Madeira 2

Gibt es auf Atlantikinseln sibirische Winde?

Um das herauszufinden, lege man sich in ein madeirensisches Bett, dessen Matratze im Laufe des Tages ausreichend Gelegenheit hatte, sich mit klammer Feuchtigkeit vollzusaugen. Schon streicht dir ein zarter Gruß aus Sibirien über den Rücken. Eine zusätzliche Weste bringt keinen Erfolg. Schließlich platziere ich meine erstaunlicherweise noch warmen Handflächen unter meiner Nierengegend. Zwei eingeschlafene Arme später gebe ich verdrossen auf und beziehe die Wohnzimmercouch. Die ist wenigstens den ganzen Abend lang mit warmem Rauch beheizt worden.

Sehr früh am nächsten Morgen ist es aber auch da schweinekalt. Ich ziehe mir ein paar Schichten an und gehe raus, stöbere das hoteleigene Holzlager auf, denn unser Holzkorb erfreut sich gähnender Leere. Im Holzlager siehts ähnlich aus, aber am feuchten Fliesenboden des Lagers liegen noch einige Holzscheite rum. Ich packe ein paar kleine ein, die auch sicher in unseren winzigen Ofen passen.
Wenn jemand „schdirdln auf da Gstettn“ nach bundesdeutsch übersetzen könnte, wäre ich dankbar – denn das hab ich in meiner Kindheit gemeinsam mit Papa und Bruder oftmals und voller Freude betrieben. Und so werde ich auch dort im Halbdunkel des Holzlagers innerhalb kürzester Zeit weiterer Dinge habhaft – ein großer Blecheimer dort ist mit Holzresten und Rindenstücken gefüllt. Davon nehme ich einen Sack voll mit, außerdem einen leeren Eierkarton und weitere Kartonteile aus dem Papiermüll. Denn ich habe einen Plan für das perfekte Feuer am Abend. Warm soll es sein.

Aber fürs erste nix wie raus hier.

Wir fahren über die Boca Encumeada, von der aus man sowohl Richtung Norden als auch Richtung Süden bis zum Meer sehen kann, durch nebelverhangene Berge in die Paúl da Serra, eine sumpfige Hochebene, deren flache Landschaft und schnurgerade Straßen(!) sich von der restlichen Insel deutlich unterscheiden.

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Wären da nicht die Erikabüsche, man könnte glauben, man wäre durch ein Wurmfarnloch versehentlich irgendwo im Marchfeld gelandet. (Schau genau, auf diesem Foto ist auch das kleine rote Tschihuu versteckt.)

Danach latschen wir schnell mal zwei Kilometer auf einer Serpentinenstraße bergab Richtung Rabacal, in erster Linie, um die Levada do Risco zu erreichen, aber natürlich auch, um am nächsten Tag nicht womöglich ohne Muskelkater dazustehen.

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Levadas heißen die künstlichen Bewässerungsgräben auf Madeira, die in Zeiten der Sklaverei von eher unfreiwilligen Arbeitern angelegt wurden, und an deren Verläufen sich gut wandern lässt.

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Wir werden mit offenen Armen empfangen.

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Ein Wasserfall ist des Latschens Lohn.

Das schwarze Gestein in holder Eintracht mit dem hellen Himmel bildet prächtige Kontraste, bringt aber das Fotohirn regelmäßig zur Verzweiflung. Die Anzeige am Display der Alpha 300 ist unzureichend, die Histogramme sind zwar ausführlich, aber die zugehörige Anzeige des Bildes, auf dem unter- oder überbelichtete Bereiche gekennzeichnet werden, ist viel zu klein und am hellichten Tag kaum zu erkennen. Auch daher kam die schier unbewältigbare Menge an Fotos, die ich mitgebracht hab, nicht nur aus übersprudelnder Inspiration.

Zum Glück für unsere Beinchen bringt uns ein Bus die zwei Kilometer zurück nach oben zum Parkplatz.

Als nächstes landen wir an der Flussmündung der Ribeira da Janela, steigen durch die fensterförmige Öffnung im Fels…

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…und landen an einem prächtigen Strand.
Ich hab mich für die farbverzerrte Variante entschieden. Denn wie kraftvoll die Brandung dort ist, wie herrlich grün der Felsen leuchtet, wenn die Sonne durchkommt, wie herrlich einsam es da ist…

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…und wie wundersam die Pflanzenwelt, lässt sich weder mit Worten noch mit Bildern treffend beschreiben.

Auf dem Rückweg trinken wir Kaffee in der Bucht von Seixal in einem „männerdominierten Café“ (O-Ton K.).

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Mir gefällt der grün bemooste, rundgewaschene Fels in der Bucht so gut.

