Sweeney Todd

Gestern wagte ich mich das erste Mal seit Eeeewigkeiten wieder ins Kino. Wenn Musical, Helena Bonham Carter und Johnny Depp gleichzeitig auf der Leinwand zu sehen sind, ist das für mich ja wie Weihnachten!

Es hat sich erneut bewährt, mich den Teufel um fremde Kritiken und negative Kommentare zu scheren, sondern mir selbst ein Bild zu machen. Ich kannte das Musical zuvor nicht, aber mein späterer Eindruck, dass es mich ein wenig an die West Side Story erinnert, war gar nicht so daneben, wie ich soeben herausfand: von Stephen Sondheim, dem Komponisten und Texter von Sweeney Todd, stammten auch die Texte der Romeo&Julia-Adaption aus den 50ern, die 1961 mit Natalie Wood als Maria verfilmt wurde.

Leider kenne ich die anderen Musicals von Stephen Sondheim allesamt nicht, aber ich bin durchaus willens, auf diesem Gebiet nachzuholen. Die Musik zu Sweeney Todd ist anspruchsvoll, die Gesangslinien kommen hübsch polyphon und trotzdem leichtfüßig des Weges, die Texte sind sehr wohlgeschliffen und witzig.

Johnny Depp hat mich stimmlich sehr angenehm überrascht und mir ein paar schöne Schauer beschert; Helena Bonham Carter hat mich mit ihren Sangeskünsten weniger überzeugt, aber sie tut dem Genuss insgesamt keinen Abbruch, und ihr britischer Akzent ist sehr charmant und stimmig. Es ist auch ein besonderer Spaß, Alan Rickman mal singen zu hören. Sacha Baron Cohen lässt Ali G. mal outta da house und beeindruckt als schmieriger Signor Pirelli.
Ein wahrer Schmaus fürs Ohr allerdings ist Ed Sanders, der den jungen Toby spielt und umwerfend singt – der Typus Stimme des Gewissens ist in diesem Fall von glasklarer Natur.

Die Story ist blutrünstig und mit einer fetten Portion Pathos inszeniert, das macht sie aber durch Ironie leicht wieder wett. Mr. Todd und Mrs. Lovett meucheln sich in herrlich düsteren Kostümen durch eine ebenso herrlich blaugraue Landschaft.
Allein der Schluss könnte etwas weniger unvermittelt kommen.

Nur wer nicht drauf steht, wenn Menschen spontan in Gesang ausbrechen, sollte der Aufführung fernbleiben. Allen anderen empfehle ich den Film wärmstens.
Und ich bedanke mich für die charmante Begleitung.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. West Side Story! Hat sich ziemlich in meiner Erinnerung eingeprägt. Gute Songs, gute Schauspieler und überhaupt: alles gut! – Erstaunlich, wie man mit Liebe, Hass, Tod und allerlei Verblendungen immer wieder so bewegende stories stricken kann… Das funktionierte offenbar schon zu Shakespeare´schen und Nibelungen-Zeiten, und vermutlich schon viel früher.

    „Sweeney Todd“ kenne ich nicht. „Mr. Todd und Mrs. Lovett“ – diese beiden Nachnamen versprechen ja schon einiges an dramatisch ausbaubarer Bipolarität…

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  2. Ohja, die West Side Story – hat mich schon als Kind fasziniert. (Genauso wie die Sterne am Himmel. Bei beidem muss ich sagen: Danke, Mama! :)
    Liebe, Hass, Betrug, Verzweiflung, Tod – das sind eben die echt guten Geschichten. Lies die ‚wahren‘ Geschichten in diversen Regenbogen- und Klatschblättern, und du weißt, nach welchen Geschichten der menschliche Geist giert.

    Och, so bipolar sind die beiden dann gar nicht. Sind sich ziemlich einig, weil eine gute Zweckgemeinschaft. Und ein bisschen Liebe spielt auch mit – von ihrer Seite zumindest.

