Alte Zeiten

Seit einiger Zeit hatte ich auf meinem Schreibtisch zuhause zwei Mikrokassetten liegen. Ich ersteigerte bei e-bay ein Abspielgerät, ein solches, mit dem ich auch zu meinen Zeiten in der Steuerberatungskanzlei Briefe getippt habe, mit Fußtaste und Kopfhörern- bequemlichkeitshalber. Direkt vom Diktiergerät zu schreiben ist nämlich aufgrund der dazu nötigen händischen Tastenbedienung so gut wie unmöglich. Leider war meine erste Ersteigerung ein Fehlgriff – falsches Kassettenformat.

Beim zweiten Mal aber hatte ich mehr Glück.
Und so war ich in den letzten Wochen mit einem familiären Projekt beschäftigt. Ich habe die Aufnahmen abgetippt, die sich auf diesen beiden Kassetten befinden. Meine Großeltern erzählen darauf aus ihrem Leben vor und während des zweiten Weltkrieges. Mein Vater hat diese Aufnahmen mit ihnen gemacht. Das war 1983.

Nun sind meine Großeltern beide schon einige Jahre tot, und es war zu Beginn sehr merkwürdig, ihre Stimmen auf diesen Kassetten zu hören. Bald schon war es aber ganz normal, abends zu ihnen zurückzukehren und mir die nächsten paar Seiten von ihnen diktieren zu lassen. Schließlich konnte ich gar nicht mehr genug davon kriegen, und als die letzte Kassette zu Ende war, fand ich es sehr schade, dass es nicht noch mehr davon gibt.

Mein Großvater war ein schwieriger, ernster und strenger Mensch, und ich hatte nie ein besonders inniges Verhältnis zu ihm. Trotzdem habe ich seine Erzählungen sehr genossen, wenn sie auch nicht besonders chronologisch oder gar wohlformuliert waren; es ging um seine zweisprachige Ausbildung, seine sudetendeutsche Herkunft, die Wirren des Krieges und seine spätere Staatenlosigkeit – trotz seines fünfjährigen Wehrdienstes im deutschen Reich.
Auch meine Großmutter hat vieles erzählt; sehr berührend fand ich insbesondere ihre Sicht des letzten Kriegsjahres und ihre Erzählung über den Tod ihres zweiten Kindes.

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Meine Großeltern bei
ihrer Heirat am 10. Mai 1940
Meine Urgroßmutter
in jungen Jahren

Ich bin in unserer Familie auch für die Stammbaumforschung und -erfassung zuständig, man könnte also sagen, bei mir laufen die Fäden zusammen.
Um die fertig getippten Erzählungen mit Bildern zu versehen, habe ich im Internet verschiedene Orte nachrecherchiert, die in den Erzählungen vorkommen, und dann entsprechende Landkarten dazugepinnt, damit man eine Vorstellung davon hat, wo diese Orte überhaupt liegen, oder wie weit es zu Fuß von hier nach da tatsächlich ist. Viele der Orte, die vor dem Krieg deutsch benannt waren, sind ja jetzt in Tschechien und Polen, daher war die Recherche teilweise eine Herausforderung und für mich gleichzeitig ein später Geschichtsunterricht.

Natürlich habe ich auch nach Bildern aus dieser Zeit gesucht. Ich hatte immer schon eine Affinität zum ‘alten Wien’; ich liebe alte Wien-Bilder und habe auch die Ausstellung zu diesem Thema im Wienmuseum letzten Herbst sehr genossen. Aber auch Bilder anderer Städte fand ich spannend; Städte, die ich selbst nicht kenne, in denen aber mein Großvater zu Kriegszeiten war.

