Madeira

So, meine Lieben. Eine Sichtung aller Fotos und eine Auswahl daraus schaff ich in so kurzer Zeit nicht, was in erster Linie daran liegt, dass ich eine Woche lang völlig ungehemmt geknipst hab, an manchen Tagen so viel, dass ich abends meinen Arm nicht mehr heben konnte. Trotz aller Vorsätze, die Kamera doch endlich am Objektiv festzuhalten, tat mir zuverlässig die rechte Schulter weh, woran man, wenn man mit der Anatomie von Kameras vertraut ist, leicht erkennen kann, dass ich das Befolgen von Vorsätzen lieber anderen überlasse. Ich kann aber echt gute Ratschläge geben. ;D

Aber ein paar erste Bilder hab ich ausgewählt. Und schon gehts los!

Die Wunder beginnen bereits in der Luft.

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Es zeigt sich mir dieses wundersame Lichtphänomen samt Flugzeugschatten.

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Auch klar: Je näher die Wolke, desto größer der Schatten.

EDIT: Der Schatten heißt Brockengespenst oder (englisch) Brocken spectre. Der bunte Lichtschein heißt Glorie (solar glory) – und nicht Halo.

Ich weiß, die endlosen und überaus spannenden Fotovorträge von Bekannten, die gerade im Urlaub waren, beginnen auch immer mit Wolkenfotos aus dem Flugzeug. Gähn-gähn, zu welchem frühesten Zeitpunkt können wir uns nach Hause verdrücken, ohne uns den Unmut unserer offenbar fotografiebesessenen Gastgeber zuzuziehen? Aber das Fliegen ist für einen Wolkenfreak wie mich einfach paradiesisch…

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…drum gibts hier, verzeiht, noch ein letztes davon, dann hör ich aber eh schon auf:

Nach viereinhalb Stunden Flugzeit kommt endlich die Insel in Sicht.

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Das auf Säulen erbaute Konstrukt an der Küste links im Bild ist übrigens die Landebahn. Hui, sonderlich lang sieht die ja nicht aus. Auch unter dieser Landebahn tut übrigens sich einiges – darauf komme ich in einem späteren Eintrag sicher nochmal zurück.

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Und schon sind meine Freundin K. und ich mit unserem knallroten und überraschend spritzigen Nissan Micra auf der Straße und genießen erste Ausblicke auf die phantastische Küste.

Ich bin am Steuer und bleibe da für den Rest der Woche, K. möchte lieber navigieren. Es ist, insbesondere im Norden der Insel, so wenig Verkehr, dass ich oft einfach mitten auf der Straße stehenbleibe, um ein Foto zu machen. Hubbies Warnungen vor dem risikofreudigen Fahrstil der Madeirenser (und die gleichlautenden im Reiseführer) kann ich nicht bestätigen. Ich bin offenbar konkurrenzfähig.

Hier aber nun die Aussicht von einem der unzähligen “Miradouros” aus (Aussichtspunkte mit Park- und Postkartenkitschfotomöglichkeit).

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In diesem Fall jenem Miradouro bei Agostino, dem einnehmenden Obstverkäufer mit dem wohl grandiosesten Arbeitsplatz der Welt.

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Eine typische Ortsstraße, die infolge ihres halsbrecherischen Gefälles im Nirvana (oder dessen Entsprechung im Element Wasser) zu verschwinden scheint. Freundin K., die rechts von mir den Navigatorposten besetzt, fühlt sich an diesen Stellen merklich unwohl, wobei zwischen Abwärts- und Aufwärtsfahren in ihrem Unbehagen kein eklatanter Unterschied festzustellen ist.

Manchmal geht es so unglaublich bergauf, dass sich leise die Erwartung einschleicht, das Tschihuu (=Hupferl=Nissan) könnte jeden Moment nach hinten umkippen und dann eine für ein Auto eher untypische und daher aufsehenerregende, weil saltoschlagende Talfahrt hinlegen.
Diese gestalten sich aber auch ohne Rückwärtssaltos aufsehen- bzw. hörenerregend, weil so ein Benziner im zweiten Gang einen steilen Berg hinab sehr stark zum Heulen und Schreien neigt – und trotzdem immer schneller wird. Manchmal gibt das Tschihuu nach großen Anstrengungen auch die eine oder andere Fehlzündung von sich. Bitte nicht schießen, schon gut, wir fahren ab jetzt langsamer!

Bei einer unserer Fahrten macht K. mir gegenüber eine Bemerkung über meinen Fahrstil, etwa “Sehr souverän machst du das, beeindruckend!”; ich freue mich und erwidere “Schön, wenn du dich wohlfühlst”. Sie überrascht mich mit einer Antwort, die man geradezu als typisch für sie bezeichnen könnte: “DAS hab ich nicht gesagt”.

