Baustelle

Am Montag kommt der dritte Streich unserer Baustelle. Neue Fenster im halben Haus und der Innenausbau zweier alter Räume sind erledigt, und kaum hab ich auch nur halbwegs den Normalzustand wiederhergestellt, droht für Montag auch schon die Fassadenisolierung (rechtzeitig zur kalten Jahreszeit, gnihihi). Das Blöde daran: Auf die Veranda, deren Wände unter anderem auch isoliert werden sollen, führt nur ein Weg: durch die eben erst neu hergerichteten Räume. Mit den neuen Teppichen und den schönen neuen Wänden. Ich komm mir ein bisschen vor wie dieser unglückliche Griechengott, dem von diesem fiesen Piepmatz immer die gerade erst frisch nachgewachsene Leber rausgeschmaust wird.

Während dieses verwunschenen Zustandes, den man so verharmlosend “Baustelle” nennt, ist man ständig damit beschäftigt, Entscheidungen zu treffen, Erinnerungsfotos von Unterputz-Stromleitungen zu schießen, Arbeiter reinzulassen, Unmengen Kaffee bereitzustellen, neue Milch zu holen, die Thermoskanne zu reparieren und herumzutelefonieren. Daher muss man in den Baustellenpausen nachholen, was man während des verwunschenen Zustandes gar nicht geschafft hat (Wäsche waschen, saubermachen, arbeiten, allein sein, zu Sinnen kommen), wodurch sich nie irgendeine nennenswerte Freizeit ergibt, außer in jenen Phasen, in denen man mit schmerzendem Kreuz an einer Innenmauer lehnt, innehält und sich ächzend fragt, in welchen falschen Film man hier eigentlich geraten ist. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Eltern mehr als 10 Jahre in der Baustelle gelebt haben, die seit ihrer Fertigstellung Einfamilienhaus heißt, muss ich echt sagen: Ich hätt schon nach einem Jahr drauf gepfiffen.

Noch dazu hab ich seit geraumer Zeit ein etwas getrübtes Verhältnis zur Materie im allgemeinen, was sich dadurch äußert, dass ich innerhalb der Baustelle Herrn Murphy zur Alleinverwendung gepachtet hab. Die Folgen: Abgerissene Schrauben, heißgelaufene Bohrmaschinen, wehrhafte Schrauben, die ums Verrecken nicht zu erreichen geschweige denn rauszukriegen sind und völlig eigenständig ganze Zwischenwände festhalten, alle 10 Minuten Verwünschungen des Erfinders der Schlitzschraube, Kratzer an Wänden, schwarze Heizkörperflüssigkeitsflecken auf dem helleren der beiden neuen Teppiche (waagrechter Tränenausbruch!) sowie ein Brandloch vom Flexen, die falschen Montage-Clips für die Sesselleisten, außerdem jede Menge blaue Flecken, Schnitte, abgebrochene Nägel und laute Flüche – und alles mögliche, was vorstellbar und auch, was nicht vorstellbar ist. Zwischendurch Anfälle von blindem, knallroten Unzulänglichkeitszorn angesichts zu geringer Körpergröße und Kraft.

Die Krönung des letzten Baustellenabschnittes war jener Sonntag, an dem wir um Mitternacht ins Bett fallen wollen, nachdem wir den ganzen Tag an der Fertigstellung gearbeitet und danach auch noch die 127 Werkzeuge zusammengesammelt sowie gefühlte 8700 Schrauben sortiert und in der Garage verräumt haben, deren zwanglose Verteilung im Haus dazu geführt hätte, dass man am nächsten Tag nirgendwo vernünftig putzen oder saugen hätte können. Ich gehe ins Schlafzimmer, der Mann liegt schon im Bette, ich betätige den Lichtschalter – und das Licht geht nicht aus. Ich betätige den anderen Schalter der Wechselschaltung – selbes Ergebnis. Das Licht bleibt an. Also nochmal das Messgerät holen, ermüdetes Herumgemesse, schließlich, aufgrund der gemeinsamen Feststellung “Das KANN gar nicht sein” meine Vermutung, es könnte sich um einen Traum handeln. Denn immer, wenn was passiert, was gar nicht sein kann, ist es ein Traum. Oder eine kolossale Pechsträhne.

Schließlich stellt sich heraus, wir haben bei der Montage der Sesselleisten mit einer Schraube (zu jenen Montage-Clips, die wir endlich auf die richtigen umgetauscht hatten), ein Kabel angebohrt – eine der Clip-Schrauben führt gespannte 220 Volt. Schraube raus, Schalter aus, endlich Licht aus, 00:30h, gute Nacht, schnarch-schnarch. Wir lernen daraus: Man sollte die Leitungen nicht nur fotografieren, solange man sie noch sehen kann, sondern sich diese Fotos auch ansehen. Die Aussage “Ah! Des geht scho!” ist dafür kein angemessener Ersatz.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich lebe noch. Und ihr?

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. wenn ich das so lese….ich werde mein haus NIE renovieren!!!
    aber freu dich – es kann nur besser werden ;-)
    good luck.

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  2. nach zwei Baustellen am Leopoldauerplatz anno 1983 und 1993 unterschreibe ich, dass dabei grundsätzlich alles schiefgeht was schiefgehen kann, dass Professionisten weit mehr kosten als sie fehlleisten und dass man jedem Bauunternehmer schon vor Annahme des KVs besser eine saftige Vertragsstrafe bei Überziehung des Fertigstellungstermins so wie eine Qualitätsprüfung durch einen SV für Baumängel bei der Abnahme unterjubelt…..all das hätten wir damals durchziehen sollen und vor allem keinen nahen Verwandten damit beauftragen, der uns vollmundig erklärte, er mache alles günstiger als die Konkurrenz, nur um uns dann seine miesesten Handwerker zu schicken, die zwar simultan furzen, rülpsen und pinkeln können, mit der Tatsache aber, dass ein rechter Winkel 90 Grad haben sollte, genau so wenig anfangen können wie mit der Notwendigkeit entsprechenden Gefälles bei den Klorohren……Fazit: andere Baustelle – never ever again

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  3. Heizkörperflüssigkeitsflecken? Wat nehmtn Ihr da so in Ö? Dihydreogenmonoxid, Hydrogenhydroxid oder doch nur die übliche Hydroxylsäure?

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  4. Oh, hubbie, das klingt nach bösen Erfahrungen. Erinnert mich an “Geschenkt ist noch zu teuer” mit Tom Hanks, wo die Handwerker auf die wöchentlich wiederkehrende Frage, wie lange es denn noch dauere, bis sie fertig seien, immer sagen: “Zwei Wochen”.
    Qualitätsprobleme hatten wir zum Glück keine, außer mit der Ausgangssituation an sich.

    TM, du bildest dir hoffentlich nicht ein, dass das Wasser in deinen Heizkörpern klar ist. Insbesondere die verbliebenen Reste nach dem Auslassen, die bei der Wiedermontage gerne schwallweise hervorquellen, sind nämlich schwarz wie die Nacht.

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