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Am Laaerberg – Nachsatz

Aufgrund dieses Schildes hatte ich ein Aha-Erlebnis:

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Die Wiener Internationale Gartenschau… WIG. WIG! Ich habe eine Erinnerung aus meiner Kindheit an einen Ort dieses Namens. Ich wusste nie, wo dieser Ort war, oder wie man ihn schreibt.

Ich bin da mit meinen Großeltern (?) in einem Park, da gibts den größten Spielplatz, den ich jemals gesehen habe. Genau genommen ist die ganze Welt an diesem Tag ein einziger Spielplatz! Attraktionen und Spielgeräte verstreut auf endlosen, grünen Wiesen im Sonnenschein.

Es ist warm, und am Horizont einer grünen Wiesenfläche taucht plötzlich ein Eisberg auf. Ein blau und weiß glänzender Eisberg! Mitten im Sommer! Ich würde mich an die Titanic erinnert fühlen, würde ich die Geschichte schon kennen.

Als wir näherkommen, sehe ich Kinder jauchzend diesen Berg hinunterrutschen. Und ich will auch! Ich klettere hinauf, wieder und wieder, und rutsche hinunter mit einem Wahnsinnszahn! Das Material des ‚Eisberges‘ fühlt sich unter meinen Händen warm und glatt an, trotzdem ist die Illusion perfekt. Ich frage mich, warum wir überhaupt Winter brauchen, wenn man doch auch warmes Eis haben kann!

Wir verbringen dort vielleicht ein paar Stunden, mir scheint es eine Ewigkeit, die doch zu kurz dauert. Ich bin so fasziniert von diesem Eisberg, so begeistert von den unendlichen Weiten dieser Welt!

Das war wahrscheinlich einer der glücklichsten Tage meiner Kindheit. Und dann blieb in meiner Erinnerung dieser Name hängen. Wir waren ‚in der Wig‘.
Danach waren wir nie wieder dort. Nur in meiner Erinnerung hielt ich ihn in Ehren, diesen Ort mit dem komischen Namen, den weiten Wiesen und dem Eisberg im Sommer.

Das müssen die Überbleibsel dieser Gartenschau gewesen sein, die in meinem Geburtsjahr eröffnet wurde, bzw der daraus hervorgegangene Laaerberg-Park.
Es muss auch eine körperliche Erinnerung sein, denn als ich vorgestern dort war, hat mein Körper den ganzen Nachmittag wie wild Glückshormone ausgeschüttet.

Es gibt immer noch Spielplätze dort. Ob sich auf einem von ihnen auch ein alter Eisberg findet?

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Der Nächste bitte!

Normalerweise geht samstags mein Mann einkaufen. Ich bin kein besonderer Fan des Supermarktes, und wenn ich mal mitfahre, dann tapse ich versonnen durch die Gänge und zeige mal hier- und mal dahin, während der Holde zackig die Liste abarbeitet.
Denn das Einkaufen ist im Grunde Männersache. Die haben Jagd und Wettbewerb im Blut.

Weil das so ist, zieht es den Angetrauten jedoch, wie heute, auch zu anderen Wettbewerben, zum Beispiel zu solchen, bei denen man mithilfe handlicher Stahlkonstruktionen stromlininenförmiges Blei derart gezielt durch die Luft beschleunigt, dass es wenig später in auf Papier gedruckten konzentrischen Ringen möglichst nahe an der Mitte einschlägt. Einer ist dann der Beste.

Die Einkäufe bleiben indessen mir überlassen.

Da steh ich also heute vormittag, zugegebenermaßen etwas verträumt, an meinen Einkaufswagen gelehnt vor einer Reihe von Supermarktkassen, denke kurz nach, ob ich alles habe, und wäge ab, bei welcher Kasse ich mich anstelle – es sind bei allen nur wenige Kunden. Plötzlich stürmen wie auf Kommando aus allen Richtungen Menschen mit ihren Einkaufswagen auf die Kassen zu. Aus sämtlichen Gängen strömen sie herbei, wie in diesen spezialeffektiven Filmszenen, in denen der Protagonist den Fixpunkt bildet, während die Welt bewegungsverzerrt und in atemberaubender Geschwindigkeit an ihm vorbeibraust. Ein Regisseur für österreichische Milieustudien hätte es nicht besser machen können.
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Strengstens untersagt

Was mich an diesem Land nervt? Also, wenn ich es schaffe, abzusehen von wilden innenpolitischen Strampeleien, die nichtmal zum Augenauswischen reichen, zum Beispiel jüngst im Zusammenhang mit Kiotowerten, CO2-Emissionen und Mineralölsteuer?

Dass alles irgendjemandem gehört, und tendenziell alles verboten ist.

Wenn du hier irgendwo auf der Landkarte einen kleinen Teich findest, den du beispielsweise für einen Ausflug mit Frau Hund geeignet hältst, womöglich noch voller Photographie-Intentionen bist, dann kannst du als gelernter Österreicher sicher sein, bei der Ankunft dort eine Einzäunung vorzufinden. Teich hinter Gittern. Ein Schild, das dir erläutert, dieser Bereich wäre Eigentum des Fischereivereins Neududlau oder des Klötenverbands Gigritzpotschn oder weiß der Geier wessen. Der Eintritt ist jedenfalls strengstens verboten. Wie das Amen im Gebet. Nur für Mitglieder.
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Phantasie, galoppierende

Nachdem sie wegen eines speziellen Fußnagel-Problemfalls, den sie selber aus Nagelscherenwinkelabstandsgründen nicht beseitigen konnte, den Wunsch nach einer Fußuntersuchung durch mich mit begleitender schnibbelnder Maßnahme geäußert hatte, sprach meine Frau Mutter:

Owa do miassati eascht ausn Fuaß ausseschliafn und eam eiwaakn.

