Mitspielen

Auf unserem stillen Örtchen steht ein Spanisch-Sprachkalender. “Spanisch-Übungen für jeden Tag”. An diesem Tag, von dem ich hier schreiben will, ging es um Phrasen bei sportlichen Aktivitäten. Und da prangte dieser Satz an erster Stelle:

“Kann ich vielleicht mitspielen?”

Nun mag das eine durchaus naheliegende Frage sein, wenn man sich eine Situation ausmalen möchte, in der man alleine in ein spanischsprachiges Land gereist ist und etwa am Strand eine Partie Volleyball ausgetragen wird, bei der man gerne dabei wäre. Das ist nicht weiter spektakulär. Doch in aller Herrgottsfrühe, wenn mein Seelchen dem kühlen Luftzug des wirklichen Lebens noch völlig ungeschützt preisgegeben ist, spüre ich manchmal wesentlich mehr als in den Stunden danach. Und so überfiel mich angesichts dieser simplen Frage tiefes Mitgefühl, die Empfindung der Unsicherheit und der Verletzlichkeit, die hinter diesem Satz verborgen ist, ein ziehendes Bauchgefühl mit zwei zusätzlichen schneeballgroßen Irrlichtern unterhalb der seitlichen Rippenbögen.

All die menschliche Sehnsucht nach Geselligkeit, danach, in eine feste Gemeinschaft eingebettet zu sein, die Illusion der Sicherheit und die Abhängigkeit, die sich aus dem Leben als soziales Rudeltier ergeben, all die freiwillige Unterordnung nur der Begleitung wegen, der schwankende und poröse Boden des Dazugehörenwollens, sie verdichten sich in diesem einen Satz: “Kann ich vielleicht mitspielen?”

Der Satz lautet nicht einfach nur “Kann ich mitspielen?”, sondern “Kann ich vielleicht mitspielen”, ganz so, als wäre der Fragende seiner eventuellen Abweisung schon eine Viertelerwartung entgegengegangen, um eine mögliche Enttäuschung vorweg ein wenig abzufedern.

Wer diese Frage stellt, rollt sich auf den Rücken und zeigt die Kehle und den weichen, verletzlichen Bauch. Er läuft Gefahr, sich ein Nein einzufangen, eine Ohrfeige mitten ins Gesicht einer Seele, die sich nach Einssein und Harmonie sehnt, einen Schlag in den Bauch eines Instinktes, der das von ihm behütete Körperwesen ohne die Akzeptanz seiner Mitmenschen zum Scheitern, ja, sogar zum Tode verurteilt sieht.
Ich möchte auch dazugehören; wenn die anderen mich nicht lieb haben, was bleibt mir dann noch, außer einem Leben in Einsamkeit und Traurigkeit, in dem das Glück der menschlichen Nähe und Geborgenheit mir verwehrt bleibt?

Wie beim Volleyball, so muss sich auch in dieser großen Gemeinschaft das Rudeltier gewissen Regeln unterwerfen, es erfährt mitunter schon sehr früh, dass es sich nicht unbeschränkt frei entfalten darf, dass es nicht weinen oder nicht so laut lachen soll, dass seine Interessen seltsam und seine Ausdrucksweisen eigenartig sind, ganz so, als ob es verwerflich wäre, eine eigene Art zu haben. Durch Ablehnung und Zustimmung entsteht im ‘Idealfall’ die gewünschte Form. Ein loses Blatt Papier in einem Stapel zu Boden gefallener Blätter, ein Stapel, der so lange mit Händen bearbeitet und von allen Seiten auf einer Unterlage aufgeschlagen wird, bis jedes einzelne vorwitzige, am Rand hervorstehende oder überhaupt ganz querliegende Blatt sich der Gesamtform des Stapels gebeugt hat.

Man sehe sich Kinder an und wie sie oft miteinander umgehen, da herrscht ein rauherer Ton als unter Erwachsenen, und wer sich diesen übermäßig zu Herzen nimmt, erfährt in einer Art übertriebener Vorbereitung auf das restliche Leben, wie direkt und hart Menschen in einer Gemeinschaft zueinander sein können. Da ist der Erwachsene klar im Vorteil, er profitiert von der Gnade der erlernten Höflichkeit, die Erwachsene in aller Regel walten lassen, und im konkreten Fall auch noch von der spanischen Sitte, Fragen nicht rundheraus mit einem “No!” abzuschmettern, sondern einen Satz mit “Es que…” zu formulieren, “Naja, es ist so, dass…”.

Ein solcher Satz in einem Sprachkalender, fast schon eine Metaebene der Kommunikation. Wären wir nicht die sozialen Tiere, die wir sind, hätte Sprache sich niemals entwickelt. Denn wozu sich selbst die Welt erklären, wenn niemand anderer da ist, der zuhören will, mit dem man sich absprechen und austauschen kann? Wenn niemand da ist, den man fragen möchte, ob man mitspielen darf?

Wie viel Verbiegungsenergie von Menschen darauf verwendet wird, Harmonie zu stiften und dazuzugehören, oder sich abzuheben, indem man so unwahrscheinlich anders und verrückt ist – was am Ende nur zwei Pole desselben Planeten darstellt – wie viel Hitze bei diesen Vorgängen frei wird, und wie sehr wir dabei noch versuchen, unsere Eigenständigkeit, unsere Unabhängigkeit und Willensfreiheit zu entwickeln und zu bewahren! Es ist schon ein vortreffliches Spiel, das wir uns da ausgedacht haben. Ich würde es “Lustiges Gratwandern zwischen nahezu unvereinbaren Gegensätzen” taufen.

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