Alte Zeiten III

Dies ist die Fortsetzung dieses Eintrages. Die Umstände, die zu diesen Einträgen geführt haben, finden sich hier.


Dieser Eintrag hat rein dokumentarischen Charakter und basiert auf den Erzählungen und Dokumenten meines Großvaters.
Als Nachkomme von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Nationalität distanziere ich mich hiermit in aller Deutlichkeit und aus tiefster persönlicher Überzeugung von jeglicher Befürwortung des deutschen faschistischen Regimes im zweiten Weltkrieg und jeder anderen menschenverachtenden Politik.

Es ist für mich selbstverständlich, dass jedem Menschen ungeachtet seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion, seines Geschlechtes oder seiner sexuellen Ausrichtung gleiche Rechte und gleicher Respekt sicher sein müssen. Diese Werte bilden die Grundlage für den Umgang mit meinen Mitmenschen.

Selbige Einstellung erwarte ich von meinen Besuchern. Wer sich hierherverirrt und meint, er könne hier irgendeine Form von Propaganda verbreiten, sollte wissen, dass die IPs aller Besucher dieser Seite von Sitemeter aufgezeichnet werden, und dass Kommentatoren, die von der oben formulierten Geisteshaltung abweichen, von mir ausnahmslos gemeldet werden.

BMI Österreich – Meldestelle für Wiederbetätigung

ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit

Menschenrechtsdokumente der UNO



Indes wird das Volk zum Sparen angehalten:

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[Neues Wiener Tagblatt 28.9.1939]

Sehr klein, ich weiß. Da steht:
‘Seife sparen.
Weiches Wasser nützt die Seife besser aus, daher zur Enthärtung des Wassers immer Soda, sodahaltige Mittel oder Borax verwenden. Seifenwasser, Wasser, in dem feine Wäsche gewaschen wurde, immer zum Aufwaschen des Küchenbodens oder der Stiegen verwenden.’

Borax für das Volk, Reifen für den Krieg:

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[Neues Wiener Tagblatt 14.9.1939]


Die Buchhalterin in mir interessiert natürlich auch sowas:

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Diese Lohnsteuerkarte liegt nur deshalb bei seinen Dokumenten, weil sie offenbar doppelt vorhanden war und dann zurückgesendet wurde. Ansonsten hätte ich sie nie zu Gesicht bekommen.

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Allerdings wurde diese Lohnsteuer bereits mit dem 50%igen Kriegszuschlag versehen, wie man in diesem Zeitungsausschnitt ganz unten erkennen kann:

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[Neues Wiener Tagblatt 14.9.1939]


Den Artikel oberhalb hatte mein Großvater sich angestrichen, denn schon vor Kriegsbeginn gab es Schwierigkeiten mit seiner Einwanderung bzw. Einbürgerung. Die ganze Geschichte ist äußerst verwirrend, von Erklärungsversuchen sehe ich zu eurem Glück ab.

Besonders krass: ‘Das Ausscheiden aus der bisherigen Staatsangehörigkeit ist nicht erforderlich.’ Klar. Wer einen Pakt mit dem Teufel schließt, muss sich auch nicht vorher extra bei Gott abmelden.

Sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden, wie der Artikel es erwirken sollte, war jedenfalls nicht nötig – die Einberufung kam auch so: Für den 3. Juni 1940. Dass mein Großvater im Land war, war offenbar Grund genug, ihn einzuziehen.

[…] Dann war ich in Gefangenschaft […]
Da ist ein Turnus gewesen, es sind Erdäpfel gekocht worden, und da bin ich in der Nacht um 2 aufgeweckt worden und hab drei Erdäpfel gekriegt. Das war die Tagesration. Wir waren alle übermüdet, haben geschlafen im Freien, und da hat’s geheißen: Aufstehen! Essen fassen! Wir haben gesagt: Was denn? – Erdäpfel! – Wie viel? – Drei? – Geh bitte, lasst’s mi in Ruh! Und der hat gsagt: Nein, ihr müsst aufstehn, des is für jeden vorgschrieben!

