Vom Grausen und Recken

…und zwar im wörtlichen Sinn!

Mir fiel nämlich auf: Uns (Ost-)Österreichern graust’s im Dativ. Der Satz ‚Ich grause mich‘, den ich schon häufiger staunend auf deutschen Blogs entdeckte, käme hier niemandem über die Lippen. Und auch das Schwer- oder Leichttun kommt bei uns im dritten aller Fälle daher. Deutsche Angewohnheit: „Ich tu mich leicht.“ Seltsam klingt das fürs Ösi-Ohr. Vielleicht ist’s, weil ja alles andere, was man sich tut, auch im Dativ am besten klingt, ich tu mir weh, dir unrecht und ihm was an. Und wir habens gerne einfach.
Dass man sich leichttut, beweist ja falltechnisch noch gar nichts, wie man weiß, weil das Wort sir noch nicht erfunden wurde. Blöd eigentlich. Dem schönen Dativ kein sir zu schenken!

Und obwohl im Grausen und übrigens auch im Recken eine Passivform mitschwingt, weil es einem ja sprachlich irgendwie angetan wird (mir graust es, mich reckt es – wer zum Geier ist eigentlich dieses Es, was graust mir und reckt mich hier dauernd? Ist es gar das Leben selbst?) – obwohl es also so nach Passiv klingt, kann man nicht gegraust werden. Oder erzählen, dass man gereckt wurde. Naja, schon, aber glauben würd’s niemand. Nein, das böse Es war’s, und das glaubt einem dann jeder. Seltsam, oder?

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zu dem Es hatte Herr Freud seine eigene Ansicht- und war der nicht auch Österreicher?

    Es reckt der graue Reck,
    sich grausend
    stets den Hals ums Eck.
    Potztausend.

    Ich glaube, das letzte Bierchen war schlecht…
    Lily

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  2. Lily, du meinst, meine Triebe recken mich? Na prächtig! :)
    Danke für das Reimchen – ich werds mir einreimen, äh, einrahmen.

    TM, ‚äs‘ – ein Bleistift? Nicht das Bleistift?
    Dem Dativ lieben also auch dem Schweizern. :D

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  3. In dem Reim fehlt ein Komma. Aber, wie gesagt, das Bierchen.
    Es (da stehts, ES!!!) war schlecht.
    Ganz übel, sozusagen.
    Der Kölner kann das auch, das mit dem Dativ:
    Dem Chantall sing Jürtel sing Schnall‘.
    Oder, für unsereinen:
    Dem Ernst Kuzorra seine Frau sein Stadion.
    Oh. Moment. Das war Genitiv. Oder sowas ähnlichem.
    :-)
    L

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  4. Sensationelle Betrachtungen *g*. Aber ich – humorlos wie eh und ceh – analysiere gleich mal ganz im Toshi, lieber Ernst:

    „Es graust mir“. Ja was graust mir denn? Nun …

    Wenn – nur mal gebeispielweist – der Hund Dir auf den Boden scheißt, dann graust es Dir (so nehm ich an) grad so, weil Hund Dir das getan. Es graust DIr also transitiv der Hund Akkusa- und Da- tief.

    Oje.

    Man merkt, ich hatte heute einen anstrengenden Tag :P.

    *grüßl*

    Und Schlüßl. :)

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  5. Lily, das fehlende Komma setz ich gern ein, wenns dir schlaflose Nächte (oder Bürotage) bereitet. Du müsstest mir nur sagen wo, denn nach meinem Gefühl fehlt da keins. Is ja aber dein Reim!
    Die Geni- und Da-Tiefen wurden auch grad beim Herrn Winder ausführlich zerlegt, beim Stichwort ‚Des Grauens‚.

    Boah, Ceh, das issja richtig poetisch! *rofl* Zur Erhellung hats zwar nicht viel beigetragen, zur Erheiterung dafür umso mehr. Danke! :D

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  6. Es machts es mir heut nicht leicht, der Diskussion zu folgen.
    Aber es macht mich Spaß und erheitert mir.