Auf meiner Suche habe ich einige sehr umfangreiche Quellen gefunden:

  • Zahlreiche alte Landkarten und Stadtpläne gibts online im Landkartenarchiv.
  • In den Seiten der Bezirksmuseen Wien hat sich insbesondere das Bezirksmuseum für den III. Bezirk hervorgetan. In der Rubrik ‘Es war einmal‘ finden sich dort zahlreiche Artikel zu Themen aus der früheren Zeit, die mit alten Bildern versehen sind.
    (Die Links zu den Artikeln klappen in der Seitenleiste unterhalb der angeklickten Rubrik auf – scrollen!)
  • Der Stadtplan der Wienseiten verfügt über gute und aktuelle Wienaufnahmen aus der Vogelperspektive. Einfach Planbereich auswählen und ‘Orthofoto’ in den Optionen links anklicken!
  • Außerdem gibt es auf den Wienseiten eine Onlineabfrage zur Herkunft der Straßennamen in Wien.
  • Jemand hat diese Informationen über die Wiener Straßennamen auch in der Wikipedia zusammengetragen; ein ganz eigener Fundus an kleinen Geschichten über Menschen, Orte und frühere Institutionen im alten Wien.

  • Jede Menge aktuelle Wienfotos gibts im Online-Fotoarchiv von Media Wien. (Nutzung der Bilder kostenpflichtig.)
  • Historische Aufnahmen in rauhen Mengen, und nicht nur von Wien, gibt es auf den Seiten des Bildarchivs Austria.
    (Auf der Startseite Klick auf ‘Suche’ – kein Direktlink möglich.)

    Vorsicht: Der nächste Blick auf die Uhr nach Anklicken des Links kann zu sehr großem Erstaunen führen.
    Nach dem Klick auf ‘Suche’ findet man in den ‘Themen’ in der linken Sidebar Unmengen an Fotografien, übergegliedert nach Themen und abrufbar in Fünfjahresperioden, teilweise beginnend mit dem 19. Jahrhundert. Unter ‘Kultur’ finden sich beispielsweise zahlreiche Fotografien von Damen, die die jeweilige Mode aus dieser Zeit repräsentieren.

    In der rechten Sidebar der Bildarchiv-Seite ist ein Link zu Ausstellungen, die wiederum zahlreiche Onlinebilder bergen. Derzeit gibt es beispielsweise eine Ausstellung ‘Die junge Republik‘ mit Bildern vom Kriegsende und aus der Nachkriegszeit. (Das kam mir für meine Zwecke natürlich gerade recht.)
    Jeweils oberhalb der einzelnen Artikel in dieser Ausstellung findet sich ein Link ‘mehr Bilder’ und ‘Bildserien’.

  • In den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek gibt es eine schöne Zusammenstellung von Plakaten und Flugblättern aus der jungen Nachkriegszeit: ‘Wieder frei!‘ Österreichische Plakate 1945-1955.
  • Auf der Seite ostpreussen.net findet man viele Informationen über Geschichte und Orte von Ostpreussen, beispielsweise über Königsberg (heute Kalininigrad) oder das frühere Elbing (heute Elblag, Nordpolen); letzteres findet auch hier eine in der Navigation etwas chaotische, aber liebevolle und unfassbar umfangreiche Würdigung.

Am Ende hatte mein derart überarbeitetes Werk 32 Seiten. Mein Vater hat sich unheimlich darüber gefreut. Und mir gleich wieder Material für die Recherche mitgegeben, eine ganze Mappe meines Großvaters mit Dokumenten und vielen Zeitungsausschnitten aus der Kriegszeit. Darin finden sich Artikel, die einen wirklich fassungslos machen. Wir kennen zwar die dunkle Geschichte unseres Landes, aber diese detailreichen Facetten erschließen eine weitere Sicht und machen mich umso mehr betroffen.

Ich würde gerne einiges davon posten, befürchte aber, dass sich dann aufgrund von Googlestichworten womöglich eine Klientel auf meine Seite verirrt, die ich hier nicht haben möchte. Und ich möchte vermeiden, dass jemand diese Posts als Verherrlichung missdeuten könnte. Was meint Ihr dazu?

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