Alte Zeiten II

Hier kommen also ein paar Auszüge aus dem zuletzt gesichteten Dokumentenmaterial meines Großvaters.

Dieser Eintrag hat rein dokumentarischen Charakter und basiert auf den Erzählungen und Dokumenten meines Großvaters.
Als Nachkomme von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Nationalität distanziere ich mich hiermit in aller Deutlichkeit und aus tiefster persönlicher Überzeugung von jeglicher Befürwortung des deutschen faschistischen Regimes im zweiten Weltkrieg und jeder anderen menschenverachtenden Politik.

Es ist für mich selbstverständlich, dass jedem Menschen ungeachtet seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion, seines Geschlechtes oder seiner sexuellen Ausrichtung gleiche Rechte und gleicher Respekt sicher sein müssen. Diese Werte bilden die Grundlage für den Umgang mit meinen Mitmenschen.

Selbige Einstellung erwarte ich von meinen Besuchern. Wer sich hierherverirrt und meint, er könnte hier irgendeine Form von Propaganda verbreiten, sollte wissen, dass die IPs aller Besucher dieser Seite von Sitemeter aufgezeichnet werden, und dass Kommentatoren, die die oben formulierte Geisteshaltung nicht teilen, von mir ausnahmslos gemeldet werden.

BMI Österreich – Meldestelle für Wiederbetätigung

ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit

Menschenrechtsdokumente der UNO


Obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, bin ich noch nie auf die Idee gekommen, dass es sich bei einem Armutszeugnis um mehr handeln könnte als nur um eine Redewendung. Beispielsweise um ein Formular, das einem in früherer Zeit tatsächlich ausgestellt wurde. Auf den Gedanken kam ich erst, als ich das hier sah:

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[11.10.1933]

Umseitig sind dann die Familieneinkünfte aufgelistet, die tatsächlich nicht allzu hoch sind. Das Schulgeld wurde auf dem tschechischsprachigen Gymnasium, das mein Großvater besuchte, übrigens in Tschechischen Kronen berechnet und eingehoben, obwohl es sich in Wien befand.

Nach dem Gymnasium in Wien folgte ein Jahr in einer Lehrerbildungsanstalt in Schlesien.

Naja, da bin ich halt als Lehrer qualifiziert worden, […] dann hab ich durch Protektion einen Posten in Schlesien bekommen. Und zwar so einen Posten, der über die Ferien nicht bezahlt war, da hab ich leben müssen von dem, was ich mir erspart habe. Und dann sind die bekannten Ereignisse im Jahre ’38 gekommen, die Besetzung des Sudetenlandes, und damit auch meine Ausbürgerung aus Schlesien.

Möchte bitte noch bemerken, dass ich seinerzeit schon verlobt war und vor der Heirat gestanden bin, und damals war’s so, dass man erst mit 21 Jahren die Volljährigkeit erlangt hat. Ich bin ja im 17er Jahr geboren, im 38er Jahr hätt ich also heiraten können. Aber das Mädchen, das war eine engagierte Polin, […]

Die Verlobung wurde damals aufgelöst.

… nachdem das Gebiet von Polen besetzt war, hat die Wanda gar nicht besonders um mich getrauert, hat mich praktisch weggehen lassen, weil sie so eine eingefleischte Polin war, und ich hab natürlich drunter sehr gelitten, und hab längere Zeit, bis ich deine Mutter kennengelernt hab, gebraucht, bis ich über diese Enttäuschung hinweg war – ich hab geglaubt, ich bin der einzige, dem sie nachtrauern wird, nicht? – und das war also nicht der Fall.

Ein Glück eigentlich, zumindest für mich, dass er stattdessen meine Großmutter geheiratet hat. ;) Sonst gäbe es mich jetzt ja gar nicht. Irgendwie.

Opa: Ich war damals – ob du mir’s glaubst oder nicht – wild auf die Arbeit! Da war ich damals im 40er Jahr 23 Jahre alt, im Vollbesitz meiner Kräfte, und ich hab arbeiten wollen, und ich hab auch was können, ich war nie ein dummer Kerl, aber das Sprungbrett hat mir halt gefehlt.
[…]

Dann – endlich – ein Posten in Niederösterreich als Gemeindesekretär und als Aushilfslehrer.

Oma: Das war unsere Hochzeitsreise. Da hat dein Papa sich net viel mit mir beschäftigt, obwohl ich mir den Urlaub nach der Hochzeit dorthin genommen hab.

Opa: Ich Trottel!