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  3. An West Side Story kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, aber vor allem hat mich „Sweeney Todd“ an „Les Misérables“ von Victor Hugo erinnert.
    Mrs. Lovetts Liebesbeichte an Sweeney Todd finde ich übrigens eine der schönsten Szenen im ganzen Film. Einerseits, weil hier das düstere Beinahe-Schwarz-Weiß durch eine Farbenpracht weggespült wird, dass es in den Augen schmerzt, andererseits wegen der sowohl humorvollen als auch traurigen Stimmung. Mrs. Lovetts innere Träume treten zutage, die sehr romantisch und überraschend positiv sind, wohingegen Mr. T’s Innenleben, bis auf seine Rachegedanken, gänzlich abgestorben zu sein scheint.

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  4. Naja, „Todd“ (Tod) und „Lovett“ (Liebe) klingt schon irgendwie bi-polar. Aber womöglich völlig fehlinterpretiert?!

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  5. Insoferne ergänzen eure beiden Kommentare einander ja recht gut – weil dieser Kontrast zwischen dem Inneren von Mr.T. und Mrs. L. eben doch sehr stark ist.

    Ja, die Armut und Trostlosigkeit in Les Misérables ist der Stimmung in Sweeney Todd recht ähnlich. Die beiden Geschichten spielen auch in der gleichen Zeit.
    Aber musikalisch ist Les Misérables schon sehr viel glatter, konsonanter und ‚gefälliger‘, finzt nicht?

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  6. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die „miserable“ Musik geistig nicht mehr parat habe, insofern auch keine Vergleichsmöglichkeit. Aber die Musik von „Sweeney Todd“ ist gespickt mit Disharmonien, die mit Sicherheit verdammt schwer zu singen sind (erst recht für Laien), deren Melodien man sich als Hörer erarbeiten muss, da sie sich auf den ersten oder zweiten Blick (bzw. Hör) ziemlich verquer anhören, erst danach zu wirken beginnen. Keine Ahnung, ob das so verständlich ist, aber ich bin eben auch nur ein musikalischer Laie :o)

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  7. Also hab ich das richtig interpretiert, war’s eh mehr das Visuelle, das du ähnlich fandest?
    Jaja, das ist so sehr verständlich.
    Manche Nummern klangen für mich auch wirklich sehr, sehr schwierig; sich da den richtigen Ton einzuprägen und ihn zu treffen ist sicher eine Herausforderung. Drum mag ich ja auch den Soundtrack haben! :)
    In meiner Erinnerung war der schwierigste Part jener des Toby auf dem Markt, wo er eine Line aus gefühlten 78 minifizzkurzen Tönen singt, dass mir nur so der Mund offengeblieben ist.

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  8. Jo, den Soundtrack sollte man sich wirklich noch anlachen (und hättest ruhig etwas früher sagen können :o) ).
    Die Ähnlichkeit zu den Miserablen hab ich eigentlich eher in der Handlung gesehen, ein Mann will Rache an seinen Peinigern nehmen, nachdem ihm Unrecht widerfahren ist. Aber gut möglich, dass Herr Hugo das auch schon irgendwo geklaut hat, ist ja nun eine eher naheliegende Idee für eine Geschichte. Mir ist nur, weil wir schon bei Musicals waren, die Ähnlichkeit zu „Les Misérables“ aufgefallen. Visuell war das aber mit Sicherheit nicht so düster wie „Sweeney Todd“.
    Als schwierigsten Part habe ich übrigens das Duett von Sweeney Todd und Mrs. Lovett im Kopf, in denen beide gleichzeitig ihr jeweiliges Thema singen. Die Passage ist so gespickt von Disharmonien, dass ich es mir fürchterlich schwer vorstelle, sich auf seine eigene Melodie zu konzentrieren und sich nicht von der anderen Melodie ablenken zu lassen.

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  9. Tschulligung – ich weiß immer erst, was ich mir wünsche, wenn’s eigentlich eh schon zu spät is! =)
    Ja, das Zwio (*g*) ist sicher auch nicht ohne, Konzentration erfordert das sicher. So dissonant fand ichs gar nicht, aber sehr gefinkelt versetzt wars.
    Ich würds aber trotzdem gern mal probieren! :)

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