Musikgeschichte

Ein einziger Ruf nach mehr Input genügt mir. Schon eile ich, um längst vergilbtes, jauerndes und auch sonst sehr betagt anmutendes Material aus meiner ehemaligen Jungfernkemenate im Haus meiner Mutter zu holen, zu sichten, auf MD zu ziehen, zu rippen. Hach, was hab ich gestaunt, gelacht und geseufzt heute!

Also, Kinder, das war so: Die Etosha wurde bereits mit Musik beschallt, als sie noch ganz klein war. Schon als sie nur halbwegs sprechen konnte, fand sie bereits viel Gefallen am Singen. Insbesondere Weihnachtslieder hatten es ihr angetan, wie man hört, denn es ist verbürgt, dass sie im Sommer nackend auf der Schaukel saß und A-Kinderlein-a-kommät trällerte. Auch sämtliches Wander- und Heimatliedgut wurde ihr von den Eltern beigebracht, insbesondere von der lieben Etosha-Mama: Hoch auf dem gelben Waaahagen im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera!
Bei Papa im Auto gabs auch immer Musik, nicht immer mit ganz stubenreinen Texten, aber das verstand Etosha damals ohnehin noch nicht – Hauptsache, es gab Töne zu hören.

Als Etosha und ihr Bruder alt genug waren, sich selbst zu beschallen, da taten sie das auch, und zwar ebenso gnaden- wie wahllos mithilfe sämtlicher Schallplatten, die im Haushalt zu finden waren. Die Lieder der Schlümpfe wurden dazu genauso herangezogen wie die (damals schon) alten Schlager von Bill Ramsey, Connie Francis, Daliah Lavi und Catherina Valente.

Als man Etoshas überragendes Gesangstalent erkannte, wurde sie sofort von der Volksschullehrerin Frau Sackl(?) für den Kinderchor verpflichtet. Die exakte Gesangslinie der Fr. Sackl war legendär, jedes T und jedes S und Z musste von allen Sängern exakt an der selben Stelle kommen, sonst war sie nicht zufrieden. Der Drill lohnte sich – schön konform in schwarz und weiß gekleidet, wie sich das gehört, durfte der Chor zur Verabschiedung des damaligen Schuldirektors im Rot-Kreuz-Saal zu Gerasdorf dessen liebste Heimatweisen zum besten geben. Völlig wider Willen kann Etosha daher den Text von ‘Kein schöner Land’ und anderer, unaussprechlicher Weisen heute noch auswendig.

Platten waren, Platten werden sein. Etosha und ihr Bruder hörten Cat Stevens und John Denver, Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich. Etoshas Bruder war ein autodidaktischer Sturkopf und gab keine Ruhe, bis er genügend Akkorde auf Papas Gitarre spielen konnte, sodass fürderhin die beiden notfalls auch völlig ohne Elektrizität und Vinyl überleben konnten.

Auch später im Gymnasium gab es Chöre und Musiker, Etosha zog es da immer hin. Manche der Musiklehrer standen Fr. Sackl in Traditionsbewusstsein und Verkrampfung Genauigkeit in nichts nach, andere dagegen hatten mehr Gefühl und die bessere Musikauswahl für den Chor. Es formierte sich ein Musical- und A-capella-Chor, wo Etosha viel Spaß hatte und ebensoviel lernte. Im Jahre 1989, da war Etosha 15, wurde monatelang für ein Musicalkonzert geprobt, das im Juni zur Aufführung kommen sollte. Verschiedene Chor- und Solostücke aus bekannten Musicals wurden dafür ausgewählt, und Etosha – ha! – hatte eines der Soli.

Eine Woche vor dem großen Tag kam die noch größere Verkühlung. Triefende Nase, dicker Hals, Stimme weg, oh Schreck. Das war schwer zu verbergen, und es gab ein Gerangel zwischen Etosha und einer anderen Chorsängerin, die dieses bestimmte Solo auch gerne singen wollte. Die Chorleiterin entschied, wer bei der Generalprobe das Stück besser singen würde, der darf. Also dopte Etosha ihre Stimme sogleich mit allen erlaubten und verbotenen Mitteln, Voicepearls, heißen Umschlägen, Rotwein – und entschied so das Generalprobenmatch für sich. Für den Tag danach war, wie man sich vorstellen kann, jedoch von dem ohnehin nur sehr leise krächzenden Stimmchen nicht mehr allzuviel übrig.

Genug jedoch, um es auf das Magnetband eines Videofilms zu schaffen, und von dort auf eine mittlerweile uralte VHS-Kassette. Und ebendiese hab ich heute geholt.

Es ist ja immer ganz furchtbar, sich selbst singen zu hören. Schlimm genug, wenn man die eigene Stimme versehentlich auf jemandes Anrufbeantworter vernimmt. Man möchte sich am liebsten irgendwo verkriechen. Singstimme ist AB-Stimme hoch 10.

