Wie weit?

Eine Autowerkstatt irgendwo in der niederösterreichischen Pampa. Eine von der Sorte, die nicht nur repariert, sondern auch kauft und verwertbare Teile verkauft oder verwendet. Im hiesigen Dialekt wird eine solche Firma mit einem Ausdruck bezeichnet, der ursprünglich aus der Fleischereitätigkeit stammt und eigentlich bedeutet, die Knochen vom Fleisch zu trennen. Man kann ihn nur sehr schwer in Buchstaben wiedergeben, Lautschrift wäre dafür besser geeignet: Ausbaadla. Bein-Entferner.

Schon vor der Mauer, die das eigentliche Firmengelände einschließt, stehen Reihen angekaufter oder gerade reparierter Autos gleich neben solchen, die bereits diverser Ersatzteile beraubt wurden. Direkt an der Mauer lehnen unzählige Autotüren verschiedenster Farben und Formen in hübschen Gruppen. Für den ordnungsliebenden Menschen ein schöner Anblick. Kunst aufräumen. Autos aufräumen.

Betritt man das Gelände der Firma, hinter der Mauer, so erblickt man Leichenberge, säuberlich gestapelt. Zur einen Seite sind es Havarien, grotesk verbogene Karosserien türmen sich wie nach einer vertikalen Massenkarambolage. Von den Autos auf der anderen Seite sehen viele ganz in Ordnung aus, allerdings schaukelt so manches in schwindelnder Höhe vor sich hin, und es fehlt ein Scheinwerfer, eine Tür, die Motorhaube oder Stoßstange.

Neben dem Bürocontainer, direkt im Freien und ohne Überdachung, liegt das Herzstück der Firma: die Werkstatt. Sie besteht aus einer alten Hebebühne, auf der heute ein Renault Scenic auf seine mechanische Heilung wartet, und aus einer kleinen, fensterlosen Werkzeughütte. Keine Nebelschwaden steigen aus den öligschwarzen Nasen der Mechaniker auf, denn dafür ist es zu warm. Hätte aber gut gepasst.

Der Boden besteht, für die Gegend eigentlich untypisch, aus rotbrauner und lehmiger Erde, die sich an einem feuchten Tag wie heute in eine noch schöner rotbraune, aber wesentlich glitschigere Masse verwandelt. Auf dem Fußabtreter vor dem Bürocontainer kann man entfernt die Umrisse eines ‘Hallo!’ erkennen, das darauf einmal gestanden haben muss, bevor ungezählte Fußpaare den Morast darüber verteilten. Zwei Mechaniker, die vor uns den Container betreten, weichen dem Fußabtreter geflissentlich aus, um nicht allzuviel Schmutz nach drinnen zu tragen.

Der Container selbst ist in zwei winzige Räume unterteilt, beide sind überheizt und überfüllt. Es riecht nach Essen und nach Zigarettenrauch. Der Raum links vom Eingang ist eine Art Küche, in der drei Arbeiter unter Neonlampen sitzen und sich, über dampfend heiße Imbisse gebeugt, unterhalten.

Das Büro nebenan ist mit zwei Kunden und einem Mechaniker bereits mehr als voll, man muss bereits in der richtigen Reihenfolge eintreten, denn später kann man sich nicht mehr aneinander vorbeischieben. Ein Schrank, ein Regal und ein winziger Schreibtisch sind dort ineinander verkeilt, darauf stapeln sich Ordner, Papierberge und Ersatzteile in aberwitzigen Mengen.

Ein Mechaniker übergibt uns den Schlüssel und kassiert den offenen Betrag. Seinen Blaumann kann man nur noch an seiner Form, nicht mehr an seiner Farbe erkennen. Die Rechnung für die durchgeführte Reparatur besteht aus einem winzigen, handgeschriebenen Zettel, so winzig, dass man ihn nichtmal lochen könnte, wenn man ihn aufbewahren wollte.

Ein anderer Mechaniker fragt einen Kunden, der zuletzt eine Reparatur in einer Vertragswerkstätte durchführen ließ, mit slawischem Akzent: ‘Wie weit ist das?’. Die Antwort, dass die Werkstätte in Wien sei, lässt ihn irritiert schauen, dann fragt er nochmal: ‘Nain, wie weit zurick?’ Er will wissen, wie lange es her ist.

Was für ein schönes Szenario für einen Ausflug an einem nebligen Tag.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. baumgarf sagt:

    Sehr schön und plastisch geschrieben. Und stimmt, die Nebelschwaden fehlen.
    Klasse übrigens der Link zu Urs Wehrlis Buch, das ist gleich auf dem Wunsch-/Merkzettel bei amazon gelandet. So kann man moderne Kunst durchaus betrachten, mit der ich sonst so meine Probleme habe.

  2. Etosha sagt:

    Vielen Dank! Und danke für den Wunschhinweis ;)
    Das Buch ist sehr unterhaltsam, sehr spielerisch, ich fand es toll.

    Schönes Wochenende an alle! Ich bin Sonntag abend wieder da.

  3. Kristof sagt:

    Spooooky. Da würde ich meinen Wagen ja nie hinbringen …

  4. Iwi sagt:

    …und was für eine schöne, zeitdehnende Darstellung!

  5. Etosha sagt:

    Kristof, man soll die Dinge nicht nur nach ihrem Äußeren beurteilen. Nicht überall, wo’s hübsch aussieht, wird auch qualitative Arbeit geleistet.

    Iwi, klingt nach Kompliment, also danke. Oder ist ‘zeitdehnend’ ein Synonym für laaaangweilig? ;)

  6. Iwi sagt:

    Nein, zeitdehnend meint eigentlich ne Technik in der Erzählweise, wenn etwa das Erlebnis in Wirklichkeit eine Minute gedauert hat, die Nacherzählung dessen aber deutlich länger. Zeitraffend wäre das Gegenteil: wenn ich dir mein bisheriges Leben in nur 20 Jahren nacherzählt hab, zum Beispiel! ;-)

    In deiner Geschichte Fall hier hab ichs positiv empfunden, dein Eindruck stimmt also! Irgendwie so, als würde vor mir eine Zeitlupe ablaufen, die Geräusche sind gefiltert und die Bilder treten in den Vordergrund und wechseln sich ab, aber sanft und langsam gleitend. Also ja: ein Lob!

  7. Etosha sagt:

    Ich vergaß kurzfristig, dass du ja literarisch ein Geschulter welcher bist. ;) Sehr lieb von dir, das Lob; ich konnte heute Positives sehr gut gebrauchen, danke!

  8. Kristof sagt:

    @Etosha: Du hast natürlich Recht. Und meine Erfahrungen sind mit gammeligen Werkstätten auch eher gut. Aber dennoch: Da ist so, als würde ich auf dem Weg zum Tierarzt mit meinem Hund durch den Schlachthof …

  9. Etosha sagt:

    Hihi, der Vergleich ist allerdings gut zu Fuß! :)
    Erinnert mich an den Witz, wo der Arzt zum Patienten sagt, ‘Sie sind leider todkrank, ich verschreibe Ihnen Moorpackungen.’ Auf die Frage des Patienten, ob das denn helfe, sagt der Arzt ‘Nein, aber Sie gewöhnen sich schonmal an die feuchte Erde.’

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