bereits vorgeheizt, die Luft in der offenen Küche kämpft in heißen Schwaden gegen die klimatisierte im restlichen Raum – ein Gewitter zieht am Möglichkeitshorizont auf.

Davon völlig unbeeindruckt und kühl kalkulierend streiche ich jetzt meine Hälfte der Füllung auf meine Hälfte des Strudelteiges, und mische erst danach die übrige Füllung mit den zugegebermaßen knackig aussehenden Lauchkringeln. Diesen Teil breite ich nun auf der noch leeren Strudelseite aus. Zum Schluss streue ich etwas geriebenen Käse drüber. Mhm, sieht gut aus!

So ein Strudelteig will vor dem Einrollen an den Längskanten gut mit Ei bestrichen und eingeschlagen sein, damit die Ränder gleich beim Zusammenrollen bombenfest kleben und die kostbare Füllung beim Backen nicht ausläuft. Das weiß man, das macht man.

Erst bei der letzten vorsichtigen Umdrehung vor Fertigstellung der angestrebten Strudelform, als die Ränder schon längst auf molekularer Ebene miteinander verbunden sind, hat mein cerebraler Stealth-Mode ein jähes Ende, und ich stelle fest, dass der Strudel jetzt doch nicht wie ursprünglich geplant sozusagen ein Frau- und ein Mann-Ende hat, nein: Die Porreefüllung ist jetzt außen im Strudel und die porreefreie innen.

120 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Ja, ich bin damit einverstanden, dass meine Daten gespeichert und mein Kommentar mit Name veröffentlicht wird. Die Datenschutzerklärung nehme ich zur Kenntnis.