(Aber da müsste ich erst aus meinem Fuß rausschlüpfen und ihn einweichen.)

Da sah ich sie auch schon vor meinem geistigen Auge mit ihrem Fußskelett baumelnd auf einem Stuhl sitzen.

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Von Hühnern und Menschen

Das Huhn an sich ist nicht so sehr mit dem Attribut Kuscheltier assoziiert wie beispielsweise ein Hund, eine Katze oder diverse Nagetiere. Dem an Tierfell gewöhnten Menschen mag ein Huhn ein wenig spröde erscheinen, vielleicht sogar hässlich, mit all seinen Falten, seiner porösen Haut, seinen eigenartigen Augenlidern, und ungewohnt in der Art, wie steif sich Federkiele trotz all der Weichheit seiner Federn anfühlen. Dennoch: So ein Huhn ist kuschelig, warm und weich. Und es lässt sich gerne hochnehmen und streicheln.

Ein flauschiges Hühnerküken weckt mit Leichtigkeit unsere natürlichen Beschützerinstinkte. Halte ein Hühnerküken in einer Hand, und deine andere Hand wird eine schützende Wölbung bilden, die sich ganz von selbst vorsichtig über das Küken bewegt.

Natürlich kann man so ein Huhn auch essen. Man kann es eines schönen Tages am Hals packen und so schnell schlachten, dass es nicht besonders viel davon mitkriegt. Wenn viele Menschen Hühner essen wollen, muss man das sehr oft machen. Vielleicht muss man es auch im Stile eines Großbetriebes organisieren.

Im diesem Fall wird das Hühnerei in einem Mastbetrieb per Raumwärme bebrütet, fein aufgereiht auf Paletten neben anderen Hühnereiern, in einem industriellen Brutschrank, der so gar nichts gemein hat mit dem fedrigen, flauschig warmen Mutterbauch der Hühnermama, die das Ei liebevoll bebrütet und das Küken wärmt, wenn es ausgeschlüpft ist.

Was das geschlüpfte Küken im Halbdunkel des Mastbetriebes sechs Wochen lang zu tun hat, ist dicht an andere Hühner gedrängt fressen, fressen, fressen, und sich ab und zu duldsam von einem Hahn besteigen lassen, bis es zum fetten Junghuhn herangewachsen ist. Dann gehts ab zur Schlachtung.

Stolz präsentiert der Hühnerzüchter vor den Doku-Kameras das blaue Licht in der Schlachtvieh-Anlieferungshalle. Damit die Hühner keinen Stress haben, sagt er, denn für sie wirkt es dunkel, sie können das blaue Licht nicht sehen.

Die Hühner kommen lebend, zusammengepfercht in Kisten, dort an. An einem Auffangbehälter werden diese Kisten kurzerhand in die Vertikale gekippt, sodass die Hühner hektisch gackernd und sich gegen den unfreiwilligen Fall wehrend dort hineinfallen, haben darin kaum Platz zum Stehen, purzeln durcheinander und aufeinander. Stressfrei, weil im Dunkeln, versteht sich.

Dann beginnt der Boden unter den Hühnern, sich vorwärts zu bewegen: Das Förderband ist angelaufen. Von der Seite filmt die Kamera durch eine Öffnung in diese Förderanlage, die gerade mal Huhn-Höhe hat. Die Tiere versuchen, der ungewollten Richtungsgebung zu entkommen. Als eines von ihnen die Öffnung und das Licht erblickt und mit seinen noch viel zu großen Füßen hoffnungsvoll darauf zuwatschelt, bevor es doch im Dunkel verschwindet, schießen mir heiße Tränen in die Augen.

Am Ende des Förderbandes werden die Hühner von menschlichen Händen gepackt und an den Füßen aufgehängt. Gackern hört man die Hühner hier nicht mehr, sie piepen nur noch. Eines der Hühner im Bild übergibt sich. Meine eigenen Magensäfte rebellieren auch, Tränen kullern, ich stehe auf und lasse meinen Mann alleine vorm Fernseher sitzen.
Als ich aufstehe, faselt der Hühnerzücher gerade etwas von unter Strom stehenden Wasserbädern, mit denen die Hühner dann betäubt würden. Es hätte bessere, weil frühere Zeitpunkte dafür gegeben, denke ich.

Was für ein Zynismus, zu behaupten, das blaue Licht nähme den Hühnern den Stress, wenn danach eine derartige Tortur folgt. Und wozu noch Elektroschocks, zu einem Zeitpunkt, an dem die Angst wohl nicht mehr größer werden kann?
Der Mensch muss nicht alles tun, nur weil er es kann.

Ja, ich bin wahrscheinlich weltfremd, und habe keine Ahnung von Masttierzucht. Aber ich weiß, was mir schon beim Sehen wehtut. Anzunehmen, dass es dem Huhn beim Erleben auch wehtut, entspricht dem gesunden Menschenverstand.
Ist es da nicht sehr bequem, den Tieren ein Bewusstsein pauschal abzusprechen, damit Schlagzeilen wie ‚Huhn bei vollem Bewusstsein kopfüber aufgehängt‘ keine Grundlage haben?

Auch ein Huhn braucht Liebe. Respektvolle Behandlung sollte auch Tieren zuteil werden, die wir irgendwann essen werden. Das schließt auch einen respektvollen Preis ein, den wir für das Fleisch zu zahlen bereit sein müssen. All die Lieblosigkeit, mit der ein Tier leben, und all die Angst, mit der es sterben musste, essen wir schließlich mit.

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