Bei Sao Vicente versuche ich ein paar Langzeitbelichtungen der Brandung. Von einigem gewohnt undamenhaften Gefluche begleitet, denn durch den ND-1000-Filter kann weder Mensch noch Autofokus das geringste erkennen, weder ob der Horizont gerade, noch ob die Felsen scharf sind. Ersteres lässt sich leichter bewerkstelligen (Stativ-Ersatz Hotelmauer, vor der Filtermontage Kamera mit untergelegten Farnwedeln geraderichten), zweiteres ist schon etwas schwieriger, weil der Fokus sich nicht fixieren lässt – und es sich beim ND-Filter um einen Schraubfilter handelt. Eine verwunschene Kombination.

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Trotzdem gibt es eine kleine Belohnung für meine Geduld.

Am Abend, zurück in der Quinta, empfängt uns der warme Schein unserer indischen Hanflampe.
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Das ist aber auch das einzig Warme in der Hütte.

Sofort holen wir unsere Sportzeitung aus dem Toppits, die da drin zum Zwecke der Trockenhaltung gelagert war. Feuermachen mit Grillanzündern ist zwar unsportlich, ohne allerdings ist es unmöglich – auf Madeira. Da schon das Verheizen einer Sportzeitung offenkundig von unserer Unsportlichkeit zeugt, werden auch drei Grillanzünder an strategisch günstigen Stellen platziert. Darauf Stückchen von Fitzelchen von Eierkarton, darüber ein Haufen Kleinholz sowie ein schönes Pyramidchen aus dünnem Gehölz, und schließlich drei richtige Scheite. Es soll vermieden werden, dass die Tür geöffnet werden muss, bevor die Sache richtig heiß geworden ist. Ungeduldig darf man dabei natürlich nicht werden.

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Und siehe da – ein Feuerchen knistert im Ofen! Na geht doch!

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das rote Autochen ist gut versteckt. Ich seh da zwei rote Pixel, die ich als Auto zu interpretieren gewillt wäre, aber vielleicht ist hier der Wunsch der Vater der Erkennung ;) Magst es nicht ganz herzeigen, das tapfere Kraxlerchen?

    Ansonsten: Tolle Fotos und schöner Bericht.

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  2. Danke! :) Tschihuu kommt eh noch. Vorerst musst du aber mit den roten Pixeln vorlieb nehmen. Aber deine Willensstärke ist dabei ja sehr hilfreich! :)

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  3. Wie euch da das kleine Volk der Farne mit offenen Armen empfängt, ist schon herzerwärmend!

    Aber pass bitte auf mit den Raum-Zeit-Kontinuen und den Wurmfarnlöchern – du weißt ja, was da alles passieren kann…

    Und: Feuer gut – alles gut.

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  4. Schon, gell? Hach, diese Farne. Man möchte sie Pharne nennen vor lauter Respekt.

    Ich pass eh auf. Das war ja nur eine humoristische Metapher. ;)

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  5. Jetzt muss ich mir deinen Text aber nochmals genau durchlesen, ob ich da irgendwo das Humoristische entdecke…

    (Strichpunkt, Klammer)

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  6. „Marchfeld“ – konnte ich übrigens nachguckeln. Aber schdirdln auf da Gstettn… kann ich nur interpretieren: Auf allen Vieren und mit´m Schädel tief am Boden nach irgendwas suchen, was man drei Wochen da verloren zu haben glaubt???

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  7. Strichpunkt und (sehr) großes P, Herr mkh.

    ad schdirdln: Naaajo, so ähnlich. Schdirdln ist der österreichisch korrekte Ausdruck für „stöbern“ oder auch „durchsuchen“ (letzteres insbes. mit der Konnotation „fremdes Eigentum“, also eines anderen Schubladen oder Schränke).
    Und die Gstettn ist die gute alte Müllhalde, die’s heute so gut wie nirgends mehr frei zugänglich gibt. Wahre Schätze konnte man da bergen! Oder sich zumindest wundern, was die Leut alles kaufen (und später wegschmeißen).

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  8. @ großes P
    Oje, klassischer Fall von mkh-Fettnapf: Eigentlich wollte ich damit sagen, dass dein Beitrag mit feinstem, gediegenem Humor geradezu angefüllt ist!

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  9. wahnsinns fotos – dreifachen habtacht dafuer!

    schdirdln ist uebrigens spezifisch wienerisch/sued-niederoesterreichisch. in der steiermark bin ich damit schon eingfahrn (mit dem wort, nicht der taetigkeit an sich). und unter gschtettn verstehe ich weniger eine muellhalde als mehr ein unansehnliches (weil unordentliches, oedes und zumeist durchaus auch mit in die landschaft komponiertem unrat versehenes) stueck flaeche (gerne auch ein wenig geneigt). aber ich glaub, in jedem fall was schiaches mit viel klumpat drauf, oder? ]:D

    seids doch froh wegen der huettn mit eingebauter klimaanlage. unsereins gart auf weit ueber 2000m seehoehe mit ausserhalbigen minusgraden in einem auf wohlige backofentemperatur aufgeheizten zimmer. baeh!

    und wegen autochen: rot in gruener landschaft? na sensationoes. doppel-baeh!

    aber davon abgesehen … herrlicher beitrag mit viel lach und schmacht. danggeschoen ]=).

