Postorrhoe

Der Fall Natascha Kampusch versetzt derzeit in Österreich viele in Aufregung und Entsetzen. Unvorstellbar: Ein Mädchen, das im März 1998 als 10jährige entführt worden war, tauchte gestern wieder auf – sie war acht Jahre lang von einem Mann in dessen Haus in Niederösterreich gefangengehalten worden.
Es ist ja an sich schon furchtbar genug, dass es in unserem Land tatsächlich Leute gibt, die dermaßen krank in der Birne sind, dass sie sich Kinder wie Haustiere halten.

Mir ist mehr als nur ein wenig schleierhaft, warum unsere Frau Innenminister versucht, sich einen Erfolg auf ihre Flaggen zu heften, wie auch immer dieser geartet gewesen sein soll – aber darum gehts mir hier gar nicht.

Ich bin vor allem entsetzt von dem, was sich auf derstandard.at im Leserforum zu den betreffenden Artikeln abspielt. Die gesamte Bandbreite unverfälschter menschlicher Abgründe zeigt sich dort.

Undifferenzierte Kritik an der Polizeiarbeit ist im Standard-Forum ohnehin an der Tagesordnung; unter Garantie sind das die selben Leute, die alle paar Monate am nächstbesten Kommissariat die Zeit der Polizei verschwenden, indem sie ihr Handy, das sie irgendwo versoffen haben, als gestohlen melden, weil sie bei Diebstahl für die Kosten eines neuen Telefons nicht aufkommen müssen. Aber auch der judikative Zweig unseres Rechtssystems muss sich warm anziehen, denn einige Logorrhoekranke lassen uns da in die primitivsten Phantasien ihres kranken Geistes blicken. Wäre der Täter in der Öffentlichkeit irgendwo erkannt worden, er wäre einer Lynchjustiz zum Opfer gefallen, die dieses Land seit Jahrhunderten nicht gesehen hat, da bin ich sicher.

Einzelheiten zu zitieren aus den geschmacklosen, unangemessenen, niveaulosen Beiträgen, die dort abgesondert werden, wäre zu viel der Ehre. Aber einen kleinen Überblick gebe ich schon: Da gibt es geschmacklose Witze, teilweise unter angestrengter Bezugnahme auf die Bundesregierung, tränendrüsensekrettriefende Peinlichkeiten, undifferenzierte Vorurteile über die Bewohner des Wiener Umlandes, psychologische Gutachten direkt vom Stammtisch, es gibt primitive Wettbewerbe in Pietätlosigkeit und seitenlange, kleingeistige Orthographiediskussionen. Wer wirklich noch möchte, kann sich ja selbst ein Bild machen. Aber Vorsicht, Übelkeit und Erbrechen sind als Folge mehr als wahrscheinlich.

Insgesamt gewinnt man den Eindruck, einigen dort wäre noch viel Krankeres zuzutrauen als das, worüber berichtet wird. Man glaubt, direkt auf den blutigen Stumpf zu blicken, wo früher mal die Empathie am Körper der Gesellschaft saß.

Ja, ich bin auch zuweilen ein I-Tüpferlreiter, Apostrophenwürger und Korinthenkacker. Bei Dingen, die durch zig Hände und unter zig Augen hindurchgewandert sind: Werbung, Bücher, Printmedien. Wenn die Berichterstattung aber derart auf Hochtouren arbeitet, an einem Tag, an dem die Ereignisse sich überstürzen, sollte man sich da als Leser nicht glücklich schätzen, dass man so prompt informiert wird, und sich weniger an Orthographischem stoßen?

Mir ist durchaus klar, dass Witze zu machen auch eine Art seelischer Aufarbeitung – aber muss diese Bewältigung unbedingt öffentlich stattfinden?

Ich bin sehr für Meinungs- und Redefreiheit, und finde das interaktive Zeitalter prinzipiell wunderbar. Zu Zeiten jedoch, als man einen Leserbrief noch an eine Zeitung schicken musste, haben da die Menschen vielleicht etwas mehr darüber nachgedacht, was sie da so absondern, als heute, wo man nur noch auf ‘posten’ klicken muss? Und noch eine Frage: Ist es wirklich im Sinne der Meinungsfreiheit unerlässlich, dass die Kommentarfunktion im online-Standard bei allen Themen aktiv bleibt?

Denn dass Forumsbenutzer auch noch die armseligste Möglichkeit nutzen müssen, negativ aufzufallen und zu zeigen, wie obercool und abgebrüht sie sind, oder wie überaus linksliberal, dass sie dem Drang nicht widerstehen können, jeglichen gedanklichen Dünnschiss sofort in schriftliche Form bringen zu müssen, das ist – selbst mir als Blogger – zutiefst zuwider.

Sollte dieses Mädchen jemals die Zeitungsberichte dieser Woche nachrecherchieren, so hoffe ich, dass das schamlose Geschwätz dazu nicht mehr dort abrufbar ist. Ich würde zwar gerne glauben, dass diese Leute außerhalb des sicheren Bereiches hinter ihren Bildschirmen, beispielsweise der Betroffenen direkt gegenüber, ihre Äußerungen zumindest vorher überdenken würden, aber ich fürchte, sie würden sich nichtmal dann was schämen.

Dass sowas sich Internetcommunity nennt bzw. so genannt wird, ist der reinste Hohn. Dieser ‘Gemeinschaft’ spreche ich meine tiefste Verachtung aus.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Ja, ich bin damit einverstanden, dass meine Daten gespeichert und mein Kommentar mit Name veröffentlicht wird. Die Datenschutzerklärung nehme ich zur Kenntnis.