Vom Zauber des Moments (II)

strgz Jeder, der schon mal das Bedürfnis hatte, im Programm des Lebens einen Mausklick auf Bearbeiten-Rückgängig auszuführen – aus dem Wunsch heraus, im Nachhinein verändern zu wollen, was nicht mehr veränderbar ist – kennt das Gefühl, dass die Uhr sich nicht zurückdrehen lässt, dass getane Dinge geschehen bleiben.

Aber hattet ihr dieses Gefühl schon mal nach schönen Erlebnissen? Die Empfindung, dass all die wunderbaren Momente unwiederbringlich sind, für immer verloren in der Flut mehr oder weniger nebliger Erinnerungen, die wir unsere Vergangenheit nennen?

Einige technische Errungenschaften sind der profane Ausdruck dieser verzweifelten Sehnsucht nach dem Gestern, all die Tonbandgeräte, Fotoapparate und Videokameras ein kläglicher Versuch, den Augenblick zu bannen. Wir denken kaum jemals darüber nach, doch jede CD, die wir heute hören, jeder Film, den wir ansehen, ist ein geistiges Enkelkind dieser ursprünglichen Sehnsucht, gefühlsintensive musikalische oder szenische Momente für die Ewigkeit festzuhalten und wiedererleben zu können.

Wenn wir aber auch solcherart unserer Leben aufzeichnen und später betrachten oder anhören – wir erleben den Moment nicht wieder. Wir sind nicht auf die gleiche Weise dabei. Wir sind dann nur noch zu spät gekommene Zuschauer der ehemaligen Gegenwart unseres Lebens.

Ich erlebe dieses Gefühl sehr häufig. Wenn, wie etwa gestern, schöne Abende mit Freunden zu Ende gehen, und noch Tage danach habe ich – neben den schönen Erinnerungen – die intensive Empfindung des Verlierens an und gegen die Vergangenheit. To be continued… but not to be rerun.

Hervorgerufen wird diese Stimmung vermutlich durch die nachträgliche Befürchtung, Momente nicht ausreichend genutzt zu haben, gepaart mit dem Unwillen zur Selbstverständlichkeit und ebenjenem starken Bewusstsein, diese Augenblicke nicht wiederholen zu können.

Sogar während der schönen Erlebnisse habe ich zwischendurch bereits kleine vorgeschmacksartige Gedanken an diese baldige weil zuverlässige Wehmut.
Zwei meiner Freunde empfinden Ähnliches. Wir haben im Hirntschecheranten*jargon diese Gedanken vorausschauende Sentimentalität getauft und uns T-Shirts drucken lassen, auf denen ‘sentimentaler Trottel’ steht.
Ich nehme diese Wehmuts-Vorankündiger mittlerweile positiv und zum Anlass, mich noch stärker im Moment einzufinden und Nebensächliches auszublenden.

(* hirntschechern: nachdenken, geistiges was-wäre-wenn-spielen)

Das Ganze mündet tags darauf in einem zähen Gefühlsmix, einer mit Freude vermengten Sentimentalität und Wehmut, so intensiv, als wäre das Erlebte bereits 30 Jahre her. Vordergründig äußert sich das in so banalen wie ausführlichen Überlegungen, ob ich nicht noch mehr hätte tun können, damit meine Freunde sich bei mir wohlfühlen, ob ich jedem Einzelnen genug Aufmerksamkeit geschenkt habe. Tatsächlich aber glimmt im Untergrund das Feuer des Verlustes: Momente gewonnen, Momente zerronnen.

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