CAVE CANIPORCUM – Einleitung

oder

KENNE DEN FEIND UND DICH SELBST

(Aus ‚Die Kunst des Krieges‘, Sun Tsu, 6. Jh. v. Chr.)

Einleitung

Der Mensch teilt sein ganzes Leben mit Tieren. Oft tut er das aus freien Stücken, mit Haustieren, die hauptsächlich dem Aggregatszustand flauschig zuzurechnen sind. Aber auch uneingeladene Gasttierchen muss er wohl oder übel dulden. Auf diesem Gebiet fallen, trotz ihrer generellen Leichtigkeit, Insekten und Spinnentiere besonders ins Gewicht, und was sie an Gewicht nicht zu bieten haben, machen diese ungebetenen Haus- und gar Bettgenossen spielend durch ihre Vielzahl wett.
Aber gibt es auch ungebetene Seelengenossen?
Ja, allerdings, die gibt es!

Caniporcus internus

oder zu deutsch: Der innere Schweinehund – ein zwar körperloses, aber auch überraschend athletisches und robustes Vieh, das dich von seinem sicheren Platz aus, jenem in deinem Inneren nämlich, piesackt und triezt, dich gezielt ausbremst oder auch antreibt. Wir alle kennen das. Wie oft kämpfen wir mit aller Kraft gegen ihn! Wie oft unterliegen wir hoffnungslos! Wie oft allerdings treten wir gar nicht erst gegen ihn an – aus Unwissenheit!

Die grundsätzliche Überlebensstrategie des Schweinehundes ist es nämlich, sich so gut zu verstecken, dass du dir seines Wirkens in den meisten Fällen gar nicht erst bewusst wirst. Und obwohl er so offensichtlich am Werk ist und mit seinem überfütterten und vor Dreck starrenden Leib mit dir Schlitten fährt, schaust du einfach durch ihn hindurch. Denn er tut so, als wäre er ein Teil von dir! Auf diese Weise entzieht er sich deiner Erkenntnis, deinem Zugriff – und damit seiner Vertreibung aus dem Paradies.
Folglich lautet deine Prämisse: Ich bin eben so, da ist nichts zu machen.
Tatsächlich jedoch leidest du an einem Befall durch einen Parasiten der besonders fiesen Art.

Wie in jedem Fall von Parasitismus ist auch hier das Wirken des Schmarotzers schädlich für den Wirt. Der Schweinehund empfindet nichts Positives für ’seinen‘ Menschen, noch nichtmal Dankbarkeit für die arglos gewährte Kost und Logis.

Aufzucht, Fortpflanzung und Verbreitung

Je mehr Energie du einem Schweinehund zufließen lässt, indem du nach seinen Höhenvorgaben springst oder deine Zeit und Energie in Diskussionen und Kämpfen gegen ihn verpfefferst, desto wohler fühlt er sich. Diese kleinen Aufmerksamkeiten sind sein Chappi und sein Suhlschlamm, er wird fetter, kräftiger und dreckiger.

Solcherart aufgefettete Exemplare beanspruchen schon bald mehr Raum – es will ja nach Herzenslust geschweinehundelt werden! Unbewusst reagieren wir auf diese geistige Raumforderung. Stecklinge von Caniporcus internus gedeihen, wie allgemein bekannt, am besten in kindlichem und jugendlichem Substrat. So findet sich der auf dem Schweinehundemist der Eltern gewachsene Unsinn prompt und zuverlässig in den Kindern wieder. Diese Art der Vermehrung ist so gebräuchlich geworden, dass sie meist unbemerkt vor sich geht.
Aber auch gewissermaßen familienfremde Schweinehunde nisten sich in Kindern ein; und auch die Reaktion der Eltern auf solche meist unerwünschten Exemplare in ihren Kindern sorgt beim Schweinehund für Wohlbefinden, je heftiger die Reaktion, desto wohler fühlt er sich.

Rudelbildung

Was die Wenigsten wissen: Nicht ein einzelner Schweinehund ist es, der da sein totalitäres Regime führen würde, vielmehr macht sich ein ganzes Rudel in uns breit. (Das könnte der Grund dafür sein, dass gegen deine ganz speziellen Völlegefühle der hemmungslose Verzehr von probiotischen Joghurts trotz verheißungsvoller Werbung nicht allzu viel ausrichten konnte.)

Selbst zur Bekämpfung von im Nachwuchs oder Lebenspartner bereits etablierten Arten ziehen wir antagonistische Typen heran und verpflanzen diese hernach in den gewünschten Wirkungskreis. Dazu sind Erziehungsmaßnahmen wie ungefragt abgesonderte Lebensweisheiten in beharrlicher Wiederholung, ausdauerndes Gemecker, vorwurfsvolles Schweigen und natürlich das gerne von Religionen benutzte System von Schuld und Sühne probate Übertragungsmethoden. Was dabei eingeimpft wird, ist aber mehr als bloß eine Doktrin – es sind herrschsüchtige Lebewesen mit Methode und eigenem Willen.

Phantastischerweise etablieren sich manche Arten auch ganz von selbst, besonders die reaktiven Schweinehunde, die als psychische Antwort auf das allzu harte Regiment eines einzelnen gemästeten Exemplars spontan entstehen können.

