Vom reflexiven Schleichen

Auf meinen letzten schriftlichen Schnappschuss der konjunktivischen Sprachgepflogenheiten dieses Landes hat Kollege nömix wieder einen gar hübsch amtsdeutschen Folgeeintrag gedichtet. Er spricht dort von iterativen Appendices und allerlei anderen unanständigen Termini, wo es doch nur um den Fortsatz “-ad” oder “-adad” geht, der den Konjunktiv II hierzulande kennzeichnet. Die ösitanische Sprache ruft, und wir beide folgen, das ist so smooth wie Pingpong zu dritt.

Schön sind dabei auch immer die Kommentare, wo man sich im diesmaligen nömixschen Folgeeintrag im Zusammenhang mit diesem schönen Satz etwas wunderte:

»Warad boidamoi Zeit wauns di sche laungsaum schleichn dadast.«
[Übers. f. Außerösische: »Mach dich vom Acker, aber pronto!«].

Nämlich darüber, dass man pronto schleichen kann. Dazu ist zu sagen, dass der Ösitane, wenn er sich vom Acker macht, sich reflexiv schleicht, also rückbezüglich. Das heißt nicht, dass er dabei sogleich wieder umkehren tätert, nein, vielmehr ist der Ausdruck “sich schleichen” für “verschwinden” eben mit rückbezüglichem Fürwort zu bilden, andernfalls er auch hierzulande einfach nur für die sprachraumweit bekannte langsame Fortbewegungsart steht.

Wer’s gern noch kürzer mag als “Schleich di”, kann stattdessen auch “Wod o!” sagen – das heißt dasselbe, nämlich “Verzieh dich!” (meines Erachtens von: “Wate ab”, ganz ohne r.)

Wer das sprachlich bezaubernd findet, dem gefällt vielleicht noch besser, dass das schöne “Geh schleich di!” noch eine ganz andere Bedeutungsebene innehat als seinen ursprünglichen Imperativ, also den der ebenso erwünschten wie schnellen Hinfortbewegung des Angesprochenen. Es kann ebenso ein erstaunter Ausruf sein, der einer meist unangenehmen Überraschung folgt, gewürzt mit einer Prise Ungläubigkeit und einer Messerspitze Resignation. Dann ist nicht gemeint, dass der andere einfach weggehen soll, sonst säße man mit der Misere ja ganz allein da.

Das hört sich dann etwa so an:

“Der Wasserhahn war wieder undicht, jetzt müssen wir nochmal aufwischen. ”
“Geh schleeeich di!”

Nach meiner persönlichen Sprachempfindung sagt man das aber wirklich nur dann, wenn man unmittelbar von der Kacke betroffen ist oder aber zumindest starkes Mitgefühl empfindet und/oder ausdrücken will.

Seltener wird man sowas daher auf eine positive Überraschung hören, und wenn es so klingt:

“Ich hab fünf Tausender im Lotto gewonnen!”
“Geh schleeeich di!”

… dann ist da sicher mehr als nur ein Häuchlein Neid im Spiel.

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