Inhalt

Hohl wirkt die Musik auf mich, die an diesem Morgen aus dem Badezimmerradio zu mir ins Schlafzimmer dringt. Staksige Gerüste aus angedeuteten Akkordentwürfen überziehen morgensonnige Dreiminuten-Intervalle, zwischen ihren dünnen Streben aus Takt macht sich weiße Leere breit, ohne Schatten zu werfen. Unausgeschlafene Sänger setzen hier und da verwaschene Akzente in die lustlose Anordnung. Ein akustisches Malbuch, das man am Ende noch selbst mit Inhalten füllen muss.

So wirkt manch modernes Musikstück auf mich: inhaltsleer, gefühlsleer, unmotiviert. Eine Abwärtsspirale wird bis zum Ende ausgetestet: Wie weit kann ich mich zurückziehen, wie wenig aus meinem Inneren enthüllen, um noch als Künstler zu gelten, immer noch gespielt zu werden?

So wird die Leere im Radio mit inhaltslosem Bausch gefüllt. Wir lernen, uns in endlos aneinandergereihten Arbeitswochen unserer Emotionen immer effektiver zu entledigen, wir gieren nach Inhalten. Dann aber müssen wir stattdessen die uns vorgesetzten Verpackungsmittel konsumieren, die nur aus schaumigen Luftblasen bestehen – und bleiben unbefriedigt zurück. Die Musik will sich uns nicht mehr öffnen! Diese einzige paradiesische Bereicherung, die völlig überraschend bislang in dieser kalten, linkshirnlastigen Welt bestehen konnte, kann sie sich nicht mehr leisten preiszugeben, was da in den Tiefen des Künstlers schlummert? Lediglich die innere Leere wird noch bereitwillig offenbart.
Ist das der Spiegel unserer Zeit?

Hinschauen müssen wir, uns selbst im Spiegel erkennen, und uns wieder wandeln, weg von den verlorenen, gefühlslosen Mumien, die gehaltlose Berufe ausüben und inhaltsleere Musik hören. Endlich aufhören mit dem zynischen Versteckspiel, wieder offener werden, unsere Liebe und unsere Angst zeigen, verletzlicher und anlehnungsbedürftiger werden. Unsere wahre Herzlichkeit nach außen tragen – und echter sein.
Das sind die Inhalte, nach denen es mich verlangt.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dies ist eins dieser postings, für die man die etosha-Pfanne einfach liebhaben muss.

    Ein “akustisches Malbuch” nehme ich mit.

    Vielleicht noch eine Antwort: ja, das ist ein Spiegel unserer Zeit. Ein recht aussagekräftiger sogar. Und man mag davon ableiten, was man will. Man mag auch die Augen aufmachen, andere Spiegel und Spiegelchen betreffend.

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  2. Und zwei wahrhaft schöne Kommentare. Vielen Dank! Je tiefer von innen mein Text kommt, umso mehr freue ich mich über solches Feedback. In diesem Fall: Sehr, sehr stark.

    Die Schwierigkeit liegt gar nicht so sehr darin, glaube ich, in diese Spiegel zu schauen und sich zu erkennen. Sie beginnt schon vorher, nämlich damit, die Begebenheiten überhaupt als solche Spiegel wahrzunehmen und zu begreifen, dass wir in unserer sogenannten harten Wirklichkeit von Symbolen umgeben sind, die es zu lesen gilt.

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  3. Was mir an diesem Text an deiner Sprache auffällt: Du bist völlig von gestern! Du klingst wie … hätt ich Schaf doch in der Schule nicht ständig die Ohrwatschel in die Gehörgänge gestopft … Hölderlin vielleicht. Daher also deine romantisch naiven Wünsche ;)
    Ja schau halt mal zu menschenmöglichen Zeiten (also nicht wie ich ;) Fernsehen, da wird uns allen doch vorexerziert, wie mans macht: Inhaltstrailer am Anfang ( ) der inhaltsleeren Sendung, die vor und nach jeder Werbung wiederholt werden, nichtssagende Moderationen der einzelnen Beiträge, mit gewählt nichtssagenden Füllbildchen unterlegtes Abschweifen, aufgeregte Kamerafahrten und spektakulären Perspektiven lenken dabei von wenig aufregenden, unspektakulären Inhalten ab.
    Nach 10 Minuten solcher Sendungen hat man Blähhirn. Was man andererseits ja unbedingt braucht, um durchzuhalten. (Ein selbsstabilisierendes System also.)
    Glaube ich dich zu verstehen?

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  4. Tatsächlich war zum Zeitpunkt deines Kommentars der Text von gestern. Heute schon von vorgestern. Literaturmäßig oute ich mich hiermit als völliges Nackabatzl, kenne also auch diesen Hölderlin-Typ nicht. Hat der gestern auch was gepostet?

    Ja, auch der Fernseher liefert ein gutes Spiegelbild, und das nicht nur in ausgeschaltetem Zustand.

    Mein Ziel zurück zur Offenheit und Herzlichkeit ist mitnichten romantisch-naiv, zumindest fühlt es sich in der Durchführung gar nicht so an, wenn man dazu gegen den oberflächlichen, hartgesottenen Strom schwimmen muss – auch gegen den eigenen! Größtenteils kann ich mir aber wenigstens jene Kontakte und Freunde aussuchen, die zu solch offenem Verhalten imstande sind. Aber auch das Neinsagen zu anderen, weniger befriedigenden Bekanntschaften erfordert einiges an Härte, die von romantisch-naiv doch recht weit weg ist.

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