Merkwürdigerweise hab ich aber heute festgestellt, dass dieses Gefühl tatsächlich vergeht, irgendwo am Weg hin zu ’17 Jahre später’ verliert es sich einfach. Heute seufze ich nur noch ein wenig und freue mich dann doch sehr darüber, dass es solche Aufnahmen gibt. Was bleibt, ist der Text, den kann ich immer noch.

Es ist mir also ein besonderes Vergnügen, euch hier erstmal ein Bild des besagten Tages aus dem Video zu präsentieren:

Etosha1989

 

Es gibt leider keine Fotos von dem Tag, also musste ich das Video fotografieren, daher die großartige Qualität.
Bei dem ‘Kleid’ handelte es sich übrigens um diverse alte Kleiderreste, die ich mir zusammengeflickt hatte, ganz in meiner Rolle der Éponine aus Les Misérables aufgehend.
Das Video als ganzes konnte ich nicht rippen, es gibt aber auch nicht weißgottwieviel zu sehen, ich stehe da einfach, wippe ein bisschen und singe.
Aber natürlich hab ich auch den Ton gerippt, und ja, natürlich gibts hier einen Ausschnitt. Würde ich euch sonst so gnadenlos auf die Folter spannen? Also bitte: Hier gibts ein Stückchen von dem Lied zu hören.

      Etosha-On_my_own.mp3 - Etosha, 15.

Soweit die Geschichte bis 1989. Gute Nacht, Kinder!

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Also ich find ja junge, österreichische Schlagersängerinnen prima. Die Erika Pluhar oder die Dagmar Koller z.B., also da bin ich wirklich Fän. Ich kann Sie nur ermutigen, weiter in dieser Richtung usw.

    Interessant ist noch, dass österreichisches Englisch im Gegensatz zum Schweizer Englisch durchaus ganz passabel klingt.

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  2. Schöne musikalische Lebensgeschichte und wäre ich live dabei gewesen, als “On my own” zur Aufführung kam, hätte ich bestimmt Gänsehaut bekommen. Starkes Rauschen und Büroumfeld lassen im Moment leider keine Gänsehaut zu – ich probiers heute Nacht zuhause nochmal ;-)

    off topic: bedauere sehr, dass etosha #57 verloren ging.

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  3. Leider hat Akismet ein paar Eurer Kommentare in den Gully geworfen – danke, Behave, für den Hinweis! Ich hab sie jetzt rausgezogen, in liebevoller Kleinarbeit gewaschen und getrocknet, und da sind sie nun.

    @ TM: Schlager ist nicht wirklich meine Welt, rein gesanglich, obwohl, andererseits… da gibts schon einiges mit dem Prädikat ‘Merkwürdig’ auf meiner externen Festplatte.
    Pluhar ja, Dagi nein. Ihre Version von ‘Don’t cry for me Argentina’ war so ziemlich die schrecklichste aller Zeiten. Auch was das Englisch betrifft – sie hielt das ja offenbar für spanischen Akzent.
    Apropos, ich hab mich sogar über mein eigenes von vor 17 Jahren ein bisschen amüsiert; ich höre da den damaligen Einfluss des klassischen Ansatzes, da klingt Englisch immer ein bisschen seltsam. Mittlerweile hört man aber kaum mehr den Österreicher durch.

    @Rotfell: Danke. Und vielen Dank auch für die Inspiration! :) Ist wie Tagebuchschreiben Jahre später und hat mir viel Spaß gemacht. Fortsetzung folgt natürlich.

    @Behave: Eigentlich so ziemlich das schönste Kompliment, das man als Sänger kriegen kann. Denn Gänsehäute, die lassen sich nicht willentlich beeinflussen, weder unterdrücken noch erzeugen.
    Ein schöner Ausdruck dafür, aus dem Niederländischen, lautet übrigens: Ameisentitten :))
    Das starke Rauschen allerdings, befürchte ich, wird daheim auch nicht weniger werden.
    zu OT: Ich bedauerte es auch sehr, wirklich. Voll die Fiesität. Ich dachte, ich gewinne so viele Hubschrauber, wie ich tragen kann, und dann das! Es handelte sich um böhmische Essgewohnheiten und unverzichtbare Gewürze. Vielleicht war ja irgendein reizendes dabei. Bei mir war jedenfalls keine Rache im Spiel, sondern nur die missverständliche Technik des allzu fein gewobenen Filtereinsatzes.

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  4. Auf meinem natürlich ebenfalls, auch damals schon; aber eine Schwäche für Musical habe ich immer noch.

    Vielen Dank für die Blumen, die so viele Jahre später am Bühnenrand landen! ;)

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