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  7. Nau?!
    Schön langsam nähert sich die Kommunikation an chinesisch-deutsche Bedienungsanleitungen
    :-)

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  8. Ich schlage eine Runde „Übersetzen mit Tante Guhgel“ vor. Dann wird’s bestimmt noch viel lustiger. Und wenn man ein paar Mal hin und her übersetzen lässt, kann man zusehen, wie der Text erodiert. Oder sie-odiert? Ihmodiert?
    Whatever.

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  9. I propose a round of „Translating with Aunt Guhgel“ before. Then it’s certainly much funnier. And if a few times back and forth to translate it, you can watch how the text eroded.

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  10. Ich schlage vor, eine Runde „Übersetzen mit Tante Guhgel“ vor. Dann ist es sicherlich viel lustiger. Und wenn ein paar Mal hin und her zu übersetzen, können Sie beobachten, wie der Text ausgehöhlt.

    Schade, so richtig funktioniert es nicht. Vermutlich ist der Text zu schlicht.

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  11. Grausen, Herr Schwätz, ist eines der intransitivsten Verben überhaupt. Nicht nur zieht es kein Akkusativobjekt nach sich, wie Etosha richtig feststellt, die Frage „Wen oder was graust mir denn?“ ist also grammatikalisch nicht zulässig. Auch wird das Akkusativobjekt, das es wie gesagt nicht geben kann, bei der Umwandlung intransitiver Verben ins Passiv nicht zum Subjekt. Sonst hieße Ihr Satz mit dem Hund „Es wird der Hund gegraust.“ Hier sind wir nicht mehr weit entfernt von „Da werden Sie geholfen“.

    Möglicherweise kommt aber ein Genitivobjekt in Frage – es graust mir des Hundes – aber hier bin ich mir nicht sicher.

    Intransitive Verben mit Objekten zu versehen, geht gar nicht. Ganz schlimm: Ich lebe meinen Traum. Hört man aber so oft, dass es sich schon ins kollektive Sprachzentrum einbetoniert.

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  12. Bei deinen Ausführungen wirds einem ja ganz schwummrich, Frau Nachtschwester! Aber „Es wird der Hund gegraust“ oder auch „Das Grausen findet von/durch/mithilfe des Hundes statt“ klingt irgendwie nach Lateinhausübung. :D
    Selbst dem Vater im Erlkönig grauset’s im Dativ, fiel mir übrigens ein, und ein Akkusativ hätte ihn sicher lange nicht so geschwind reiten lassen.

    Vermutlich glauben viele Leute, dass sie sich im Akkusativ grausen müssen, weil sie sich da auch ekeln. Und räkeln.

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  13. Und da gibt es Leute, die sich im Bett räkeln, wo sie es doch im Akkusativ tun könnten… mit einem beliebigen Dativobjekt, wie ich zu betonen nicht zögern möchte.
    „Ich lebe meinen Traum“ hätte ich aber immer nur für inhaltliche(n/s) Neusprach gehalten. Dass das Grammatikschmerz verursachen kann- wieder was dazu gelernt.

    L.

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  14. Das werde ich mir für besonders zärtliche Stunden merken:
    Oh, du mein signifikantes Dativobjekt…
    Aber vielleicht reduziert das die ohnehin nicht große Auswahl auf Null? Muss mal Herrn Sick fragen.

    L

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  15. So schnell wird aus einem beliebigen ein signifikantes Dativobjekt. „Oh du mein wie auch immer adjektiviertes Dativobjekt… ich ekle äääääh räkle mich vor dir!“

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  16. Hm.
    Und jetzt bilden wir den gleichen Satz noch einmal mit dem Verbum „grausen“.

    Womit wir wieder beim Thema sind.
    Grammatik ist doch was Zirkuläres.

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