Rassen

Im Schweinehunde-Rudel kommen Mischformen ebenso vor wie reinrassige Typen. Klarerweise sind reinrassige Schweinehunde durch die jahrtausendelange Inzucht eine wahre Rarität. Die an den Mischformen beteiligten Rassen bewahren jedoch ihre Charakteristika in überdurchschnittlich ausgeprägter Weise. Dieser Mechanismus ist in Fachkreisen wohlbekannt, aber bis dato nicht vollständig geklärt.

Die verschiedenen Typen und Mischformen arbeiten einander in die Hände, oder aber sie graben einander das Wasser ab. Im Idealfall heben ihre Einflüsse sich gegenseitig auf, aber als erfahrener Schweinehundwirt wirst du schon erspürt haben, dass dieser Fall so extrem selten vorkommt, dass er beinahe nur noch als Lehrbuchtheorie überlebt hat.

Obwohl also die Mischformen in der Überzahl sind wie die Fliegen in einem Schweinestall, ist die nachfolgende Klassifizierung und Beschreibung der typischen Merkmale rassebezogen aufgebaut. Wie du merken wirst, ist diese archetypische Charakterisierung absolut ausreichend, um die in deinem persönlichen Rudel vorkommenden Rassen sicher zu identifizieren.

Forschung, Entstehung des Werkes, Danksagung

Die Schweinehundeforschung (Caniporcologie) ist eine recht neue Wissenschaft, die sich hauptsächlich aus der Stammtischpsychologie entwickelt hat. Hinweise und Erfahrungsberichte von Betroffenen sind mir daher hochwillkommen und werden mit Freuden der empirischen Faktensammlung hinzugefügt und gegebenenfalls auch in jene Kapitel eingearbeitet, die noch in der Entstehung sind, während die ersten bereits veröffentlicht werden. (Interaktives Schweinehundeln)

Die Entstehung dieser Niederschrift wurde von den Mächten der Schweinernis aufs Brutalste bekämpft. Ich sorge mich zwar ein wenig über die unverhoffte Zufütterung, die ich meinen eigenen Schweinehunden in Form dieser Abhandlung zukommen lasse, bin aber zuversichtlich, dass am Ende der bewusste Geist siegen wird.

Mein Dank gilt insbesondere Herrn Manuel S., der an der Entstehung der Idee und des Grundgerüstes zu diesem Werk wesentlich beteiligt war, und meinem mir rechtmäßig zugemuteten Gemahl, der mir den Zauber der Word-Formatvorlagen geduldigst näherbrachte.


Im nächsten Teil: Die Bekämpfung.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sensationell. Und so zutreffend! Schicke ich gleich meiner Mama weiter, denn in meiner Family wird die Schweinehundzucht bereits seit Generationen mit geradezu hinreißendem Erfolg betrieben. Vielleicht hilft’s ja, mit dem theoretischen Rüstzeug ausgestattet zu werden. Insoferne blicke ich bereits in geradezu orgiastischer Vorfreude dem Kapitel „Bekämpfung“ entgegen.

    (Übrigens ist dir die Zwischenüberschrift „Rassen“ zu klein geraten. Und das kannst dann löschen :)).

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  2. G. und sero, danke.
    Und Gruß an die Frau Mutter Schwätz! Wenn sie was beizutragen hat, immer her damit! :)

    Die Formatierung aus meinem Quelldokument kann ich leider nicht nach WordPress übernehmen, zumindest nicht, ohne ein riesiges htmlsches Chaos zu generieren. Drum ist alles händisch, und Hinweise zur Fehlformatierung sind sehr willkommen.

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  3. Typisches Symptom für den klinischen Befall mit Caniporcus internus-Erregern ist häufig ein akutes Prokrastinations-Syndrom.

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  4. Wunderbar! Im „Economist“ dieser Woche fand ich einen Hinweis auf eine lose verbundene Gruppe von zumeist amerikanischen Sozialpsychologen und Verhaltensökonomen, die ebenfalls von einer zumindest partiellen Schweinsnatur des Menschen ausgehen: „Their basic insight is that human beings are fallible: lazy, stupid, greedy and weak; loss-averse, stubborn and prone to inertia and conformism.“ (Economist, 16. Juli 2008; p. 43) Der Caniporcologie steht ein immenses Foschungsgebiet bevor.

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  5. Ah, interessant! Gestern erst überlegten wir, ob ich mit meiner Caniporcologie nicht in das Hoheitsgebiet der Soziologie eindränge.
    Ich aber behaupte: Der Mensch ist nichts von alledem – er hat nur eine Heidenangst, er selbst zu sein, verletzlich, liebesbedürftig und menschlich wie er nun mal ist, und verlässt sich daher seit jeher auf die Meute, die ihn beeinflusst Richtung lazy, stupid, greedy und weak. Und stubborn natürlich. So gesehen handelt es sich womöglich gar um einen Parasitismus auf Gegenseitigkeit.

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  6. Genial…
    Jetzt fehlt nur noch ein Kapitel über Caniporcizide. Dann hätte ich wen vorzuschlagen für einen Nobelpreis. Einen mehrfachen.
    :-)
    Lily

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  7. Kommt noch, kommt noch (bzw gibt es da schon den einen oder anderen Abschnitt). Es hatte nur zwischendurch die Motivation etwas nachgelassen. Hat aber soeben wieder den Kopf gehoben. Schon erstaunlich, was Feedback alles kann, nicht? ;) *verneig* Danke, Lily!

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