Die Beschriftung der Welt

Heute war ich auf der Bank, im Foyer, zum Geldabheben. Dort stehen in einem Aufsteller einige Folder nebeneinander zur freien Entnahme, im gewohnten Folder-Radikal-Hochformat, deren Vorderseiten so aussehen:

LEBENSVER
SICHERUNGEN
UNFALLVER
SICHERUNGEN
KRANKENVER
SICHERUNGEN
PENSIONSVER
SICHERUNGEN

Überaus ansehnlich, nicht? Alle Macht dem Layout? Brrr. Pfui Spinne.

Außerdem hängt dort ein Werbeplakat Marke ‚der Bankangstellte mit der schönsten Handschrift kritzelt mit quietschendem Edding was auf A3‘. Es empfiehlt mir:

Legen Sie in „Krisenzeiten“ Ihr Geld sicher an!

Was mich wieder zurück zu den Deppensatzzeichen bringt. Anführungszeichen, die Worte oder Wortgruppen umklammern, verströmen immer ein bisschen den Duft des „Sogenannten“, des „Angeblichen“, eines ironischen „Ist-ja-gar-nicht-so-wie-behauptet“. Der Duft dieser Satzzeichen ist umso stärker zu wittern, je undurchschaubarer die Gründe für ihre Setzung sind. Hier sind es also angebliche Krisenzeiten. Warum sollten Krisenzeiten, die nur angeblich sind, die Macht haben, mich zu irgendeiner finanziellen Entscheidung zu drängen?

Seltsame Blüten treibt das Anführungszeichenunwesen! (Ha! Was für ein ungemein gelungenes Wortspiel! Sofort in die Werbung damit!)

Wir sind ein „Nichtraucher“ Bier Lokal.

(Man beachte auch das elegante Weglassen jedes noch so sehnlich erwarteten Bindestrichs.)

oder

Alle Speisen werden „frisch“ zubereitet.

(Dazu fallen mir ausschließlich appetithemmende Interpretationen ein.)

An der Außenmauer eines Gebrauchtwagenhändlers auf der Triesterstraße steht seit Jahren in großen Lettern geschrieben:

KAUFEN SOFORT „IHR AUTO“
BARZAHLUNG

Die Anführungszeichen sind auch noch schräggestellt, obwohl der Rest der Schrift aus ganz geraden Blockbuchstaben besteht, sodass die Aufschrift sich schon in puncto Ästhetik einer auffälligen Gehaltlosigkeit erfreut. Anlässlich der spontanen Themenwahl „Die Beschriftung der Welt“ am Telefon mit meiner Freundin N. besprechen wir dieses unschöne Beispiel einer hirnlosen Beschriftung, wobei ich ihr nebenbei auch bekanntgebe, dass der laut Verpackung „dezente Vanilleduft“ unseres Klopapiers derzeit auf unangenehm aufdringliche Weise das gesamte Büroklo beduftet, und das noch nichtmal in einer erkennbaren Vanille-Duftnote.

Zum oben genannten Anführungszeichenkonstrukt argumentiere ich, würde man nur das Wort „IHR“ unter Anführungszeichen setzen, dann würde das unterstellen, dass das Auto womöglich gar nicht im Eigentum des willigen Verkäufers steht. Oder man schrübe nur „AUTO“, dann wäre anzunehmen, es handle sich um einen verbeulten, kaum mehr als solchen erkennbaren fahrbaren Untersatz. Aber „IHR AUTO“…?

N. konstatiert scharfsinnig: Klarer Fall, „IHR AUTO“ heißt dann natürlich gestohlene Rostschüssel.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. lol :) über den Autohändler auf der Triesterstraße amüsieren wir uns auch köstlichst, jedes Mal wenn wir vorbeifahren. Und der mit den „frisch“ zubereiteten Speisen … das ist einer am Naschmarkt, oder?

    Das mit den Foldern ist eindeutig optische NLP. Der Begriff »Versicherungen« hat die Vorsilbe »Ver«, die sehr häufig in negativen Bedeutungen zu finden ist (vergessen, verlieren, verhören, …) wohingegen »sicherungen« etwas sehr positives, schützendes sind. Also ist klar, an welcher Stelle der Begriff abzuteilen ist.
    (Mein Ex-Chef ist gelegentlich ernsthaft mit solchen Argumentationsketten dahergekommen.)