Also, dann sind wir halt aufgestanden, und in der Nacht, weißt eh, was du da siehst. War ja kein Licht da draußen im Freien. Abschälen, die Erdäpfel, die Arbeit haben sie gar nicht gemacht, haben sie gleich runtergeschlungen samt der Schale. Das haben wir alle gemacht, und dann…: Naa, schlaf ich wieder weiter, nicht? (Immer wieder Lachen dazwischen.)

In der Zwischenzeit hab ich einen Rotlauf gekriegt [oben angedeutet: Verletzung im Dunkeln?], Gürtelrose gekriegt, und hab nicht mehr im Freien schlafen müssen – im April wars schon ein bissl kalt. Ah, im Mai war das. Anfang Mai, am 5. Mai, saukalt war’s, bin ich gefangengenommen worden.
Als ich krank geworden bin, ist es mir dann schon besser ergangen, da hab ich auch besseres Essen gekriegt, normales mit Suppe und so weiter.

Und im Lazarett […]

Von Ostpreußen bin ich also nach Karlsbad gekommen, im Zug, wir haben geschlafen in dem Gepäcksnetz, immer zu zweit, und wenn eine ungerade Zahl war, hat einer alleine schlafen können. Was glaubst du, wie der glücklich war! Und in der Zwischenzeit, wenn wir nicht geschlafen haben, haben wir Karten gespielt.

Da hab ich damals das Besatzungsgeld, das deutsche Geld, die Mark, hab ich damals gewonnen gehabt, ich weiß nicht, was wir da – präferanzen oder tarockieren oder 17 + 4 – hab ich eine Menge Geld gewonnen gehabt. Das Geld hab ich in die Stiefel gegeben. Und in den Stiefeln hab ich das Geld hinübergerettet nach Österreich, bzw. wie ich mit dem Kollegen da gewandert bin durch Oberösterreich, hab ich ihm einen Teil gegeben, damit, wenn sie mich berauben, wenigstens er einen Teil hat.

Und der hat gewohnt in der Wallgasse in der Nähe vom Gürtel. Wie ich heimgekommen bin mit dem Zug, entweder bin ich am gleichen Tag schon dort eingekehrt oder einen Tag später, und hab gefragt, was ist mit dem Geld? ‘Ooooh’, hat seine Mutter gesagt, ‘das war ja lauter Klumpat, des war schon ganz dreckig und verschmutzt, des hab i wegghaut.’ Hab ich gsagt, ‘Wo ham Sie’s denn weggeworfen?’ – ‘Na, es muass eh no wo liegen.’
Tatsächlich haben wir dann noch die Trümmer gefunden, und das Geld hab ich in die Nationalbank gebracht, nachdem sie ja nur beschädigt waren, die Noten, hab ich noch Geld gekriegt. Das Geld hab ich also noch heimbringen können. Die habens aber auch notwendig gebraucht. (seufzt)

Meine Großmutter hatte zu Kriegsende Diphterie und war immer noch sehr schwach und beeinträchtigt, als mein Großvater aus dem Krieg nach Hause kam.

Anders, als die Reihenfolge es erscheinen lässt, war mein Großvater zuerst im Lazarett und danach in Gefangenschaft. Seine Erzählungen sind recht ungeordnet.


Diverse markierte Zeitungsausschnitte und der Schriftverkehr bestätigen die Verwirrungen über seine Staatsangehörigkeit.

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Auch die rechtliche Situation war undurchsichtig – und konnte sich von einem Tag auf den anderen ändern. Wenn, dann – sonst.

Du bist Tscheche. Nein, doch nicht!

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Du bist Deutscher. Kannst aber zur tschechischen Staatsbürgerschaft optieren.

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[Reichsgesetzblatt vom 13.12.1938]

Nein, jetzt nicht mehr – du bist staatenlos:

Jedenfalls, im Jahre 45 war ich wieder einmal staatenlos […]

– Wieso warst du da staatenlos? Wenn du eingerückt warst für Deutschland, warst du dann nicht automatisch deutscher Staatsbürger?