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  10. Danke für Habtacht und schmacht, mein Lieber!
    Echt, schdirdln is regional begrenzt? Also, nord-niederösterreichisch isses jedenfalls auch.
    Diese Bedeutung von Gschtettn kenn ich zwar auch, die wurde aber bei uns nicht so verwendet. Aber stimmt, die Neigung ghört dazu. A flache Gschtettn in ‚deiner‘ Bedeutung wär irgendwie seltsam.
    Ach, schiach… also, die ‚deinige‘ Gschtettn kann durchaus auch von hohen Gräsern bedeckt und von Schmetterlingen beflogen sein. Schiach is also relativ. ;) Das Klumpat, wenn es denn tatsächlich in die Landschaft komponiert ist (*gg*), fügt sich da nahtlos ein. ;)

    Hey, das rote Tschihuu findet man in der grünen Landschaft wenigstens schnell wieder! Is auf Madeira net ganz unwesentlich.

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  11. … ausser man ist farbenblind. aber wer ist das schon ];).

    ansonsten: zustimmendes nicken! obwohl ich eine gstettn mit schmetterlingen nicht wirklich als solche akzeptieren wuerde.

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  12. Oh. Stimmt ja. Tschulligung =)

    Einbläu-Satz im Schmetterlings-Kindergarten: „Ich soll nicht auf die Gstettn fliegen. Dort ist es schiach, und so solls auch bleiben.“

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  13. Mit dem gewohnten Genuss blättere ich durch Deine Bildergeschichte, genieße Deine Erzählung und jedes einzelne Foto. Das Abendstimmungsbild von Sao Vicente hats mir besonders angetan. Dann erst hab ich gelesen, was für technische und sonstige Herausforderungen mit diesem Foto verbunden waren. Du schreibst: eine verwunschene Kombination. Ich sehe: eine verwunschene, faszinierende Welt.
    Danke für dieses wunderbare Foto. Und für die anderen Fotos und für Deinen leiwanden Reisebericht natürlich auch.
    Hach, ich wünscht, ich könnt ein bisschen kreativer und pointierter ausdrücken, wie sehr ich es genieße, mich in Deiner Pfanne herumzutreiben, und was ich alles daraus mitnehme. Hm. Danke. Schön ists.

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  14. Hach, ich wünscht, du wüsstest, wie gut du das kannst! Hat mir sehr gut getan, vielen Dank.
    Es ist noch mehr auf dem Weg, aber es ziiieht sich, weil’s so viel zu sichten und auszuwählen gibt, und ich will mich diesmal wirklich fotomäßig kurz fassen.
    Wir können aber gern mal eine private Fotovorführung machen. Wird eh scho wieder mal Zeit für an Plausch :)

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  15. Merci! :) Eeeeh hats sich gelohnt. Aber es hätte sich noch mehr gelohnt, wenn ich mir ein bisschen mehr die Ruhe zum Nachdenken genommen hätte. Lässt man nämlich zuerst den Autofocus seine Arbeit tun, schraubt dann den Filter an, während der AF ungewollten Drehungen noch einen Riegel vorschiebt(!), und schaltet DANN ERST auf manuellen Focus um, damit beim Druck auf den Auslöser keine Fehlversuche des Scharfstellens mehr erfolgen, dann klappts auch mit dem verdrehungsfreien Schrauben. Klingt logisch, bin aber trotzdem erst letztes Wochenende draufgekommen.

    Gut Ding braucht eben Weile. Vielleicht hilfts ja irgendwem, der ebenfalls nicht der allerschnellste aller Denker ist.

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  16. bin zwar spät dran, aber die Telefonica (de mierda) hat mir zwei Wochen zu früh den ADSL zumo abgedreht, Saubande auch…

    Jedenfalls muss ich unbedingt die Kloburger & Prellenkirchner (=ostniederösterr.) Variante von deinem „schdirndln“ loswerden: hier heißt es „schdiarln“.

    Ich gehe jetzt gleich weiter zu den Kapiteln 4 und 5, bisher alles begeisternd, weil humorvoll berichtet und mit grandiosen Fotos verziert (bei Ciao kriegst du dafür sicher lauter BHs)

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  17. Was mach ich mit BHs? ;)
    Ich glaub, unser schdialn is das selbe, nur haperts mit der Transkription.
    Schön, dass du wieder an Bord bist! (An Pfanne, eigentlich.)

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