Später kreuzt im großen Garten eines Restaurants unerschrocken der erste Farn meinen Weg.

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Ich denke an mkh und mache ein Foto. Es ist nur ein gaaanz kleiner Farn.

Wir beziehen unser Häuschen in der Quinta do Arco, an der Nordküste gelegen, im Dörfchen Arco de Sao Jorge. So sieht unsere bescheidene Hütte von außen aus:

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Das linke der beiden Häuser ist unseres, es trägt die Nummer 16 und den klingenden Namen “Varanda”. Bitte eintreten:

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Rechts gehts noch weiter in ein Schlafzimmer und in ein Bad mit Wanne und großem Spiegel.

Der erste optische Eindruck ist umwerfend, der olfaktorische allerdings auch, er lässt sofort Schimmelbildung befürchten – wir finden die entsprechenden Gewächse dann später auch, an der Wand des Schlafzimmers und des Bades. Grund: Die Hütten werden, wenn sie nicht bewohnt sind, auch nicht geheizt. Und auf der Insel ist es saumäßig feucht. Im Bad nebenbei bemerkt auch, insbesondere, wenn man versehentlich den montierten Duschkopfhalter auch tatsächlich bestimmungsgemäß zu benutzen wagt. Ich sage euch, die wahren Wasserfälle auf Madeira spielen sich in den Badezimmern der Quintas ab.

Zwar gibt es zum Zwecke der Hüttenwärmung in unserem Schlafzimmer einen kleinen elektrischen Heizkörper, der aber verursacht maximal einen gewissen Placeboeffekt. K. tauft ihn später liebevoll “Kleidertoaster”, weil wir auf ihm morgens regelmäßig unsere Kleidungsstücke aufwärmen und entfeuchten, weil die aus dem Schrank doch eher feucht und klamm daherkommen. Auch die Handtücher trocknen so gut wie nie.

Aber – es gibt auch einen Kamin im Wohnzimmmer. Hahaa! Bin ich doch eine alte Feuerkundige, in meiner Kindheit wurde oft Kaminfeuer gemacht, man hat mir beigebracht, wie das geht.

Man hat mir allerdings nicht beigebracht, wie das mit durch und durch feuchten Holzscheiten und ohne jegliches Unterzündmaterial geht. Das einzige, was wir in unserem Holzkorb vorfinden, sind feuchte Riesenscheite und Grillanzünder. Ich sag mal so: Wenn man aus der einschlägigen Literatur (=Reiseführer) erfährt, dass Zarco, der Pionier der madeirensischen Besiedelung, erstmal einen kleinen Teil der Insel durch Brandrodung vom Lorbeerwald befreien und damit bewohn- und bewirtschaftbar machen wollte, und dass selbiger Wald nach diesem Versuch quasi versehentlich zwölf Jahre lang brannte, fragt man sich: Wie zum Geier hat der das angezündet?

Der erste Versuch einer pyromanischen Raumbeheizung fällt auch entsprechend kläglich aus: Die Grillanzünder brennen heftig und lang, sie brennen schließlich ab, das Holz nicht an. Der Kamin ist winzig, aber drei Stück Grillanzünder sind für zwei Scheite eindeutig zu wenig. Zwangsläufig muss ich die Kamintür öffnen, um neue Anzünder zuzuführen; beißend kalter Rauch steigt daraus empor und verwandelt unser Wohnzimmer im Handumdrehen in eine gigantische Räucherkammer.

Das Foto oben zeigt, der Dachstuhl ist in den Raum integriert, da oben gibt es aber keine Fenster. Die Menge an Rauch, die sich durch das Öffnen der beiden Flügeltüren aus dem Wohnzimmer befördern lässt, ist äußerst kärglich. Auf eine Bewachelung in der Tradition der Saunagänger verzichte ich aus Müdigkeitsgründen.

Erste Maßnahmen werden alsbald ergriffen: In unserem Haus wandert kein noch so kleines Stück Papier in den Müll. Eine Zeitung, die wir tags darauf erstehen (“Welche?” – “Die größte bitte!”), soll uns Unterzündmaterial und einen Wetterbericht liefern. Letzteren finden wir leider nicht, denn es ist, wie wir später ernüchtert feststellen, eine Sportzeitung. Umso besser, damit ist sie recht und billig zum Anheizen. Wir verstauen sie in weiser Voraussicht in einem mitgebrachten Toppits-Sackerl mit Zipp, damit sie am Abend nicht genauso feucht ist wie unsere Handtücher.

(Fortsetzung folgt)

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