Märchenstunde

Es war einmal ein schöner Prinz namens Avaro, der hatte durch eine Versandhaus-Ratenzahlung einen großen Teil seines Besitzes verloren. Seine Leasing-Kutsche war beschlagnahmt worden, und auch sein Palast sah leerer aus als früher. Jedoch war der Prinz nicht gänzlich mittellos: Er besaß eine glänzende, große Nespresso-Maschine. Sie war sein ganzer Stolz.

Nun begab es sich aber in jenem Sommer, dass zuhauf wunderschöne Prinzessinnen aus fernen Landen in sein Reich kamen, um am alljährlichen Stutenmilchbad teilzunehmen. Anschließend fand ein großes Festessen statt, und als Avaro neben der geheimnisvollen Prinzessin Jarina am duftenden Buffet stand, da passierte es: Sie fassten gleichzeitig an den selben knusprig aussehenden, heißen Hendlhaxen. Einen Augenblick lang berührten sich ihre Hände. Da war es um den Prinzen geschehen, und auch die Prinzessin sah reichlich verzückt aus.

In den nächsten Wochen wichen die beiden einander nicht von der Seite. Avaro zeigte seiner Jarina sein Reich, genauer gesagt, was einmal sein Reich war. Sie musste ja nicht wissen, dass er jede Goldmünze zweimal umdrehen musste.
Sie ritten gemeinsam in den Sonnenuntergang, badeten im Teich des sonnendurchfluteten Buchenhains, und erzählten einander Geschichten aus vergangenen Tagen. Schließlich hielt er um ihre Hand an, und sie schmiedeten gemeinsam Hochzeitspläne. Das Glück schien perfekt.

Ein rätselhaftes Geheimnis umgab jedoch die Prinzessin Jarina. Morgens nach dem Verlassen ihres Schlafgemachs war sie stets verdrießlich und grimm und blass, und wünschte für eine ganze Stunde nicht gestört zu werden! Später am Tage jedoch, wenn sie mit ihm Ausflüge unternahm oder auf dem Kanapee turtelte, war sie die Ruhe selbst, und so schön und fröhlich wie eh und je.

Eines Morgens, als Avaro seine Gemächer etwas eher verließ und sich unbemerkt an die Küchentür stahl, da beobachtete er etwas Seltsames: Jarina war dort, die langen weißen Schleier ihres seidenen Negligés wehten hinter ihrer gebräunten Haut her, als sie dort barfuß den Marmorboden auf und ab lief. Avaro versteckte sich hinter einem schweren, roten Vorhang, und dann sah er, wie sie sich immer wieder an der Nespresso-Maschine bediente! Tasse um Tasse nahm sie mit zum Tisch und genoss den duftenden Kaffee in raschen Schlucken, während sie in der aktuellen Ausgabe der ‘Princess aktuell’ blätterte.

Der Prinz wurde in seinem Versteck mit jeder dampfenden Tasse zorniger. Jedermann wusste doch, dass die Nespresso-Krämer sich jede Kapsel des kostbaren Kaffees mit Gold aufwiegen ließen! Hatte sie denn gar kein bisschen Gefühl für Bescheidenheit und Zurückhaltung, keinen Funken Anstand? Bei der vierten Tasse stand ihm der kalte Schweiß auf der Stirn, er schäumte vor Wut und Empörung! Er sprang aus seinem Versteck hervor. ‘Unseliges Weib!’, schrie er sie an, ‘bist du des Wahnsinns knusprige Beute? Willst du denn sämtliche Nespresso-Vorräte an einem Morgen verschlingen?’

Die Prinzessin setzte verdutzt die Tasse ab, die sie eben noch an den süßen, rosigen Lippen hatte, und zog dieselben sogleich zu einem Schmollmund. War dies der Prinz, den sie zu kennen geglaubt hatte, ihr süßer Avaro tatsächlich ein solcher Geizkragen? Wie sollte das erst nach ihrer Hochzeit werden, wenn er ihr aus fernen Ländern die kostbaren Pelze von Hermelot und Ozelin bringen sollte?

‘Je nun’, sprach sie schließlich ruhig und erhob sich, in ihrer Seele tiefste Enttäuschung, ‘dann habe ich hier wohl nichts mehr verloren.’ Stur blickte der Prinz an ihr vorbei und schwieg.

Jarina hatte schnell ihre Gewänder eingepackt. Der Prinz hörte kurze Zeit später Pferde schnauben und die Räder einer Kutsche auf dem Kies knirschen.

Avaro war sehr traurig, und der Anblick seiner glänzenden Nespresso-Maschine half ihm über die erste schwere Zeit mehr schlecht als recht hinweg. Als Boten ihm die Nachricht brachten, einer seiner Erzfeinde, der scheußliche Rico, habe Jarina zur Frau genommen, fluchte er lange und heftig, und sandte dann zähneknirschend einen Ballen Brokat zum Geschenk. Der war immer noch weniger kostbar als eine Palette Nespresso-Kapseln.
Er machte sich Kaffee und trank ihn allein. Danach sprach er nie wieder ein Wort.

Seine Maschine tat ihm noch jahrelang gute Dienste, ihm ganz allein, und wenn sie nicht verkalkt sind, dann blubbern sie noch heute.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. hmmmm… nettes märchen, an irgendwas erinnert es mich aber irgendwie komm ich noch nicht so recht dahinter was jetzt der punkt daran ist… eine allegorie auf wen/was?

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  2. p.s.: avaro: span, geizhals.
    aber jarina? orthograph. ähnlich – narina (nasenloch)? hat sie den kaffe durch die nase gezogen?

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  3. Nö. Suchstu im Zusammenhang mit Göttern und Göttinnen.

    Und es ist im Grunde so vordergründig, dass es keiner Metaphern bedarf. Das Problempotential der Kapseln ist allzu offensichtlich.

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  4. ausserdem, dessen bin ich mir ganz sicher, braucht nespresso klammheimlich die aluminiumreserven dieses planeten auf. arge skrupel, so umweltschutztechnisch, befallen mich beim schlürfen des kapselkaffees.

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  5. weiss der geier woher die ist, garso gebräuchlich dürfte frau nasenloch nicht sein. dazu finde ich nur:

    Jarina und Liubusua. Kulturhistorische Studie zur Archäologie frühgeschichtlicher Burgen im Elbe-Elster-Raum. Gebuhr, Ralf. Studien zur Archologie Europas. (das buch bestell ich mir jetzt aber deswegen nicht)

    einen redaktionell gepflegten webkatalog

    diverse leute dieses namens bzw nicks (ärztinnen, stripper-agenturchefinnen…)

    kerne die zu schmuck verarbeitet werden

    eine fantasy-geschichte

    mehr weiss die allwissende google-müllhalde darüber nicht, und wikipedia weiss schon garnix. also bleibt sie bei mir ein nasenloch mit tippfehler :)

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  6. Hm, Frau MCH, ich glaub, Kupfer ist akuter gefährdet. Aber aus der Perspektive der Müllvermeidung ist das Zeug natürlich nicht richtig unbedenklich. Ich fand ja schon diese Kaffe-Pads oag, wo sie dir eingewindelte Kaffeemindestmengen zum Wucherpreis verdrehen.

    Gemach, Herr Gemahl! Goddesses of Brazil.

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