Das werte Wohlbefinden

Sollte ich mal nach 253 Tagen Geiselhaft nach Ö zurückkehren, und der/die/das Außenminister und Journalisten erwarten mich, dann hoffe ich, sie behaupten im Vorfeld nicht, es wäre mir unmittelbar nach der Freilassung den Umständen entsprechend gut gegangen. Dass sowas etwa in der kleinformatigen Tageszeitung steht, ist ja kaum anders zu erwarten, aber von der ORF-Berichterstattung wünsche ich mir schon etwas mehr Sprachgefühl. Schließlich fällt der korrekte Sprachgebrauch auch unter Bildungsauftrag.

Ganz abgesehen von sprachlichen Spitzfindigkeiten bin ich der Ansicht, dass das Thema von den Medien übertrieben breitgetreten wurde und wird – ich glaube nicht, dass das irgendjemandem dient; den ehemaligen Geiseln jedenfalls bestimmt nicht. Die werden froh sein, wenn sie die Tür hinter sich schließen können und ihre Ruhe haben. Und ob da Geld geflossen ist oder nicht, ist doch für den Durchschnittsbürger auch eher von untergeordneter Bedeutung, zwar nicht in Bezug auf den Verbleib seines Steuergeldes, aber zumindest angesichts seines doch sehr beschränkten Stimmgewichtes in dieser Frage.

Die Überschrift zu diesem Eintrag gibt noch mehr Einblick in die weite Welt des Sprachunsinns. Die Frage ‚Wie ist das werte Wohlbefinden?‘ erreichten schon etliche Male diverse spinnwebenverhangene Winkel meiner sprachzentralen Graumasse. Was soll man darauf antworten? ‚Nicht vorhanden‘?

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Als korrekte Antwort auf solche floskelhaften Fragen wie deine oben genannte oder deren Abart „Wie geht’s?“, auf Wunsch mit einem angeschlossenen dativischen Personalpronomen, empfiehlt sich im Übrigen die Antwort „Bestens, aber das wird schon.“

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  2. Hihi, das ist wenigstens wahr. ;)
    Aber mir geht ja hier weniger um die Floskelhaftigkeit – ich freu mich ja, wenn jemand (wirklich) an meinem Befinden interessiert ist. Wenn er aber schon voraussetzt, dass es sich ohnehin nur um ein Wohlbefinden handeln kann, braucht er mich ja gar nicht mehr danach zu fragen. Alles klar?
    Ist sozusagen eine echte rhetorische Frage, aber nicht aus Antwortsinnlosigkeits- sondern aus Fragensinnhaftigkeitsgründen.

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  3. Er: „Wie gehts?“
    Ich: „Danke, geht so. Und selbst?“
    Er: „Kann auch nicht besser klagen“
    Da gings mir schon besser.

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  4. Witzig – über die „entsprechenden Umstände“ habe ich mich auch geärgert. Noch schlimmer fand ich eine Formulierung in die Richtung: „Eine Überraschung war der hervorragende gesundheitliche Zustand der Ex-Geiseln. Ein Arzt meinte, es ginge ihnen den Umständen entsprechend.“
    Ich finde das noch dümmer – denn wie jedem sich bei halbwegs klarem Verstand befindlichen Menschen klar sein müsste, wäre ein den Umständen einer fast einjährigen Geiselhaft mitten in der Wüste ENTSPRECHENDER Gesundheitszustand katastrophal. Aber bitte. Man ärgert sich ja gerne *g*.

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  5. Genau genommen frage ich mich manchmal schon, wie es „den Geiseln“ tatsächlich ergeht. Ich denke mal: zwischen Siechtum, Todesangst und abgrundtiefer Demütigung einerseits und akzeptablem menschlichen Umgang, Abenteuer und ehrlichem Gedankenaustausch bis hin zur Sympathie ist womöglich alles drin? – Aber ich muss zugeben, dass ich ins Blaue hinein fantasiere und weder jemals in ähnlicher Rolle gewesen wäre, noch mich sonderlich mit Geisel-Berichten und -Erfahrungen befasst hätte.

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  6. Falls Frau K. und Herr E. die Berichterstattung in manchen Medien und vor allem die Kommentare in diversen Internet-Foren verfolgen (man muss ihnen eigentlich empfehlen, das nicht zu tun) kann es ihnen den Umständen entsprechend nur sauschlecht gehen.

    Zum Bildungsauftrag dürfte der ORF sowieso ein zunehmend gespanntes Verhältnis haben. Z.B. war bei einem Bericht über eine Vernissage im eingeblendeten Insert zu lesen, dass es sich um eine Ausstellung in der Gallerie (hab vergessen, welche) handelt.
    Na ja, vielleicht wars auch nur ein Tippfehler … Trotzdem!

    So, ich habe jetzt zielsicher am Thema vorbeigewürzt, glaube ich. Ich hoffe, das macht nichts und wünsche allseits ein wohliges Wochenende :-)

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  7. G., genau das hab ich dann auch gehört und noch mehr den Kopf geschüttelt. Aber man kann ja nicht erwarten, dass jeder so lange an seinen Formulierungen feilt wie ich.

    mkh, das wird schon so sein. Und man wird auch versuchen, sich bestmöglich mit der Situation zu arrangieren; jetzt nicht im Sinne eines Stockholmsyndromes, einer Überwältigung des alltäglichen Geisteszustandes zum Selbstschutz der Psyche, sondern auch im Rahmen des ’normalen‘ Denkens und Empfindens. Aber natürlich darf aus der Geiselhaft kein auch nur ansatzweise positiver Aspekt kolportiert werden, damit die Gesellschaft nicht vor den Kopf gestoßen wird oder sich fürchtet oder womöglich aus ihrem Schwarz-Weiß-Denken ausbricht. Die Bösen sind böse, und damit basta.

    Aber nicht doch, Susanne, genau darum gings ja. Dass man sich in dieser hektischen und kurzlebigen Zeit nicht mehr die Mühe macht, richtige Texte zu verfassen (wie auch in der Reklame in deinem Mail zu sehen – danke dafür). Besonders, wenn es im Zusammenhang mit menschlichen Schicksalen passiert, halte ich eine genauere Auseinandersetzung mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort für unerlässlich. So kurzlebig nämlich die Zeit ist, und so gleichgültig die Menschen der Richtigkeit und Erträglichkeit ihrer Texte gegenüberstehen, so lange bleiben die Worte erhalten, sobald Google sie mal im Cache hat. Eigentlich eine paradoxe Entwicklung.

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  8. Etosha, ebenst. Ich versuche, alle romantisierenden Naivitätsblümchenvorhänge aus meinem Blickwinkel zu ziehen und möchte doch sagen, dass es gewisse – und zwar wirklich nur gewisse, nicht alle, nicht die Masse der – Entführungen und Geiselnahmen gibt, die ich aus politischen oder gesellschaftlichen Gründen gewissermaßen nachvollziehen können würde täte. In den Händen solcher Entführer würde ich vielleicht innerlich sogar zustimmen, wenngleich ich äußerlich lieber ganz woanders wäre. – So, aber jetzt genug gegengekämmt, ich alter Denkrebell, ich. – Freiheit für alle! Für die Entführten und die Entführer! Und schönes Wochenende!

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  9. Schon recht so, ich bin auch dafür, die Denkpfade sollten immer tunlichst gleichmäßig ausgetreten werden, und die gängigen und landläufigen sind ausgetrampelt genug.

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