Impulsives

DieJulia brachte mich in einem Nebensatz ihrer Doggenstory wieder mal auf das Thema unbewusstes körperliches Handeln.

Spätestens seit Desmond Morris wissen es auch wir Unstudierten: Wir haben lange nicht alles so gut unter Kontrolle, wie wir glauben; insbesondere nicht unsere Körpersignale. Gestik und Mimik sind uralte Kommunikationsformen, die uns zum Teil angeboren sind – wie zum Beispiel das Lächeln. Dieser beliebteste aller Gesichtsausdrücke hat seinen Ursprung, glaubt es oder nicht, in einem erschrockenen Gesicht – diese Kombination von Zurückziehen der Lippenmuskulatur und Hochziehen der Augenbrauen.

Andere Primaten legen zusätzlich auch noch die Kopfhaare an, um sich kleiner zu machen; das bleibt uns aber zugunsten des mitunter mühsam erstylten Frisurvolumens glücklicherweise erspart. Dieses sich Kleinermachen und auch das Hochziehen der Augenbrauen ist dabei meines Empfindens eine Simulation von Kindchenschema, um den potentiellen Angreifer milde zu stimmen.

Ähnlich Archaisches mag dieJulia dazu bewogen haben, die Dogge anzulächeln; vielleicht war es aber ausnahmsweise auch Entzücken, ob ihres Faibles für Doggen.

Natürlich ist von alledem nicht mehr viel übrig, wenn ein Baby die Stimme seiner Mutter hört und lächelt, und noch weniger, wenn wir später gekonnt unser schönstes Lächeln aufsetzen. Aber es ist doch ursprünglich ein Relikt einer Mimik, die sagte: ‘Ich komme als Freund – tu mir nichts, ich tu dir auch nichts.’ Im Hinblick auf die entspannende Wirkung des Lachens könnte man sogar behaupten, auch das Lachen entspringt einer kurzen Schrecksituation mit anschließender Entspannungsreaktion. Das klingt aber selbst mir jetzt zu trocken-wissenschaftlich.

Nicht nur das Peace-Sign, sondern auch sehr viele unserer unbewussten Körpersignale zielen darauf ab, das Zusammenleben mit den anderen Erdenbewohnern harmonisch zu gestalten. Begegnen wir unverhofft einem fremden Menschen, etwa im Vorraum der Toilette eines Lokals, dann lächeln wir einander flüchtig zu. Wir spiegeln die Körperhaltungen von Freunden tausendmal, während wir mit ihnen einen schönen Abend verleben. Wenn wir auch, Aufnahmen von Gesichtern mit Hochgeschwindigkeitskameras zufolge, ein gespielt freundliches Gesicht mit kurzen Grimassen durchsetzen, die eine ganz andere Sprache sprechen, so simulieren wir doch Freundlichkeit. Man könnte also sogar falsch-freundlichen Menschen geradezu gute Absicht unterstellen – wenn man einen ebensolchen Tag hat. An allen anderen Tagen freilich bleiben sie die opportunistischen, konfliktscheuen Säcke, die sie immer waren.

Gerne wird im Zusammenhang mit diesen Themen das Wort ‘unbewusst’ bemüht. Weil ich mich aber nicht so gerne als Urviech wahrnehme, das gelegentlich ein unwillkürliches Grunzen von sich gibt, schenke ich diesen Vorgängen eine gewisse Aufmerksamkeit. Danach kann ich mich immer noch bewusst für oder gegen den körperlichen Impuls entscheiden.

Einer Studie zufolge sind zum Beispiel junge Frauen, die gerade ihre fruchtbaren Tage haben, also rund um den Eisprung, freizügiger angezogen als die anderen Frauen. Desmond Morris erzählt uns – ich glaube ja: erhobenen Zeigefingers, aber das kann ich nicht beweisen – dass dieses Handeln keiner der Studienteilnehmerinnen bewusst geworden war. Boh!
Vielleicht sind wir Frauen ja – seit diesen Studien und den modemäßig ohnehin fragwürdigen Fotos im Buch ‘Das Tier Mensch’ – insgesamt etwas bewusster geworden, aber ich bin mir meines Körpers während der Kleiderwahl sehr wohl gewahr, und die zugrundeliegenden biologischen Faktoren sind mir durchaus präsent. Ich merke schon, welche Farben ich zu verschiedenen Zeitpunkten bevorzuge, wann mir nach tiefem Ausschnitt zumute ist und wann nicht. Ist jedoch der Ausschnitt für den bevorstehenden sozialen Kontext nicht angebracht, kann ich 100 Eisprünge gleichzeitig haben – ich werde mich trotzdem per ratio dagegen entscheiden.

Manchmal ertappt man sich selbst bei kleinen Unwillkürlichkeiten, und nicht immer ist die Bewusstheit darüber dann so schmeichelhaft für das Ego, respektive die Ega, die sich (und alles andere) ja nur allzugerne voll unter Kontrolle hat. In unserer Damenrunde wird das Beispiel von der Haarsträhne gerne bemüht, die man sich, auf der Straße gehend, unbedingt gerade dann aus dem Gesicht streifen muss, wenn ein Mann entgegenkommt. Kein schöner Mann. Einfach nur ein seine Zeugungsfähigkeit im weitesten Sinne signalisierender männlicher Mensch. Bei einer solchen Putzhandlung von sich selbst ertappt, kommt man sich schon reichlich blöd vor. Die beliebte Rechtfertigung vor sich selbst lautet dann: ‘Aber die Strähne hat mich ja wirklich gerade massiv gestört.’ Ich hör schon wieder die Damenrunde laut lachen! :)

Ich habe es mir also schon lange zum Sport gemacht, diese Handlungen zu beobachten. Die Körperhaltungs-Spiegelungen unter Freunden können dann schon mal zum Lachen reizen. Die Körpersprache in einem Meeting zu beobachten kann ähnlich unterhaltsam sein, nur das Lachen verkneift man sich dann eher.

Mein Sport beinhaltet manchmal auch, einen Impuls bewusst zu unterdrücken. Das beschriebene, typische Klo-Lächeln verkneife ich mir gerne und oft, und beobachte dann amüsiert, aber äußerlich ungerührt, die durchwegs irritierten Reaktionen.
Gut möglich, dass mir das schon so manchen – natürlich unbewussten – Antipathiepunkt beim Rest der toilettengehenden Damenwelt eingebracht hat, aber ich pflege ohnehin nicht, neue Freundschaften auf dem Klo zu knüpfen.

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