– Ja, vorübergehend, aber nicht für die neuen österreichischen Gesetze.

Aufgrund meines Wohnsitzes in Wien und meines vorigen in Schlesien, was dann alles zu Deutschland gehört hat, war ich deutscher Staatsbürger. Und wie dann die Republik Österreich gekommen ist, die haben gesagt, ‘Jaaaa, wie war denn das am 13. März ’38? Was hast denn du da für eine Staatsbürgerschaft gehabt?’
Hab ich gesagt, ‘Die tschechoslowakische’.
‘Ja, du hast keine österreichische gehabt, sondern die tschechische! Eine tschechische Staatsbürgerschaft hast du jetzt nicht mehr, nachdem du aus der Tschechoslowakei ausgewandert bist; du willst nicht mehr in die Tschechoslowakei zurück – so bist du für uns somit staatenlos.
Und deine Kinder und deine Frau sind, weil du ja den Ehebund geschlossen hast und du der Haushaltsvorstand bist, ebenfalls staatenlos.’

Im Jahr 1945 wurde mein Großvater sogar aufgrund seiner Staatenlosigkeit seines Dienstes als Lehrer enthoben. Sein Gehalt für die bereits geleistete Dienstzeit wurde beschlagnahmt und niemals ausgezahlt.

Am 15. Juni 1946 wurde ihm die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen, und damit auch seiner Frau und seinen beiden Söhnen.
Einer von ihnen ist mein Vater.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. 1. Rotlauf ist meines Wissens eine epidemische (Haut-?)Krankheit vor allem bei Schweinen.

    2. Zu den Reifen: das faschistische Deutschland hatte chronischen Gummimangel, nicht nur für Autoreifen. Es hat sich in den späteren Kriegsjahren herausgestellt, dass Gummi auch eine sehr wirksame Abwehr für Radar-Strahlen war, die die Briten bereits zur Einsatzreife gebracht hatten und damit zahlreiche deutsche U-Boote aufspüren konnten. Die Deutschen hatten grösste Mühe, die oberen Aufbauten ihrer U-Boote mit Gummi zu verkleiden, weil schlicht keiner da war. Man prüfte sogar den Transport von Kautschuk per U-Boot aus Südamerika.

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  2. ad 1. Das stimmt; allerdings befallen die zuständigen Bakterien auch Menschen, andere Säugetiere und Vögel. Wenn die Bakterien über eine Wunde eindringen, entzünden sich Haut, Unterhaut und Lymphgefäße. Auf netdoktor.at steht zB: ‘Besonders empfänglich für diese Krankheit sind Personen mit Fußpilz oder mit Wunden und Geschwüren am Schienbein.’
    Ich kam auf die Idee einer Verletzung im Dunkeln, weil jemand in unserer Familie auch schonmal aufgrund einer Beinverletzung Rotlauf hatte.

    ad 2. Jetzt, wo du’s sagst, kommt mir das bekannt vor, aus irgendeinem U-Boot-Film, aber das wusste ich nicht mehr. Danke für diese zusätzliche Info!

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  3. Die Industrieanlagen im mitteldeutschen Raum lagen allerdings unter heftigstem angloamerikanischem Bombardement. Da war ab 1944 nicht viel Produktion mehr möglich.

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  4. der chemiker merkt an: weder soda noch borax ermöglichen eine merkliche enthärtung von wasser. dafür sind ionentauscher, zeolithe oder sehr starke komplexierungs-mittel wie EDTA erforderlich. aber wenn’s schön macht :)

    ad buna: es war schon schwer genug den bedarf an anderen öl-produkten zu decken: not macht erfinderisch und so kamen sie auf die idee aus der vor ort reichlich vorhandenen kohle mittels wasserstoff benzin zu machen. das einsammeln bereits exisitierender reifen war aber natürlich billiger & einfacher.

    und weil ich wohlmeinend bin: duz duz :)

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  5. Vielleicht war Soda oder Borax einfach billiger als Seife – und man hatte das Gefühl, wenigstens irgendwas in das Wasser getan zu haben.

    duz duz retour :*

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