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  2. Gehört zwar nicht zum Thema scheußliches Layout und unpassende Anführungszeichen, aber ich hab was für die Radikalkreativ-Abteilung anzubieten:
    In der Wiener Weihburggasse gibt‘s ein Restaurant namens „Listaurant“.
    Untertitel: „Ehrliche Küche – listige Speisen“
    Ich hab zwar nach wie vor keine List, äh … Lust, dort einzukehren, aber für Wortblödeleien im Freundeskreis hat es schon einiges hergegeben.

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  3. Ganz recht, janocjapun. Der am Naschmarkt ist auch ziemlich auffällig. Mich wundert immer, wie es ein solcher Unsinn vom Erfinderhirn durch alle möglichen Dienstleisterhirne bis an eine Wand oder Auslagenscheibe schafft. Aber es ist möglich! ;)
    ad NLP: Pfff, das ist so durchsichtig, dass es schon wehtut. Und dafür nimmt man die ur-nicht-feng-shui-mäßigen Rudimente LEBENSVER und UNFALLVER in Kauf?

    Susanne, na das ist ja zum Schreien listig. ;P Ich hätt ja Angst, dass die Speisen mich meuchlings niederstrecken. (soutierte Knollenblätterpilze in Bittermandelsauce)

    (Ad Apostroph: Genau genommen waren das beides keine. Das erste war ein ein accent grave („Gravis“), das zweite ein accent aigu („Akut“). Auf der deutschen Tastatur ist der Apostroph über der Raute (#)zu finden. (Wobei ich mir nicht sicher bin, wie’s zu dem ersten typographischen Zeichen kam. Eigentlich sollten die Accents als unverschnörkelte Striche dargestellt werden: é è t`s. Auch das Apostroph *gg* wird in den Kommentaren unverschnörkelt dargestellt: t’s. Sähr sältsaam!))

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  4. Als ehemaliger „DDR“-Bewohner hat man ja noch ganz andere Beziehungen zu den „Gänsefüßchen“…

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  5. Frollein Susi, ich weiß es auch nicht, müßte aber. So sind wir beide gleichermaßen „ungebildet“.

    (Sie könnten jetzt fragen, woher ich meine Eszetts habe. Gnihi….)

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  6. und ich weiß es auch nicht. bitte um aufklärung! ddr-themen werden in unseren landen weit weniger diskutiert als drüben im großen d-land.

    sensationsposting wiedermal, übrigens! nicht nur hat zwang es mich gegen meinen willen zu lachen (beistriche nach belieben einfügen), nein, auch bestätigte es mir, dass ich doch nicht der einzige bin, den dieser „Na, mach ma halt amal a Satzzeichen, um a Zeichen zu setzen“-Ansatz persönlicher Orthographie nicht nur mich nervt ];).

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  7. Das erleichtert mich, TM. Irgendwie.
    (Ja! Hast du jetzt ein Makro? ;)
    Allerdings hat sich seit dem Zeitpunkt, zu dem es dich in das ß-lose Schweizerland verschlug, einiges getan. Für ‚müsste‘ zumindest brauchst du keins mehr. ;)

    Danke, Ceherl, aber: bistu verwirrt? Was für überaus verworrene Satzkonstrukte! *gnihihi*

    Du siehst drei Ratlose, Steffen – klär uns auf! :)

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  8. Übrigens … ist es nur meine persönliche Kleinmütigkeit, die in mir jedesmal den dringenden Drang jemandem ins Aug zu fahren aufkommen lässt, wenn ich diese Person dabei beobachte, beim Reden mit den Fingern „Gänsefüßchen“ in die Luft zu malen?

    Wahrscheinlich. Na sowas.

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  9. Es soll sogar Leute geben, die sich darüber mokieren, dass diese Gänsefüßchenmal-Leute mit zwei Fingern zweimal nach unten streichen. Das nämlich ergäbe vier Striche auf jeder Seite. ;)

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