Augenkrebs

Meine beste Freundin heiratet ihren Freund am 20. Juli. Unter freiem Himmel, im Gartenpavillon. Romantischer gehts nicht! Gutes Wetter ist bestellt, hoffentlich liefern die da oben rechtzeitig.

Zu diesem Behufe haben wir zwei Mädels uns unlängst in der SCS rumgetrieben, das ist, für alle Außerösischen, ein riesiges Einkaufszentrum mit profunder Verwirrungstaktik, insbesondere was die Lage der Ein- und Ausgänge betrifft. Waren wir da nicht schon? Nein, da müsste doch an der Ecke ein anderes Geschäft sein! Da gabs doch diese… Geh bitte heast! Können die Leut net aufpassen? Immer dieses Gerempel! Wo wollten wir noch hin? Nein, von da sind wir doch gekommen!

Es kommt also vom Angstfaktor her einem Fallschirmsprung gleich, dieses Ungetüm zu betreten, insbesondere an einem Samstag – und es war Samstag.
Wir waren mittelmäßig erfolgreich im Abarbeiten der Liste, haben aber dann doch ein Gästebuch gefunden – Zwischenfrage: Wo haben die Leute alle die Gästebücher für die Hochzeiten her? Ein ausgesprochen seltenes Gut! – und eine Krawatte für den Bräutigam erstanden, gleich samt Hemd, weil es zum bereits vorhandenen und zum Einkauf mitgebrachten Hemd keine Krawatte gab, die dazugepasst hätte.

(Später allerdings hat sich herausgestellt, dass die neue Krawatte an sich zwar bildschön ist, im Weißton aber wiederum absolut nicht zum Anzug passt. Was man alles mitschleppen müsste…!)

Weil ich Trauzeugin bin, sollte ich zu diesem Anlass möglichst auch optisch was hermachen, und so trug ich mich mit dem Gedanken, mir ein neues Kleid zu leisten. Da gibts so ein kleines Geschäft in der SCS, an dessen Scheibe ich mir immer die Nase plattdrücke. Ist so eine Art Ethno-Laden, die haben ausgefallene, wunderschöne Sachen, die, wäre die Welt gerecht, allesamt in meinem Schrank hängen müssten. Leider zu völlig absurden Preisen, zumindest wenn man wie ich fast ausschließlich billige Kleidung kauft. Die Entscheidung lautet nämlich irgendwann: Qualität oder Quantität. Da ich von der Quantität bislang nicht lassen konnte, habe ich mich dort zwar schon das eine oder andere Mal wohlig an einem Kleidungsstück gerieben, aber noch nie etwas gekauft.

Nur: Zum Kaufen eines neuen Kleides ist 2007 eindeutig das falsche Jahr. Die Stücke, die in den Läden hängen, sind an Hässlichkeit nicht zu überbieten! Grauenerregende froschgrüne Kreise, von schlammfarbenen Spuren durchzogen, auf hellgelbem Grund; schnurgerade mantelartige Ungetüme, die die Bezeichnung Kleid nicht verdienen; orangebraune Quadrate, die sowohl von Muster als auch Form an die Wohnzimmertapete unserer Nachbarn in den 70ern erinnern, nur mit Löchern für die Arme. Diese Mode kann doch nicht euer Ernst sein! Ich will doch zur Hochzeit meiner besten Freundin nicht aussehen wie ein Grottenolm, der mit dem ihm überraschend gewachsenen menschlichen Kopf beim Friseur war!

Selbst in meinem Lieblingsnaseplattdrückladen ist der Wahnsinn eingekehrt, in abgeschwächter Form zwar, aber eindeutig erkennbar.
Ich fordere für dieses Jahr: Warnhinweise auf den Kleidershops! Achtung, Augenkrebsgefahr!

War ja doch gut, dass ich auf Quantität gesetzt habe. Irgendwas findet sich in den Tiefen meines Schrankes schließlich bestimmt, das ich zur Hochzeit tragen kann. Wenn viele offizielle Anlässe in einem Jahr stattfinden, wird unter dem Weibsvolk ja ständig ab und zu auf die Garderobe der optischen Konkurrenz geschielt und getuschelt. Hat sie dieses Kleid nicht schon voriges Jahr bei der Hochzeit von Doris und Robert angehabt?
Heuer, meine Damen, werde ich stolz sein, wenn man sieht, dass das Kleid nicht neu ist.

EDIT: Hier sind die Beweisfotos.

[Erinnerte mich an Fashion der Jahrzehnte. Gefunden bei vasili.]

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