Conjunctivus Austriacus

Gestern wurde in einem aufzeichnungswürdigen, aber leider dennoch nicht aufgezeichneten Telefongespräch zwischen mir und dem mit gar sensiblem Sprachgefühl ausgestatteten Herrn Ceh beschlossen, es warat an der Zeit, dem österreichischen Konjunktiv ein Lied zu singen. Ein Loblied.

Schon in einer der letzten Wuchteln des Monats sah man, was er leisten kann:

Oh ja, der konj.austr. So wuerde man hierzulande auch nie sagen “Ich liebe Dich bis ans Ende meiner Tage” sondern eher “I standert a bissl auf Di und es kunnt sein dass des no a weng so bleibert”.

(geschoben von orso minore im Winderforum.)

Man formt ihn, wie oben zu sehen ist, im hiesigen Dialekt auf andere Weise als im Hochdeutschen.
Erstens: Mit viel Gefühl für den Dialekt.
Zwotens: Es gibt irgendwie Regeln.

Man könnte sagen, Präteritum + “-ert” oder eigentlich, gesprochen: “-at”. Das treffat dann im obigen Zitat zwar auf “standert” zu, nicht aber auf “bleibert”. Man könnte sagen, Partizip Präsens + “-at” – dann ist es umgekehrt falsch. Bei manchen geht aber auch beides. Bei anderen nicht. “stehat” sagt keiner. “bliebert” ist zumindest selten.

Hilfszeitwörter, unregelmäßige und starke Verben sind überhaupt nur mit Gefühl, Erfahrung und etwas Glück zu schaffen.

Auch eine Ersatzform des Konjunktiv II gibt es in unserem Dialekt – allerdings wird dieser nicht mit “werden” gebildet, sondern mit “tun”. Also nicht “Ich würde mitgehen” sondern “I tadert mitgeh.”; diese Form ist gerne und häufig mit Ratschlägen vergesellschaftet (“an deiner Stelle” / “aun deina Stöh”).

Die Ersatzform wird nicht mit “werden” gebildet – aus dem einfachen Grund, dass “wuatat”…
a)tens für Passivsätze reserviert ist:
“I wuatat mitgnumma.” (Ich würde unter Umständen mitgenommen, muss also nicht zu Fuß gehen. Schwein gehabt.)

…sowie
b)tens für das wahre Werden im Alpenland – das Deppatwerden und das Narrischwerden:
“I wuatat narrisch.” (Ich würde verrückt werden.)
Aber auch diesem Satz kann ein “aun deina Stöh” folgen. Ist doch alles ganz einfach.

Aber wir konzentrieren uns hier jetzt mal auf den normalen österreichischen Konjunktiv II (Irrealis):

Beispiele
gehen
möchten
werden
geben
i gingat mechat wuatat gabat
du gingast mechast wuata(d)st gaba(d)st
er gingat mechat wuatat gabat
mia gingatn mechatn wuatatn gabatn
ees gingads mechads wuatads gabads
de gingatn mechatn wuatatn gabatn

Natürlich gibt es jede Menge Ausnahmen und beinah unbegrenzte Möglichkeiten:

Am schlimmsten ist es vielleicht bei “tun”, da kann man tatert, tuarat oder tätert sagen. Manchmal auch tatn tätert, aber nur im Spaß. Klassiker:
“I wissat jetza aa net, wia ma doda am bestn tuaratn.”
oder gar
“…tuan tädatn.”

Auch das in der Tabelle konkretisierte Gehen ist in den Varianten gingat und gangat möglich. Im Fall möglichen Kommens kann man sowohl kummat als auch kamat sagen. Aber nicht jedes in jeder Situation. Regeln sind auch nach längerem Nachdenken nur sehr schwer ableitbar. Des hättat ma eher im Gfüh.

Im Grunde ist der österreichische Konjunktiv vor allem so etwas wie eine Höflichkeitsform. Er sagt aus, dass nix so fix wär, dass man nicht nochmal drüber reden könnt. Man würde sich darüber hinaus nicht allzu wichtig machen wollen.

Und er scheint häufig auszusagen, dass in der ösitanischen Welt alles sehr irreal ist, sogar Begebenheiten, die bereits eingetreten sind.

“I warat dann jetz fertig.” (Soll heißen: “Warat no wos? Sunstn gingat i jetz.”)
“I warat jetza do.” (Ohne weiteren Kommentar wirksam.)
“Gun Tag, I warat da Elektriker.” (Nicht in einem anderen Leben. In diesem! Aber unauffällig!)
“Wann’s warat.” (Universell einsetzbare Floskel zur Anerkennung des persönlichen Freiraumes des Gegenübers.)

Auch Worte, aus denen man auf Hochdeutsch beim besten Willen keinen eindeutig Konjunktiv rausquetschen könnte, der sich vom ordinären Präsens oder von anderen Verben klar unterscheidet, rücken mit diesem Konjunktiv in den Bereich des Möglichen (Beispiel möchten):
“I mechat des jo aa, wissert oba net, ob i mi des trauat.”

Unsere Sprache ist aber ohnehin viel zu kompliziert. Persönliche Fürwörter UND konjugierende Verben braucht zum Beispiel kein Mensch. Was man sich da alles ersparen könnte! Aber das nur nebenbei.

Unsere neueste Idee lautet nun, dem Konjunktiv erstens die ihm zustehenden Steigerungsformen zukommen zu lassen, um besser zwischen Irrealis und Irrealistis unterscheiden zu können. Zwotens, den Konjunktiv auch auf Substantive anwenden zu können. Man erspar(a)t sich nicht nur das Verb, sondern mitunter ganze Geschichten. Ok, klingt kompliziert. Ich zitiere aus Cehs kurzem Beispiel, dann wird das gleich klarer:

Naja … zum Beispiel “Ich waratesten …” wenn es am allerunwahrscheinlichsten – aber doch nicht gänzlich unmöglich – gewesen wäre, dass ich wo gewesen wäre.

Und der zweite Punkt: “In meinem Zimmer Tischerte es” zur Beschreibung des Sachverhalts, wenn die eindeutige Möglichkeit bestanden hätte, dass in meinem Zimmer ein Tisch stehen tatert, wenn ich meinen faulen A**** zum IKEA bewegt hätte.
Das wär doch ein Hammer, oder? Besonders das zweite Anwendungsgebiet ist für mich persönlich sehr wichtig, da ich gerade, als ich mein Abendessen bereiten wollte, feststellen musste, dass es in meinem Kühlschrank Paradeiserat, Milcharat, Eierat, usw. Und jetzt bin ich hungrig.

Zur Abkürzung wär ich allerdings für ein simples “Tischat in meinem Zimmer”. Sonst ist es ja erst wieder ein Verb. Und viel zu kompliziert.

Noch ein Hinweis: Der österreichische Konjunktiv ist übrigens nicht mit dem Partizip I zu verwechseln:

“Wann I hatschat, brauchat i an Stock.” (Würde ich hinken, bräuchte ich einen Stock.)
aber:
“Der Vergleich is hatschat.” (Dieser Vergleich ist ein hinkender solcher.)

Viel Spaß beim Nachmachen!

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