Mal was Anderes

Angesichts eines TV-Berichtes über eine Benefiz-Matinée kommen mein Mann und ich (Ösisprech-Warnung!) ins Reden. Man kommt ja manchmal ins Reden beim Fernsehen. Nicht auffallend oft, weil Moderatoren, Off-Stimmen und Explosionsgeräusche das eigene Zuhör- und Sprechvermögen herb irritieren. Aber manchmal ergibt sich dann eben doch was. Man könnte überhaupt viel mehr reden, wenn der Fernseher nicht dauernd dazwischenplappern würde.

In diesem seltenen Augenblick befinden wir, man müsste mal eine richtig ehrliche Veranstaltung ins Leben rufen, einen Kontrapunkt zu all den sich überschlagenden guten Zwecken zum Jahresende, eine Gegenveranstaltung zur Benefiz-Matinée.

Nennen wir sie doch Malefiz-Soirée. All die Reichen und Schönen sind geladen, die schauspielernden Herrenrassereligionsrepräsentanten und die Bezieher hoher Politikerpensionen, die kinderausbeutenden Markenartikelhersteller und die werbefreudigen Spitzensportler, die möchtegernprominenten Insbildquetscher und auch einige unverhoffte Butterseitenfaller.

Der Eintritt ist selbstverständlich frei, wie auch die exquisiten Getränke und das feudale Buffet. Den ganzen Abend lang wird eine Slideshow an die Wand projiziert, die tiefe Betroffenheit auslöst – tausende herzzerreißende Bilder von reichen Menschen, wie sie auf ihren Terrassen mit Ausblick über die Côte d’Azur oder über die Innenstadt von Monaco ihr lichtloses Dasein fristen und dabei ein opulentes Mahl hinunterwürgen müssen, erschütternde Momentaufnahmen von millionenschweren Mitmenschen, wie sie gegen ihren Willen Tag für Tag in top-ausgestatteten Stretch-Limousinen durch die Welt chauffiert werden, oder wie sie zum drogenumwölkten Bad in ihren Whirlpools gezwungen werden und ihnen hernach der Staubzuckergehalt im Arsch erneuert wird.

Der arme Mensch an sich wüsste mit Geld ohnehin nichts Vernünftiges anzufangen. Und sein Mitgefühl ist auch wirklich immens, dank der umfangreichen Werbemaßnahmen, die die Armen dort stehen ließen, wo sie eben standen, nur mit noch weniger Geld. Jeder gibt für diesen Zweck mehr als er kann, das liegt in der Natur der Sache. Man muss eben auf das Elend aufmerksam machen, es erschließt sich den Menschen nicht von selbst – besonders jenen, die in Armut leben, erscheint das Gras auf der anderen Seite absurderweise grün. Man musste also zuvor erst ein Bewusstsein schaffen für die Qualen und Entbehrungen der Wohlsituierten.

Aus dem Spendenpool, der in der Mitte des Ballsaales gülden und ziseliert den Glanzpunkt der Soirée bildet und mit dem letzten Geld der Armen gefüllt ist, darf sich am Ende des Abends jeder Gast nach Belieben bedienen.

Man nennt diese Veranstaltung auch die “Hobin-Rude-Gala”.

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