Oma: Da war ich 14 Tage dort, und der Papa hat die ganze Zeit für die Gemeinde gearbeitet. Und wenn er aus der Schule gekommen ist, hat er gearbeitet! Ich hab dort in einer primitiven Wohnung gewohnt, (lacht) eine Badewanne haben wir gehabt, aber die ist immer geronnen, da is alles geschwommen, …
Opa: Die Schuhe haben wir miteinander geteilt. Wir haben zwei Paar Schuhe gehabt, und da hab ich gesagt, ‘Willst du die haben oder die?’ (beide lachen)

Am 10. Mai 40 haben wir geheiratet. Da war ich so bled, dass ich noch in den Ferien geheiratet hab, damit ich ja keinen Tag Schule versäum. So deppert war i.

Das ‘Ehestandsdarlehen’ allerdings, das die beiden durch die Wirren des Kriegsbeginns zu spät beantragt hatten, wurde abgelehnt:

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‘Diese Entscheidung ist endgültig.’ Sehr unsympathisch, oder? Ebenso wie das hier:

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Da wurde keine Gelegenheit ausgelassen, den Bürger zur untertänigsten Demut anzuhalten. Brrrr!


Zu Beginn des zweiten Weltkrieges war es von Vorteil, wenn man alle seine Dokumente beisammen hatte. Dementsprechend finden sich in der Mappe meines Großvaters Unmengen von beglaubigten Abschriften, und Abschriften von Abschriften.
Und es war wichtig, dass man all das bei Bedarf angeben konnte.

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Gänsehaut bekomme ich, wenn ich den nun folgenen Auszug sehe. Die heutigen, geistig verwirrten (und wahrscheinlich einfach unterdurchschnittlich gebildeten) Sympathisanten machen sich, so glaube ich, keinen Begriff davon, wie sie selbst bei der Auswertung eines solchen Fragebogens abschneiden würden:

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Sogar seine Wahlkarte zur Sudetendeutschen Ergänzungswahl hat mein Großvater aufgehoben.

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Unter ein paar – auf dem Bild andeutungsweise zu erkennenden – abscheulichen Absätzen zur ‘Wahlberechtigung’ befindet sich ein Beispiel für einen Wahlzettel, wie er dem Wähler am Wahltage vorgelegt werden würde. Den wollte ich nicht abbilden, weil einschlägige Namen darauf vorkommen, die ich hier nicht haben möchte.

Unter diesen Namen finden sich zwei Kreise. Der mit ‘Ja’ bezeichnete ist sehr groß, und für den Wähler als Vorlage schon mal beispielhaft angekreuzt. Nur als Beispiel! Die Entscheidung bleibt natürlich Ihnen überlassen! Irgendwie. Nicht wirklich.

Der ‘Nein’-Kreis allerdings ist klein, vernachlässigt, fast unauffindbar. Mich wundert, dass da überhaupt einer war. Aber ich bezweifle, dass die Wahlzettel überhaupt ausgezählt wurden.


Fortsetzung folgt.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bemerkenswert. Schon wieder einiges gelernt, z.B. dass man (wie oben im ersten Bild) auch damals schon Schwierigkeiten mit der Zusammenschreibung (trotz Fugen-s!) hatte: “Mittellosigkeits-Zeugnis”.

    Konfession, auch frühere, selbst bei Grosseltern, auch frühere, damit nur keine Unklarheiten aufkommen.

    Üblicherweise müssten auch ausgefüllte Einträge (oder ganze Dokumente) zur Rassenzugehörigkeit auftauchen. Ich hab mal gesehen, wie die Blutszusammensetzung einer Person bis auf Sechzehntel Anteile (also alle sechzehn Ururgrosseltern) aufgesplittet, nach “Rasse” klassifiziert und mit Stempel beglaubigt war.

    “Ich Trottel!” :)

    Hinweis noch: Datumsangaben, falls vorhanden, sind bei solchen Originaldokumenten stets sehr hilfreich.

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  2. ‘Großeltern väterlicherseits (auch frühere)’ *gg*

    Bei den Abstammungsnachweisen gabs einen großen und einen kleinen. Der kleine war bis zu den Großeltern. Der große war zurück bis zum 1.1.1800, wie viele Generationen auch immer da waren. Die Mitglieder der Führung und deren Ehefrauen mussten die Abstammung sogar bis 1750 nachweisen.

    “Ich Trottel!” ist meine Lieblingsstelle in all den von mir geschriebenen Seiten.

    Das Datum eines Dokumentes hab ich hinzugefügt, und zwar das des Fugen-s-Zeugnisses; sonst habe ich kein Datum zur Verfügung, außer, es steht ohnehin drauf.

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